Etikette: Nicht nur Blondinen bevorzugen Gentlemen

Der schöne Leopold hatte die besten Voraussetzungen. Attraktiv, ein Mann aus gutem Haus und sportlich war er auch. Doch gerade letzteres wurde ihm zum Verhängnis: Beim gemeinsamen Skifahren ging der Sportsgeist mit ihm durch und sein Schwarm Grete, die nicht so sicher auf den Skiern stand, wäre alleine zurück geblieben. Hätte Ernst, der dritte im Bunde, nicht seine Chance ergriffen und der jungen Frau bei der Abfahrt Gesellschaft geleistet. In ihrem Tempo. Wie ein echter Gentleman.

„Ein echter Gentleman behandelt eine Dame so, wie eine Dame behandelt werden möchte,“ sagt Penny Edge. Edge ist Leiterin der britischen Finishing Akademie, einer Schule an der Frauen zu Damen, und Männer zu Gentlemen ausgebildet werden. Zu Männern, die beeindrucken, eben weil sie nicht beeindrucken möchten. Zu Männern wie Ernst, der Grete erst auffiel, als sie mit ihm alleine war und er sich charmant um sie kümmerte. Und heute der Vater ihrer Kinder und Enkelkinder ist. Doch auch, wenn die Geschichte vom schönen Leopold schon ein paar Jahre zurück liegt – die Qualitäten eines Gentlemans sind so gefragt wie nie. Von Australien bis Indien, von Singapur bis Ghana kommen Männer in die Finishing Academy. Oder stehen in Buchhandlungen vor den Bestsellern zu gutem Benehmen. Weil sie lernen möchten, wie man sich als wahrer Gentleman verhält. Nicht nur, um eine Frau für sich zu gewinnen, sondern um als besserer Mensch durch das Leben zu gehen. Denn der Gentleman ist, zum Glück, keine vom Aussterben bedrohte Spezie. Nur eine, die im Verborgenen lebt. Weil sie in einer immer lauter werdenden Welt stets Ruhe bewahrt und nur durch Höflichkeit auffällt. Nicht durch Skandale.

Der amerikanische Schauspieler Matt Damon ist das beste Beispiel für einen Gentleman. Obwohl er mit dem Erfolg seiner „Bourne“-Filme zur Zeit einer der erfolgreichsten Vertreter Hollywoods ist, findet man über ihn erstaunlich wenig in der Presse. Nur Positives gibt es über ihn zu berichten, und so tun sich vor allem die Klatsch-Gazetten schwer mit Artikeln über ihn. Glückliche Ehe statt Affären, angenehmes Wesen statt lauten Auftritten und nie Prügeleien mit Paparrazi. Das gibt wenig her und deswegen heben Schlagzeilen über Damon meist seine Zurückhaltung hervor. Wenn es denn Schlagzeilen gibt. „Betrachte ich mir sein Benehmen, so wirkt er unauffällig ohne Schüchternheit, offen und freundlich ohne Impertinenz, entgegenkommend und gefällig ohne Servilität, heiter und humorvoll ohne Lärm“ diese Beschreibung, die zweifelsohne auf Matt Damon zutreffen könnte, stammt von Richard Steele, einem verstorbenen irischen Politiker und Autoren. Was für Steele einen Gentleman ausmachte, gilt auch heute noch. Und das unabhängig von Herkunft und Finanzstatus.

„Jeder hat die Fähigkeit, ein Gentleman zu sein,“ bestätigt auch Penny Edge von der Finishing Academy, „Er muss sich nur dafür entscheiden. Manieren sind kosten- und klassenlos.“ Mit Manieren meint sie nicht nur den Griff zur Klinke im richtigen Moment, um einer Frau die Tür aufzuhalten. Es geht viel mehr um eine Geisteshaltung. Um Empathie, die Kunst sich in jedes Gegenüber hinein zu versetzen und deswegen zu wissen, wie man mit einem Menschen umgeht. Der unfreundliche Kellner in einem Restaurant wird sicher nicht freundlicher, wenn man ihn arrogant zurecht weist. Und der unsichere Mitarbeiter wird nicht über sich hinaus wachsen, wenn man ihn mit seinen selbstbewussten Kollegen vergleicht. „Eine…Todsünde ist das Auflaufenlassen im Gespräch“, schreibt Martin Scherer in seinem Buch „Der Gentleman – Plädoyer für eine Lebenskunst“ (dtv, 8,90 €), „Jemand ist am Erzählen oder formuliert eine These und erntet nur Schweigen oder eine lakonische Antwort.“ Oder wird übertrumpft. Als Frau kennt man solche Situationen, die aus dem ersten Date schnell das letzte machen: Egal, was man sagt – der Mann, den man noch attraktiv fand, als er nach der Telefonnummer fragte, fragt im Restaurant plötzlich gar nicht mehr. Sondern redet und redet, bevorzugt über sich selbst. Ein guter Grund, zu gehen. Denn wer sich nicht auf seine Gesprächspartner einlassen kann, ist definitiv kein Gentleman.

Ein echter Gentleman ist aber nicht nur ein guter Zuhörer und Unterhalter. Er kann auch eine Situation retten, bevor sie für einen der Beteiligten peinlich wird. So wie George Clooney. Der Schauspieler ist es gewohnt, dass selbst souveräne Frauen in seiner Gegenwart unsicher werden. „Schön hier in Rom,“ eröffnete eine Journalistin ein wenig nervös ihr Interview. Clooney legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm und korrigierte lächelnd: „Wir sind in Venedig. Aber ganz Italien ist schön.“ Charmant reagieren, oder diskret über Schwächen des anderen hinwegsehen – für einen Gentleman ist das eine Selbstverständlichkeit. Das kann auch bedeuten, dass der Mann, den man zum ersten Mal in seiner Wohnung besucht, rücksichtsvoll die Musik etwas lauter dreht, wenn man zur Toilette geht. Weil er weiß, dass die Wände seiner Altbauwohnung hellhörig sind. Oder nicht unangenehm berührt wartet, bis die Frau sich selbst eine Serviette geholt hat, nachdem ihr das Weinglas umgekippt ist. Ein Gentleman kommentiert die Situation lächelnd mit den Worten: „Ich dachte, mir würde das zuerst passieren.“ Dann ruft er den Kellner.

Deswegen kommen Gentlemen auch nicht aus der Mode. Natürlich sind Frauen heutzutage emanzipierter als noch zu Tagen des schönen Leopold und hängen einen Mann im Zweifelsfall nicht nur auf der Skipiste ab. Aber auch, wenn es eigentlich kein Problem ist, eine Tür aufzumachen oder selbst die Einkaufstüten nach Hause zutragen, bleiben Frauen die Männer im Gedächtnis,
die ihnen in solchen Momenten hilfsbereit zuvorgekommen sind. Besonders, wenn es ganz ohne Hintergedanken geschah. „Selbstverständlich sollten Männer Frauen auch heute noch korrekt und mit Respekt gegenüber treten,“ insistiert deswegen auch Penny Edge von der Finishing Academy, „Ich bin mir sicher, dass sich jede Frau an den Moment erinnern kann, in dem sie sich zuletzt ausgesucht behandelt, und deswegen besonders gefühlt hat.“ Und manchmal, wenn wie bei Grete der Gentleman der Mann des Lebens ist, auch lange genug, um noch den Enkeln davon zu erzählen.

Jessica Braun für Für Sie Oktober 07

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