Sie sind engagiert! Wohlfühlfaktor Ehrenamt

Wenn sich Prominente für eine gute Sache engagieren, sieht jeder hin. Doch auch, wenn es niemand mitbekommt: freiwilliges Engagement macht glücklich. Mehr als Ruhm und Ehre. Und dabei die Welt ein bißchen besser.


Brad Pitt, Angelina Jolie, Susan Sarandon, Leonardo DiCaprio, Cate Blanchett, George Clooney … nein, es geht hier nicht um die Nominierungen für den Oscar. Diese Liste, die sich beliebig fortsetzen lässt, ist eine Liste der guten Menschen in Hollywood. Von Menschen, die sich mit ihrem Namen, ihrem Geld und manchmal auch mit ihrer Arbeitskraft dafür einsetzen, dass die Welt ein wenig besser wird. Sie unterstützen die AIDS-Forschung, protestieren gegen den Hunger in Afrika, fordern und fördern den Umweltschutz. Sie haben ein Ehrenamt inne. Und sind damit nicht allein.

„23 Millionen Menschen betätigen sich allein in Deutschland ehrenamtlich.“, so der Verwaltungswissenschaftler Professor Dr. Helmut Klages. Die wenigsten von ihnen sind Prominente. Klages lehrt an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer und war maßgeblich an der sogenannten Freiwilligen-Survey beteiligt, einer Studie zur Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland. Er ist begeistert von der wachsenden Bereitschaft, mit der sich die vielen Unbekannten für die unterschiedlichsten Projekte engagieren: „Immerhin 36 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren.“ Bereits zweimal, 1999 und 2004, veröffentlichte die Bundesregierung den Bericht, der all die großen und kleinen Taten zusammenfasst, ohne die, so Klages, „viele Projekte gar nicht möglich wären.“ Das beginnt bei der Mutter, die einen Kuchen für das Schulfest backt, bei dem Geld für die Verschönerung des Schulgartens gesammelt wird. Es schließt die Gruppenleiter in Sportvereinen ein und die Studenten, die abends in Altenheimen vorlesen. Und auch die Sozialpaten der Stadt Augsburg – einem „Vorzeigeprojekt”, wie Klages findet. In Augsburg beraten 40 ehrenamtliche Mitarbeiter Menschen, die in eine finanzielle Notlage geraten sind. Um zu verhindern, dass ein Bürger der Stadt, ein Nachbar, in die Obdachlosigkeit abrutscht.

Glamourös ist das nicht. Und von Hollywoods Spenden-Partys oft so weit entfernt, wie ein üppiges Bankett für einen Flüchtling im Tschad. Aber, so Verwaltungswissenschaftler Klages: „Das Ehrenamt verleiht dem, der es ausübt, Status.“ Abseits von Ehrennadeln und Auszeichnungen, bringt das Engagement den Freiwilligen Spaß. Und Anerkennung, manchmal bis zur lokalen Prominenz, als Vorsitzender des Sportvereins beispielsweise. Oder, wie im Fall des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, bis zu internationaler Bekanntheit. Das Umfeld reagiert „nur positiv”, bestätigt der selbständige Medienunternehmer Olaf Köhnke. Köhnke sitzt im Beirat des Straßenmagazins „Hinz&Kunzt“, das von Obdachlosen mitproduziert und auf der Straße verkauft wird. Das Amt wurde ihm angetragen: „Ich wurde um zwei Ecken angesprochen, ob ich nicht bereit wäre, mein Know-How im Zeitschriftenbereich einzubringen. Klar, da überlegt man nicht lange”, sagt er. Für Menschen, die wie Köhnke im Berufsleben stehen, ist ein Ehrenamt auch eine zeitliche Herausforderung. Der Job darf darunter nicht leiden, auch nicht die Familie. Auf die Frage, ob sein Amt nicht auch manchmal ein Zeiträuber ist, antwortet Köhnke: „Sicher, aber hier geht es um Prioritäten. Und die sind es in diesem Fall bestimmt wert.”

Die eigenen Werte sind es, die Freiwilligen helfen, sich dauerhaft zu motivieren. Wer ein Familienmitglied an Krebs leiden sieht, wird wahrscheinlich lieber für die Deutsche Krebshilfe Spenden sammeln, als für das örtliche Tierheim. „Natürlich engagiert man sich besonders bei den Projekten, die einen persönlich berühren”, bestätigt Sue Giers, PR-Managerin beim Modelabel Closed und dreifache Mutter. Für Giers bedeutete das unter anderem, hochschwanger bei der Gründung und Renovierung einer Bugenhagen-Schule in ihrem Stadtteil zu helfen. Bugenhagen-Schulen sind Integrationsschulen, in denen nichtbehinderte und behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet werden. „Wir haben die Schule gemeinsam entrümpelt und gestrichen. Klar ist man danach stolz und zufrieden mit seiner Arbeit”, sagt Giers. Und: „Mir ist es wichtig, auch meinen Kindern damit ein gutes Beispiel zu geben, ihnen die richtigen Werte zu vermitteln.” Werte wie Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit. Weil die etwas sind, so die PR-Managerin, worauf man bauen kann. Geld, Besitz und Status sind es nicht. Dieses Bewußtsein, dass es im Leben auch weniger gut hätte laufen können, mag einen George Clooney dazu antreiben, den UN-Sicherheitsrat um Hilfe für die Menschen in Darfur zu bitten. Aber auch die Unternehmergattin, die sich für ein Babyklappen-Projekt engagiert. Weil spätestens der achte Ring von Tiffany nicht mehr so befriedigend ist wie der erste und man sich, wenn man zumindest in finanzieller Hinsicht alles hat, früher oder später fragt, ob es nicht erfüllendere Dinge im Leben gibt, als prall gefüllte Einkaufstüten. „Selbst die wohlhabendste Frau wird irgendwann merken, dass Äußerlichkeiten sie nicht wirklich schöner machen”, sagt Giers, „Die haben keinen Bestand.” Engagement dagegen schon. Es bringt mehr und beständigere Anerkennung als ein faltenfreies Gesicht. Und es macht glücklich. Das bestätigt auch Olaf Köhnke: „Zu wissen, wie schwer es einigen unserer „Hinz&Kunzt”-Verkäufern fällt, rechtzeitig und mit klarem Kopf an ihrem Platz zu stehen, das Selbstbewusstsein aufzubringen, ihre Zeitung zu verkaufen, anzubieten und Menschen anzusprechen; und dann zu sehen wie unsere Verkäufer und Verkäuferinnen das meistern, das sind jedes Mal besondere Momente.”

Das Ehrenamt rückt das Weltbild zurecht. Es holt einen raus aus dem täglichen Kleinkrieg mit dem Alltag. Der Kollege spielt einen aus, die Beziehung läuft nicht, die Tochter hat schlechte Schulnoten – alles Dinge, die Aufmerksamkeit brauchen, die wichtig sind. Die sich aber auch ein Stück weit relativieren, wenn man beispielsweise Lebensmittelspenden einsammelt, damit diese an Obdachlose verteilt werden können. Oder, wie Angelina Jolie, sein geschütztes, privilegiertes Leben eine zeitlang verlässt, um sich als UN-Sonderbotschafterin mit der Realität zu verabreden: Vor Ort zu sein, bei Erdbebenopfern in Pakistan oder Flüchtlingskindern in Afghanistan. Plötzlich ist es nicht mehr so wichtig, wenn das Essen im Restaurant nicht sofort auf dem Tisch steht. „Mein Amt bringt mich immer wieder dazu, über meinen Tellerrand hinauszuschauen,“ sagt der Hamburger Medienanwalt Alexander Unverzagt. Auch Unverzagt sitzt seit dessen Gründung im Beirat des Straßenmagazins „Hinz&Kunzt“, unterstützt das Heft in rechtlichen Fragen. „Es gibt mir das Gefühl, Menschen helfen zu können, Mißstände zu beheben.“ Praktisch, sagt er, beansprucht die Arbeit für „Hinz&Kunzt“ nur einen Bruchteil seiner Zeit. „Aber meine Mitarbeit hält beständig mein Bewußtsein für die Problematik wach. Ich lese das Heft, spreche mit den Verkäufern, mache mir Gedanken, was man noch machen könnte“, so Unverzagt. Und schließt mit den Worten: „Manchmal denke ich, ich tue immer noch zu wenig.“

Sich engagieren kann eigentlich jeder. Davon ist der Verwaltungswissenschaftler Prof. Dr. Helmut Klages überzeugt: „Viele Berufstätige würden gern als Freiwillige arbeiten, haben aber Angst, dass ihre Zeit nicht reicht. Dabei gibt es genug Ämter, die nur vier Stunden in der Woche in Anspruch nehmen.” Ähnlich sei es mit älteren Menschen, so Klages: „Sie sind aktiv, fit, aber wenn es um ein Ehrenamt geht, bekommen sie Angst. Denken, sie seien zu alt um etwas zu leisten.” Doch während die einen sich wegen falscher Vorstellungen vor den Aufgaben scheuen, bei der Diakonie oder Terre Des Hommes ihre Hilfe anzubieten, sind sich viele andere gar nicht darüber bewußt, dass sie bereits ein Ehrenamt bekleiden. „Der Begriff ‚Ehrenamt‘ klingt besonders für Menschen aus bildungsfernen Schichten abschreckend“, sagt Klages. Der Arbeiter, der für seinen älteren Nachbarn morgens Brötchen holen geht, weil dieser den Gang zum Bäcker nicht mehr schafft, tut das völlig selbstverständlich. Und auch, wenn es genau das ist: Als freiwilliges bürgerliches Engagement würde er es nie bezeichnen.

Nicht jeder, der etwas für andere tut, erwartet dafür Ruhm und Ehre. Allerdings gibt es auch Menschen, die sich einsetzen, weil es ihnen vor allem persönlich weiterhilft. „Manche Therapeuten empfehlen ihren Patienten, sich zu engagieren um ihre Probleme besser in den Griff zu bekommen“, sagt Sarah Hoffmann. Hoffmann ist Bildungsreferentin an der Akademie für Ehrenamtlichkeit in Berlin, die Hauptamtliche oder Vereinsvorstände in den Grundlagen der Arbeit mit Freiwilligen schult. Doch auch gegen dieses eher eigennützige Engagement freiwilliger Helfer spricht grundsätzlich nichts: „Das ist eigentlich eine gute Sache: Tätigsein kann helfen, wieder gesund zu werden“, so Hoffmann, „Aber die Erwartungen und Einstellungen des Einzelnen müssen in einem Gespräch zwischen der Einsatzstelle und dem Freiwilligen besprochen werden.” Weil gut meinen eben nicht das Selbe ist, wie gut machen. Trotzdem ist es unterm Strich das Engagement, das zählt. Auch dann, wenn ein Prominenter mit seiner Spenden-Gala eigentlich eher auf sich aufmerksam machen möchte, als auf die Probleme in der Welt. „Dass Prominente sich engagieren, ist wichtig”, meint auch die Bildungsreferentin, „denn sie haben eine Vorbildfunktion für andere Menschen. Und nicht jeder tut es nur für sein Image. Karl-Heinz Böhm zum Beispiel engagiert sich seit Jahren auf bewundernswerte Weise. Er hat unser Bewusstsein für die Lage der Menschen in Afrika geschärft.”

Wer sich für andere einsetzt, profitiert automatisch selbst davon: Das Gefühl zu helfen, ist immer ein Gutes. Sei es beim Schmieren von Butterbroten beim Vereinsfest oder, als Prominenter, beim medienwirksamen Kellnern bei der Unicef-Gala. „Die Gründe für ein freiwilliges Engagement sind so unterschiedlich wie die Menschen und die Projekte,” sagt Sarah Hoffmann, „Die wichtigsten Motive sind aber immer Freude am Helfen und der Wunsch mit anderen Menschen zusammenzukommen.” Genau die Dinge, die das Leben bereichern. Und in diesem Fall nicht nur für einen selbst. Auch für alle anderen.
Jessica Braun für Welt am Sonntag 17.02.08

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