Und ’ne Buddel voll Rum – Segeltörn vor Schottlands Küste

Wer denkt, Seefahrerromantik sei nur ein Klischee, wird auf der Eda Frandsen eines Besseren belehrt: Beim Segeln, Shantys singen und Kombüsendienst werden Piratenträume wahr.

Wie sehr kann man seinen Kapitän hassen? „Hab‘ ich gesagt, ihr sollt aufhören zu ziehen?“, brüllt Jamie und stapft drohend auf uns zu. „Nein, Kapitän!“ Ich spucke die Antwort gegen den Wind. Wir zerren seit Minuten am Tau, um das Hauptsegel zu setzen. Erst ging es ganz gut: Zugleich, zugleich, Stück für Stück höher, obwohl das Segel eine ganze Tonne wiegt. Aber jetzt will das Tau kein bisschen mehr nachgeben und es fehlt immer noch ein Meter bis zur Spitze des Masts. Die Hände dagegen sind wund vom nassen, kratzigen Seil und der Rücken schmerzt. „Wie oft muss ich dir das noch zeigen?“, herrscht Jamie mich an, als er sich an meiner statt ins Seil hängt, und ich frage mich, wie das wohl geht – eine Meuterei anzetteln. Am liebsten würde ich gehen. Aber zwischen der Eda Frandsen und der nächsten Insel liegen mehrere hundert Meter Meer. Eine See, die so schwarz und kalt ist wie Granit. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich Jamie und sein Schiff in den letzten drei Tagen fürchterlich ins Herz geschlossen.

Ich liebte die Eda noch bevor ich sie zum ersten Mal im Hafen liegen sah. Fünf Tage Segeln vor den Inneren Hebriden standen auf dem Reiseplan, den ich mit frisch erstandenen Gummistiefeln, wasserdichter Teflonhose und Regenjacke in den Koffer packte. Im Internet hatte ich ein Foto meines Urlaubsdomizils gesehen: Ein weißes und ein braunes Segel, stolz aufgerichtet vor dem blauen schottischen Himmel, die Gischt griff wie gierige weiße Hände nach dem lackglänzenden Bug. Der Inbegriff der Seefahreromantik, ein Schiff wie gemacht für Piratenbräute und fluchende Seemänner. Oder der Inbegriff von Seekrankheit. Von Tagen, die man mit dem Kopf über der Reling verbringt, um die Fische mit dem unverdauten Frühstück zu füttern. Für mich als Landratte war es eine Amour fou. Ich wollte diese Reise so sehr, wie ich mich vor ihr fürchtete. Dann kam ich auf Skye an, der Insel von der aus ich an Bord gehen sollte. Es war früher Abend und die Luft roch süß wie ein Bündel Stroh, das man in Honig getaucht hat. Das Dorf Talisker lag im Abendlicht, von den Hügeln blökten die Schafe, sonst Stille. Während die Sonne die schroffen Hänge des Bergmassivs rosig küsste, versuchten die Midgets – stecknadelkopfgroße Mücken, die sich laut Jamie von Hautfetzen ernähren – das Gleiche mit mir. Und unten im Hafen lagen mehr Boote, als Talisker Einwohner hat. Eines davon war die Eda.

„Auf der Eda ist noch keiner seekrank geworden“, brummte Jamie, als er mit dem Finger die Leiter nach unten deutete. Dorthin, wo ich mit acht anderen Mitreisenden schlafen würde. Ich kletterte unter Deck und stieg dabei fast auf den großen Esstisch, das Zentrum der Kajüte. Über dem Tisch hingen Netze gefüllt mit Orangen, Äpfeln, Avocados. In einer Ecke war die Kombüse, grade groß genug, um sich darin umzudrehen. In der anderen Ecke zwei Toiletten, ein schmaler Gang. Rechts und links von mir, hinter zwei Vorhängen, gab es je zwei Betten. Betten, die mehr an Schubladen erinnerten. Schubladen für Menschen. „Ello!“ In einer lag, ein Buch in der Hand, Thierry, mein französischer Kajütengenosse. Ich schob meine Tasche so gut es ging in das Fach hinter meiner Matratze. In dieser Koje würde ich also schlafen. Von den anderen nur durch einen Vorhang getrennt. Von Thierry nur durch den Höhenunterschied unserer Betten. Und ich begriff, dass auf einem Schiff wie der Eda Frandsen das Wichtigste die anderen sind. Besser, man versteht sich mit allen. Ausweichen kann man ihnen nämlich nicht.

„Hi!“ Köchin Rachel steckte ihren Kopf durch die Luke. „Kommst du zurecht?“ Ich nickte. Rachel trug einen Wetsuit und Gummischlappen, in deren Luftlöcher sie glitzernden Firlefans gesteckt hatte: ein silbernes Gänseblümchen, einen Totenkopf, Strasssteine. Mit ihren zerzausten, schwarzen Haaren, Sommersprossen und dem verlaufenen Kajal sah sie aus wie eine Meerhexe. Ich tauschte die Chucks gegen Gummistiefel und kletterte zurück an Deck. Nach und nach kamen die noch fehlenden Mitreisenden an: Julian, ein graumelierter Schotte mit Brille und sattem Bariton. Stephanie, eine fröhliche Französin. Und Helene mit den krausen roten Haaren. Ich inspizierte die Eda, was nicht lange dauerte. Wartete, bis es dukel und spät genug zum Schlafen war. Dann schob ich den Vorhang meiner Koje beiseite und stieg wegen des friedlich schlummernden Thierry so leise wie möglich in mein Bett.

Pfannengeklapper. Kettengerassel. Das Poltern von Stiefeln über mir und grelles Licht. Ich blinzelte und tastete mit einer Hand nach dem Schalter. „Das kannst du nicht ausmachen. Das ist Tageslicht.“ Thierry grinste mich an. Durch das Fenster über seiner Matratze, kaum größer als eine CD, fiel ein Lichtstrahl in die Koje, hell wie eine Neonlampe. „Wir legen heute Abend ein Tau drüber.“ Ich kramte meine Zahnbürste aus dem Kosmetikbeutel und schob den Vorhang beiseite. In der Küche hantierte Rachel mit den Pfannen. „Es gibt Blutwurstpastete“, sagte sie. Mehr nicht. Oben hörte ich Jamie Kommandos geben. Vermutlich an Richard, Rachels Lebensgefährten. Richard, der genauso strubbelig war wie Rachel, sah mit seiner gebrochenen Nase und der sonnenbraunen Haut aus wie die Idealbesetzung für einen Piratenfilm. Meistens war er barfuß, trug Jeans und ein T-Shirt mit Anarchy-Aufdruck und war, im Gegensatz zu den anderen beiden, eine richtige Plaudertasche: Er sagte auch mal zwei Sätze hintereinander. Von den anderen Mitreisenden war noch nichts zu sehen. Ich zwängte mich durch die Toilettentür, wusch mich am Waschbecken. Dann pumpte ich das Wasser ab, wie Jamie es mir am Tag vorher gezeigt hatte. Rachel hielt mir einen Teller mit gebratener Pastete, Bratkartoffeln und Eiern hin. „Frühstück.“

Es ist gar nicht so leicht, sich mit einem Teller voll Blutwurst in der Hand eine Schiffsleiter hoch zu hangeln. Es ist auch nicht leicht, sich zum ersten Bissen zu überwinden. Nachdem ich den Teller leer gegessen hatte fragte ich mich, wie ich jemals ohne hatte leben können. Die Eda tuckerte angetrieben vom Bootsmotor bereits an den letzten Ausläufern des Dorfes Talisker vorbei, an den Schafen und den grünen Hügeln. Vor uns lag das offene Meer. Ich war noch nicht seekrank. Immerhin. Am frühen Nachmittag erklärte uns Jamie zum ersten Mal, wie man Segel setzt. Die Hände in die Hüften gestemmt ratterte er Seglerbegriffe herunter. Dann wurden wir eingeteilt: Drei rechts vom Hauptmast, drei links. Und ziehen! Ziehen! Als die Eda das erste Mal unter vollen Segeln stand, ging mir das Herz auf. Leider hatten wir kaum Wind. So lagen wir die meiste Zeit an Deck, lasen oder plauderten und wechselten uns mit dem Küchendienst ab. Küchendienst war prima, denn wann immer Rachel Richtung Kombüse verschwand, verhieß es Gutes. Während die schroffen Klippen von Skye hinter uns kleiner wurden, stieg der Duft von frisch gebackenem Brot oder Kuchen durch die Luke. Eigentlich kochte sie den ganzen Tag, selbst bei starkem Seegang – einmal kam sie mit blutendem Daumen an Deck. Und obwohl wir mehr mit dem Bestaunen der Landschaft zu tun hatten als mit dem Segeln, waren wir ständig hungrig. Es lag Salz in der Luft, das den Magen knurren ließ, wann immer uns Rachel Brötchen mit Thunfischpaste servierte, indisches Curry oder Avocadosalat. So vergingen die ersten drei Tage. Dann kam Wind auf.

„Mach das Tau fest“, knurrt Jamie und ich versuche mich zu erinnern, wie man das Seil so um den Belegnagel wickelt, dass es sich nicht mehr lösen kann. „Gut gemacht.“ Jamie nickt mir zu und ich bin ein bisschen stolz. Die Eda liegt nun hart am Wind. Jamie steht hinter dem Steuer und zum ersten Mal tun wir das, wofür wir hier sind: Wir segeln. Wir halten auf die Küste zu, immer besser kann ich die Sandstrände und Höhlen erkennen, während Richard kontinuierlich die verbleibenden Meter bis zum Grund über Deck ruft. Alle stehen auf ihren Plätzen, bereit anzupacken, wenn Jamie das Kommando zum Wenden gibt. Doch der wartet ab. Der Strand ist so nahe, dass ich einen Stein hinüber werfen könnte. „Jetzt!“ Wir greifen nach den Tauen, hängen unser ganzes Gewicht hinein. Mit einem lauten Seufzer schwingt der Mast herum, knapp über unseren Köpfen. Die Eda dreht sich, behäbig wie ein Walross. Wasser schwappt auf das Deck. Das Boot liegt so schief, dass ich mich festhalten muss. Aber es hat den Wind in den Segeln und zieht an. Wir jubeln. Manöver gelungen. Stunden später sind wir müde, erschöpft. Meine Gesicht ist nass von der Gischt und vom Regen, der uns den ganzen Tag begleitet hat. Trotzdem kann ich nicht aufhören zu grinsen. Wir liegen jetzt in einer versteckten Bucht, eingebettet zwischen Hügeln, die dunkelgrün sind von mannshohem Farn. Weiter oben wachsen knorrige Eichen. Kein Laut ist zu hören, außer dem Schwappen der Wellen und dem Rufen der Eissturmvögel, die über das Wasser gleiten. Mein Handy hat keinen Empfang. Aus der Kombüse duftet es nach Braten. Rachel stellt Weinflaschen auf den Tisch. „Essen!“ Ich schlüpfe in meine Jogginghose, setze mich zu den anderen an den Tisch. Dass wir Schulter an Schulter sitzen merke ich schon gar nicht mehr – es fühlt sich an, als wäre ich Teil einer Großfamilie.

Der Wein macht Jamie gesprächig. Er zeigt ein Buch herum: Fotos von der Eda, bevor er sie zu dem gemacht hat, was sie heute ist. Eigentlich war sie ein Kutter, gebaut für den Hummerfang. Jamie kaufte sie mit seiner Familie, rettete das Boot vor dem Verschrotten. Dann begann der Umbau. Mast, Winden und sogar die Segel haben sie von Hand gefertigt oder anfertigen lassen. Als es endlich Zeit war für den Stapellauf, brannte die Werft ab und mit ihr die Eda Frandsen. „Ich habe Monate lang überlegt, ob ich sie endgültig verschrotte“, erinnert sich Jamie. Aber er hatte schon zuviel Mühe in sein Boot gesteckt. Die Arbeit begann von Neuem. „Richard, sing das Lied von der letzten Fahrt“, sagt Rachel. Jamie holt sein Schifferklavier und Richard erhebt die Stimme. Ein wenig brüchig klingt sie, als er Strophe für Strophe die Geschichte von einem Matrosen erzählt, der Abschied nehmen muss von seinem Schiff, das zu alt ist, um nochmal zur See zu fahren. Als er verstummt, hat er eine Träne im Auge. Die wahre Liebe eines Seemanns gehört eben seinem Boot. „Vielleicht steckt in mir auch ein Seemann“, denke ich später, als ich mich ein wenig betrunken in meine Koje kuschele. Thierry schnarcht leise über mir, das Meer leckt schmatzend am Bug und ich fühle mich so geborgen, als wäre ich auf der Eda seit Jahren zuhause. „Gute Nacht“, höre ich Jamie durch den Vorhang brummen. „Nacht, alter Pirat“, murmele ich. Dann wiegt mich die Eda in den Schlaf. Und ich träume von Tortuga.

Jessica Braun für Blond 04/08

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