Wilde Partys in Palm Springs – Zum Todestag von Frank Sinatra

Saufabende mit dem Rat Pack, Beziehungsdramen mit Frau und Geliebten, fliegende Champagnerflaschen – Frank Sinatra genoss die Höhepunkte seiner Karriere mit exzessiven Partys in seiner Villa „Twin Palms“ in Palm Springs. Eine Spurensuche zum 10. Todestag der Legende.

Das Waschbecken im Badezimmer hat einen Sprung. In der Toilette neben dem Pool hängen noch Portraits des Vorbesitzers. Und seine Musikanlage, ein monströser Kasten voller Technik, die schon zur Zeit der ersten Mondlandung veraltet war, wurde nie aus dem Wohnzimmer entfernt. Hätte die über 60 Jahre alte Villa „Twin Palms“ mit Blick auf die Felsmassive von Palm Springs irgendjemand gehört, wären all diese Alterserscheinungen sicher längst entfernt worden. Doch das 1947 von E. Stewart Williams gebaute Anwesen gehörte Frank Sinatra. Und seine Erinnerung lebt hier noch immer – 10 Jahre nach seinem Tod.

Frank Sinatra war einer der größten Sänger, Schauspieler und Entertainer des vergangenen Jahrhunderts. Ein Herzensbrecher, ein Geschäftsmann und ein Choleriker, der seinesgleichen suchte. Doch wer mit ihm zu tun hatte, konnte sich seinem Charme nur schwer entziehen. Francis Albert Sinatra wurde 1915 in Hoboken, New Jersey geboren. Seine Eltern waren italienische Auswanderer, er ihr einziges Kind und ein wenig verwöhnt. Dass er Sänger werden wollte, wußte Sinatra schon früh und dass er Talent hatte, stand außer Frage: Mit der Gruppe „The Hoboken Four“ gewann er 1935 einen Talentbewettbewerb. Der Beginn seiner Karriere. Ein paar Jahre später, als er und Humphrey Bogart sich zum ersten Mal in Hollywood begegneten, soll dieser zu Sinatra gesagt haben: „Alle sagen, du hast eine Stimme, die Mädchen ohnmächtig werden lässt. Mach mich mal ohnmächtig.“ Tatsächlich wurde jedes seiner Konzerte von einem Background-Chor aus weiblichem Kreischen begleitet. Sinatra genoß diese Aufmerksamkeit, heiratete jedoch mit 24 Jahren eine seiner Jugendlieben Nancy Barbato. Auch deshalb, weil seine Mutter ihn dazu drängte. Eine Freundin erinnert sich an den Hochzeitstag: „Er sah aus wie der traurigste Mann der Welt.“ Mit Nancy und den Kindern, Tochter Nancy und Sohn Frank Jr. bezog er das rechzeitig zum Silvesterfest fertiggestellte Haus in der Wüste. 150.000 Dollar hatte es gekostet. Dank seines Plattenvertrages mit Columbia und eigenen Sendungen im Radio konnte er sich das leisten.

Genau wie für Las Vegas wurde Frank Sinatra für Palm Springs zu einem Stern, der die Städte in bis dahin nie gekanntem Glanz erstrahlen liess. Wo er war waren auch immer die anderen: Sein Freund Humphrey Bogart und dessen Frau Lauren Bacall. Ava Gardner und Marilyn Monroe. Später auch das Rat Pack, wie man es heute erinnert: Dean Martin, Sammy Davis Jr., Peter Lawford und Joey Bishop. Die Kennedys. Der Mob. Doch während in Vegas nur noch Weniges an „The Voice“ erinnert, weiss in Palm Springs jeder, der alt genug ist um Sinatra gekannt zu haben, eine Geschichte über ihn zu erzählen. Es sind Geschichten über legendäre Saufabende, wilde Partys und ausufernde Streits. So wie der, den Sinatra mit seiner zweiten Frau Ava Gardner führte und von dem das Waschbecken im Badezimmer noch immer zeugt. „Ava war Franks weibliches Pendant“, erinnert sich sein Butler George Jacobs. Jacobs, ein dessen dunkle Haut runzelig ist vom lauten Lachen, stützt sich auf seinen Gehstock, während er erzählt: „Sie rauchte, trank, fluchte und liess keine Affäre aus.“ Weil Sinatra nicht von Gardner (und mehreren anderen Stars und Starletts) nicht die Finger lassen konnte, verliess ihn seine Frau Nancy 1948 – im gleichen Jahr, in dem auch Tochter Tina geboren wurde. Gardner zog kurz darauf ein. Geheiratet wurde 1951. Doch so, wie diese sich gerne für eine kurze Auszeit in die Arme spanischer Torrerors flüchtete, war auch Sinatras Treue zu ihr immer nur vorübergehend. Als sie eines Abends von einer Reise zurückkehrte, fand sie Lana Turner badend im pianoförmigen Pool vor. Nicht nur Worte flogen, sondern auch eine Champagnerflasche. Ins Waschbecken. Und noch am selben Abend warf Sinatra Koffer und Garderobe beider Frauen auf den Bürgersteig.

„Frank konnte der großzügigste Freund sein, dich mit Geschenken überhäufen“, erzählt George Jacobs, „In der nächsten Minute sprach er kein Wort mehr mit dir.“ Sinatras Temperament und seine Affären hatten unter anderem dazu beigetragen, dass seine Karriere 1952 mit demVerlust seines Plattenvertrags beendet schien und auch seine Beziehung zu Ava Gardner ging kurz darauf in die Brüche. Doch er hatte bereits ein neues berufliches Projekt im Auge: Noch im gleichen Jahr überzeugte er den Regisseur Fred Zinneman (angeblich mit Hilfe der Mafia), ihm eine Rolle in dessen Film „Verdammt in alle Ewigkeit“ zu geben. Sinatra bekam nicht nur die Rolle, sondern auch den Oscar als bester Nebendarsteller. Außerdem bot ihm Capitol Records einen Vertrag an. Die Alben, die er dort aufnahm, zählen zu seinen besten. Sinatra war immer öfter in Las Vegas zu finden, mittlerweile in Begleitung des Rat Packs. Und wie schon in seinem oscarprämierten Kurzfilm „The House I Live In“ (1945), engagierte sich der Entertainer auch in der Stadt des Glücksspiels gegen Rassismus: Dank ihm durfte Sammy Davis Jr. im gleichen Hotel schlafen, wie Sinatra und der Rest der Truppe – im Amerika der 50er Jahre noch immer ein Skandal.

„Es war eine gute Zeit mit Frank“, erinnert sich sein Butler. Jacobs durfte mit um die Welt reisen. Manchmal auch alleine, im Namen seines berühmten Auftraggebers. Doch eine dieser Reisen endete mit einem Streit, wie es schon viele zuvor in Sinatras Leben gegeben hatte – einem endgültigen. 1957 hatten er und Ava Gardner die Scheidungspapiere unterzeichnet. Er verkaufte die Villa „Twin Palms“ in Palm Springs und mit ihr die Erinnerungen und zog in das nahegelegene Rancho Mirage. 1966 heiratete er dann die dast 30 Jahre jüngere Schauspielerin Mia Farrow. Farrow und er hätten unterschiedlicher nicht sein können: Er der altgediente Entertainer, der sich mehr und mehr zu seiner konservativen Seite bekannte. Sie das Hippiemädchen und ein vielversprechendes Schauspieltalent, das am Tag schlief und nachts durch die Clubs zog. Eines abends, als George Jacobs im Auftrag Sinatras in Los Angeles war, begegnete er Farrow in einem Nachtclub. Sie zog ihn auf die Tanzfläche. Ein Paparazzi schoß davon Fotos. Die Headline „The Butler did it!“ erreichte den eifersüchtigen Sinatra noch vor Jacobs. Dieser fand seine Sachen wie damals Ava Gardner vor dem verschlossenen Tor des Anwesens. „Es gab wohl keinen größeren Lebemann im 20. Jahrhundert.“ George Jacobs steht am Grab seines früheren Chefs in Palm Springs und blinzelt in die Sonne: „Erstaunlich, dass er es nicht mehr ins nächste geschafft hat.“ Frank Sinatra hatte oft davon gesprochen. Er starb zwei Jahre zu früh.

Jessica Braun für stern.de am 14.05.08

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