„Designer sind Rockstars!“ – Ambra Medda im Porträt

Wegen ihr gehen die Preise für Design durch die Decke: Die 27jährige Ambra Medda leitet die Messen Design Miami und Design Miami/Basel mit Verstand, Geschmack und einem untrüglichen Gespür für Schönheit.

Lebensgroße silberne Pferde stehen vor einer frisch arrangierten Buchsbaumhecke Spalier. Durch das sternförmige Oberlicht der Betonkuppel fällt sanftes Licht auf die Gallerie-Alkoven. Es schmeichelt den weich gerundeten, dänischen Holzmöbeln aus den 50ern, bricht sich an den scharfkantigen Rändern eines Glaswürfels aus Scherben und spiegelt sich in den amorphen Kurven einer silbernen Skulptur, die ausladend genug ist, um fünf Menschen darauf zu setzen. Aber man setzt sich nicht einfach auf ein 250.000 Dollar teures „Seamless”-Möbel der Architektin Zaha Hadid, wenn man es nicht kaufen will. Es sei denn, man heißt Ambra Medda.

Ambra Medda dürfte hier überall Platz nehmen. Vermutlich würden sich nicht mal die vier jungen schwedischen Designerinnen von „Front” beschweren, wenn Medda auf eines ihrer silbernen Pferde klettern würde – immerhin wurden die vier von ihr gerade als „Designer der Zukunft” ausgezeichnet. Ambra Medda ist die Direktorin der Design Miami, der Messe, die hier gerade im Zuge der Kunstmesse Art Basel in der Baseler Markthalle statt findet.

Seit 2005 gibt es die Design Miami, eine Verkaufsmesse für Design der Gegenwart, für Möbel, Grafiken und Wohnskulpturen, aber auch ein Forum für Galleristen, aufstrebende und etablierte Designer und Menschen, die sich für Design interessieren. „Wenn ich früher meine Mutter zu Design-Verkäufen begleitete, trafen wir dort nur ältere Menschen. So kam ich auf die Idee, eine Plattform für den Nachwuchs zu schaffen”, sagt Medda und unterstreicht jedes Wort mit der energischen Gestik einer Vollblutitalienerin. Es ist der dritte Tag der Baseler Messe und Meddas siebenundzwanzigster Geburtstag. Sie winkt ab – nicht der Rede wert. Die Luft steht, der Tag könnte heißer nicht sein, aber Medda, die schon seit Stunden Gespräche führt, sieht in ihrem schmalen Kleid in Herbstfarben so frisch und entspannt aus, wie das nur Frauen ihres Alters können.

Als Tochter der erfolgreichen Design-Händlerin Guiliana Medda kam Ambra schon als Mädchen mit Kreationen von legendären Designern wie den Italienern Gio Ponti oder Piero Fornasetti in Berührung. Ihre Liebe für gutes, „lebendiges” Design wie sie sagt, hat sie mit dem Staub eingeatmet, der auf den Möbeln in Lagerhallen und Auktionshäusern lag, in denen sie spielte, während ihre Mutter dort nach besonderen Stücken suchte. „Gio Ponti ist einer meiner Favoriten”, bejaht sie lächelnd und so scheint es auf den ersten Blick verwunderlich, dass unter den Ausstellern hier in der Halle auch der Nachwuchsdesigner Martino Gamper vertreten ist. „If Gio only knew” hat er mit großen Pinselstrichen an die Wand seines Ausstellungsraums geschrieben, bevor er mit der Kreissäge das aus einem zum Abriss freigegebenen Hotel in Sorrent gerettete Ponti-Mobiliar vor den Augen der Zuschauer zerlegte. Zierlich anmutende, geradlinige Stühle und Schränke in Mint- und Cremefarben, die so Medda, „das erste wären, das ich in einer Zeitkapsel aufbewahren würde”, um der Nachwelt etwas über sich selbst und ihre Zeit mitzuteilen. Aber Martino Gamper, der Dekonstruktivist, darf einen Ponti unwiederbringlich zerstören, um daraus neues, eigenes Design zu schaffen. Medda liegt die Förderung des Nachwuchses sichtlich am Herzen.

Vielleicht liegt es daran, dass sie selbst Förderung erfahren hat. Da ist natürlich ihre Mutter, die sie mit ihrem Wissen und Wesen „bis heute unterstützt” was Auslandsaufenthalte und ein Studium der Orientalistik mit Schwerpunkt auf chinesischer Sprache und Kunst beinhaltete – sicher kein Studiengang, den eine Mutter ihrer Tochter empfehlen würde, wenn sie sicher gehen will, dass diese sich kurzfristig selbst ernähren kann. Aber Ambra Medda wäre nicht mit 27 Jahren Direktorin der bedeutendsten Design-Messe der Welt, hätte sie neben der Begeisterung für Kunst und Design nicht auch das Durchsetzungsvermögen der Mutter geerbt. Nach dem Studium in London ging sie erst nach Peking und schließlich nach New York, um in einer Galerie für zeitgenössische chinesische Kunst zu arbeiten. Zwar machte sie sich dort schnell einen Namen – mit ihrem Aussehen und Willen wäre ihr das sicher auch in jeder anderen, inklusive der Filmbranche gelungen – fühlte sich dort aber nicht so wohl, wie erwartet: „Die New Yorker Kunstszene ist schnelllebig. Entscheidend ist das, was abends in der Kasse ist”, sagt sie und nimmt einen Schluck aus dem Wasserglas.

Eine Einstellung, die ihrem zweiten Förderer zumindest in Bezug auf Kunst fehlt. Der amerikanische Bautycoon und Kunstsammler von Weltrang Craig Robbins fragte die junge Frau an, um eine Ausstellung im Rahmen der Art Basel zu organisieren, die 2002 zum ersten Mal auch in seiner Heimatstadt Miami statt fand. Was Medda tat. Auch seinen zweiten Vorschlag nahm sie an, wenn auch zögerlich: „Als Craig mich fragte, ob ich zu ihm nach Miami ziehen will, dachte ich ‚Bist du wahnsinnig?’” Medda lacht. Zu dieser Zeit war Miami mehr Rentnerparadies als lebendige Kunstmetropole und damit wenig attraktiv für eine Frau wie Ambra Medda, aber sie und Robbins waren schon ein Paar. „Als ich in Miami ankam wusste ich, dass ich alles machen kann, weil alles fehlte: Ich hätte eine Galerie eröffnen können oder einen Möbelladen und wäre erfolgreich gewesen.” Doch die Idee zur Design Miami war, wenn auch vielleicht noch unausgesprochen, bereits in ihrem Kopf. Formuliert wurde sie dann auf der Biennale in Venedig. Medda, Robbins und Samuel Keller, letzterer bis zu diesem Jahr Leiter der Art Basel und seit langem ein enger Freund von Craig Robbins, saßen mit einigen etablierten Designhändlern zusammen. Bei mehreren Bellinis kam dann eines zum anderen: Die Design Miami wurde als eine Art Tochter der Art Basel in Miami gegründet und Medda als Direktorin eingesetzt. Es folgten stressige Monate für die Italienerin: „Ich habe den Galleristen unsere Idee vorgestellt. Sie waren sofort begeistert”, erzählt sie und vergisst dabei fast zu erwähnen, welchen Aufwand es für die einzelnen Galerien bedeutete, ihre wertvollsten Stücke nach Miami zu verschiffen. Zumal unklar war, ob sich dieser Einsatz lohnen würde: „Anfangs hatte ich nur den Wunsch, die Händler mögen zumindest ihre Transportkosten wieder einspielen. Und dann ist das Ganze explodiert.”

Damit meint sie sieben Millionen Dollar Umsatz für die Galerien in vier Tagen, unter anderem durch den Verkauf von 35 Tischen des Designers Ron Arad oder einer Skulptur von Pierre Székely, die der Modedesignerin Donna Karan allein 350.000 Dollar wert war. Für die prominenten und nicht-prominenten Kunstkäufer die zur Art Basel nach Miami Beach gekommen waren, war die von Medda organisierte Design Miami in Craig Robbins Moore-Building das perfekte Zusatzangebot: Wer ein paar Millionen für neue Bilder ausgegeben hatte, fand dort das passende Sofa dazu. Aber auch für die Nachwuchsdesigner bot die Veranstaltung das Forum, das Medda sich gewünscht hatte: „Es war ein Riesenerfolg. Alle waren begeistert: Das Publikum, die Sammler, die Händler, die Designer. So begeistert, dass mich Sam Keller anrief und fragte, ob ich das Ganze auch in Basel veranstalten könnte”, Medda verdreht in gespieltem Stress die Augen. Ihr blieben sechs Monate dafür. „Wie soll man in der Zeit von Miami aus eine Messe in Basel planen?” sie zuckt die Schultern. Stress, sagt sie, steckt sie gut weg. Sie nahm den Flieger in die Schweiz und natürlich wurde auch die erste Design Miami in Basel ein Erfolg: Der Andrang war groß, die gezahlten Preise überschlugen sich und bei den Design-Talks trafen Nachwuchs und alte Hasen zur Diskussion aufeinander. Medda wirkt sehr zufrieden, wenn sie davon erzählt: „Es lag in der Luft. Die Zeit war reif dafür. Jetzt bekommen Designer die Aufmerksamkeit, die ihnen längst zustand.” Die Temperatur in der Markthalle ist auf dem Höhepunkt, in den Alkoven der Gallerien werden Kontakte geknüpft, wird verhandelt und verkauft. Selbst um einen Stand mit den grellbunten Entwürfen der Memphis Design-Gruppe aus den 80ern, an denen man sich satt gesehen zu haben glaubte, scharen sich Menschen und Zaha Hadids futuristische Seamless-Möbel sind laut Medda dieses Jahr wieder ein „Bestseller”. Es ist ihr Verdienst. Sie könnte sich für das Foto darauf setzen. Genau wie auf den leichten Holzsessel des Designers und Architekten Jean Prouvé, ein Original von 1933. Doch die zierliche Medda schüttelt den Kopf: „Zu fragil.” Hätte Jean Prouvé dies gehört, er hätte mit Sicherheit laut protestiert.

Jessica Braun für Petra 12/07

Fotos: PR

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