Festivals und Tiere – Australiens Süden

South Australia und die angrenzende Insel Kangaroo Island haben mehr zu bieten als nur Sonne und Strand: In Adelaide, Hauptstadt des australischen Staates, gibt es mehr Restaurants pro Einwohner als im Rest des Landes. Und auf Kangaroo Island mehr Koalas als Bewohner. Eine Rundreise.

Mein Onkel ist schuld. Mein Onkel mit seinen Fotos von Weltreisen und seinen Mitbringseln aus Ländern, die einem, wenn man klein ist, so nahe erscheinen wie der Mond. Neben der Indianerpuppe mit ihren geflochtenen Zöpfen und dem weichen Kleid aus Wildleder war der Koalabär aus Hasenfell mein Lieblingsspielzeug. „Sie riechen nach Hustenbonbons,“ sagte mein Onkel, als ich mit dem Finger über die Koala-Nase aus Plastik streichelte. Ich steckte meine eigene zwischen die puscheligen Ohren und roch. „Du lügst.“

Es gibt Geschichten, die lassen einen ein Leben lang nicht los. Es sei denn, man geht ihnen auf den Grund. Einmal an einem lebendigen Koala riechen. Deswegen bin ich hier, in Südaustralien.
Und etwas stimmt nicht. Vielleicht liegt es am Jet -Lag, an den 22 Stunden Flugzeit, dass Adelaide mir so unwirklich erscheint. Oder am Licht, das südlich des Äquators anders durch die Wolken bricht. Ich habe das Gefühl, in einer Filmkulisse zu stehen. Sehe die Rundle Street mit ihren bunten viktorianischen Gebäuden entlang, mit ihren Geschäften, Restaurants und Kinos und plötzlich wird mir klar, was an diesem Bild nicht stimmt: Adelaide ist die adretteste Stadt, die ich kenne. Die Häuser der südaustralischen Hauptstadt sehen so sauber und neu aus, als hätte man sie erst gestern errichtet. Nirgends bröckelt der Putz, es gibt keine Graffitis an den Fassaden. Nicht mal Kaugummis kleben auf dem Asphalt.

„Moment, ich bringe nur eben die Ziggi weg,“ sagt Christiane McMillan und trägt ihren aufgerauchten Zigarettenstummel die paar Meter zum nächsten Abfalleimer. „Ist es wirklich so sauber hier?“ fragt sie, als sie wieder hinter der Kasse der Boutique Loco steht. Sie versucht zu erklären: „Wir mögen unsere Stadt einfach gern. Es lässt sich hier gut aushalten. No worries, verstehen Sie?“ „No worries“ – keine Sorgen – ist der australische Ausdruck für „in Ordnung“. Und tatsächlich scheint für die meisten der 1,2 Millionen Einwohner von Adelaide und seinen Gemeinden das Leben ziemlich in Ordnung zu sein. Es gibt Jobs, wenig Kriminalität und für eine 23jährige Verkäuferin wie Christiane McMillan ist es völlig normal, ein eigenes Haus zu haben. Denn genau wie die Lebenshaltungskosten sind auch die Häuser hier bezahlbar. „Mietwohnungen? Gibt es kaum“, sagt sie.

Die Lebensqualität, das merkt man in Adelaide schnell, ist hoch. Nicht umsonst wird die Stadt „Festival City“ genannt: Es gibt hier mehr Restaurants pro Kopf als in jeder anderen australischen Stadt und das ganze Jahr über wird irgendetwas gefeiert. Kunst, Theater, Film, Musik oder Sport – in den Cafés der Einkaufs- und Ausgehstrasse Rundle Street hängen unzählige Ankündigungsplakate und nur, wenn man auf die Termine achtet merkt man, dass keines davon veraltet ist. Besonders groß ist die Auswahl von Ende Februar bis Mitte März. Dann findet das Adelaide Fringe statt, ein Festival das alle Kunstformen interdisziplinär verbindet. Techno-DJs treffen auf Live-Bands, erfahrene Filmer kooperieren mit dem Regie-Nachwuchs, Galerien laden internationale Künstler ein und nachts wird in den Strassen und in den Parks getanzt. „Koalas?“ fragt MacMillan und beugt sich ein wenig vor, „Die sind gefährlich. Besser, Sie setzen einen Helm auf. Sie lassen sich aus den Bäumen auf Spaziergänger plumpsen.“ Sie grinst: „Bitte entschuldigen Sie mich,“ sagt sie und greift nach ihrer Tasche, „ich möchte den Laden zuschließen. Ich bin für’s Kino verabredet.“ Sie dreht den Schlüssel im Schloss und stöckelt über die Strasse, ans Ende der Schlange, die sich dort vor dem Kino auf dem Bürgersteig gebildet hat.

Die Parks liegen wie ein dicker, grüner Schal um den Stadtkern von Adelaide. Handgroße Papageien plappern in den Bäumen, deren Wurzeln wie Paravents aus der Erde ragen. Koalas gibt es keine. Bis zur Kolonialisierung 1836 waren die Beutelbären in ganz Südaustralien verbreitet. Erst, als Pelzjäger sie nahezu ausgerottet hatten, wurden die verschlafenen Fellsäcke in den 30ern offiziell unter Naturschutz gestellt. Es gibt allerdings einen Ort in Südaustralien, von Adelaide ein paar Fahrtstunden mit Auto und Fähre entfernt, der mit einem Koalaproblem zu kämpfen hat: Kangaroo Island. Gerade wurde die Insel von Experten unter die ersten zehn der 111 schönsten Inseln der Welt gewählt. Weil sie, wenn man nicht gerade die Gesellschaft von Koalas, Kängurus, Wallabies, Robben, Seehunden und Pinguinen sucht, still und einsam ist. Und weil mehr als die Hälfte ihrer 4405 Quadratkilometer noch so ursprünglich sind, als hätte sie nie ein Mensch betreten.
Für jeden Tierliebhaber ist die Ankunft auf Kangaroo Island vermutlich ein Schock. Am Rand der wenigen Strassen, die Buchten und Orte miteinander verbinden, liegen in regelmäßigen Abständen tote Wallabies und Kängurus. „Die Tiere sind Autos nicht gewohnt“, erklärt mir mein Naturführer Heiri, ein gebürtiger Schweizer, der mich zu den Koalas begleiten wird, „Deswegen ist es besser, nur bei Tageslicht zu fahren. Nachts läuft einem leicht etwas vor den Kühler.“ Als wir am Rand einer Wiese anhalten verstehe ich, warum selbst der vorsichtigste Autofahrer auf der Insel den Zündschlüssel nachts besser in der Hosentasche lässt: Im pfirsichfarbenen Licht der Dämmerung kauen hunderte Kängurus und Wallabies an borstigen Grashalmen oder nagen an den scharfkantigen Wedeln der Xanthorrhoea, der Grasbäume. „Wegen der Hitze sind viele der australischen Tiere nachtaktiv,“ erklärt Heiri. Koalas sind sogar tagblind. Dafür ist ihr Geruchssinn hervorragend. Sie essen nur die Eukalyptus-Sorten, die nicht allzu giftig sind. Und von Bär zu Bär wechselt auch die Vorliebe für den einen oder anderen Baum. Da es auf Kangaroo Island fast 30000 Koalas gibt, stellen sie hier, anders als im Rest Australiens, ein Problem da. Sie fressen die Insel kahl.

„Da ist einer!“ ich hüpfe im Jeep auf und ab und wedele Heiri mit dem Finger vor der Nase herum. „Gute Augen,“ lobt er. Wir steigen aus und gehen ein paar Schritte unter den lichten Eukalyptus-Wipfeln. Mir ist unheimlich. Nicht wegen plumpsender Koalas, sondern wegen der Blue Gums, einer Eukalyptusart, die auch als „Witwenmacher“ bekannt ist. Diese unberechenbaren Bäume werfen zuweilen ihre meterlangen Äste ab. Selbst ein Helm würde mir in diesem Fall nichts nützen. Der Koala schläft. Koalas schlafen bis zu 22 Stunden am Tag. Er hängt in den höchsten, biegsamsten Zweigen eines Mana Gums wie eine Pelzjacke, die jemand aus Spaß auf den Baum geworfen hat. Riechen kann ich ihn nicht. „Komm mal mit,“ sagt Heiri. Und tatsächlich sitzen ein paar Meter weiter eine Koala-Mama und ihr schielendes Junges auf einem Ast. Fast nahe genug, um sie zu berühren. Aber das würde Heiri nie erlauben. „Wer Tiere anfassen möchte, der soll in den Streichelzoo gehen,“ belehrt er mich. Streichelzoo. Das Wort treibt mich die nächsten Tage um, während ich Muscheln im pfefferminzgrünen Wasser verlassener Buchten sammele, mit Heiri eine Seelöwenkolonie besuche und mich mit einem Gummiboot zu einer Stelle bringen lasse, an der sich wilde Delfine zum Spielen treffen. Am letzten Abend in der Wildnis-Lodge schnappt sich ein Opossum mein Brötchen vom Tisch und setzt sich damit auf den Stuhl neben mich. „Nicht anfassen,“ ermahne ich mich innerlich, während mich das kauende Opossum mit Murmelaugen beobachtet. Und fasse einen Entschluss.

Der Cleland Park in Adelaide ist kein richtiger Streichelzoo. Er erinnert mehr an deutsche Wildparks, in denen freilaufende Rehe die Besucher im Auge behalten, die ihnen mit Futterpackungen in der Hand nachstellen. In Australien sind die Rehe Kängurus. Und sie mögen es, gefüttert zu werden. „Känguru-Fleisch ist das gesündeste der Welt,“ höre ich Heiris Stimme in meinem Kopf. Das Känguru schenkt mir einen Blick durch lange Wimpern, bevor es gnädig seine Nase in meiner ausgestreckten Hand versenkt. Ich würde den Teufel tun etwas zu essen, das schaut als hätte Walt Disney es gezeichnet. Die Angestellte des Parks, die ich um einen Koala-Termin gebeten hatte, kommt auf mich zu. „Es tut mir leid, aber wir können heute kein Koala-Kuscheln anbieten“, sagt sie, „Den Tieren ist es zu heiß.“ Normalerweise findet das Koala-Kuscheln im Park täglich statt. „Kann ich wenigstens an einem riechen?“ frage ich. Sie nickt und bringt mich zum Koala-Gehege. Unter einem großen Dach träumen mehrere Koalas vom eigenen Eukalyptus-Baum. „Hier, nehmen Sie die“, sagt die Pflegerin, drückt mir einen Strauss Äste in die Hand und öffnet das Tor für mich. Ein besonders dicker Bär reckt prüfend die Nase in die Luft und rutscht dann in Zeitlupe an einem Pfosten hinunter. „Das ist Osmond“, stellt uns die Pflegerin vor. Osmond streckt seine Krallen aus, rupft ein paar Blätter aus meinem mitgebrachten Zweigen und steckt sie sich ins Maul. Osmond kaut. Osmond sabbert grünen Eukalyptussaft in seinen Kinnbart. Ich beuge mich vorsichtig vor. Er hebt den Kopf, bis sich unsere Nasen fast berühren. Er schnuppert. Ich schnuppere. Rieche den frischen, scharfen Duft von Hustensaft. Von Eukalyptusbonbons. Und muss an meinen Onkel denken. Wenn ich zurück bin, muss ich mich bei ihm entschuldigen. Er hat mir nichts als die Wahrheit gesagt.

Reisetipps Adelaide und Umgebung

Hotel Richmond: Junges Designhotel in einem Altbau mitten in der Fußgängerzone. Am Wochenende trifft sich die Szene zur Party im Speisesaal – es kann laut werden. Zimmer ab 180 Australische Dollar pro Nacht.
128 Rundle Mall, Adelaide
Tel: +61 (08) 8215 4444

Majestic Roof Garden Hotel: Elegantes Businesshotel zwischen Fußgängerzone und dem Ausgehbezirk East Rundle Street. Zimmer ab 175 AU-Dollar.
55 Frome Street, Adelaide
Tel: +61 (08) 8100 4400

Eros Kafe: Moderne, griechische Küche in stylischem Ambiente.
275 Rundle Street, Adelaide
Tel: +61 (08) 8227 0677

Botanic Cafe and Bar: Restaurant mit einfallsreicher Crossover-Küche und gemütlicher Bar nebenan.
4 East Terrace, Adelaide
Tel: +61 (08) 8232 0626

The Oyster Shop: Imbiss mit fangfrischen, frittierten Austern und anderem Meeresgetier.
61 Jetty Road, Glenelg
Tel: +61 (08) 8376 7200

Glenelg Tram: Seit 1873 verbindet die Tram das Zentrum (Victoria Square) von Adelaide mit dem Stadtstrand Glenelg. Tagesticket für 7,70 AU-Dollar.

Cleland Wildlife Park: Wallabies, Emus und Kängurus laufen im Park frei herum. Andere Tiere wie Dingos oder Wombats leben in großen Gehegen. Täglich von 9.30 Uhr bis 17 Uhr geöffnet, Eintritt 13 AU-Dollar. Koala-Kuscheln inklusive Foto für 12 AU-Dollar, täglich zwischen 14.30 und 15.30 Uhr.
Mount Lofty Summit Road, Crafers
Tel: +61 (08) 8339 2444

Temptation Sailing: Mit dem Katamaran werden Tierfreunde zum Baden mit den wilden Delfinen vor Adelaides Stadtstrand gebracht. 3,5 Stunden für 98 AU-Dollar. Wetsuit wird gestellt.
Holdfast Shores Marina, Glenelg
Tel: +61 0412 811 838

Adelaide Fringe: Das bunte Festival der Kulturen findet jährlich statt.

Fleurieu Peninsula (etwa 90 km von Adelaide entfernt)

Beach Huts Bed & Breakfast: In den buntgestrichenen, schick eingerichteten Holzhäusern mit eigenem Grillplatz kann man es wochenlang aushalten. Haus ab 105 AU-Dollar pro Nacht.
1 Charles Street, Middleton
Tel: +61 (08) 8554 3933
http://www.beachhuts.com.au

Blue’s Restaurant: Fisch und Meeresfrüchte in gemütlichem Ambiente.
Main Goolwa Road, Middleton
Tel: +61 (08) 8554 1800

Spirit Australia Cruises: Mit dem Boot geht es auf einen informativen Trip ins atemberaubende Naturschutzgebiet. Zum Lunch gibt es frisch gefangene Muscheln. 4,5stündige Tour ab 74 AU-Dollar (bei Abholung von Adelaide 55 AU-Dollar extra). Immer Montags und Donnerstags.
Main Wharf, Goolwa
Tel: +61 8 8555 2203

Kangaroo Island (etwa 72 km von Goolwa entfernt)

Kangaroo Island Seafront: Unweit der Fähre gelegenes Hotel mit Meerblickzimmern oder Cottages, oberhalb einer malerischen Bucht. Einfache Austattung. DZ ab 100, Cottage ab 150 AU-Dollar pro Nacht.
49 North Terrace, Penneshaw
Tel: +61 (08) 8553 1028

Ozone: Das viktorianische Haus wirkt von außen zauberhaft, wirklich charmante Zimmer findet man aber nur im neuen Anbau gegenüber. DZ ab 125 AU-Dollar.
The Foreshore, Kingscote
Tel: +61 (08) 8553 2011

Kangaroo Island Wilderness Retreat: Luftige, elegant eingerichtete Bungalows und ein exzellentes Restaurant mitten im Busch. Das Hotel operiert nach strengen Öko-Richtlinien. Auch Opossums und Wallabies gehören zu den ständigen Gästen. DZ ab 140 AU-Dollar.
1 South Coast Road, Flinders Chase
Tel: +61 (08) 8559 7275

Kangaroo Island Sealink: Die Fähre verbindet die Fleurieu Peninsula (Cape Jervis) mit Kangaroo Island (Penneshaw). Einfache Fahrt ab 38 AU-Dollar, Auto ab 60 AU-Dollar.
Tel: +61 (08) 8202 8688

Kangaroo Island Marine Tours: Die Delfine lieben das gelbe Gummiboot und sind neugierig auf jeden Schwimmer, der sich ins flache Wasser wagt. Eine halbtägige Island Explorer Tour mit dem charmanten Guide Andrew kostet 165 AU-Dollar pro Person.
9 Chapman Terrace, Kingscote
Tel: +61 0427 315 286 (Andrews Handynummer)

Kangaroo Island Odysseys/APT: Mit erfahrenen Guides und Jeep sind die ein- oder mehrtägigen Touren der beste Weg, um die Insel und ihre Tiere zu entdecken. Tag mit Verpflegung ab 290 AU-Dollar pro Person.
34 Addison Street, Kingscote
Tel: + 61 (08) 8553 0386

Planung: Die deutsche Website von South Australian Tourism informiert über Reiserouten, Hotels und Tipps für Unternehmungen.

Jessica Braun für Petra 03/08

Fotos: Ralph Hargarten

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