10 Ideen, die die Welt verändern können – Vom Nachtclub bis zum Anti-Terror-Programm

Hunger, Armut, Klimawandel, Terrorismus – die Welt steht vor scheinbar unlösbaren Problemen. Zum Glück gibt es Menschen, die sich einsetzen, anstatt zu resignieren. Menschen, die Ideen haben und sich für deren Verwirklichung stark machen, um anderen zu helfen. 10 Beispiele.

1. Kredite geben mit Taschengeld
„Kennen Sie das Sprichwort mit dem Mann und dem Fisch?“ fragt Premal Shah, 32. Der ehemalige Paypal-Manager zitiert: „Gib einem Hungernden einen Fisch, und er wird einmal satt, lehre ihn Fischen, und er wird nie wieder hungern.“ Shah ist Gründer von Kiva, einer Organisation die Mikrokredite an Menschen in der Dritten Welt vermittelt. „Wenn Sie jemandem einen Mikrokredit geben, ist das, als bekäme er eine Angel“, beschreibt er das Prinzip, nach dem Kiva arbeitet. Kleinstunternehmer in Entwicklungsländern – Markthändler, Schneider oder Bauern – schaffen es aus eigener Kraft selten, die unterste Armutsschwelle zu überwinden. Um Waren aufzustocken, einen Laden zu eröffnen oder einen Transporter zu kaufen, reicht das Einkommen nicht und örtliche Banken verlangen von ihnen Sicherheiten, die sie nicht haben. Oft fehlen jedoch nur ein paar hundert Dollar. Kleine Beträge, die Kiva zur Verfügung stellt. Doch anders als Mikrokredit-Banken, die das Geld von Finanzpartnern oder Spendern erhalten, sind es bei Kiva Internetnutzer wie du und ich, die zusammenlegen, um den Kredit zu ermöglichen. Wer sich unter http://www.kiva.org anmeldet, kann sich die Profile von Kreditnehmern aus aller Welt ansehen und sich aussuchen, wem er sein Geld geben möchte – mindestens 25 Dollar. Zinsen gibt es keine. Haben sich genug Geldgeber für ein Projekt gefunden – das dauert oft nur einen Tag -, wird der Kredit ausbezahlt. Der Kreditnehmer hat dann im Schnitt zwischen sechs bis 12 Monaten Zeit, das Geld zurück zu zahlen.
Die Idee, mit Mikrokrediten zu helfen, kam Premal Shah wähend eines Sabbaticals in Indien. „Als ich zurück kam, versuchte ich es erstmal per Ebay“, erinnert sich Shah. Er lud die Profile von Kleinstunternehmern im Internetauktionshaus hoch und versuchte auf diesem Weg Bieter zu finden die bereit waren, ihr Geld zu verleihen. Doch Ebay kam ihm auf die Schliche und sperrte sein Profil. Also kündigte er seinen Job bei Paypal und gründete mit zwei Freunden Kiva. Mittlerweile hat die Organisation über 13 Millionen Mitglieder die gemeinsam pro Woche ungefähr 700.000 Dollar verleihen. „Anfangs fühlt es sich vielleicht seltsam an, jemandem in der Dritten Welt sein Geld zur Verfügung zu stellen“, sagt Shah, „Doch wenn dann die erste Rate zurück kommt, ist das großartig. Man weiß, man hat etwas bewegt.“ Die Rückzahlrate bei Kiva ist extrem hoch: 99,8 Prozent. Ein kleines Risiko bleibt trotzdem. „Wenn man einem Freund etwas leiht, weiß man ja auch nicht, ob er das Geld zurück zahlt“, sagt Premal Shah, „Aber eines der größten Geschenke, das man einem Menschen machen kann, ist Vertrauen.“

2. Freies Denken statt virtueller Mauern
„Der Kampf um mehr Demokratie und Menschenrechte hört nie auf“, sagt Ronald Deibert, „Und globale Kommunikation trägt wesentlich dazu bei.“ Man könnte ihn als einen Hacker bezeichnen, doch eigentlich ist Deibert Professor für Politikwissenschaften an der Universität Toronto und Leiter des Citizen Lab. Das Citizen Lab unterstützt Forschungen im Bereich Politik und digitale Medien. Ein Schwerpunkt ist dabei die Zensur: „Jeder sollte das Recht auf Rede- und Informationsfreiheit haben“, findet Deibert. Deswegen hat er mit seinen Kollegen das Computerprogramm Psiphon entwickelt. Mit Psiphon können Menschen, die in Ländern ohne Pressefreiheit leben, jede Seite im Internet aufrufen, die sie sehen möchten – selbst wenn diese von staatlicher Seite blockiert wird. „Die Idee zu Psiphon entstand während eines Projekts, an dem wir zusammen mit den Universitäten Harvard, Toronto, Cambridge und Oxford gearbeitet haben“, erzählt der Wissenschaftler, „Wir haben untersucht, wie Inhalte aus dem Internet gefiltet werden.“ Und damit auch, wie Zensur funktioniert. In manchen Fällen macht Zensur Sinn – beispielsweise wenn Eltern ihren Computer mit einer Kindersicherung versehen, damit der Nachwuchs keine Seiten mit pornografischen Inhalten öffnen kann. Oder wenn, wie in Deutschland, die Verherrlichung von NS-Verbrechen oder die Leugnung des Holocaust von staatlicher Seite verboten sind. Doch in großen Teilen der Welt, darunter Länder wie Burma, Iran oder Syrien, dürfen die Menschen entweder gar nicht ins Internet, oder können nur Seiten besuchen, die von der Regierung freigegeben sind – der Staat bestimmt, was seine Bürger wissen dürfen. Oppositionelle Meinungen, internationale Nachrichten oder auch kritische Berichte zum nationalen Geschehen werden ausgeklammert. Ein Grund, warum viele Menschen in Burma vermutlich nie erfahren werden, dass internationale Hilfsorganisationen zwar nach dem Zyklon zur Stelle waren, aber nicht ins Land gelassen wurden.

„Das Internet wurde lange Zeit als Raum verstanden, in dem jeder frei sein kann“, sagt Ronald Deibert, „Doch dieser Raum wird drastisch von Nationen und Konzernen eingeschränkt, die sehr kurzfristig denken und sich nur an ihrer Sicherheit und ihrem Profit orientieren.“ Psiphon, das von ihm mitentwickelte Computerprogramm, sprengt diese virtuellen Mauern. Die Funktionsweise ist einfach: Theoretisch kann jeder, der in einem Staat ohne Zensur lebt, Psiphon auf seinem Rechner installieren. Der Rechner wird dadurch zu einem sogenanten Proxyserver, also einer Art Vermittler, der auf der einen Seite Anfragen entgegennimmt, um dann über seine eigene Adresse eine Verbindung zur anderen Seite herzustellen. So bleibt derjenige, der an der staatlichen Zensur vorbeisurfen will, anonym und kann sich ungestört informieren. „Es gibt noch viele Probleme auf dieser Welt zu lösen“, sagt der Politikwissenschaftler, „Umweltverschmutzung, Hunger, Krankheiten und Armut. Um diese in den Griff zu bekommen, müssen Menschen ohne Einschränkung über die Grenzen hinaus miteinander kommunizieren können.“ Und auch, wenn ihnen in ihrem Land sonst die Hände gebunden sind, gibt ihnen Psiphon zumindest dazu die Möglichkeit.

3. Orangenhaut statt Plastik
„Eines Tages werden wir zurückblicken und uns fragen: ‚Erinnerst du dich daran wie wir früher Plastikbehälter weggeworfen haben?’“ Geoffrey Coates, Professor an der Cornell Universität in Ithaca glaubt, dass es bis zu diesem Tag nicht mehr allzu lange dauern kann. Erdöl, das für die Herstellung nahezu jeder Plastikart vom Polyester in Kleidung bis zu den Einwickelfolien für Lebensmittel verwendet wird, ist Schätzungen zufolge nur noch in begrenzten Mengen vorhanden. Gerade erst vermeldete der ADAC, dass die Benzinpreise im Mai die höchsten aller Zeiten waren und obwohl niemand genau sagen kann, wieviel Öl noch im Boden steckt, äußern auch die Chefs der Ölkonzerne Bedenken: Die Nachfrage könnte schon in zehn Jahren größer sein als das Angebot. Rezession und drastische Einschränkungen unserer Lebensgewohnheiten wären die Folge. Besser, man fängt schon jetzt an, dort wo es möglich ist auf den kostbaren Rohstoff zu verzichten. „Wenn die Möglichkeit besteht, anstatt Erdöl reichlich vorhandene, erneuerbare und billige Resourcen zu nutzen, dann müssen wir diese erforschen“, so Geoffrey Coates in einem Interview mit dem Internet-Magazin ScienceDaily. In seinem Labor beschäftigt er deswegen mehrere Chemiker, die versuchen recycle- oder abbaubare Materialien herzustellen. Aus Komponenten, die günstig, leicht erhältlich und umweltfreundlich sind. So wie das Plastik aus Orangenschalen. Oder besser gesagt, deren Öl. Limonen ist ein Rohstoff, der in vielen Früchten vorkommt und unter anderem auch zum Parfümieren von Spülmitteln benutzt wird. In der Haut von Orangen steckt er in Massen und kann, wenn er mit einem speziellen Gas zur Reaktion gebracht wird, ein Polymer erzeugen – die Grundlage für Plastik. Doch als wäre diese Idee nicht schon brilliant genug, wird bei der Herstellung auch noch der Umwelt etwas Gutes getan: Das Gas, das zur Verwendung des Orangenplastik benutzt wird, ist CO2. Der in Verruf geratene Stoff, der für den Klimawandel verantwortlich gemacht wird. Sollte sich das Verfahren von Geoffrey Coates also durchsetzen, würde die Plastikindustrie CO2 verbrauchen, anstatt es zu produzieren. Und das einzige Abfallprodukt wäre jede Menge Orangensaft.

4. Erhalten statt verbrauchen
„Als Konsument hat man die Wahl, ob man Produkte kaufen möchte, die der Umwelt schaden, oder eben nicht“, sagt Jaqcues Fath. Der Franzose ist Vorsitzender des Ethik-Kommitees der ersten grünen Verbrauchermesse in Frankreich, der Planete Durable, die im April erstmalig ihre Tore öffnete. Es waren die Fakten, die ihn und seine Kollegen Ivan Lacroix und Christophe Merer auf die Idee brachten, einen Ort zu schaffen, an dem ökologisch und ethisch einwandfreie Produkte vorgestellt werden können. „Laut einer französischen Studie halten 91 Prozent der Menschen hier den Umweltschutz für eine unserer obersten Prioritäten. 81 Prozent sind bereit, umweltfreundlicher einzukaufen. Aber 53 Prozent wissen nicht wo und wie“, erklärt der ehemalige Exportmanager des Kosmetikkonzerns YSL. Die Messe war ein guter Anfang, um das zu ändern: Vom kompletten Holzhaus über Kosmetik und Kleidung bis zu Versicherungen war dort alles zu finden, was man zum schicken und korrekten Leben braucht. Oder auch nicht braucht, aber gerne haben möchte – wie die sich mit Grünpflanzen selbstreinigenden Swimmingpools der Schweizer Firma Bioteich. Jaqcues Fath ist überzeugt davon, dass die Messe im Bewußtsein der über 22.000 Besucher etwas verändert hat: „Grüne Produkte sind cool. Und es bleibt zu hoffen, dass die Tage derjenigen Marken gezählt sind, die diese Welt kaputt machen.“

5. Magnete gegen Krebs
Den Hahn aufdrehen und Wasser trinken – in Deutschland, einem der Länder mit der besten Wasserqualität weltweit, ist das eine Selbstverständlichkeit. Auch im südasiatischen Staat Bangladesh dachten die Menschen lange Zeit, dass es selbstverständlich sei, Wasser zu trinken. Die schwarzen Flecken an ihren Körpern, die erstmals in den 70ern im Dorf Jampukkur entdeckt wurden, die schwarz anlaufenden Nägel und blutenden Geschwüre, hielten die Bewohner für eine mysteriöse Krankheit, die oft auch tödlich endete. Erst durch eine wissenschaftliche Untersuchung 1993 wurde die Ursache dafür eindeutig geklärt: Arsenvergiftung durch Trinkwasser. Schuld daran ist das Grundgestein. Vor allem im Westen Bangladeshs besteht es zu großen Teilen aus Pyrit – wegen seines goldenen Funkelns wird der Stein hierzulande auch Katzen- oder Narrengold genannt. Hübsch anzuschauen, aber giftig, denn er kann Spuren von Arsen enthalten. Um die Wasserversorgung der Bevölkerung zu sichern, wurden tiefgelegene Reservoirs angezapft und mit dem sinkenden Grundwasserspiegel kam der Pyrit an die Oberfläche. Das Gestein reagierte mit Sauerstoff und das Arsen trat aus: Ins Wasser. Bis heute trinken über 18 Millionen Menschen dort täglich dieses Wasser. Dank der Entdeckung einer amerikanischen Wissenschaftler-Gruppe der Rice Universität in Texas hoffentlich nicht mehr lange. Die Forscher unter der Leitung von Vicki Colvin machten Versuche mit Magneten und deren Wirkung auf Nanopartikel im Wasser. Sie stellten fest, dass sich Eisenpartikel bereits mit einem gummiballgroßen Magneten aus der Flüssigkeit ziehen lassen. „Bisher dachte man, so kleine Partikel könne man nur mit starken magnetischen Feldern anziehen. Wir waren selbst überrascht“, sagte Colvin in einem Interview mit der Website Chemlin. Da Eisen Arsen bindet, wiederholten sie den Versuch mit kontaminiertem Wasser – erfolgreich. „Normalerweise benötigt man komplexe Hardware und mit Strom betriebene Hochdruck-Pumpen, um das Arsen aus dem Wasser zu filtern“, so die Expertin für Nanotechnologie, „Für unsere Methode benötigt man neben dem Magneten nur Rost, Olivenöl und einen Gaskocher.“ Dinge, die selbst in armen Ländern verfügbar sind und mit denen die Menschen sich selbst helfen können – ihr tägliches Wasser filtern, damit es wieder trinkbar wird. Und gesund.

6. Tanzen für mehr Strom
„Unser größtes Problem sind die Erwartungen, die andere in uns setzen“, sagt der Holländer Stef van Dongen. Ursprünglich wollte er nur eine Party für seine Nonprofit-Organisation Enviu ausrichten. Doch weil Enviu sich nur mit Projekten beschäftigt, die der Verbesserung sozialer oder ökologischer Zustände dienen, sollte auch diese Party nachhaltig gefeiert werden – also mit möglichst wenig Schaden für die Umwelt. Van Dongen tüfftelte eine Weile und resignierte: „Es ging nicht.“ Ganz aufgegeben hat er die Idee allerdings nicht. Im Gegenteil: er hat sie weiter verfolgt und Partner dafür gefunden, unter anderem den Architekten Alijd van Doorn vom Döll Atelier voor Bouwkunst. Nun steht im September diesen Jahres die Eröffnung des ersten nachhaltigen Clubs „WATT“ in Rotterdam bevor. Über 200 der freiwilligen Enviu-Mitarbeiter (Studenten, Künstler, junge Unternehmer) haben ihre Zeit und ihr Wissen investiert, um den Club so ökologisch korrekt wie möglich zu gestalten. Das spannendste Detail ist vermutlich die Tanzfläche, die aus den Bewegungen der Tänzer Energie erzeugt. Aber auch der Kondensator ist bemerkenswert, der den Schweiß aus der Luft zieht und dann als Spülwasser in die Toiletten leitet. „Wir wollten die Besucher nicht über Nachhaltigkeit belehren. Statt dessen haben wir uns auf das konzentriert, was sie möchten und schätzen und versucht, diese Dinge in ökologisch sinnvollerer Form anzubieten“, sagt van Dongen. Er hofft damit nicht nur die zukünftigen WATT-Gäste, sondern auch andere Clubbesitzer zu inspirieren. Doch während die Telefone bei ihm nicht aufhören zu klingeln, weil das Medieninteresse an WATT immens ist, ist der Weltverbesserer schon mit dem nächsten Projekt beschäftigt: „Wir bemühen uns mit Enviu gerade darum, eine Million Tuk-Tuks in Hybrid-Fahrzeuge umzuwandeln. Damit könnten wir den CO2-Ausstoß der Auto-Rikschas in Ländern wie Indien um 50 Prozent senken.“

7. Ameisen statt Heuschrecken

„Manchmal scheint es mir, als würde die Welt immer schlechter werden“, sagt Tommy Hutchinson. Trotzdem glaubt der englische Unternehmer an die Menschen. „Die Umwelt und meisten Volkswirtschaften sind in fürchterlichem Zustand. Es fehlt an Essen und Wasser, uralte Konflikte kochen wieder hoch. Aber niemals waren wir so fähig und bereit zu interagieren und miteinander zu kommunizieren.“ Hutchinson hat deswegen eine Internet-Plattform für Menschen gegründet, die ihre Arbeitskraft für soziale Projekte einsetzen möchten. Allerdings nicht auf kostenloser Basis, sondern als „social enterpreneurs“ – soziale Unternehmer. Auf seiner Website i-genius.org kann sich jeder anmelden, der eine gute Idee hat und Partner sucht, um diese umzusetzen oder auch um sein bestehendes Unternehmen bekannt zu machen. Entscheidend dabei ist, dass die vorgestellte Idee in irgendeiner Form einen gesellschaftlichen Mehrwert hat: Sei es die Schule, die Studenten für Projekte in Entwicklungsländer schickt oder die Werbeagentur, die nur ökologisch einwandfreie Marken vertritt. „Ich würde mir wünschen, dass soziale Unternehmer und ihre Firmen zum Mainstream jeder Marktwirtschaft gehören“, so Hutchinson, „Wir können die Welt besser machen.“

8. Terrorismus mit Terroristen bekämpfen

„Ich bin kein Terrorist“, sagt Nasir Abas. Interpol sieht das anders. Die Konten des 39jährigen Singapurer sind beschlagnahmt und er darf nicht aus seinem momentanen Aufenthaltsland Indonesien ausreisen. „Ich weiß nicht was passiert, wenn ich es versuche“, so der vierfache Familienvater Abas, „Guantanamo – kann schon sein.“ Bis zu seiner Verhaftung 2003 war er einer der Anführer der Jemaah Islamiyah, kurz JI. Der militant-islamischen Organisation, die unter anderem für die Bombenattentate auf Bali verantwortlich gemacht wird. Während seiner Zeit bei JI war Abas Ausbilder des mittlerweile in einem Polizeieinsatz getöteten Azahari Husin, der die Bomben für die Anschläge auf zwei Diskotheken und das amerikanische Konsulat gebaut haben soll. Und er ist der Schwager von Huda bin Abdul Haq, der zur Zeit in Erwartung seiner Exekution in der Todeszelle sitzt, verurteilt für die Bali-Attentate und wegen seiner Beziehungen zu Osama bin Laden. Dass Nasir Abas zumindest in Indonesien auf freiem Fuß ist, liegt vor allem an seinem umfassenden Geständnis, Ausdruck seines Sinneswandels: „Zvilisten zu töten ist wider den Koran“, sagt der ehemalige Mudjahedin. Diese Meinung vertritt er nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch gegenüber seinen ehemaligen JI-Mitgliedern, die er im Gefängnis besucht. „Ich kann nicht jeden überzeugen. Aber ich habe Erfolg.“ Unterstützt wird er dabei von der örtlichen Polizei, die hofft auf diesem Weg den Terrorismus von innen bekämpfen zu können und das mit Worten, nicht mit Waffen – Resozialisierung statt Bestrafung. Vielleicht ist es der Glaube daran, dass die Terroristen, die Abas schon einmal als ihren Anführer akzeptiert haben, ihm auch auf diesem Weg folgen werden. Ähnliche Programme gibt es nämlich auch in anderen Ländern, in denen die Gefängnise voll sind mit Terroristen und sich bereits in den Zellen neue Terror-Zellen bilden: In Ägypten, dem Jemen oder Saudi-Arabien. Doch für jeden Konvertierten, der sich wie Nasir Abas öffentlich gegen seine ehemalige Gruppe wendet, bedeutet dies auch Gefahr. „Sie nennen mich einen Verräter. Und sie drohen mir“, bestätigt er. Um sein Leben fürchten, wenn er vor die Tür gehe, würde er jedoch nicht. Er tut es mit der gleichen Überzeugung, mit der er als junger Mann in den Dschihad gezogen ist: „Ich weiß, dass mein Weg der richtige ist. Dass ich im Sinne des Koran handele. Warum sollte ich Angst haben?“

9. Umweltverschmutzung für ein besseres Klima
Paul J. Crutzen, Nobelpreisträger in Chemie, ist ein Pessimist. Den Glauben daran, dass die Klimaerwärmung gestoppt werden könnte, hält er laut dem amerikanischen Magazin „Chemical & Enginering News“ für „einen frommen Wunsch“. Crutzen ist aber auch Optimist. Zumindest dann, wenn es darum geht darüber nachzudenken, wie sich der Effekt umkehren lässt. 2006 veröffentlichte er dazu einen Essay, der seit dem mit wachsendem Interesse von anderen Wissenschaftlern diskutiert wird: Können wir das Klima retten, in dem wir es absichtlich manipulieren? Wenn man genug Schwefeldioxid in die Atmosphäre pumpen würde, so Crutzen, könnte die feine Partikelschichte einen Teil des Sonnenlichts abhalten. Die Disziplin heißt Geo-Engineering und viele der Ideen, die in diesem Bereich vorgestellt werden, hören sich für Außenstehende an wie Drehbücher für Science-Fiction-Filme. Bereits 1965 schlugen die Berater des damaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson vor, die Reflektionskraft der Meeresoberflächen durch Partikel zu erhöhen. So könne man das Ansteigen der Weltmitteltemperatur bremsen. Die aktuellen Theorien reichen von einer drastischen Aufforstung der Wälder (zu wenig Platz) über den Einsatz von Natronlauge um das CO2 aus der Atmosphäre zu filtern (zu teuer) bis zu Satelliten, die mit riesigen Segeln versehen als globale Sonnenschirme dienen sollen (Bruce Willis hat gerade keine Zeit ins All zu fliegen). Deswegen führt die Diskussion immer öfter zurück zum Schwefeldioxid, zu Paul Crutzen. Denn welche Auswirkungen das von ihm in Betracht gezogene Verfahren hätte, lässt sich zumindest ansatzweise überprüfen: Bei Vulkanausbrüchen wie dem des El Chichón 1982 oder dem des Pinatubo 1991. Und es ist laut Ken Caldeira, Wissenschaftler am kalifornischen Carnegie-Institut, finanzierbar. Doch obwohl Caldeira Crutzens Theorie für die praktikabelste hält, zeigt auch er sich skeptisch. In einem Gespräch mit „planeterde“ sagte er: „Ich weiß nicht, ob man es als einen Traum der Menschheit bezeichnen sollte, vielleicht ist es eher ein Alptraum, wenn der Mensch daran geht, das Erdklima zu steuern.“

10. Roboter auf dem Minenfeld
Über 20.000 Menschen werden pro Jahr durch Landminen verstümmelt oder getötet. Die Mehrzahl dieser Menschen sind Zivilisten: Bauern die ihr Feld bearbeiten, Kinder die auf einer Wiese spielen oder Fußgänger auf dem Weg in den nächsten Ort oder zum Brunnen. Oft explodieren die Minen erst, wenn im betroffenen Land schon lange Jahre Frieden herrscht. Sie aufzuspüren ist ein langwieriger und komplizierter Prozess: Die Detektoren sind schwer, sperrig und teuer. Dem wollte Michael Kleinigger, Student am Rensselaer Polytechnic Institute in Troy, New York, gemeinsam mit seinen Kommilitonen abhelfen: „Während einer praktischen Übung in unserem Inventor’s Studio haben wir uns mit den Problemen in der Dritten Welt beschäftigt. So kamen wir auf die Idee mit den Robotern.“ Beziehungsweise einen ganzen Schwarm davon. Denn die Roboter, die die Studenten entwickelten, sind das genaue Gegenteil der herkömmlichen Detektoren. „Sie sind nicht dazu gedacht, eine Explosion zu überstehen“, so Kleinigger. Im Gegenteil: sie sollen sogar in die Luft gehen. Gesteuert von einer Basisstation suchen sich die flachen Maschinen ihren Weg über potentiell minenverseuchte Flächen und üben dabei mit Spikes Druck auf den Boden aus. Dieser lässt die Mine und damit auch die Suchgeräte explodieren. „Die meisten der momentan im Einsatz befindlichen Detektoren sind gepanzert und deswegen so schwer zu transportieren. Wir dachten: Warum nicht eine Einweg-Waffe mit einem Einweg-Roboter bekämpfen?“ Das schwierigste bei der Entwicklung sei der Fortbewegungsmechanismus gewesen, so Kleinigger. „Die Roboter sollten sich auf steinigem Boden aber auch auf Wiesen gut zurechtfinden.“ Doch auch dieses Problem wurde gelöst und das bei geringen Produktionskosten: „Bei einer Massenproduktion käme man auf etwa 50 Dollar pro Stück.“ Jetzt müssen sie nur noch einen Investor für ihr Modell finden. Kleinigger dazu: „Wir hoffen natürlich, dass das Verfahren bald umgesetzt werden kann. Aber am wichtigsten wäre es mir, dass mehr Ingenieure und Wissenschaftler ihre Energie in humanitäre Projekte stecken.“

Jessica Braun für Blond 08/08

Advertisements