Fiddler’s Green – Piratentörn in Schottland

Ein Mal im Jahr treffen sich Segler aus aller Welt vor der schottischen Westküste zur Classic Malts Cruise, um gemeinsam zu segeln und zu feiern. Echte Seefahrerromantik finden die Teilnehmer aber nur auf der Eda Frandsen.

Jamie Robinson sitzt an Deck seines Schiffs und singt die Ballade vom Fiddler’s Green. Laut hallt seine Stimme über das Wasser: „Sagt meinen alten Schiffskameraden, ich bin auf einer Reise. Eines Tages werde ich euch in Fiddler’s Green wiedersehen.” Mit der Flut ist auch die Nacht in die Stille des schottischen Loch Moidart geschwappt. Jetzt treibt sie um die drei Boote, die hier vor Stunden vor Anker gegangen sind und das Licht der Lampe oben am Mast reicht kaum, um die Gesichter des Skippers und seiner Crew zu erkennen.
Jamies Boot, die Eda Frandsen, ist nur eine der 93 Yachten, die dieses Jahr an der Classic Malts Cruise teilnehmen, einer Art Gruppenreise für Segler. Die Cruise fand zum ersten Mal 1994 statt, anlässlich des 200jährigen Bestehens der Whisky-Distillerie in Oban, Hersteller des gleichnamigen Single Malts. Mittlerweile ist sie eine Institution für Whisky- und Segelfreunde: Entlang der schottischen Westküste fahren die Boote zwei Wochen lang von Oban nach Talisker auf der Insel Skye und weiter zur Insel Islay mit den Distillerien Caol Ila und Lagavulin. Es geht nicht um Schnelligkeit und es gibt keine festgelegten Routen. Nur die Häfen stehen fest, in denen man sich alle paar Tage wieder trifft. Zu einem Ceilidh in einer der Distillerien, einem traditionellen schottischen Fest, bei dem getanzt und gesungen wird.

Dieses Jahr haben die Skipper ihre eigenen oder gecharterten Yachten aus ganz Europa, aber auch aus den USA und Neuseeland zu den schottischen Inseln gesegelt. Doch obwohl die Eda nicht zum ersten Mal an der Cruise teilnimmt, kann sich ihre Crew der Aufmerksamkeit anderer Segler sicher sein, wann immer sie in einem Hafen anlegt. Es ist die Geschichte dieses Schiffs, aber auch ihre Besatzung, die neugierige Blicke und Fragen anziehen wie ein frischer Köder die Fische. Bevor Jamie Robinson die Eda Frandsen mit seiner Familie aufkaufte, war sie ein dänischer Fischkutter, gebaut für den Hummerfang. Tau für Tau machten die Robinsons aus ihr ein Segelschiff, doch bevor sie zum ersten Mal zu Wasser gelassen werden konnte, brannte die Werft ab und von der Eda blieb nur der schwarz verkohlte Rumpf. „Ein Jahr,” antwortet Jamie wortkarg auf die Frage, wie lange er für die Entscheidung brauchte, das Boot zu verschrotten oder ein zweites Mal seetüchtig zu machen. Jetzt ist die Yacht mit ihren handgedrechselten Winden und lackglänzenden roten Masten ein Charterboot, das von Jamies Skippern mit zahlenden Gästen an Bord im Sommer durch das schottische Meer gesegelt wird. Während der Classic Malts Cruise steht der Besitzer allerdings selbst am Steuer, unterstützt von seinen Freunden, dem englischen Paar Rachel und Richard. Sie ist die Köchin, er erster Maat.

Wer auf der Eda Frandsen unterwegs ist merkt schnell, dass Segeln hier nichts mit weißen Hosen und Perlenketten zu tun hat. Die Eda ist ein Piratenschiff: Viel größer als die anderen Yachten, mit einem Bug aus Holz und braunem Hauptsegel. Gesegelt wird sie von Hand, nicht mit einem Computer. Das ist anstrengend und manchmal schmutzig, aber es schweißt Crew und Passagiere zusammen. Von den anderen Cruise-Teilnehmern, die mehr dem Segler-Klischee entsprechen, werden Jamie, Richard und Rachel verschmitzt die „Punkrock-Crew” genannt. Jamie, der bullige Seebär, ist für seine rauen Liederabende bekannt. Köchin Rachel wirkt mit ihrem zerzausten, schwarzen Haar und dem ewig verwischten Lidstrich wie eine Meerhexe. Und der hochgewachsene Richard mit seiner gebrochenen Nase und dem sonnenverbrannten Gesicht wäre auch in einem Freibeuterfilm eine gute Besetzung für den ersten Maat.

In dieser Nacht sitzen die drei zusammen mit den Passagieren der Eda und ein paar Gästen der Yachten Grampus und Chantilly am Bug, die Füße zwischen herumstehenden Whisky- und Weinflaschen. Jamie bearbeitet sein Schifferklavier, seine kratzige Stimme erzählt vom Goldrausch, von den eisigen Wassern Alaskas und eben auch von dem Ort, an den die Seeleute kommen, die die Hölle nicht haben will: Fiddler’s Green. Wer den nördlichen Loch Moidart, einen Meeresarm der die Insel Eilean Shona umspült, jemals bei Tageslicht gesehen hat, dem fällt es nicht schwer, sich diesen Ort vorzustellen. Diesen Himmel der Matrosen, wo niemand mehr segeln muss und die Fische von selbst ins Boot springen. Hier, in der Baramore-Bucht, wachsen Eichenwälder bis ans Wasser, klettern wilde Ziegen über die Felsen am Ufer und drehen Eissturmvögel lautlos ihre Runden. Ganze neun Einwohner zählt die kleine Insel – ein perfektes Piratenversteck. Oder eben der perfekte Ort für eine Nacht voller Seefahrerromantik, die man so nur aus Büchern wie „Die Schatzinsel” kennt. Der Whisky hält einen warm und mit jeder neuen Strophe, zu der Jamie ansetzt, verblassen die Gedanken an den Alltag wie die Farben von Treibholz in der Sonne.

Jamie, der die meiste Zeit des Jahres als Küchenchef an Land arbeitet, nennt die Malts Cruise seinen „Urlaub”. Und er genießt sie sichtlich, obwohl die Cruise bedeutet, dass er acht meist unerfahrene Passagiere an Bord hat. Ohne diese wäre das Boot zwar nicht zu segeln – alleine das Hauptsegel wiegt eine Tonne – aber es braucht schon einige gebrüllte Befehle, bis auch der letzte Gast begriffen hat, wie er wann an welchem Tau zu ziehen hat. Für Jamie Robinson ist Urlaub dann, wenn die Eda Frandsen hart am Wind liegt und niemand an Bord mehr ratlos herumsteht. Dann leitet er Manöver, die selbst den altgedienten unter den Cruise-Teilnehmern Anerkennung abringen: Unter vollen Segeln lenkt er die Eda durch den Golf von Corryvreckan, dem drittgrößten Wirbelstrom der Welt. Starke atlantische Strömungen treffen dort auf Ebbe oder Flut, glätten an manchen Stellen das Wasser, nur um es an anderen Stellen zu Wellen aufzuschichten. Wellen, die mal in die eine, mal in die andere Richtung brechen. Der schottischen Legende nach ist es die Winterhexe Cailleach Beara, die das Wasser bewegt: Sie wäscht dort ihre Decke, um sie im Winter als weißen Schnee über die Berge zu legen. Doch seit Beginn der Cruise scheint die Sommersonne für schottische Verhältnisse erstaunlich warm, flankieren Minkwale das Boot und berichten Segler sogar von einem Riesenmaulhai, der sich ihre Yacht genauer ansehen wollte. Von den 93 Booten ist nur selten ein weißes Segel in der Ferne auszumachen. Blau und Grün sind die Farben, die die Tage bestimmen: Grün wie die Inseln, von denen ab und an der Duft nach Wiesenblumen bis zur Eda weht und blau wie das meist ruhige Meer und der fast wolkenlose Himmel. Die Mitreisenden auf der Eda Frandsen verbringen die Tage an Deck, bis auf den Küchendienst gibt es nicht viel zu tun, denn der Wind zeigt sich launisch. Immer brauner werden die Gesichter und bei dem einen oder anderen kneift die Hose, weil Köchin Rachel mal mit frisch gebackenem Brot und Thunfischpaste, mal mit Apfelkuchen beladen durch die Luke an Deck klettert. Auch starker Seegang hält die Engländerin nicht davon ab, in der Kombüse zu werkeln: „Gib mir ein Pflaster,” knurrt sie nach einer zu hohen Welle, den blutenden Daumen im Mund. Ihr Lebensgefährte Richard ist so schnell damit zurück, als hätte Skipper Jamie den Befehl gegeben.

Bei Tag werden auf der Eda nicht viele Worte gemacht. Jamie, Richard und Rachel sind raue Charaktere, abgehärtet von den vielen Jahren, die sie auf See verbracht haben. Es gibt nicht viel Raum auf dem Boot, wenn es mit acht Passagieren voll besetzt ist, und so bleiben Gefühle und Gedanken meist dort, wo sie keinen stören: im Innern. Vielleicht sind Liederabende wie der im Loch Moidart deswegen so wichtig. Alle sitzen zusammen, trinken und reden, und plötzlich hört man Rachel lauthals lachen. „Richard, du bist mit Singen dran,” sagt Jamie und nickt seinem ersten Maat zu. Richard lässt sich nicht lange bitten, stimmt fröhlich ein Trinklied über einen Matrosen an, der alles, was er hat für ein bisschen Rum und Tabak hergibt. Und als Jamie später die Ballade von einem Schiff zum Besten gibt, das seine letzte Fahrt antritt, wischt sich der erste Maat mit dem Handrücken tatsächlich eine Träne weg: Die große Liebe des Seemanns ist und bleibt sein Boot.

Als das Rasseln der Ankerkette die Besatzung der Eda Frandsen im grauen Licht des nächsten Morgens weckt, steht Richard schon wieder am Bug, das Gesicht so unbewegt wie das Wasser des Loch Moidart. Verkatert und zerzaust klettert die Besatzung der Eda aus ihren Kojen. Rachel werkelt seit einer Stunde in der Kombüse, brutzelt Blutwurstpastete und Eier. Und oben an Deck hört man Jamie herumstapfen: „Kein Wind. Wir segeln heute nicht,” knurrt er. Richard startet den Motor und setzt sich dann mit einem Teller zum Frühstücken an Deck. Mit zusammengezogenen Brauen betrachtet er das Meer, das da liegt, als schliefe es noch: „Wir segeln heute nicht,” wiederholt er Jamies Worte. Grinst kurz und stellt seinen Teller weg: „Dann sind wir wohl endlich in Fiddler’s Green angekommen.”

Jessica Braun für stern.de am 13.09.07

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