„Ich wollte schon immer zum Zirkus“ – Cliff Diverin Anna Bader im Interview

Freier Fall mit 90 Stundenkilometern auf eine brettharte Wasseroberfläche: für Cliff Diverin Anna Bader, 24, ist das „ein super Gefühl“. Als einzige Frau absolviert die dreifache Europameisterin gerade zusammen mit den männlichen Springern das Red Bull Cliff Diving 2008 in Hamburg – von Kränen, Masten und aus Hausluken.

Gestern wurden die ersten Sprünge absolviert, aus einer Luke in der Speicherstadt in den Fleet. Sie sind aber nicht aus 22 Metern Höhe gesprungen. Was war los?

Es waren bei mir gestern 16 Meter. Die Männer sind aus 22 Metern Höhe gesprungen. 22 Meter sind für mich extrem hoch, Obergrenze. Wir waren den ganzen Tag unterwegs, ich habe viele Interviews gegeben und hatte keine Zeit, mich mental auf den Sprung einzustellen. Dazu kam, dass die Umgebung ungewohnt ist: wir springen zum ersten Mal nicht in der Natur, sondern mitten in der Stadt – eigentlich super. Aber eben anders. Und der Fleet ist zwar extra ausgebaggert worden, damit wir vier Meter Wassertiefe hatten, aber ich musste mich sehr konzentrieren, um genau in dieses Loch zu springen.

Deswegen die zweite Plattform?

Ja, ich wollte einfach kein Risiko eingehen. Es liegt ja noch eine ganze Woche Wettkampf vor mir. Es war toll, dass die Veranstalter dann noch in Nullkommanichts eine zweite Plattform installiert haben, damit ich trotzdem mit gutem Gefühl springen konnte.

War das Wasser kalt?

Nein, überraschend warm. Wir springen ja auch oft in Bergseen. Wenn es zu kalt wird, springe ich im Neoprenanzug.

Sie haben auch schon einmal 24 Meter geschafft, als einzige Frau bei einem Männerwettbewerb.

Das war vor ein paar Wochen beim Red Bull Cliff Diving Event im italienischen Polignano. Eine tolle Erfahrung! Und mein persönliche Rekord. Ich hatte prima Unterstützung seitens des Publikums, habe aber auch gemerkt, wie schnell man bei dieser Höhe wird. Der Aufprall ist extrem hart. Nicht umsonst gibt es so wenige Frauen in diesem Sport.

Sie wollen aber trotzdem noch höher hinaus?

Ich trainiere darauf hin, im nächsten Jahr auch 24 Meter sicher zu springen. Ich denke, das ist machbar. Aber viel höher geht es für mich dann nicht mehr. Der Körper wird beim Aufprall mit großer Wucht gestaucht, weil sich mit höherem Absprung die Eintauchtiefe verringert. Das ist so eine physikalische Formel – die bekomme ich aus dem Kopf aber nicht zusammen. (lacht) Dass ich mich bei dem Sprung in Polignano nicht verletzt habe, macht mich zuversichtlich.

Gab es Gefrotzel von den männlichen Kollegen, weil Sie gestern nicht die gleiche Höhe gewählt haben?

Im Gegenteil. Orlando (Duque), der 9-facher Weltmeister ist, hatte gesehen, dass ich in diesem Moment nicht imstande war eine Lösung zu finden und meinte: „Anna, sag mir, was du machen willst und wir regeln das.“ Es ist in solchen Situationen wichtig, dass der Druck von einem genommen wird.

Als Sie sprangen, gab es enorm viel Applaus. Hatten Sie eigene Fans dabei oder liegt es daran, dass Sie die einzige Frau sind?

Unglaublich, nicht? Eine meiner Freundinnen ist schon hier und am Wochenende kommen meine drei Geschwister und der Rest der Familie um mich zu unterstützen, aber mit so viel Zuspruch der Zuschauer hatte ich nicht gerechnet. Es liegt sicher daran, dass ich die einzige Frau bin. Es ist wohl ein Zeichen des Respekts.

Letztes Jahr waren es noch drei Teilnehmerinnen bei der Europameisterschaft, dieses Jahr sind nur Sie angetreten. Wo sind Ihre Konkurenntinen hin? Waren Sie zu gut?

Es lag wohl daran, dass aufgrund einer Überschwemmung der Austragungsort verlegt werden musste. Die niedrigste Absprungstelle war damit bei 18 Metern, fünf Meter höher als im Jahr davor. Vermutlich sind die anderen deswegen ausgestiegen. Aus niedrigeren Höhen kann man noch mit dem Kopf voran eintauchen. Das geht von weiter oben nicht, da muss man mit den Füßen zuerst auftreffen, was eine ganz andere Technik erfordert. Ich lerne selbst noch, bin froh dass ich mittlerweile die Barani beherrsche.

Was ist das?

Ein Salto mit Halbschraube im Sprung.

Sie sind Studentin, studieren Englisch, Spanisch und Geographie. Reichen Preis- und Sponsorengelder schon aus, um vom Klippenspringen zu leben?

Gerade so. Früher hatte ich noch zwei, drei Jobs nebenher. Aber mit dem wachsenden Publikums- und Medieninteresse werden die Athleten auch besser bezahlt.

Es gäbe für Sie ja noch eine andere mögliche Einnahmequelle: den Cirque du Soleil.

Da wollte ich schon immer hin. Diese Artistik ist fantastisch! Und es war schon immer ein Traum von mir, zum Zirkus zu gehen. Der Cirque du Soleil hat mich tatsächlich mehrmals aufgefordert, mich zu bewerben. Für die Wassershow. Sie brauchten Videos und all so etwas. Ich habe die Sachen abgeschickt, aber irgendetwas ist schief gelaufen – sie konnten die Dateien nicht öffnen. Und um nochmal alles fertig zu machen, hatte ich wegen Event-Vorbereitungen keine Zeit. Außerdem stehe ich kurz vor dem Abschluß meines Studiums. Darauf muss ich mich erstmal konzentrieren.

Sie leben in einer Beziehung – betreibt Ihr Freund auch Extremsport?

Nein, der kann nicht mal so richtig gut schwimmen (lacht). Wir ergänzen uns aber prima und er unterstützt mich sehr.

Welchen Sport dürfte er ausüben, ohne dass Sie Angst um ihn haben?

Kann ich nicht sagen. Ich habe um andere Menschen immer viel mehr Angst als um mich selbst. Bungeejumping fände ich zum Beispiel ganz schlimm. Da muss man sich auf Hilfsmittel und das Wissen anderer Menschen verlassen. Beim Klippenspringen liegt es dagegen nur an einem selbst. Wenn man unverletzt aus dem Wasser steigt, hat man alles richtig gemacht.

Sie waren 17, als Sie im Jamaika-Urlaub zum ersten Mal gesprungen sind. Hatten Sie da keine Angst um sich?

Nein, das war ganz einfach. Es gibt dort einen Platz zum Sonnenunterganggucken, Rick’s Café. Dort steht eine Touristenplattform, 7 Meter hoch. Von der bin ich gesprungen. Darauf kamen die Einheimischen zu mir und haben mich eingeladen, mit ihnen zu springen. Wir sind über die Klippen nach oben geklettert und haben einen richtigen kleinen Wettbewerb abgehalten. Das war ein Riesenspaß.

Gibt es einen Trick, um Angst zu überwinden?

Ich überliste mich nicht selbst. Ich trage eher einen inneren Kampf aus. Auf der einen Seite sind die Ängste davor, was alles schief gehen könnte. Auf der anderen das Wissen um meine Routine, meine Fähigkeiten. Ich gehe den Sprung in Gedanken durch, konzentriere mich auf den Ablauf. Dabei verstärkt sich das Gefühl, positiv oder negativ. Wenn es positiv ist, springe ich. Dann sind die Zweifel auch weg. Wenn es negativ bleibt, trete ich zurück.

Mit 16 waren Sie Mitglied der deutschen Nationalmannschaft im Turmspringen. Warum sind Sie nicht dabei geblieben?

Ich bin gerne draussen, brauche Abenteuer, Action. Klippenspringen ist anders als Turmspringen. Es gibt ein latentes Risiko und der Zusammenhalt ist deswegen besser. Mir war der Konkurrenzkampf im olympischen Turmspringen zu hart. Die Klippenspringerinnen, die ich bisher bei Wettkämpfen getroffen habe, waren nicht so auf’s Gewinnen fixiert. Da ging es mehr um das Dabeisein, das gemeinsame Erlebnis.

Wenn Sie jetzt die Olympia-Bilder sehen – wären Sie gerne dabei?

Olympia ist natürlich der Traum jedes Athleten. Meine Mutter (die Turnerin Angelika Kern, Anm. der Autorin) war ja auch schon zweimal dabei. Für mich ist das Klippenspringen aber eine super Alternative und ich bin froh, dass ich die gefunden habe.

Ihre Mutter hatte nichts dagegen, dass Sie zum Extremsport wechseln?

Nein, sie hat da nie etwas gefordert. Ihren Sport zu teilen war mehr ein Angebot. Wenn sie zum Training ging, hat sie mich und meine Geschwister oft in die Turnhalle mitgenommen. Wir mochten das total gern und haben uns da schon im Wettklettern an den Seilen geübt und sind herumgetobt. Die Motivation kam bei mir von Innen, nicht durch elterlichen Druck. Sie musste mich eher bremsen.

Sie war 1972 auch in München dabei. Reden Sie über die Geschehnisse von damals?

Sie hat die Geiselnahme natürlich mitbekommen und war schockiert. Trotzdem hat sie versucht, sich auch auf den Wettkampf zu konzentrieren. Ich wüßte selbst nicht, wie ich als Athletin auf politische Ereignisse reagieren würde. Nehmen Sie China: Ignorieren kann man die Lage Tibets nicht, andererseits sind den Sportlern auch auf gewisse Weise die Hände gebunden. Ich bewundere Teilnehmer, die trotzdem aufstehen und sich äußern, die Bändchen tragen um Solidarität mit Tibet zu zeigen, trotz aller Widerstände. Das ist eine ganz besondere Art Mut.

Frau Bader, vielen Dank für das Interview.

Jessica Braun für stern.de am 20.08.08

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