Es führt die Tür nach Nirgendwo – Spukhaus San Jose

160 Zimmer zählt das Winchester-Spuk-Haus im kalifornischen San Jose. Erbaut wurde es von Sarah Winchester, einer reichen Witwe, die sich damit von einem Fluch befreien wollte. Niemals dürfe sie aufhören zu bauen, hatte ihr ein Medium gesagt. Wenn doch, würden Geister sie holen. Sarah Winchester baute 38 Jahre lang um ihr Leben, bis sie alt und friedlich im Bett verstarb. Mittlerweile steht ihr Haus unter Denkmalschutz. Als Attraktion für Gruselwillige aus aller Welt.


„Michael!“, brüllt eine üppige Frau in Radlerhosen, „Michael, wir gehen jetzt rein!“ Aber Michael steht unbeweglich in dem gelb gestrichenen Holzschuppen, einem von vielen im Innenhof des Haupthauses. Der kleine Junge trägt ein Souvenir-Tshirt mit der Aufschrift „Winchester Mystery House“ und starrt Geister an. Kleine Geister mit rollenden Augen. „Kommst du jetzt mit? Wir verpassen die Führung“, grollt seine Mutter. Sie packt den Jungen resolut am Arm und zieht ihn hinaus ins Sonnenlicht. Aber Michael will nicht zur Führung: „Kann ich nicht hierbleiben und PacMan spielen?“, bettelt er und wirft einen sehnsüchtigen Blick zu dem Spielautomaten, auf dessen Bildschirm die kleinen Geister durch ein Labyrinth flitzen. Doch seine Mutter ist genauso unerbittlich wie die Studenten, die im Zehnminuten-Takt ihre Touristengruppen in das Haus lotsen. Das Haus der 1922 verstorbenen Sarah Winchester im kalifornischen San Jose. Das Haus, in dem es angeblich spukt.

Sarah Winchester, geborene Pardee, wuchs Mitte des 19. Jahrhunderts in Conneticut auf. Man nannte sie die „Belle of New Haven“, denn sie war ein Mädchen aus bestem Hause: hübsch, gebildet und auf Bällen gern gesehen. Vermutlich war es einer dieser Bälle, auf dem sie ihren Ehemann William Wirt Winchester kennenlernte, Sohn des Waffenherstellers Oliver Winchester. Ein Gewehr hatte die Winchester-Familie reich gemacht: Das „Winchester Repeating Rifle“, auch bekannt als „The Gun that won the West“, weil damit unzählige Indianer getötet worden waren. Ob die kluge Sarah das mit Schußwaffen gemachte Vermögen ihres Mannes schon vor der Hochzeit mit Argwohn betrachtete, ist nicht überliefert. Doch der Name Winchester wurde ihr zum Verhängnis.

1866 starb ihre vierjährige Tochter Annie entkräftet an Marasmus – einem damals nicht diagnostizierten Proteinmangel. Nach dem Tod ihres Kindes war Sarah Winchester nicht mehr die Gleiche. Sie litt an Depressionen, die sich 15 Jahre später noch verstärkten, als ihr Mann an Tuberkulose starb. Angeblich war es der Rat von Freunden, der die junge Frau dazu bewog, ein Bostoner Medium um Hilfe zu bitten. Dieses Medium, so sagt die Legende, lieferte Sarah Winchester eine Erklärung für ihr Unglück. Auf ihr läge der Fluch der Winchester-Gewehre. Die Geister all der Menschen, die durch eine Winchester-Waffe ums Leben gekommen seien, wären schuld am Tod ihrer Tochter und ihres Mannes. Und auch Sarah selbst sei gefährdet. Nur einen Ausweg sah das Medium: Sarah würde ein Haus bauen müssen. Ein Haus für all die Geister, die sie heimsuchten. So lange sie mit Bauarbeiten beschäftigt wäre, wäre sie vor dem Fluch sicher. Sarah packte ihre Sachen und zog nach San Jose. Sie kaufte ein Farmhaus mit acht Zimmern und begann zu bauen. 38 Jahre lang. Bis zu ihrem Tod.

Von außen wirkt das Winchester-Haus nicht gruseliger als Disney-Land. Über den roten Dächern erstreckt sich ein wolkenloser Himmel, die Blumen im Garten nicken fröhlich mit den Köpfen und der Wind kämmt beiläufig die Schöpfe der Palmen. Es riecht nach Popcorn und wer möchte, bekommt sein Erfrischungsgetränk in einem Plastikbecher mit aufgedrucktem Totenkopf serviert. „Hi, mein Name ist Jenny“, stellt sich die junge Frau vor, die die Führung leitet, „Bitte bleiben Sie in der nächsten Stunde dicht zusammen. Wenn Sie verloren gehen kann es sein, dass wir Sie erst in ein paar Tagen wiederfinden.“ Höfliches Gelächter ist die Antwort. Doch jeder weiß, dass es der Studentin ernst ist. Sich im Winchester-Haus zu verlaufen ist leichter, als einen Parkplatz davor zu finden.

Es ist das Innere des Anwesens, das selbst den besten Orientierungssinn überfordert. 160 Zimmer wurden bis heute gezählt. Manche hat man nie gefunden: Angeblich soll der Weinkeller von Sarah Winchester noch irgendwo im Haus verborgen sein. Das Haus hat 2.000 Türen, von denen einige ins Nirgendwo führen. So die Tür, die sich in luftiger Höhe hinaus zum Garten öffnet. Oder jene, hinter denen sich nichts außer einer Wand verbirgt. 10.000 Fenster, manche ohne Aussicht, dafür viele aus kostbarem Tiffany-Glas, lassen Licht in die verschachtelten Räume und Flure. Und die 47 Treppen verstärken nur den Eindruck, sich im Inneren eines Labyrinths zu bewegen. Oft führen sie über Umwege einfach nur in ein Nachbarzimmer. Eine endet direkt unter der Decke.
Überliefert ist, dass Sarah Winchester böse Geister irre führen wollte, von denen sie sich auch im Haus verfolgt fühlte. Vielleicht sind manche Auffälligkeiten in der Architektur aber nur entstanden, weil sie zu oft umbauen liess. Ganze 600 Zimmer sollen es über die Jahre gewesen sein. Übrig sind die 160, die man heute besichtigen kann.

„Sind alle da?“ fragt die Tourführerin und reckt suchend den Hals nach den restlichen Gruppenmitgliedern, die im Nachbarraum noch die Löcher im Abfluß des Waschbeckens zählen. Zwei dekorative Eigenheiten sind es, die sich durch das ganze Haus ziehen: Die Zahl 13 und ein Spinnwebmuster. Beide finden sich in den Tiffany-Fenstern, in Tapeten oder Türen. So auch im Séance-Raum, dessen Türen und Fenster alle verriegelt werden konnten. Wenn sie mit den Geistern die neuesten Baupläne besprach, wollte Sarah Winchester nicht gestört werden. 13 Kleiderhaken gibt es in dem hohen, engen Raum. Einen für jede der 13 verschiedenfarbige Roben, die Sarah Winchester zu ihren Séancen trug. Das Verhalten ihrer Chefin war den Angestellten sicher unheimlich. Doch Gespräche darüber waren verboten. Sarah Winchester nutzte die eigenwillige Architektur des Hauses auch, um ihre Bediensteten zu belauschen. Ihr plötzliches Auftauchen und unbemerktes Verschwinden führte zu dem Gerücht, die Herrin des Winchester-Hauses könne durch Wände gehen.

Drei Dollar waren der Tageslohn für jeden, der für Sarah Winchester arbeitete. Die Hälfte davon war zu dieser Zeit üblich. Dafür nahm es sich die reiche Witwe heraus, ihre Angestellten von einem Tag auf den anderen zu feuern. Als Erbin von Winchester-Anteilen und den Millionen ihres Mannes standen ihr pro Tag 1000 Dollar zur Verfügung. Genug Geld, um ihr exzentrisches Leben zu finanzieren. Doch Sarah Winchester investierte damit nicht nur in eigens für sie angefertigte Tapeten, Fenster oder Holzintarsien. Sie installierte auch einige für die damalige Zeit erstaunliche technische Neuerungen – unter anderem eine Autowaschanlage, eine Dusche und ein Blumen-Bewässerungssystem, das jeden Tropfen, der in den oberen Räumen zuviel gegossen wurde, zu den Pflanzen unten im Gewächshaus leitete.

„Kann mir jemand sagen, wo im Haus wir uns gerade befinden?“, fragt Jenny ihre Gruppe, die sich vor einer verblichenen Außenaufnahme in Schwarzweiß versammelt hat. Doch niemand kann. Das ständige Treppauf und Treppab, die vielen Räume und Türen sind ermüdend. Verwirrend. Und auch, wenn die Studentin sich alle Mühe gibt, beim Erzählen die Augen aufreisst und die Stimme mit Verschwörermiene senkt – gespenstisch ist es nicht. Manche Besucher berichten von unsichtbaren Händen, die sie berührt hätten, von kalten Stellen im Haus und leisem Wispern in den Räumen. Vielleicht muss man das Anwesen dafür alleine besuchen. Oder bei Nacht. Doch solange Sonnenstrahlen durch die geschliffenen Glasfenster fallen und regenbogenfarbene Flecken auf den Boden malen, ist das Winchester-Haus ein Haus wie jedes andere. Nur seltsamer. Und die PacMan jagenden Geister im Spielautomaten im Hof sind die einzigen, die man dort zu Gesicht bekommt.

Winchester Mystery House: Täglich geöffnet (außer an Weihnachten). Führungen von 9 bis 19 Uhr, ab 21 Dollar pro Person. 525 South Winchester Boulevard, San Jose, CA 95128

Jessica Braun für stern.de 18.01.08

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