Schnaps und Rauch – Mystisches Guatemala

Die Mayas, Guatemalas Urbevölkerung, wurden lange Jahre unterdrückt: Erst kamen die Konquistadoren, dann der Bürgerkrieg. Ihre Religion praktizierten sie nur im Verborgenen. Doch wer in diesen Tagen das Land besucht, kann Guatemala auch von seiner mystischen Seite erleben. Oder seiner skurrilen.

Sie behandeln ihren Heiligen wie einen bettlägerigen Alten. Während der eine Cofrade, ein Laienbruder, ihm den Arm um die Schulter legt um den Holzkopf ein wenig nach hinten zu lehnen, setzt ihm der andere eine handgroße Flasche an die Lippen. Das Glas unter dem fröhlich bunten Etikett ist klar. Genau wie die Flüssigkeit, die dem heiligen Maximón nun in den Mund rinnt – Zuckerrohrschnaps. Erst als ein Viertel des Inhalts hinter den holzgeschnitzten Lippen der Heiligenfigur verschwunden ist, richten sie ihn wieder auf. Mit einem seidenen Tuch werden die Tropfen abgewischt, die Maximón am Kinn hinunterlaufen. Und wie es sich nach einem guten Schluck gehört, bekommt er nun auch noch eine Zigarette angesteckt.

Rauch und Alkohol gehören zu einem Maya-Ritual wie Glockenläuten und Talare zu einer katholischen Messe. Doch während die Glocken seit der Eroberung Guatemalas durch die Spanier nach 1523 jeden Tag läuten durften, war es den Mayas – den ursprünglichen Bewohnern des Landes – lange Zeit verboten, zu ihren Göttern zu beten. Erst mit dem 1995 unterzeichneten Vertrag über “Identität und die Rechte der indigenen Völker”, mit dem auch das Ende des fast 30 Jahre dauernden Bürgerkriegs absehbar wurde, durfte die uralte Kultur wieder erstarken. In den Ruinen der alten Maya-Städte, dem im Norden von Regenwald-Riesen beschatteten Tikal, wo zuweilen noch das Fauchen eines Jaguars zu hören ist, oder dem auf einem Plateau gelegenen Iximché, brennen wieder die Ritual-Feuer, wehen bunte Papiergirlanden in den Ästen der Bäume. Und der heilige Maximón hätte eigentlich ausgedient. Doch hier am Atitlán-See, der eingerahmt ist von Vulkanen und Palmenwäldern, hat er im Städtchen Santiago sein Zuhause. Im Wohnhaus eines Mitglieds der Laienbruderschaft, das eher eine Hütte ist. Und wer würde einen Heiligen ernsthaft vor die Tür setzen wollen?

In Maximóns Zimmer ist die Luft so warm und stickig, als ginge es darum, die Bittsteller, die vor ihm knien, wie Schinken zu räuchern. Von der Decke hängt eine ganze Wiese aus getrockneten Blumen. Dazwischen aus Papier geschnittene Girlanden. Die Zigarette des Heiligen ist herunter gebrannt, Asche bröselt in die Schale mit Münzen, die vor ihm steht. Die beiden Cofrades wirken weggetreten, in Trance, oder einfach nur hoffnungslos betrunken. Eine Frau betritt den Raum und schenkt Maximón ein paar Münzen, bevor sie sich zu seinen Füßen hockt und farbige Kerzen entzündet: blau für mehr Erfolg im Beruf, weiß zum Schutz der Kinder und grün für wachsenden Wohlstand. Dann betet sie laut und der Cofrade, der ihr am nächsten sitzt, nimmt ihre Hand und legt sie auf Maximóns Kleider – unzählige bunte Seidentücher, die dem Heiligen das Aussehen eines verrückt gewordenen Geschäftsmannes geben, der sich all seine Krawatten auf einmal umgebunden hat.

Wie die Mayas zu ihrem Maximón kamen, ist nicht belegt. Eine Legende besagt, dass sie so verzweifelt darüber waren, unter der spanischen Herrschaft nicht mehr zu ihren Göttern beten zu dürfen, dass ein Priester ihnen riet in die Wälder zu gehen und nach einem hohlen Baumstamm zu suchen, in dem das Heulen des Windes zu hören sei – die Stimmen der Götter. Aus diesem Holz soll Maximón geschnitzt sein. Manche dagegen verehren ihn als Judas, den Verräter Christi. Eine andere Geschichte erzählt von San Simón, einem katholischen Priester, der sich für das Wohl der indigenen Bevölkerung Guatemalas einsetzte. Tatsächlich waren es ab Ende der 60er die guatemaltekischen Bischöfe und Priester, die sich – zum Teil unter Einsatz ihres Lebens – für eine gerechtere Regierung und Hilfe für die Armen stark machten. Doch Maximón ist weitaus älter. Und so hört man in Santiago vor allem die Sage vom guten Mann Francisco Zohuel. Zohuel soll ein Wohltäter gewesen sein, der von Dorf zu Dorf reiste, um sich um die Armen und Kranken zu kümmern. Bis über seinen Tod hinaus. Denn während der alte Zohuel längst tot in seinem Haus auf dem Bett lag, bezeugten unzählige Menschen der Gegend, er sei gerade noch bei ihnen gewesen.

Die Strassen vor Maximóns Wohnsitz sind verwaist. Von weitem hört man die knatternden Motoren der dreirädrigen Minitaxis, die Touristen und Einheimische vom Bootsanleger durch die steilen und gewundenen Gassen, zu Kirchen und dem Markt Santiagos kutschieren. Um die Spitzen der Zwillingsvulkane Tolimán und Atitlán haben sich die Nachmittagswolken wie ein Schal gewickelt. Jeden Tag wiederholt sich dieses Naturschauspiel: Der Angriff der grauen Decke. Morgens liegt der See flaschengrün und still zwischen den Bergen, doch wenn es heißer wird verfangen sich die ersten weißen Wolkenfetzen zwischen den bis zu 3000 Meter hohen Gipfeln. Nach und nach werden es mehr, bis sie gegen drei Uhr von allen Seiten über die Berge kommen, aufeinander zustreben, den Himmel über dem Atitlán-See vollkommen bedecken. Doch selbst, wenn der Wind dann versucht, den See in Scheiben zu schneiden und von irgendwoher Donner zu hören ist – bis zum Abend hat man wieder freie Sicht auf die Sterne.

Unter dem Wellblechdach des Hauses, wo sich Kisten stapeln, ein altes Fahrrad rostet und es ein bißchen kühler ist, teilt sich Gloria Leha einen Schnaps mit ihrer gutgelaunten, zahnlosen Mutter. Die beiden sind drei Stunden mit einem der leuchtend bemalten, schlecht gefederten öffentlichen Busse von der Küste zum See gefahren, um Maximón die Kleider zu waschen. Einmal im Monat machen sie das, erzählt Gloria, die Hebamme ist und acht Kinder hat. Für eine Maya ist das normal. Die Altersversorgung im Land ist schlecht bis gar nicht vorhanden und so müssen sich die Indígenas darauf verlassen, dass ihre Kinder den Acker bestellen oder den Marktstand hüten, wenn sie selbst zu alt dafür sind. Und gebären solange ihre späteren Versorger, bis sie nicht mehr empfangen können oder im Kindbett sterben. Gloria deutet auf eine kleine Höhle im Hof, die aus Steinen gemauert und schwarz vom Ruß ist: die Schwitzhütte. Ins Krankenhaus geht man, wenn man krank ist, meint sie. Was soviel bedeutet wie einen Arm verloren zu haben oder Schlimmeres. Alles andere und auch die Wehen behandelt man in der Schwitzhütte.
Eine Schulklasse aus Kansas steht laut diskutierend vor dem Haus. Die 5 Quetzales, umgerechnet 50 Cent, die jeder Besucher entrichten muss, der Maximón sehen will, sind ihnen zu viel. Ihr Lehrer resigniert: dann doch wieder auf den Markt, Schals kaufen oder holzgeschnitzte Staubfänger, meinetwegen. Zumal es nicht leicht ist, kulturelle Eigenheiten eines Volkes zu erklären, das selbst den Wissenschaftlern noch viele Rätsel aufgibt.

Von den ersten Anzeichen einer Basiskultur an der pazifischen Küste des Landes 2000 vor Christus über ihre Hochkultur mit Pyramiden, Kalendern und Schrift bis heute sind Geschichte und Religion dieses uralten Volkes immer noch nicht gänzlich erforscht. Von den alten Überlieferungen der Indios (wie sie verächtlich von manchen Ladinos, den spanischstämmigen Einwohnern, genannt werden), Indígenas (ihres offiziellen Namens) oder Mayas (wie sie sich selbst nennen), ist wenig übriggeblieben – unter den Konquistadoren wurden ihre Bücher verbrannt. Und die wichtigen Dokumente, die noch existieren, sind nicht mehr in Guatemala, sondern liegen in Bibliotheken in Dresden, Madrid und Paris. Auch das berühmteste Buch über Mythos und Geschichte der Mayas, das Popol Vuh, existiert nur noch in einer Abschrift des spanischen Priesters Francisco Ximénez von 1702. Sein Original-Manuskript kann man heute in Chicago einsehen. Dass die größten unter den transportierbaren Schätzen der Mayas nach und nach aus dem Land gebracht wurden, ist bezeichnend für die Geringschätzung, die die Indígenas in Guatemala seit hunderten Jahren erfahren haben und zum Teil noch erfahren. Doch weder die Konquistadoren noch der Bürgerkrieg haben es geschafft, die überlieferbaren Schätze ihrer Kultur auszumerzen: das Wissen um die Webkunst beispielsweise, die Musikinstrumente oder die Riten. Und so sieht man überall im Land wieder Rauch über den Stätten aufsteigen, fliegen im November Papierdrachen zu den Göttern und darf Maximón an Ostern auf den Schultern der Laienbrüder getragen an der großen Osterprozession teilnehmen. Wie die katholischen Heiligenfiguren auch. Zwar nur als Letzter, ganz am Ende. Aber dort stört ihn wenigstens niemand beim Rauchen und Trinken.

Reiseinfos Guatemala

Anreise: Wer nach Guatemala fliegt, muss mit mindestens 16 Stunden Flugzeit inklusive Umsteigen rechnen. Am günstigsten fliegen Delta Airlines und KLM mit Stopps in den USA (ab ca. 730 Euro).

Unterkunft: Antigua, die alte Hauptstadt Guatemalas ist von Guatemala City nur etwa eine Stunde Fahrt entfernt, aber deutlich reizvoller und ideal als Ausgangspunkt für alle Touren. Nahezu alle Hotels in Antigua sind schön – man kann beim Buchen also kaum etwas falsch machen.
La Casona Hotel, DZ ab 95 Dollar
Casa Santo Domingo, DZ ab 150 Dollar

Am Atitlán-See ist das luxuriöse Hotel Atitlan, nur 15 Minuten Fußweg vom lebendigen Dorf Panajachel, die beste Adresse. Doppelzimmer ab 150 Dollar.

Auskunft: Über das Handels- und Tourismusbüro der guatemaltekischen Botschaft in Berlin. Die Leiterin Frau Karin Beeck Serrano hilft gerne weiter. Tel: 030-20058770, Fax: 030-20058890
Email: guatemala-trade(at)t-online(dot)de

Jessica Braun für Welt am Sonntag am 20.07.08

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