Jubeln für die Firma

Die „Mitarbeiter des Monats“-Fotos im Supermarkt waren nur der Anfang: Die Globalisierung bringt amerikanische Firmenphilosophie und Unternehmensführungs-Strategien nach Deutschland. Arbeitnehmer müssen sich anpassen. Das gelingt nur nicht allen.
„Und wie ist dein Name?“ fragt der junge Mann im Starbucks-Laden. Die Kundin stutzt, antwortet dann aber brav: „Christine“ „Einen short Latte to go für Christine“, brüllt der Angestellte. Und Christine wird spätestens jetzt klar, dass sie nicht in einen Flirt verwickelt werden sollte. Der Mann hinter der Kasse erfragt die Namen seiner Kunden, damit seine Kollegin am Kaffeeautomaten diese auf die Kaffeebecher schreiben kann. Das Prozedere, das anfangs noch für verwirrte Gesichter bei manchen deutschen Kunden sorgte, ist ein Standard den der amerikanische Kaffee-Konzern aus den USA mitgebracht hat. Doch nicht nur in den deutschen Niederlassungen von US-Firmen müssen sich Angestellte wie Kunden an eine neue Unternehmenskultur gewöhnen. Auch immer mehr deutsche Betriebe stellen sich um. Das Ziel: Fit werden für den internationalen Markt.

Die Unternehmenswelt wächst zusammen. Ausländische Firmen wie Starbucks, aber auch der schwedische Möbelhandel Ikea oder das französische Modehaus A.P.C. eröffnen in Deutschland ihre Filialen. Deutsche Banken fusionieren mit Partnern aus aller Welt. Manchmal werden auch ganze Firmen von ausländischen Unternehmen übernommen. Die Globalisierung verändert nicht nur unsere Fußgängerzonen und Einkaufsgewohnheiten, sondern auch unsere Art zu arbeiten. „Und nicht vergessen: Unsere Nummer Eins ist der Kunde!“ steht in der Mail die der Chef jeden Morgen herumschickt, seit der Vorstand nicht mehr in Duisburg, sondern in Denver sitzt. Der Kollege aus der Verkaufsabteilung grinst den ganzen Tag, weil sein Name auf der Liste mit den Umsatzsteigerungen am Schwarzen Brett ganz oben steht. Und man selbst kaut Fingernägel, weil von der neu eingeführten Prämie sicher nichts abfällt, wenn man dagegen nur Platz 82 belegt. Aber der Chef redet nur noch von solchen Incentives. So, als hätte vorher keiner in der Filiale wirklich gearbeitet.

Incentives sind Belohnungen, Vergütungen für erbrachte Leistung. Das kann die Prämie am Jahresende sein, eine Reise, oder ein Schlüsselanhänger der einen als erfolgreiches Mitglied der Firmenfamilie ausweist. Schlimmstenfalls ist es ein Schild, wie es im Eingangsbereich von Supermärkten oder Fastfood-Ketten zu finden ist: Unsere Mitarbeiterin des Monats heißt Frau Bergmann. „Das funktioniert nicht,“ urteilt Prof. Dr. Michael Frese, Arbeits- und Organisationspsychologe von der Universität Giessen, „Incentives müssen, damit sie angenommen werden, der jeweiligen Kultur angepasst sein.“ Doch viele der Maßnahmen, die deutsche Mitarbeiter zu mehr Leistung motivieren sollen, funktionieren nach amerikanischem Vorbild. Ein gutes Beispiel ist die Supermarkt-Kette Walmart, deren Angestellten zusammen mit ihrem Chef zwischen den Regalen und vor Augen der Kunden den Firmennamen buchstabieren müssen: „Gebt mir ein W! Gebt mir ein A! Gebt mir ein L!“ und so fort. Auch in den deutschen Märkten forderte die Geschäftsführung anfangs das Gruppenjubeln ein, zog damit aber vor allem hämische Kommentare der Presse auf sich. Die sogenannten „Cheers“ wurden abgeschafft. „Mit morgendlichem Singen oder Buchstabieren erntet man in Deutschland eher Ablehnung oder Spott,“ bestätigt der Psychologe Frese. Ähnlich argumentiert auch die Wirtschaftswissenschaftlerin Ulrike Reisach in ihrem Buch „Die Amerikanisierungsfalle“: „Deutsche lassen sich durch fachliche Argumente überzeugen, werden jedoch misstrauisch, wenn sie den Eindruck haben, im Denken und in der Persönlichkeit manipuliert zu werden,“ heißt es da.

Wenn Chefs versuchen, Mitarbeiter mit werbeähnlichen Sprüchen für ihr Unternehmen zu begeistern, beißen sie deswegen oft genug auf Granit: Ein Plakat mit dem Satz „Wir sind die Besten der Besten“ über der Kaffeemaschine lässt deutsche Angestellte eher die Augen verdrehen, als sie zur schnellen Rückkehr an den Schreibtisch zu bewegen. „Wenn die innere Motivation fehlt, hilft der schönste äußere Anreiz nichts,“ meint Jan Hirschfeld, Leiter der Firma Hirschfeld Touristik, einem Anbieter von Incentive-Reisen. Das Umfeld muss stimmen, damit Angestellte Lust auf Leistung haben. Denn, so Hirschfeld: „Wenn ich mich an meinem Arbeitsplatz nicht wohl fühle, strenge ich mich auch nicht gerne an.“ Viele Firmen versuchen es trotzdem mit amerikanischen Motivationsstrategien. Eben weil diese in den USA so erfolgreich sind. Was dabei oft vergessen wird ist, dass die deutsche Arbeitskultur eher auf Beständigkeit und Professionalität gründet. In den USA dagegen zählen vor allem Risikobereitschaft und Fortschrittsdenken. Die Autorin Ulrike Reisach dazu: „Deutschland ist geprägt durch eine Handwerkerkultur, die USA durch eine Eroberer- oder Pionierkultur.“ Der Arbeitspsychologe Dr. Michael Frese hält die Veränderung der Arbeitswelt hier zu Lande allerdings für notwendig: „Um auf dem Markt bestehen zu können, müssen die Firmen sich anpassen,“ sagt er. Und: „In den USA wird einem Menschen, der etwas ganz Neues versucht, Anerkennung gezollt.“ In Deutschland orientiert sich das Denken oft noch an dem alten Sprichwort „Schuster, bleib bei deinen Leisten“.

Aber was, wenn vielleicht der Mitarbeiter aus der EDV-Abteilung die beste Verkaufs-Idee hat? Übergreifende Wettbewerbe innerhalb der Firma geben auch denen eine Chance sich zu äußern, die sonst nicht direkt in die Ideenfindung einbezogen sind. „Eine gute Maßnahme,“ bestätigt Psychologe Frese, „wenn Bewertung und Belohnung fair sind.“ Fair bedeutet, dass auch für die anderen Teilnehmer nachvollziehbar ist, warum eine Idee den ersten Platz gemacht hat. Wenn der Chef die Konzepte nicht vorstellt, sondern einfach nur den Gewinner benennt, kommt schnell Unmut auf. Fair bedeutet auch, dass wirklich der EDV-Mitarbeiter seine Auszeichnung erhält und nicht der engste Mitarbeiter des Chefs. Und fair heißt vor allem, dass jeder etwas für seine Anstrengungen bekommt. „Belohnungen für Individuen können zu Spannungen innerhalb des Teams führen,“ warnt der Arbeitspsychologe. Weil sie Neid herausfordern, den Einzelnen von der Gruppe separieren. Bestenfalls organisiert die Firmenleitung deswegen nach einem Wettbewerb einen Ausflug für alle. „Ein paar gemeinsame Tage steigern auf jeden Fall den Zusammenhalt innerhalb der Gruppe“, sagt Reiseveranstalter Hirschfeld. Der innere Antrieb, sich für die Firma einzusetzen, müsse aber vorher schon da sein. Denn letztlich, so Hirschfeld „bietet man den Mitarbeitern mit Motivationsmaßnahmen doch nur einen Anreiz für das, was sie laut Vertrag ohnehin tun sollten.“ Bei der Arbeit ihr Bestes geben. Weil sie mit ihrem Job zufrieden sind.

Buchtipps

Ulrike Reisach: Die Amerikanisierungsfalle – Kulturkampf in deutschen Unternehmen
Wissenschaftlich fundiert aber lesbar und spannend vergleicht die Autorin die deutsche und amerikanische Unternehmenskultur. Ihr Fazit: Der Standort Deutschland hat deutliche Vorteile. (Econ, 281 Seiten, 19,95 Euro)

Olaf Preuß: Made in Germany – Die starken Seiten der deutschen Wirtschaft
Technologische Spitzenleistungen statt niedrigen Löhnen und Steuern – auf seinem Streifzug durch deutsche Firmen fand Olaf Preuß mögliche Lösungskonzepte, um den Standort Deutschland wieder an die Spitze zu bringen. (Econ, 213 Seiten, 18 Euro)

Wiebke Mandel: Der Wertewandel in der Arbeitswelt
Seit den 60er Jahren sinkt die Arbeitsmoral in Deutschland. Freizeit, Hedonismus und Genussdenken sind wichtiger geworden. Anhand von Studien und Beobachtungen beschreibt Mandel, wie sich die Werte deutscher Arbeitnehmer von damals bis heute verändert haben. (VDM, 134 Seiten, 49 Euro)

John Friedel: Mit Druck richtig umgehen. Das nötige Werkzeug für Ihre Arbeit.

Wie man erkennt, was einem Druck macht und wie man seine Souveränität zurück gewinnt, zeigt der Autor in griffigen, praxisorientierten Beispielen. Ein Taschenguide für alle, die sich wieder mehr Ruhe und Gelassenheit im Job wünschen. (Haufe, 128 Seiten, 6,90 Euro)

Christine Öttl und Gitte Härter: Weg mit dem Stress.
Im handlichen GU Kompass bieten die Autorinnen einfach umzusetzende Tipps für die Praxis. Mit anschaulichen Beispielen wird erläutert, wie man mit Termindruck umgeht und sich so wieder Raum für Kreativität schafft. (Gräfe&Unzer, 96 Seiten, 6,90 Euro)

Hans-Peter Unger und Carola Kleinschmidt: Bevor der Job krank macht.

Ständig erreichbar sein müssen, mehr Leistung bringen und sich immer schneller auf Veränderungen einstellen müssen – für viele Arbeitnehmer sind die Anforderungen der modernen Arbeitswelt eine Belastung. Wie man sich dagegen wappnet und so seelischer Erschöpfung vorbeugt, erläutern die beiden Autoren auf verständliche Weise. (Kösel, 199 Seiten, 16,95 Euro)
Jessica Braun für Für Sie 22/08

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