Selber groß – Besser klar kommen mit den Eltern

Der neue Freund, das abgebrochene Studium, die unaufgeräumte Wohnung – es gibt genug Dinge, über die man mit den Eltern streiten kann. Man kann es aber auch einfach lassen.

„Ich komme einfach nicht mehr mit ihr klar“, Sebastian schiebt seine Bierflasche zum hundertsten Mal an diesem Abend von links nach rechts und wieder zurück. Dann stützt er die Stirn auf die Hand: „Am liebsten würde ich ihr sagen, sie soll nie mehr anrufen.“ Das übliche Kneipengespräch. Eines, das man so schon viel zu oft geführt hat und für das man normalerweise ein Standard-Paket Ratschläge auf den Tisch packen könnte: Von „nehmt euch eine Auszeit“ bis „mach doch mal wieder öfter was alleine“. Wäre die Frau, um die es geht, Sebastians Freundin. Und nicht seine Mutter.

Familienkrisen gehören zu den Dingen, für die wir selbst mit 30 Jahren Lebenserfahrung genauso häufig eine Lösung wissen wie für die Befriedung des Nahen Ostens. Fast jeder kennt sie. Manche kennen nichts anderes, das ganze Leben lang. Und selbst die, die mit ihren Eltern eine prima Beziehung haben, können nicht erklären, warum es so ist. Freunde suchen wir uns aus. Weil wir ihren Witz mögen, ihre Gedanken gerne teilen und ihre Kritik gut aushalten können. In eine Familie wird man ungefragt hineingeboren. Und ganz egal, wie das Leben verläuft, ob man sich mit seinen Eltern gut versteht oder kein Wort mehr spricht: Sie gehören zu einem – wie die Haut, die man trägt. „Kindschaftsverhältnisse können nicht aufgekündigt werden“, bestätigt Professor Yvonne Schütze, Dozentin für Allgemeine Pädagogik an der Humboldt Universität zu Berlin. In einer Studie zu den Beziehungen zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern fand sie heraus, dass über 60 Prozent der befragten Kinder sich um ihre alten Eltern kümmerten – egal, ob sie ein gutes Verhältnis zu ihnen hatten, oder nicht. Und bei einer Umfrage des Allensbacher Instituts gaben 72 Prozent der Befragten an, die Familie sei das Wichtigste in ihrem Leben. Familienfest hin, Familienzwist her: Selbst wenn man keinen Nachmittag mit seinen Eltern auf der Couch sitzen kann, ohne sich zu zoffen, bleibt die familiäre Bindung genauso bestehen wie das Gefühl, den Eltern in irgendeiner Form verpflichtet zu sein.

„Ihre Ansichten machen mich wahnsinnig“, erzählt Sebastian, „Manchmal frage ich mich, ob wir wirklich verwandt sind.“ Solche Zweifel befallen manche Kinder schon im Vorschulalter. „Ich habe meine Eltern tatsächlich mal beschuldigt, mich entführt zu haben. Da war ich sechs“, sagt Caro und lacht. Was für Vater und Mutter in diesem Moment vermutlich befremdlich wirkt, ist normal. Jedes Kind beginnt irgendwann, seine Welt in Frage zu stellen. Auch das Umfeld, in dem es lebt. „In der Psychologie nennt man das den ‚Familienroman’“, erklärt Yvonne Schütze, „Das Kind phantasiert sich Gründe zusammen, warum es beispielsweise nicht bei reicheren, lustigeren oder attraktiveren Eltern lebt.“ Kaum alt genug, um uns selbst ein Butterbrot zu schmieren, sehen wir uns insgeheim also schon in einem Tretauto durch eine große Villa brausen oder mit Angelina Jolie als liebevoll lächelndes Gegenüber auf der Wippe sitzen. Wir machen uns ein erstes Bild davon, wer wir sind und wie wir leben wollen. Und protestieren gegen das, was in dieses Bild nicht hinein passt. Frühes Zubettgehen zum Beispiel. Oder Haareschneiden. Oder eben die eigenen Eltern.

Die erste wirkliche Abnabelung beginnt trotzdem erst später, in der Pubertät. „Die Ablösung beginnt im Jugendalter, denn vorher brauchen Kinder ihre Eltern sehr“, sagt die Diplom-Psychologin und Privatdozentin für Entwicklungspsychologie an der Uni Mannheim, Christiane Papastefanou. In den Kindergarten zu gehen klappt vielleicht schon alleine. Aber wenn die älteren Kinder hinter einem her sind flüchtet man trotzdem zu Mama oder Papa. „Natürlich lernen Kinder auch schon früher, selbständig zu werden, aber in der Kindheit sind die Eltern die wichtigsten Bezugspersonen“, erklärt die Psychologin, „Zumal es erst mit der Pubertät richtig intensive Freundschaften zu anderen Kindern gibt.“ Bis zu diesem Zeitpunkt finden wir das Leben normalerweise also ganz in Ordnung – auch ohne in einer Villa aufzuwachsen oder Sylvester Stallone zum Vater zu haben. Immerhin bekommt man das Essen serviert („Wo ist der Flieger?“), wird gebadet oder später zumindest dabei beaufsichtigt. Kleider liegen immer sauber im Schrank und rechtzeitig vor dem Kindergarten auf dem Bett. Wenn etwas nicht funktioniert gibt es jemanden, der es sofort in Ordnung bringt und auf jede Frage dieser Welt („Warum?Warum?Warum?“) eine glaubwürdige Antwort hat („Darum!“). Doch spätestens mit den ersten Pickeln wird das Leben unangenehm. Das Essen bringt längst nicht mehr der „Flieger“, sondern man muss es selbst auf den Tisch stellen. Die Kleider liegen überall dort, wo man sie fallen lässt. Im Schrank dagegen herrscht Leere. Und „Darum!“ ist plötzlich auch keine ausreichende Antwort mehr wenn man wissen will, warum man nicht bis eins auf der Party bleiben darf. Kurz – die allumfassende Fürsorge der Eltern fällt weg. Man muss sich um immer mehr Dinge selbst kümmern und will das natürlich auf die eigene Art tun. Was soviel heißt wie: Egal, wie man es macht – Hauptsache, die Eltern finden es furchtbar.

„Meine Fresse – ich habe damals mein komplettes Zimmer schwarz gestrichen“, erinnert sich Caro. Sie grinst: „Eigentlich fand ich es selbst hässlich. Aber meinen Vater hat es so schön aufgeregt.“ Sebastian zerkrümelt den Bierdeckel. „Ich hatte Poster von Samantha Fox über meinem Schreibtisch. Und gerade weil meine Mutter ständig gemotzt hat, fand ich die gut.“ Er legt den Kopf schief: „Das mit Samantha Fox kann ich jetzt sogar nachvollziehen. Aber meine Mutter hat keinen Grund, ständig gegen meine Freundin zu hetzen.“ Die sogenannte Adoleszenz, also die Zeit, in der wir zu Erwachsenen reifen, beginnt mit der Pubertät. Wir orientieren uns plötzlich nicht mehr an dem, was die Eltern tun oder erwarten, sondern eher konträr dazu. „In unserem Kulturkreis wird erwartet, dass Menschen selbständig leben“, erklärt Professor Yvonne Schütze, „Nicht nur psychisch und später räumlich, sondern auch materiell.“ Sich zu verhalten wie die eigenen Eltern kommt in dieser Zeit der Selbstfindung für die Wenigsten in Frage. Aus kindlicher Bewunderung wird erste Ablehnung. „Man fängt an, die Eltern kritisch zu sehen. Und findet sie extrem peinlich“, sagt Schütze. Normalerweise sollte diese Phase spätestens mit dem Auszug abklingen. In der ersten eigenen Wohnung können wir unsere Klamotten herum liegen lassen bis sie anfangen zu riechen. Unsere Haare dürfen den Abfluß bis zum Sankt Nimmerleinstag verstopfen und wir können den Flur mit sämtlichen Playboy-Centerfolds des letzten Jahres tapezieren. Wir können wild leben. Und das so lange, bis sich entweder die Mitbewohner beschweren, oder uns endlich selbst aufgeht, dass man schneller vom Bett ins Bad kommt, wenn man auf dem Weg nicht über leere Bierflaschen steigen muss. Die Weltgesundheitsorganisation WHO beschreibt die Adoleszenz als eine Phase, die mit 10 Jahren beginnt und mit 20 Jahren endet. Danach haben wir bereits einiges im Leben ausprobiert, manches adaptiert und anderes aussortiert. Das Selbstbild ist relativ gefestigt. Auch eine Vorstellung davon, wie wir unser Leben leben wollen, existiert. Jetzt könnten wir unseren Eltern eigentlich auf Augenhöhe begegnen. Wäre da nicht die materielle Abhängigkeit, die sich besonders bei Studenten noch über viele Jahre hält.

„Eltern setzen Geld gern als Druckmittel ein. Wenn ich will, dass es weiter fließt, muss ich Wohlverhalten zeigen“, so die Pädagogin Schütze. Das heißt in harmlosen Fällen regelmäßig anzurufen und am Sonntag zum Kaffee vorbeizukommen. In ernsthaften kann es aber auch bedeuten, seine Beziehung und/oder das Studienfach überdenken zu müssen. Ständige Streits sind die Folge. Diskussionen, bei denen in den seltensten Fällen deutlich ausgesprochen wird, worum es eigentlich geht: „Wenn du dich nicht von Tina trennst, kannst du die 600 Euro im Monat von uns vergessen.“ Während das erwachsene Kind sich gegängelt fühlt, empfinden die Eltern ihr Verhalten als Fürsorge. Sie wollen „nur das Beste“ für ihren Nachwuchs. Und das ist aus ihrer Sicht ein Leben, wie sie es selbst geführt haben, oder hätten führen wollen. Insgeheim wünschen Eltern sich, dass ihre Kinder so werden wie sie. Sie sollen die gleichen Werte haben, die gleichen Ansichten und bitte so handeln, wie die Eltern das täten. Weil alles andere bedeuten würde, die Eltern als Menschen in Frage zu stellen – immerhin haben sie einen nach bestem Wissen und Gewissen erzogen.

Und so gibt es, ob mit Unterhaltszahlungen oder ohne, genug Themen, die den gemeinsamen Sonntagnachmittagsspaziergang zur Strapaze machen können. Vom Wohnort über den Freundeskreis bis zur Familienplanung liegen unzählige Steine herum, an denen wir (oder unsere Eltern) Anstoß nehmen können. „Jedes Mal, wenn ich einem Obdachlosen Geld gebe, sagt mein Vater etwas wie: ‚Der soll sich eine anständige Arbeit suchen’“, sagt Caro. Sebastian nickt: „Das kommt mir bekannt vor.“ Die Punkte, in denen wir mit unseren Eltern uneinig sind, ändern sich kaum. Und gerade weil es sich meist um grundlegende Einstellungen handelt, ist es für beide Seiten so schwer, die andere zu verstehen. Doch obwohl eine erzkonservative Mutter und ihre erzliberale Tochter vielleicht nie ein sachliches Gespräch über Einwanderungspolitik führen können, heißt das nicht zwingend, dass die beiden grundlegend verschieden sind. „Untersuchungen zu Moral und Werten von Familienmitgliedern haben gezeigt, dass die Unterschiede zwischen Eltern und Kindern nicht so groß sind, wie erwartet“, sagt Schütze, „Die Diskrepanz wird nur unterschiedlich stark empfunden.“ Während nämlich Eltern dazu tendieren, die Verschiedenheit ihrer eigenen Haltung von der ihrer Kinder nur als ein trennendes Rinnsal zu sehen, sehen die Kinder darin gleich die Niagara-Fälle – ein unüberwindbares Hindernis. Die erzkonservative Mutter wäre demnach vielleicht dazu fähig, in ihrer Tochter die eigene Sturheit wiederzuerkennen. Und diese liebevoll als kleine Schwäche zu betrachten. Die Tochter würde ihre Mutter vermutlich nur verständnislos als „Rechte“ beschimpfen.

„Egal, wie ich versuche es meiner Mutter zu erklären – ich komme nicht weiter“, jammert Sebastian. Tatsächlich ist Schweigen oft die beste Methode, um besser mit den Eltern klar zu kommen. Kein grundsätzliches, kein monatelanges, sondern nur ein Aussparen der schwierigen Themen. „Erwachsenwerden heißt, sich ein für alle Mal von der Rolle des Kindes zu verabschieden“, sagt Yvonne Schütze. Und das bedeutet, sich davon frei zu machen, was die Eltern denken. Wer merkt, dass auch jahrelange Diskussionen über die Nachteile des Fleischessens nicht fruchten, sollte sich einfach damit abfinden, dass die Eltern an Weihnachten Braten auf den Tisch stellen. Sich notfalls ein Käsebrot belegen, über andere Dinge sprechen und sich auf die Bratlinge im eigenen Kühlschrank freuen. Die Hoffnung, seine Eltern ändern zu können, ist genauso unangemessen wie die der Eltern, ihre erwachsenen Kinder noch weiter erziehen zu dürfen. Und auch bedingungsloses Verständnis ist nichts, womit man noch rechnen sollte, wenn man sein Tretauto längst gegen einen VW-Bus eingetauscht hat. „In einer Studie, an der ich mitgearbeitet habe, wurden erwachsene Kinder gefragt, was sie am meisten an ihren Eltern ärgert“, erzählt Schütze, „Es gab tatsächlich 50jährige, die noch antworteten: ‚Dass sie mich nicht akzeptieren, wie ich bin.’“ Doch wer will ernsthaft noch mit 50 vom Wohl und Wehe seiner Eltern abhängig sein? Eigentlich möchte man ihnen doch sagen können: „Danke für alles, was ihr getan habt. Aber ab hier kann ich alleine weitergehen.“ Um unsere Eltern lieben zu können, ist es wichtig, vieles in der Beziehung aufzugeben: Den Wunsch versorgt zu werden, zum Beispiel. Oder das Erwarten ewig offener Ohren. Nur so kann das Verhältnis zueinander auf einer gleichberechtigten Ebene neu beginnen. Zwischen Erwachsenen. Denn wenn wir zu lange darauf warten, dass unsere Eltern alle Entscheidungen abnicken und jede Tat gutheißen, übergehen wir letztlich die Person, der wir am Ende wirklich Rechenschaft schuldig sind. Spätestens dann, wenn wir bereit sind, eine eigene Familie zu gründen. Uns selbst.

Jessica Braun für Blond 05/08

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