Kim Gordon: „Frauen sind Kommunikationstalente“

Sie gilt als streitbare Intellektuelle, als aktive Feministin und Urmutter des Grunge: Kim Gordon, Bassistin und Sängerin der Band Sonic Youth. Seit 1981 steht die mittlerweile 54jährige mit ihrem Mann, dem Gitarristen Thurston Moore und dem zweiten Gitarristen der Band, Leonard „Lee“ Ranaldo auf internationalen Bühnen. Seit 1985 ist der Drummer Steve Shelley festes Mitglied der Band. Soeben veröffentlichten sie das vor fast 20 Jahren erschienene Album „Daydream Nation” neu.

Frau Gordon, bei Sonic Youth kommen für jeden Song andere Gitarren zum Einsatz. Wie viele haben Sie auf der „Daydream Nation”-Tour dabei?

Ich glaube, es sind um die 25.

Und wie viele stehen bei Ihnen Zuhause?

Ich kann sie nicht mehr zählen. Aber mir hat jemand erzählt, die Rolling Stones hätten immer 70 Stück dabei. Und sie benutzen sie nicht mal.

Seit den Anfängen von Sonic Youth haben Sie und die anderen Bandmitglieder als Sonic Youth oder als Solo-Künstler fast jedes Jahr eine Platte veröffentlicht. Wird das so weiter gehen oder sind Sie es langsam überdrüssig?

Überhaupt nicht! Im September kommt wieder ein Solo-Album von Thurston, „Trees Outside Of The Academy”, das haben wir gerade produziert.

Sie schreiben, Sie malen, Sie produzieren andere Bands und haben für Ihr eigenes Label „X-Girl” Kleider entworfen. Sie scheinen vor Kreativität zu platzen…

„X-Girl” habe ich verkauft, aber ich denke schon wieder darüber nach, ein neues Label zu gründen. Ich schreibe zur Zeit ein bisschen, aber am meisten reizt mich momentan bildende Kunst: Malerei und Installationen. Im April hatte ich mit der deutschen Künstlerin Jutta Koether, einer Freundin von mir, eine Performance namens „Dead Already” in der Galerie Reena Spaulings in New York, in der es um Tanz, Film und Musik ging.

Wie schafft man es als Band so lange miteinander auszukommen? Andere trennen sich und feiern 10 Jahre später ihr gemeinsames Comeback…

Nun, wir arbeiten als Band sehr demokratisch. Und wir nehmen nicht ganz so viele Drogen. (lacht) Jeder von uns hat nebenher seine eigenen Projekte am Laufen. Das bringt neue Energie in die Band. Wissen Sie, man kann von einer Band, von einer Beziehung nicht erwarten, dass Sie alle Bedürfnisse erfüllt.

In Veröffentlichungen wurde oft über die drei Regeln geschrieben, die Sie zur Gründung von Sonic Youth festlegten…

Drei Regeln? Welche denn?

Kein Mitglied der Band sollte die Rolle des Frontmanns übernehmen, die Musik sollte sich vom Mainstream-Rock abheben und die Bandmitglieder sollten sich von allen musikalischen Fesseln lösen.

Ich weiß nicht…mir sagen die nichts. Aber Sie wissen ja, wie Journalisten sind. Einer fasst etwas zusammen und alle anderen schreiben das ab. Das ist wie „Stille Post”.

Wie sind denn die Rollen in der Band verteilt? Gibt es einen Optimisten, einen Pessimisten, einen Vermittler?

Bei uns hat das mehr mit den Tierkreiszeichen zu tun. Thurston ist Löwe – er ist oft der Initiator für etwas Neues. Steve ist der Realist…

Und wie würden Sie sich selbst beschreiben?

Frauen sind Kommunikationstalente. Wir versuchen das große Ganze im Blick zu behalten und zu vermitteln.

Sie spielen auf Ihrer aktuellen Tour alle Songs von „Daydream Nation” in der selben Reihenfolge, wie sie auf dem Album sind. Songs, die Sie vor fast 20 Jahren geschrieben haben. Wie fühlt sich das an?

Es ist aufregend. Es versetzt einen zurück in eine geistige Haltung, von der man vergessen hatte, dass sie je existierte. Und es ist eine recht konzeptionelle Herangehensweise für uns, das Album von vorne bis hinten durchzuspielen. Das haben wir so noch nie gemacht. Gleichzeitig ist es aber auch irritierend.

Haben Sie die Platte noch einmal veröffentlicht, um einen Kreis zu schließen? Oder hatte es einen finanziellen Hintergrund?

Es gibt eine Abteilung bei Universal, die sich mit unseren bisherigen Veröffentlichungen beschäftigt. Dort wird anders gedacht – diese Leute finden unsere alten Sachen spannend. Sie haben uns vor drei Jahren gefragt, ob wir einige Alben neu aufgelegen wollen: „Goo”, „Dirty” und nun „Daydream Nation”. Wir haben eine Weile überlegt und uns dann dafür entschieden.

Und was hat es mit der Starbucks-Compilation auf sich?

Vor etwa einem Jahr, als unser letztes Album „Rather Ripped” herauskam, waren wir ziemlich frustriert über die schlechte Vermarktung.

Ein Problem, das es schon 1988 beim Vertrieb von „Daydream Nation” gab.

Ehrlich gesagt, bei jeder unserer Platten. Thurston waren diese Starbucks-Compilations aufgefallen, für die bekannte Leute Songs auswählen, die sie mögen. Er meinte, es wäre doch eine gute Idee, wenn Menschen, die viel berühmter sind als wir, sich aus unseren Songs welche aussuchen, die dann zu einem Album zusammengefasst werden. Lou Reed zum Beispiel. Oder Schauspieler wie Michelle Williams.

Oder der Designer Marc Jacobs?

Auch Marc Jacobs. Aber wir wollten Menschen, die weniger naheliegend sind. Menschen, die wir nicht kennen, aber die uns mögen. Die Compilation wird wohl im Dezember heraus kommen. Wir müssen noch einen neuen Song dafür einspielen.

Wird die CD international erhältlich sein?

Ich glaube nicht. Sie wird wohl nur in bestimmten Filialen ausliegen. In Gegenden wo Leute leben, die Sonic Youth hören. Sie müssen die CD nämlich im Laden spielen und das geht nur, wenn ihre Kunden unsere Musik auch abkönnen.

Sonic Youth to go?

Ich weiß, das wird wieder die große „Sonic Youth wird kommerziell”-Diskussion auslösen. Aber ich finde das lächerlich. Wir sind seit 1990 bei Major-Labeln unter Vertrag. Kann Starbucks schlimmer sein als das? Es ist doch naiv, so zu denken. Man muss die Ironie darin sehen. (hält inne) Aber um ehrlich zu sein: Es war auch eine Verzweiflungstat.

Sie und Thurston haben eine Tochter im Teenager-Alter. Wie hat die Geburt von Coco Haley sich auf Ihr Leben als Musikerin ausgewirkt?

Ich musste lernen, Prioritäten zu setzen. Mir genau zu überlegen, welchen Projekten ich meine Zeit widmen will. Und es war schwierig für mich, mir den Freiraum im Kopf zu bewahren, den ich für meine Kreativität brauche. Andererseits hat Coco mir eine Perspektive gegeben. Und ihre Zeichnungen haben mich sehr inspiriert.

Nachdem ihre Tochter 1994 auf die Welt kam, haben Sie ein Album mit dem Titel „Washing Machine” veröffentlicht. Kamen Sie auf den Titel beim Windelwechseln?

Nicht ganz. Wir waren in Memphis, als wir das Album aufnahmen und haben darüber nachgedacht, uns in Washing Machine umzubenennen. Als Sonic Youth hatten wir uns so viel ideelles Gepäck aufgeladen, das wir mit uns herum schleppten und wir dachten, dass niemals jemand unsere Platten kaufen würde. Deswegen haben wir über typische Indie-Rock-Namen nachgedacht und kamen auf Washing Machine. Wir haben ernsthaft darüber nachgedacht! Aber unser Management war total dagegen.

Obwohl Sonic Youth immer als sehr ernsthafte Avantgarde-Rockband galt, scheinen Sie sich selbst nicht ganz so ernst zu nehmen. Immerhin hatten Sie einen Gastauftritt bei den Simpsons…

Das hat Spaß gemacht! Wir kennen Matt Groening recht gut, er kommt selbst aus der Rock-Szene. Verrückt war, dass wir den Simpsons-Titelsong neu einspielen mussten – Danny Elfmann, der die Melodie geschrieben hat, ist eine High-School-Liebe von mir.

Und in der Serie Gilmore Girls sind Sie auch aufgetreten.

Ja. Thurston, Coco und ich.

Wie kam es dazu?

Oh, wir sind große Fans der Serie! Wir haben sie regelmäßig zuhause gesehen und irgendwann fiel uns auf, dass die Darsteller immer wieder von Sonic Youth sprachen. Also habe ich ihre Autoren, das Ehepaar Palladino gefragt, ob sie einen Song möchten. Bevor sich die beiden vom Produzenten Warner Bros. getrennt haben, schrieben sie noch eine letzte Folge, in der wir dann zu dritt auftraten.

Mochten Sie die Serie wegen ihrer starken Frauenrollen?

Die Frauen sind toll. Und ich mag die Popkultur-Zitate. Verweise auf Vincent Gallo und seinen Film „Brown Bunny” zum Beispiel. Sehr clever.

Wie denken Sie über eine starke Frau an der Spitze der USA?

Hillary (Clinton) hat eine gute Chance. Sie hat viel politische Erfahrung. Ich persönliche favorisiere (Barack) Obama, aber ich denke, er hat nicht ihre Kraft, auch wenn er deutlich an Durchsetzungsvermögen gewonnen hat. Andererseits hat Hillary gerade einen Celine Dion Titel als Wahlkampf-Song gewählt – ich glaube, ich muss da noch ein Mal darüber nachdenken. Bill (Clinton) hatte sich damals immerhin Fleetwood Mac ausgesucht.

Sie haben 1992 mit anderen weiblichen Stars einen Werbespot für das Recht auf legale Abtreibung in den USA gedreht. Sind Sie noch immer aktive Feministin?

Ich versuche nur, ein guter Mensch zu sein. Aber das weibliche Image in der Musikindustrie macht mir Sorgen. Im Moment sehe ich nur Rückschritte. Es ist naiv zu glauben, dass sich die Dinge jemals ändern werden. Das ist mir schon klar. Im Mainstream-Bereich war das Motto ja schon immer „Sex sells”. Aber gerade scheint mir das Ganze einen Höhepunkt zu erreichen…es ist übel. Wirklich übel. Hollywood, die Musikindustrie in L.A., die Porno-Industrie – das hängt alles zusammen.

Wie würden Sie reagieren, wenn Ihre Tochter Platten von Britney Spears oder Christina Aguilera hören würde?

Oh, ich habe ihr schon vor einigen Jahren erklärt, dass diese Musik von dicken, alten Männern geschrieben wird. Damit war das Thema erledigt.

Sie sollen vor ein paar Jahren sogar einen Auftritt der Band Modest Mouse beim Lollopalooza-Festival verhindert haben, weil deren Sänger Isaac Brock zu der Zeit mit einer Anklage wegen Vergewaltigung zu kämpfen hatte, die später fallen gelassen wurde. Stimmt das?

Nein! Ich mag Modest Mouse. Nebenbei ist ihr Tour-Manager mit einer guten Freundin von mir verheiratet. Das ist ein Gerücht.

Und was ist mit ihrer Aussage, Kurt Cobain hätte den Grunge zu Tode kommerzialisiert?

Grunge musste getötet werden! (lacht laut) Ehrlich gesagt bringe ich Nirvana gar nicht mit Grunge in Verbindung. Es wird immer Bands geben, die eine erfolgreiche Musikrichtung imitieren, um Teil einer Bewegung zu werden. Aber damit geht die Bewegung auch ihrem Ende entgegen.

Wie hat Sonic Youth es trotz Top-40-Platzierungen in den Charts geschafft, immer als Underground-Band wahr genommen zu werden?

Weil wir immer Underground-Musik gemacht haben! Nein, es liegt daran, dass unser Label für uns kaum etwas ausgeben musste. Wir dürfen machen was wir wollen, dafür investieren sie nicht in uns. Aber das ist ohnehin Schnee von gestern. Wir haben den Vertrag mit ihnen erfüllt. Keine Ahnung, was die Zukunft bringt.

Frau Gordon, vielen Dank für das Interview.

Jessica Braun für stern.de 11.07.07

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