Karneval Venedig: Wo die Masken Trauer tragen

Gerade hat in der italienischen Lagunenstadt Venedig der Karneval begonnen. Mit Verspätung und dem Aufruf, auf Masken zu verzichten. Doch die wenigsten der 40.000 Besucher hielten sich daran. Zum Glück.

Der Tod in Venedig kommt nicht über Land. Wie die Lebenden nimmt auch er in dieser Stadt, die Tag und Nacht von den Wellen der Lagune beleckt wird, den Wasserweg. So war es in früheren Tagen, als die Pest Venedig über 20 Mal heimsuchte und allein die Epidemie von 1630 ein Drittel aller Einwohner tötete. Und so ist es auch 2008. Die Eröffnungszeremonie des Karnevals am Samstag, der traditionelle Umzug „Festa delle Marie“ zum Markusplatz, ist auf Sonntag verschoben. Zwei Tote hat es gegeben: zwei Arbeiter, die mit dem Boot verunglückt sind. Die Stadt, so steht es auf den zwei Bildschirmen, die die Bühne flankieren, trauert. Doch der Markusplatz ist voller Menschen.

Über 40.000 Gäste aus aller Welt sind zur Eröffnung des wahrscheinlich schönsten aller Kostümfeste gekommen. Viele davon in aufwändigen Masken. Und das, obwohl der neue Direktor des Karnevals Marco Balich im Vorfeld dazu aufgefordert hatte, keine zu tragen: Die venezianischen Masken seien „zu traurig“. „Sensation“ ist das Motto in diesem Jahr. Der Karneval, ein Fest der Sinne. Fünf Viertel hat die Stadt und jedes soll einen der menschlichen Sinne ansprechen. San Polo und Santa Croce, die beiden Viertel, um die sich der Canal Grande schmiegt, haben sich Augen und Nase verschrieben. Dorsoduro, das wie eine Hand in die Weite des Canale di San Marco greift, ist für das Fühlen zuständig. In Castello, das auf der Karte an einen Fischschwanz erinnert, geht es um das Hören. Und in Cannaregio, dem Fischkopf, wird geschmeckt. So will es das Programm. Doch auch, wenn überall in der Stadt etwas geboten wird, auf kleinen Bühnen, an einzelnen Ständen und in den Palästen – der Karneval findet vor allem auf dem Markusplatz statt.

Es ist ein eigenwilliger Tanz, der hier aufgeführt wird: der Maskentanz. Um jeden Kostümierten schart sich ein Kreis von etwa 20 Fotografen. Macht der Maskierte einen Schritt nach vorn, weichen die Fotografen zurück. So geht es hin und her und manchmal treiben die Verkleideten Schabernack mit ihrem knipsenden Hofstaat und bewegen sich in stillem Einverständnis aufeinander zu, bis ihre Bewunderer rücklings aneinander rempeln und sich die Gruppe für einen Moment zerstreut. Die Stimmung ist fröhlich, dennoch festlich. Glasperlen funkeln mit den goldenen Flügeln der Engel auf der Basilica di San Marco um die Wette. Schwere Spitze fegt den Taubendreck vom Pflaster. Stoffe rascheln und es klingt wie die Flügel von Vogelschwärmen. Die Maskierten posieren schweigend. Monatelang haben sie an ihren Roben und Hüten gearbeitet. Manchmal fängt man einen Satz auf, geraunt von einem starren Gesicht zum anderen: „Ich muss auf’s Klo.“ Nicht jeder, der hier im fantasievollen Staat flaniert, ist ein Venezianer. Im letzten Jahr war es eine Deutsche aus Hamburg, die den Preis für das schönste Kostüm gewann.

Ein elegantes Kostüm trägt auch Coolio. Der Rapper, vor einigen Jahren verurteilt wegen Beihilfe zum Raub und Körperverletzung, ist an diesem Sonntag ein Engel, eingekleidet vom italienischen Designer Moschino. Um Punkt 12 Uhr schwebt er rittlings auf einem goldenen Buchstaben sitzend vom Campanile, dem roten Turm auf dem Markusplatz. Der „Volo dell´angelo“, bei dem das Wort „Angelo“ an einer Leine zu der Konfetti werfenden Menge am Boden abgeseilt wird, ist Tradition. Dass ein Rapper den Engel darstellt, ist neu. Vielleicht wollte Direktor Marco Balich damit auf die alten Tage des Karnevals verweisen, in denen sich die maskierten Venezianer unberührt von Ruf, Stand oder Strafregister miteinander vergnügten. Unzählige Gesetze sind aus dieser Zeit überliefert. Gesetze, die Maskierten unter anderem das Tragen von Waffen untersagten, das nächtliche Ausgehen, das Spielen in Kasinos und das Aufsuchen von Nonnenklöstern in Frauenkleidern. Prostituierten war das Tragen von Masken generell nicht erlaubt. Casanova, so sagt man, liebte den Karneval. Unter Napoleon wurde er 1798 verboten. In manchen Palästen feierten reiche Venezianer dennoch ihre Kostümbälle. Doch erst 1979 wurde das Fest seitens der Stadt offiziell wiederbelebt.

Über eine Million Euro hat das Festkomittee für die Veranstaltungen in diesem Jahr zur Verfügung gestellt. Bei dem um einen Tag verlegten „Festa delle Marie“, dem Eröffnungsumzug, ist auch die Schauspielerin Ornella Muti im goldenem Gewand zu bewundern. Der Klang mittelalterlicher Musik schwebt über dem Platz. Wo sie herkommt, lässt sich wegen der Menschenmassen schwer ausmachen. Trommler und Fahnenträger bahnen sich ihren Weg bis auf die Bühne. An einem Stand wird der oin Venedig erfundene Cocktail Bellini ausgeschenkt, in einer Ecke getanzt. Im Caffè Florian lässt sich eine maskierte Madame Pompadour heiße Schokolade servieren. Vielleicht hat sie die letzte Nacht im Giardini durchgetanzt, in einer der Hallen im Park, in denen sonst die Biennale stattfindet, und versteckt hinter der Maske ihre Augenringe. Die „Sensation Opening Party“, mit ihren 20 DJs mehr Rave als Ball, dauerte bis in den frühen Morgen. Wer kein Taxi-Boot fand, musste mit wunden Füßen durch die feuchte venezianische Nacht nach Hause laufen. Durch Gassen, in denen sich zuweilen Maskierte verstecken, um ahnungslose Passanten zu erschrecken. Auch das gehört zum Karneval. Doch jetzt, im wächsernen Licht der Januarsonne, wirkt selbst die Maske des Pestdoktors, des Medico dea Peste, der an einer Säule lehnt, nicht mehr unheimlich. Das Gesicht mit der Schnabelnase ist wahrscheinlich die bekannteste unter den venezianischen Larven. Und die, die an die düstersten Stunden der Lagunenstadt erinnert: Ausgestopft mit Kräutern sollte sie Ärzte vor den Ausdünstungen der Toten schützen, während sie deren Körper nach Pestbeulen untersuchten. Der Mann unter der Maske des Pestdoktors droht mit seinem Arztstab spielerisch einem kleinen Jungen, der von seinen Eltern in ein Löwenkostüm gesteckt wurde. Der Junge erschreckt sich nicht vor der Grimasse aus Pappmaché, sondern wirft Konfetti nach dem Schnabelmann und rennt kichernd weg.

Ein Engel im Sonnenlicht, ein Geist aus der Flasche, eine Nymphe mit Asphalt unter den Füßen – beim venezianischen Karneval berauschen sich die Masken unerkannt an ihrer eigenen Schönheit. Umringt von Zuschauern neigt eine Frau unter den Arkaden des Palazzo Ducale den Kopf. Für einen Moment sind Brandnarben an ihrem Hals zu sehen. Vielleicht reichen sie bis in ihr Gesicht, das verdeckt ist vom unbewegten Lächeln der Maske. Nein, traurig sind die Masken nicht. Nur verschwiegen. Und wie alle, die ein Geheimnis zu wahren haben, zuweilen melancholisch.

Jessica Braun für stern.de am 01.02.08

Advertisements