Die lieben Kollegen! Was tun, wenn es im Büro funkt?

Arbeit ist oft mehr als das halbe Leben. Kein Wunder also, wenn viele Beziehungen dort beginnen, wo Menschen den Großteil ihrer Zeit miteinander verbringen: Im Büro. Doch wie bandelt man zwischen Mittagspause und Meeting an? Und können zwei, die sich lieben auch miteinander arbeiten?


„Bitte unterzeichnen Sie hier!“ Der zukünftige Chef schiebt den Vertrag über den Tisch. Wer jetzt unterschreibt weiß, dass sich sein Leben ändern wird. Dass er mit seiner Unterschrift auch die Entscheidung für einen neuen Weg zur Arbeit trifft. Für neue Kollegen, neue Aufgaben. Und in manchen Fällen vielleicht auch für eine neue Liebe. 32 Prozent aller Akademiker, hat der Soziologe Dr. Jochen Hirschle herausgefunden, knüpfen ihre Beziehung dort, wo sie sich auch die meisten Tage der Woche aufhalten. Im Büro. Unter allen Deutschen sind es immerhin noch 15%, besagt eine aktuelle Studie der Forsa im Auftrag der Online-Partneragentur Parship.

Solange wir arbeiten, bestimmt der Job unser Leben – egal ob uns das gefällt oder nicht. Wir verbringen normalerweise mehr Zeit mit den Kollegen als dem Partner. Haben wir keinen Partner, investieren wir dennoch mehr Stunden in die uns auferlegten Aufgaben, als in die Suche nach einem Lebensgefährten. Weil es einfacher ist, als Single gut zu leben, als ohne festes Einkommen. Doch mit der Wandlung der Arbeitskultur in den letzten Jahrzehnten ist es deutlich leichter geworden, auch in der Zeit vor Feierabend jemanden zu treffen, der zu uns passt.

„Mit dem höheren Anteil an Frauen im Berufsleben stieg die Wahrscheinlichkeit, dass zwischen Computer und Aktenschrank die Funken sprühen”, so die Schweizer Arbeitspsychologin und Buchautorin Karin Ammann. Auch die flacheren Hierarchien in vielen Firmen haben ein Umfeld geschaffen, in dem Flirts, Affären oder Liebe möglich sind. Kollegen duzen sich, lachen in Meetings und sprechen auch über Privates. „Heute sind die Beziehungen ausgewogener – hierarchisch und vom Umgang her. Frauen dringen in neue Bereiche und Positionen vor. Wo vor 30, 40 Jahren Geschlechter separiert wurden, werden heute gemischte Teams formiert“, sagt die Arbeitspsychologin. Und bei Überstunden und gemeinsamen Projekten lässt sich leicht feststellen, wie der andere tickt: Beißt er seine Kollegen aus Machthunger weg? Wird sie aggressiv, wenn nicht alle mit ihren Vorschlägen konform gehen? Charaktere lassen sich beim täglichen Arbeiten oft besser und ausführlicher studieren, als abends in einer Bar. Wer auf der Suche ist, hat also gute Chancen, in der Kaffeeküche fündig zu werden.

Doch was, wenn es einen erwischt hat? So leicht es ist, jemanden im professionellen Umfeld kennenzulernen, so heikel ist es auch, dort Gefühle zu signalisieren. Da sind die Kollegen, manche freundschaftlich gewogen, andere lauernd auf jeden Fauxpas. Es wird getratscht. Empfangsdamen und Sekretärinnen wissen bekanntlich alles. Und da ist die Chefin, der Chef – was wird er über die Romanze denken? Oder ist er am Ende gar die Person, die einem Herzklopfen macht? In jedem Fall gilt: „Augen und Ohren offen halten, sich von seiner besten Seite zeigen und nichts überstürzen”, so Karin Ammann. Wer zu schnell zeigt, was er empfindet, riskiert nicht nur Zurückweisung, sondern setzt auch den lockeren Umgang auf’s Spiel, der das Arbeiten mit dem Kollegen vorher so angenehm gemacht hat. „Wenn der andere Feuer gefangen hat, wird es sich weisen”, sagt Amman. Nämlich spätestens dann, wenn man plötzlich gemeinsam freiwillige Überstunden schiebt oder beide frühmorgens ins Büro stürmen, nur um ihn oder sie zusehen.

Verliebte Mitarbeiter, das wissen auch Personalchefs, sind deutlich leistungswilliger. In einer Umfrage eines Personaldienstleistungsunternehmens gaben ganze 91 Prozent der befragten deutschen Personal- und Finanzmanager an, dass ihr Unternehmen keine Bedenken bei Partnerschaften innerhalb der Belegschaft hätte. In den USA dagegen ist es immer noch üblich, Beziehungen per Vertrag von vorneherein zu unterbinden. Der Versuch des amerikanischen Unternehmens Wal-Mart, auch in Deutschland eine Anti-Liebesklausel einzuführen, scheiterte – zum Glück – an den hiesigen Gerichten. Zumindest rechtlich ist gegen verliebte Blicke von Schreibtisch zu Schreibtisch also nichts einzuwenden. Und eigentlich auch nicht aus betriebswirtschaftlicher Sicht: Verliebte Mitarbeiter zeigen sich von ihrer besten Seite, engagieren sich mehr, übernehmen zusätzliche Aufgaben, nur um einen Grund zu haben, in der Nähe des jeweiligen Kollegen oder der Kollegin zu sein. Bekannte Nebenwirkungen sind wie bei jeder Verliebtheit vorübergehende Unkonzentriertheit oder gedankliches Abschweifen. Doch diese scheinen weniger ins Gewicht zu fallen. Anfang der 90er geriet das japanische Finanzimperium Nomura in die Schlagzeilen. In seinem Wirtschaftsbuch „Das Haus Nomura” hatte der Journalist Albert J. Alletzhauser der Firma vorgeworfen, sie hätte junge Frauen nur wegen ihres Aussehens eingestellt, um Beziehungen innerhalb der Firma zu fördern. Die Liebschaften sollten emotionalen Druck von den männlichen Angestellten nehmen und deren Loyalität gegenüber dem Unternehmen steigern. Doch auch, wenn die positiven Effekte einer Büroliebe überwiegen, raten Experten Verliebten dennoch dazu, sich zusammenzureißen: Professionalität und Leistung müssen aufrecht erhalten werden. Gerade weil ein neues Paar ständig unter Beobachtung steht.

Wer schon einmal sein Herz im Büro verloren hat, mag die Situation kennen: Es wieder einmal spät geworden. Die Flure sind leer und dunkel, der Empfang längst nicht mehr besetzt. Doch anstatt sich wie sonst mit einem müden Seufzer vor der Tür zu verabschieden, gehen die beiden Kollegen noch in eine Bar. Landen danach vielleicht sogar im Bett. Der nächste Morgen ist aufregend: Wie geht man miteinander um? Merken die anderen etwas? Und empfinden beide Beteiligte das Gleiche? Ein Geheimnis zu teilen, verbindet. Wenn es ein amouröses ist, mag es auch beflügeln. Sind beide verliebt, fühlen sie sich vielleicht wie Romeo und Julia. Tauschen heimliche Blicke, suchen nach Möglichkeiten, unbeobachtet ihre Gefühle auszudrücken. Die Gedanken sind so ständig auf die Beziehung konzentriert. Das stärkt die Bindung aneinander. Doch das, was anfangs reizvoll erscheint, hat auch seine Schattenseiten: Das geheime Paar muss auf viele gemeinsame Erfahrungen verzichten und die Unterstützung durch ein soziales Netz fällt weg, befanden die amerikanischen Wissenschaftler Craig A. Foster und W. Keith Campbell in einer Beziehungsstudie. Besser also, reinen Tisch zu machen. Zumal früher oder später doch Gerüchte kursieren werden.

„Bei Ihnen und der Frau Rehberger ist es gestern wohl wieder sehr spät geworden?” – Wenn es um Klatsch geht, kennen vor allem die Kollegen keine Gnade, die sich moralisch für unantastbar halten. Solange der Beziehungsstatus noch in der Schwebe ist, hilft bei solchen Kommentaren nur möglichst lässiges Kontern. Doch wenn sich zwei Verliebte sicher sind, ist es Zeit, dem Tratsch mit Offenheit seine Brisanz zu nehmen. „Ich rate dazu abzuwarten, ob sich das Ganze als ernsthaft und tragfähig oder als Strohfeuer erweist. Dann heißt es handeln – Vertuschen ist Gift”, so die Arbeitspsychologin Ammann. Sie rät zu folgenden Schritten: „Zuerst sollte man die Vorgesetzten informieren und das bitte kurz und sachlich, mit den nötigen Eckdaten.” Der Chef sollte wissen, seit wann die Beziehung besteht. Auch wenn es bereits eine gemeinsame Wohnung gibt, sollte ein Paar dies mitteilen. „Gleichzeitig ist es Aufgabe der beiden, Lösungen zu präsentieren”, sagt Ammann, „Für gemeinsame Ferienwünsche oder die administrative und hierarchische Entflechtung.” In manchen Fällen kann das bedeuten, dass einer der beiden seinen Verantwortungsbereich wechseln muss. Ist er beispielsweise der Leiter eines Projekts, während sie dessen Finanzen betreut, ist eine Trennung der Arbeitsbereiche unumgänglich. Nur so kann Kompetenzüberschreitungen oder auch nur entsprechenden Gerüchten vorgebeugt werden. Und auch zuhause muss ein beruflich verbandeltes Paar gegenüber dem Arbeitgeber integer bleiben: Über Interna wie anstehende Kündigungen sollte nicht gesprochen werden. Auch, wenn es schwerfällt und die Informationen einen der beiden belasten.

Doch was ist, wenn die eine Nacht nicht mehr war als eben eine Nacht? Der eine Drink zuviel hat den Kollegen oder die Kollegin attraktiver gemacht hat, als sie nachmittags noch war. Für den Moment war es gut, aber am nächsten Morgen wünscht man sich, man wäre alleine nach Hause gegangen. Weihnachtsfeiern und Betriebsausflüge führen oft genug dazu, dass zwei sich finden, die vorher nichts aneinander fanden, so eine Umfrage unter Singles der Online-Partneragentur Parship. Immerhin 42 Prozent der Befragten sahen die Weihnachtsfeier als guten Anlass für einen Flirt unter Kollegen. Und hoffen vermutlich, dass der Rest der Belegschaft solche Annäherungen ebenfalls sportlich nimmt. Tatsächlich dürfen Männer bei solchen Gelegenheiten eher Interesse bekunden, als Frauen. Und mit der Kollegin vorzeitig die Party verlassen. „Hier gelten immer noch alte Vorurteile und Geschlechterstereotypen, speziell wenn er der Ranghöhere ist”, so die Arbeitspsychologin, „Die beteiligte Frau gilt hinterher als gefährliche Verführerin oder unseriöses Flittchen.” Doch auch für den Mann kann so eine Affäre Folgen haben: „Dem männlichen Part könnte die Episode später auch negativ ausgelegt werden. Stichwort: Sexuelle Belästigung.” In Deutschland gab es bisher noch wenige aus Affären resultierende Klagen, doch in den USA endet fast jede vierte Büroliebschaft vor Gericht. Und selbst wenn beide diese Nacht wollten und sie am nächsten Morgen nicht bereuen, dürfen sie nicht mit jovialem Schulterklopfen der Kollegen rechnen. Einigen Mitwissern ist die Sache peinlich, andere fühlen sich in ihrer negativen Einschätzung bestätigt. Wer sich rächen will, hat nun Gelegenheit dazu. Vor allem dann, wenn einer oder beide Beteiligten eigentlich verheiratet sind.

Sich zu verlieben ist leicht. Wenn es im Büro passiert, wird es wahrscheinlich eine Liebe mit Hindernissen. Trotzdem entsteht laut Umfragen aus der Hälfte aller Büroflirts eine feste Beziehung. Die, wie alle Beziehungen, auch irgendwann enden kann. In diesem Fall gilt, trotz Liebeskummer und Streit, das Gleiche wie zu Anfang: Gemeinsam den Vorgesetzten informieren. So neutral wie möglich, ohne dramatische Szenen vor seinem Schreibtisch. Bestenfalls können beide nach einer Weile wieder freundschaftlich miteinander umgehen. Manchmal hilft nur räumliche Distanz: Ein Sprachurlaub, ein Auslandsaufenthalt oder der Wechsel zu einer anderen Firma. Das lenkt ab, fordert einen und stärkt das angegriffene Selbstbewußtsein. Und sorgt vielleicht dafür, dass man jemand Neues trifft. Irgendwo, zwischen Kantine und Kopierer.

Jessica Braun für Welt am Sonntag 27.01.08

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