Der perfekte Plan: Schanzenviertel

Scheint die Sonne auf das Schulterblatt, verwandelt sich die Straße im Herzen des Schanzenviertels in einen Schmetterlingspark. Plötzlich sind sie alle da: Die Leichtherzigen und die Flirtwilligen, die Abenteuerlustigen und die Flaneure. So schön und unbeschwert, als wären sie eben aus ihren Kokons geschlüpft. Vergessen sind die letzten linken Krawalle, auch die Mahnsprüche an der Fassade des um die Jahrhundertwende prachtvoll erbauten und seit den 80ern besetzten Ballhauses Rote Flora machen keinem ein schlechtes Gewissen. Das Leben ist süß wie Natas, wie Vanilletörtchen und Schweinsohren und man fühlt sich ein wenig, als wäre man in Lissabon und das Meer ganz nahe. Doch wenn es regnet, wie so oft, dann wird das Schanzenviertel wieder zu dem, was es ist: ein Ausläufer von St.Pauli. Ein wenig schmuddelig und rauh, mit Müllsäcken auf den Gehwegen, Plakatfetzen an den Hauswänden und Menschen, die auf dem Weg in ihre Stammkneipe die Gesichter unter den Kapuzen ihrer Parkas verstecken. Alles ist ruhig, ruhig bis auf die Schiffsirenen. Und die fernen Schreie der Möwen.

1. St.Pauli Tourist Office „Garantiert kostümfrei“ sind die Rundgänge zu Themen wie Prostitution oder FC St.Pauli, die das Tourist Office anbietet. Wer sich vom Totenkopf-Logo über der Tür nicht abschrecken lässt, kann hier auch Fremdenzimmer buchen. Touren ab 10, Zimmer ab 25 Euro. Beim Grünen Jäger 7-8, Tel. 040/98234483

2. Helium Cowboy Artspace Subkultur und Straßenkunst haben in dieser kleinen Galerie ein Zuhause. Mittwochs bis Freitags von 11-19 Uhr geöffnet. Sternstraße 4, Tel. 040/48408860

3. Wohnkultur 66 Fast museal wirkt der großzügige Möbelladen mit ausgesuchten Design-Stücken des 20. Jahrhunderts. Sternstraße 6, Tel. 040/436002

4. Kletterwand Wer es kann und mag, darf am Bunker im kleinen Park hinter der Roten Flora kostenlos klettern. Der Lohn für die Strapaze: die beste Aussicht über das Schanzenviertel. Rote Flora, Schulterblatt 71

5. Erika’s Eck Schlachthofarbeiter, Nachtschwärmer und Schlaflose bekommen hier auch morgens um vier ein Rumpsteak. Sternstraße 98 (am Schlachthof), Tel. 040/433545

6. Artisan Der günstige Mittagstisch lockt die Kreativarbeiter aus der Umgebung an. Abends sieht man in dem unprätentiösen Gourmetrestaurant auch prominente Gesichter. Mittagstisch ab 4 Euro, Menü ab 32 €. Kampstraße 27, Tel. 040/42102915

7. Lille/Stor Bisher seufzten Männer hörbar, wenn ihre Frauen „nur kurz“ im Lille/Stor verschwanden – zwischen skandinavischer Designermode und Babysachen ist die Zeit schnell vergessen. Jetzt gehen sie solange in der Dependance Van der Lilleberg stöbern. Schanzenstraße 97 und 79

8. Mövenpick Hotel Zur Eröffnung waren die Hotelzimmer im historischen Wasserturm die wohl am besten bewachten Deutschlands. Mittlerweile hat sich der Tumult um den Turm im Schanzenpark gelegt, Punks und Polizei sind abgezogen. Zimmer ab 120 Euro, Sternschanze 6, Tel. 040/3344110

9. Transmontana Diesem unscheinbaren, portugiesischen Café verdankt die Flaniermeile Schulterblatt ihren Spottnamen „Galao-Strich”. Seit Jahren treffen sich hier die Schönen und Müden zum späten Frühstück, zu Milchkaffee, Schinkentoast und zuckersüßen Natas. Schulterblatt 86, gegenüber der Roten Flora

10. Astro Café Kaffee mit Zukunftsaussicht: In der orientalisch anmutenden Stube bekommt man für 15 Euro mit dem Kaffee auch eine Weissagung, sobald die Tasse bis auf den Satz ausgetrunken ist. Bartelsstrasse 55

Jessica Braun für SZ-Magazin 07/08

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