Rotterdam: Stadt der bunten Bauten

Wo die Altstadt ist, fragt man als deutscher Tourist in Rotterdam besser nicht. Um Interesse an Architektur zu bekunden, ist man in der jungen Stadt aber am richtigen Ort. Und wird für die Neugier belohnt.

Der Architekt muss betrunken gewesen sein. Wer braucht Fenster, durch die man nur in den Himmel oder auf den Boden sehen kann? „Verrückt, nicht?“ Froukje de Friejs hat den Kopf mit den blonden Locken in den Nacken gelegt und sieht zu den gelb gestrichenen Reihenhäusern hoch. Sie haben die Form von Würfeln, die auf einer Ecke stehen. „Aber sie sind alle bewohnt.“ Die Rotterdamer Würfelhäuser sind ein Entwurf des holländischen Architekten Piet Blom. Von innen betrachtet gar kein so schräger. Doch obwohl oder weil die Fenster anders ausgerichtet sind, als man es gewohnt ist, sind die Räume sehr hell. Und durch den Innenhof und gemeinsam genutzte Treppen und Plattformen ist der Komplex aus den 80ern auch ein Ort der Begegnung für die Bewohner.

„So etwas findet man nur hier in Rotterdam,“ sagt Froujke und ich mag ihr nicht widersprechen. Die 24jährige steht kurz vor dem Abschluss ihres Architekturstudiums an der renommierten Technischen Universität in Delft, 12 Kilometer vom Stadtzentrum Rotterdams erntfernt. Und sie arbeitet als Tourguide für „Archiguides“, eine Firma die Gruppenführungen zu den spannendsten Gebäuden der Stadt anbietet. Wenn man mit Froukje durch Rotterdam schlendert, kann man gar nicht anders, als der jungen Frau in ihrer Begeisterung beizupflichten. Denn auch, wenn andere europäische Metropolen wie Paris oder London durchaus mit spektakulärer Architektur aufwarten können – in der holländischen Hafenstadt scheint die Kreativität in jeder noch so abgelegenen Straße in Stein gemauert. Seien es die Bürogebäude, die anderswo farblose Zementklötze, hier aber luftige, torähnliche Konstruktionen oder scheinbar freischwebende Einheiten mit runden Fenstern sind. Oder aber die Wohnhäuser, deren Fassaden in Terrassen zum Wasser hin abfallen oder mit riesigen Glasflächen an die Leichtigkeit des Bauhauses erinnern. „Eine Kommilitonin von mir ist nach Berlin gezogen. Sie wollte dort ihren Abschluss machen“, erzählt Froukje. „Nach einem Jahr kam sie zurück – die deutschen Studenten haben sie immer gefragt, warum sie nicht in Rotterdam geblieben ist. Um Architektur zu studieren ist das die beste Stadt Europas.“

Tatsächlich gibt es für Architekten in Rotterdam nicht nur eine erstklassige Ausbildung, sondern auch genauso gute Chancen. Die Stadt ist jung – anders als im Rest der Niederlande hat sich ihre Bevölkerung seit dem Jahr 2000 verjüngt. Und Rotterdam wächst. Vom nördlichen Ufer des Rheins, können wir hinter der Erasmus-Brücke die Hälse der Baukräne sehen. Das Kop van Zuid, das Südufer, wird gerade umgestaltet. Große Namen wollen hier, auf dem ins Wasser ragenden Ausläufer Wilhelminapier, hohe Häuser bauen. Den Anfang machte Sir Norman Foster mit seinem World Port Center – der Architekt, der unter anderen auch dem deutschen Reichstag seine Kuppel und London ein Hochhaus in Form eines Vibrators verpasste. 2008 sollen nun die Bauarbeiten des in Rotterdam ansässigen Stararchitekten Rem Koolhaas beginnen. Sein Entwurf wird ein Hotel, aber auch Wohnungen und Geschäfte beherbergen. Das höchste Wohnhaus der Niederlande, der 140 Meter in den Himmel ragende Montevideo-Komplex, steht allerdings schon. Der Wind pfeift uns um die Ohren – die Hochhäuser wirken wie ein Windkanal. „Es ist, als hätte man die ganze Stadt auf dem Flur“, sagt Froukje über den Appartment-Turm, „Es gibt einen Lebensmittellieferservice, ein schickes Sushi-Restaurant, ein Fitnessstudio und Angestellte, die einem den Hund ausführen. Man müsste das Gebäude theoretisch gar nicht mehr verlassen.“ Dabei war dieser Teil der Stadt früher das Tor zur Welt. Doch neben den Namen der bereits vorhandenen und noch in der Planung befindlichen Neubauten – Las Palmas, New Orleans, Havana – erinnert daran nur noch ein altes Speichergebäude. Und das Hotel New York. Früher befand sich in dem Jugendstilhaus mit seinem Glockentürmchen das Hauptbüro der Holland America Lijn. Der transatlantische Passagier-Liniendienst brachte Ende des 19. Jahrhunderts über eine Million Auswanderer mit all ihren Koffern und Träumen von Holland in die Vereinigten Staaten. Im Restaurant des Hotels erzählen Rettungsringe und Taue noch von diesen Tagen, die für jeden, der ein Schiff bestieg, mit Hoffnung begannen. Doch heute legen vom Hotel New York nur noch kleine Boote ab: die Wassertaxis.

„Eigentlich müssten sie Unterwasser-Taxis heißen“, sagt Froukje. Ich versuche durch die von Wasser überspülten Scheiben nach draussen zu sehen. An einem windigen Tag wie heute ist die Fahrt mit einem der kleinen Motorboote richtig abenteuerlich. Jede Welle bringt es zum Schaukeln und die größeren schwappen sogar über das Dach. Nach der Überquerung des Rheins lässt uns das Taxi im Veerhaven aussteigen, einem kleinen Yachthafen mit alten Holzsegelbooten, der gerahmt ist von Bäumen und Villen mit Stuckfassaden. In Rotterdam sind solche Orte selten. Und „Nach der Bombardierung…“ ist die Zeitangabe, mit der Froukje viele ihrer Sätze beginnt. Als Deutscher fragt man in Rotterdam besser nicht, wo denn die Altstadt sei. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg fast vollständig von der Luftwaffe zerstört.

Auch in der Innenstadt gibt es noch alte Bauten. Wir treffen dort Dagmar Veenstra im Café „Rotown“, in dem tagsüber Frühstück serviert wird und nachts internationale Bands auf der Bühne stehen. Die 28jährige leitet mit ihrem Lebensgefährten Rutger van der Graaf „Archiguides“ – die Firma, bei der Froukje de Vries als Tourguide jobbt. „Eigentlich haben die Deutschen der Stadt viel Zeit und Geld gespart“, sagt Dagmar und streicht sich den schwarzen Pony aus der Stirn. Dann schmunzelt sie und plötzlich sehe ich das Erbe ihres englischen Vaters in ihrem Gesicht: den typisch britischen Humor. „Natürlich würde kein Rotterdamer das zugeben.“ Sie nippt an ihrem Koffee verkeert, dem Milchkaffee, wird wieder ernst: „Ganz so kann man das natürlich nicht sagen. Aber es gab schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg Pläne zu einer großflächigen Stadterneuerung.“ Besonders das Rotlichtviertel im Zentrum war den Stadtvätern ein Dorn im Auge. Mit dem Wiederaufbau wurden die Besitzer vieler Häuser in der Innenstadt gegen eine Entschädigung enteignet. Selbst die Kanalisation wurde aufgerissen, um die Idee der neuen Stadt zu verwirklichen. Das heutige Stadtbild ist deswegen tatsächlich moderner als alle anderen in Europa.

„Ich würde gern noch eine Runde bummeln“, sagt Dagmar, als Froukje sich verabschiedet. „Vielleicht gehen wir in die Witte de With Straat?“ Sie marschiert vor, ihr Petticoat schwingt bei jedem Schritt. Obwohl ihre Mutter in der ehemaligen holländischen Kolonie Indosien geboren ist, ist Dagmar Rotterdamerin aus Überzeugung: „Hier gibt es so viele junge Menschen, es ist immer etwas los.“ Neben ihrer Arbeit für „Archiguides“ hilft die studierte Kunstwissenschaftlerin bei der Organisation verschiedener Festivals in der Stadt. Bei „Motel Mozaïque“ beispielsweise, einem interdisziplinären Festival das Performance, Film, Musik und Kunst verbindet. Dagmar ist stolz auf die vielen kulturellen Ereignisse, die Rotterdam zu bieten hat: „Das Filmfestival ist immer ein großer Spaß.“ Sie rückt ihre schwarz-weiße Brille zurecht. „Zwei Wochen lang verbringen wir jede Nacht im Kino. Gegen Ende ist man total erledigt. Aber wenn der Film schlecht ist, kann man ja auch im Kino schlafen.“ Sie grinst frech. Doch nicht nur in Sachen Kultur hat die Stadt einiges zu bieten.

„Gabba?“ Dagmar verzieht das Gesicht. „Dafür waren wir mal berühmt, ja.“ An die düsteren Partys mit Stroboskop-Licht und hartem Technosound erinnert im Rotterdamer Nachtleben nicht mehr viel – davon habe ich mich letzte Nacht schon überzeugt. Im Club „Catwalk“, einem umgestalteten Tunnel mitten im Bankenviertel, kann man zwischen Blümchenvorhängen bis zum frühen Morgen bei House-Musik feiern. Und schon auf dem Weg dorthin standen Schlangen von Nachtschwärmern auf der Straße und warteten auf Einlaß zu diversen Partys, tönte laute Musik aus einem ehemaligen Kino und den vielen kleinen Bars. Dagmar nickt: „In Ecke ist viel los, das stimmt.“ Das spannendste Projekt ist allerdings die Party-Reihe SDC, findet sie. Die Club-Nacht wandert momentan noch durch verschiedene Locations, soll aber ab September einen festen Platz im eigenen Haus bekommen. SDC steht für „Sustainable Dance Club“, also einen Club, der versucht Wasser- und Stromverbrauch gering zu halten und wo es geht, auf Recycling zurück zu greifen, ohne Abstriche bei Design und Programm zu machen. Mit ihrer Erfindung, der Bewegung in Strom umwandelnden Tanzfläche, waren die Veranstalter gerade sogar zu Gast in Paris. Noch hält sich das Gerücht, dass Amy Winehouse bei der Cluberöffnung spielen soll. Die drogenaffine Britin mit der Soulstimme hatte einen ihrer allerersten Auftritte überhaupt in Rotterdam. Dagmar legt den Kopf schief: „Selbst wenn sie hier auftreten wollte – man weiß ja nie, ob sie stehen kann.“ Dann deutet sie auf einen Laden. „Der hier ist interessant.“ Der Shop gehört zur Willem de Kooning Academie, der Kunsthochschule. Die Studenten und Absolventen können dort ihre Produkte ausstellen und verkaufen. Tatsächlich sind die Sachen viel alltagstauglicher, als man es bei Kunstprodukten erwarten würde: Es gibt zierliche Ketten mit Kugeln aus Edelsteinen, großformatige Akt-Fotos, und schlichte Pullover aus Wolle, Seide und Kaschmir. Ich kaufe mir einen in Schwarz. Auch weil die Verkäuferin mir ihren zeigt, der, wie sie behauptet, schon sieben Jahre alt ist und noch genauso neu aussieht wie die von der Stange. Danach gehen wir noch nebenan in Kleidern stöbern, die zwar nicht Kunst, aber auch künstlerisch sind. Margreeth Olsthoorn verkauft in ihren gleichnamigen Boutiquen, die mit ihrer puristischen Einrichtung an Galerien erinnern, Frauen- und Männermode von Martin Margiela, Hussein Chalayan und noch unbekannten Nachwuchsdesignern. Dagmar putzt sich die Brille. Es hat zu regnen begonnen. „Wie wäre es mit Torte? Es gibt einen sehr guten Konditor nicht weit von hier.“ Die Konditorei Jeroen van der Graaf liegt nur ein paar Straßen weiter, in der Scheepstimmermanslaan, nahe beim berühmten Boijmans van Beuningen Museum und dem niederländischen Architekturinstitut. Im Fenster steht eine beeindruckend hohe Hochzeitstorte, gekrönt von einem weiblichen Paar. „Ja, Rotterdam ist ein wenig anders.“ Dagmar hat meinen verwunderten Blick gesehen. Dann zeigt sie auf den Schriftzug auf dem Schild, das vor dem Eingang steht: „Du hattest doch nach Architekten gefragt…“ „Jeroen van der Graaf – Taartarchitect“ lese ich. Und schmunzele. In Rotterdam sind selbst die Konditoren Architekten.

Reisetipps Rotterdam

Wohnen: Im Suitehotel Pincoffs hat jedes Zimmer seinen eigenen Charme – das Besitzer-Ehepaar hat sie selbst dekoriert. Besonders schön: Die Suite mit freistehender Badewanne vorm offenen Kamin. Zimmer ab 125 Euro pro Nacht. Suitehotel Pincoffs, Stieltjesstraat 34, Rotterdam. Tel. +31 (0) 10 2974 500,

Essen: Im Restaurant Level ist es schwierig, einen Tisch zu bekommen. Wer es schafft, wird mit köstlichen Fisch- und Fleischkreationen verwöhnt. Pannekoekstraat 76 A, Rotterdam. Tel. +31 (0) 10 280 07 88.

Sehr gemütlich und typisch holländisch ist das Café Sifj in einem Jugendstilhaus in der Fußgängerzone. Die Sandwichs sind die Wucht und schmecken wie der Apfelkuchen am besten mit einem Becher heißer Chocomel. Oude Binnenweg 115, Rotterdam. Tel. +31 (0) 10 4332610.

„Rutger und ich haben einmal versucht, die Espresso Bar zu boykottieren“, sagt Dagmar. Der Service ist mieserabel. Aber wegen der Kuchen und des besten Kaffees der Stadt ist der Laden immer voll. Und kein Rotterdamer mag lange darauf verzichten. Urban Espresso Bar, Botersloot 44a.

Ausgehen: In einem alten Tunnel hat sich der Houseclub Catwalk angesiedelt. Zwischen geblümten Vorhängen und bunten Kissen feiern junge Rotterdamer zu internationalen DJs. Weena Zuid 33,

Im September wird in Rotterdam der erste Öko-Club eröffnet. Allerdings ganz ohne Räucherstäbschen und Batik-Optik, dafür mit einer Tanzfläche, die bei Benutzung Strom produziert und einer Anlage, die Feuchtigkeit aus der Luft zieht und diese in Spülwasser für die Toiletten umwandelt.

Shoppen: Internationale Jungdesigner und Streetwear gibt es bei Shopper. Meent 119,

Eine stilsichere Auswahl an Männer- und Frauenmode bieten die zwei Läden von Margreeth Olsthoorn. Margreeth Olsthoorn in der Witte de Withstraat 5a (Frauen) und MG H2O in der Witte de Withstraat 39 a.

In der Galerie Blaak 10 verkaufen die Studenten, Absolventen und Mitarbeiter der Willem de Kooning Academie ihre Kunstwerke und Produkte. Witte de Withstraat 7a
Führungen: Stadtführungen mit dem Rad oder zu Fuß können über Archiguides gebucht werden – leider erst ab 6 Personen. Conradstraat 6, Rotterdam, Tel. +31 (0) 10 4332231

Reiseinfos: Auf der Website des Niederländischen Büros für Tourismus & Convention oder unter der deutschen Nummer Tel. 0221/925 717 0 finden Reisende alles zu Anreise, Unterkunft, Shopping und Unternehmungen. Besonders zu empfehlen ist die Broschüre „8 Shopping Routes on Foot“, die man kostenlos als PDF herunterladen kann.

Jessica Braun für Petra 06/08

Advertisements