Reuefrei Reisen? – CO2-Ausgleich per Spende ist der moderne Ablasshandel

Noch einmal schnell auf die Malediven, bevor sie untergehen? Der Klimawandel ist eine Bedrohung, aber die wenigsten Reisenden sind wirklich bereit, auf Flüge zu verzichten. Stattdessen floriert der Ablasshandel: Immer mehr Veranstalter bieten ihren Kunden Emissionsausgleich an, per freiwilligem Spendenbeitrag an Klimaschutzprojekte.  Geschützt wird damit aber vor allem das gute Gewissen.

„Vergib mir, Bär, denn ich habe gesündigt“ – das mag sich mancher Reisende denken, der seine durch Flüge verursachten CO2-Emissionen per Ablasszahlung wieder gutmachen möchte. 2007 war das Jahr der Klimadebatte und der Eisbär ohne Scholle wurde zum Symbol dessen, was Industrie, Verkehr aber auch jeder einzelne Verbraucher der Umwelt antun wird, wenn er sein alltägliches Handeln nicht ändert. Verzicht wäre nötig, aber gerade wenn es um den Jahresurlaub geht, fällt dieser den Konsumenten sichtbar schwer. Geflogen wird trotz geschärftem Bewußtsein nicht weniger – TUI konnte im Vergleich zum letzten Jahr sogar einen Anstieg der Buchungen verzeichnen. Dafür floriert der Emissionshandel auf privater Ebene. Atmosfair und Myclimate heißen die zwei größten Non-Profit-Organisationen im deutschsprachigen Raum, die Flugreisenden freiwillige Ablasszahlungen ermöglichen. Über sogenannte Emissionsrechner kann jeder seinen Anteil am CO2-Austoß pro Flug errechnen und dann per Spende an ausgewählte (und geprüfte) Klimaprojekte ausgleichen. Laut einer Studie der amerikanischen Tufts University gehören die beiden Unternehmen aus Berlin und der Schweiz zu den vier wichtigsten und besten in diesem Bereich weltweit.

Dass scheinbar gerade Flugreisende einen enormen Druck verspüren, das Klima für ihr Handeln entschädigen zu müssen, ist erstaunlich. Flüge haben an der weltweiten Gesamtemission eigentlich nur einen verhältnismäßig kleinen Anteil: „Gemäß dem Stern-Bericht über die Wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels machen die CO2-Emissionen aus der Luftfahrt 1,6 Prozent der gesamten Treibhausgasemission aus“, ist es auf der Website des Billigfliegers Easy-Jet zu lesen. Easy-Jet betreibt ein eigenes Ablassprogramm. Immerhin fünf Prozent aller Kunden nutzen die Möglichkeit, mit der Flugbuchung auch einen Beitrag für von der UNO zertifizierte Klimaschutzprojekte zu spenden. Darüber, dass Fliegen trotzdem die schädlichste Form der Fortbewegung ist, darüber schweigt die Fluglinie sich verständlicherweise aus. Reisen, insbesondere Fernreisen gehören nämlich zu den Dingen, die für ein gutes Leben lange nicht so nötig sind, wie beispielsweise eine ausgewogene Ernährung. Sie sind Luxus. Und die Auswirkungen eines einzigen Fluges enorm: Mit 860 Kilogramm hat ein Fluggast innerhalb weniger Stunden so viel CO2-Ausstoß verursacht wie ein durchschnittlicher indischer Bürger in einem ganzen Jahr, so die Rechnung von Atmosfair. Atmosfair ist eine der Nonprofit-Organisationen, die vom veränderten Verbraucherbewußtsein extrem profitiert haben.

Die Marktführer: Atmosfair und Myclimate

Auf der Website der Organisation, aber auch bei ihren Kooperationspartnern aus der Tourismusbranche, kann jeder, der einen Flug antreten möchte, die auf der zurückgelegten Strecke verursachte Emission berechnen. Atmosfair nennt dann den Betrag, den der Fluggast spenden müsste, um diese Emission auszugleichen. Die so erwirtschafteten Spendengelder fließen in klimafreundliche Projekte: In Wasser- oder Windkraftwerke in China oder Indien beispielsweise, aber auch in energieeffiziente Kocher für Familien in Nigeria, für deren Betrieb 80 Prozent weniger Holz nötig ist, als bei herkömmlichen. Nicht nur für das Klima, sondern auch für die Familien eine (gesundheitliche) Entlastung – die Kocher pusten nicht mehr soviel Ruß in die Wohnstube. Darüber, dass die geförderten Projekte auch wirklich dem Klimaschutz nach Standard des Kyoto-Protokolls dienen, wachen unabhängige, bei der UNO akkreditierte Prüfer, die im zweifelsfall auch persönlich für Fehler haften müssen.

„Etwa 30 Euro pro Flug“, spenden die Nutzer laut Dr. Dietrich Brockhagen, Geschäftsführer von Atmosfair. Darunter seien „der Geschäftsmann im Anzug genauso wie die Kreative aus der Werbeagentur, die Hausfrau oder der Greenpeacer.“ Waren es im ersten Geschäftsjahr 2005 noch 165.000 Euro, die so zu Gunsten des Klimas eingesammelt wurden, kamen 2007 schon 1,3 Millionen Euro zusammen. Der G8-Gipfel, aber auch der warme Winter (und jede Menge Eisbären-Bilder) hatten das Bewußtsein der Verbraucher für die Problematik geschärft. 2008 werden sogar noch höhere Einnahmen erwartet. Für Atmosfair „eine echte Herausforderung“, wie Brockhagen betont: „Wir haben die Anzahl der Mitarbeiter verdreifacht, konnten aber unsere Verwaltungskosten bei unter 10 Prozent halten.“ 90 Prozent der Gelder kommen also tatsächlich bei den geförderten Projekten in Entwicklungsländern an. Eine ähnliche Bilanz verzeichnete das Schweizer Unternehmen Myclimate. Laut Kathrin Dellantonio, Leiterin der Bereiche Sales und Marketing, steigerten sich die Spendeneinnahmen von etwa 265.000 Euro im Jahr 2005 auf 2,1 Millionen Euro im letzten Jahr. Doch obwohl beide Organisationen den deutschsprachigen Markt bedienen – Atmosfair kooperiert unter anderem mit Thomas Cook und TUI Nordic, Myclimate mit TUI und mehreren Airlines wie Lufthansa oder Virgin Atlantic – betrachten sie sich dennoch nicht als Konkurrenz: „Konkurrenz ist das falsche Wort, da wir dasselbe Ziel verfolgen, nämlich messbar und effektiven Klimaschutz zu betreiben“, so Dellantonio. Das größere Problem seien „meist kommerzielle Anbieter, bei denen nur ein geringer Teil der Kompensationsgelder in die Projekte fliesst und die Projekte nicht immer halten, was sie versprechen.“ Die Verbraucher könnten dadurch verunsichert werden und auch die erfolgreichen Non-Profits ihre Glaubwürdigkeit verlieren.

Emission wird schöngerechnet

Auch Atmosfair-Geschäftsführer Dietrich Brockhagen sieht eine Gefahr in Anbietern, die zu geringe Anforderungen an sich selbst, aber auch die Konsumenten stellen: „Es gibt Organisationen, die tiefere Standards haben. Dann kostet es den Verbraucher schön wenig.“ Der Austoß wird schlicht schöngerechnet. Doch nicht nur manche Kompensations-Anbieter, sondern auch die eine oder andere Fluggesellschaft spielen nicht so fair, wie Atmosfair sich das wünschen würde. Der Grund, weshalb Atmosfair anders als Myclimate noch mit keiner Airline kooperiert. Brockhagen dazu: „Eine Fluggesellschaft, mit der wir zusammenarbeiten, muss die Passagiere auf dem Stand der Wissenschaft über die Klimawirkung von Flugreisen informieren. Leider hat das bisher noch keine getan.“ Etwas, um das sich zumindest manche Veranstalter verstärkt bemühen. „TUI Deutschland betreibt seit 18 Jahren ein professionelles Umweltmanagement, die Klimainitiative ist nur ein weiterer Schritt und bleibt nicht der letzte“, äußert sich Andreas Koch, Leiter Qualitäts- und Umweltmanagement der TUI Deutschland GmbH zu der im Juli diesen Jahres beschlossenen Zusammenarbeit mit Myclimate, „Bewusst bieten wir aber die Kompensationsmöglichkeiten nicht nur für den Flug, sondern auch für den Transfer und das Hotel an.“ TUI-Kunden können ihre Spenden im Internet, aber auch direkt im Reisebüro entrichten. Letztere ist vielleicht sogar die wirksamere Methode, um Verbraucher zumindest zur Kompensation zu bewegen, wenn diese nicht ganz auf das schädliche Fliegen verzichten wollen. Denn während im Internet jeder unbeobachtet darüber entscheiden kann, ob überhaupt und wenn ja, wieviel er spendet, dürfte das im Reisebüro deutlich schwerer fallen. Manchmal braucht es einfach ein wenig sozialen Druck, um den Schritt vom schlechten Gewissen hin zur gerechteren Handlung zu schaffen.

„Bei allen unseren Demeter-Reisen beraten wir unsere Kunden ausführlich“, so Christine Reiche, Pressesprecherin und Produktmanagerin für Demeter beim Reiseveranstalter Drei Wünsche. „Im persönlichen Gespräch weisen wir auf die Möglichkeit von Atmosfair hin. Ist eine Anreise mit dem Flugzeug erforderlich, errechnen wir den Atmosfair-Beitrag.“ Bei manchen der angebotenen Pauschalreisen ist der Emissionsausgleich sogar direkt im Preis enthalten. Für einen eher kleinen Veranstalter eine durchaus mutige Entscheidung. Es mag an der umweltbewussten Grundhaltung der Kunden liegen – die Marke Demeter steht seit den 20er Jahren für biologisch-dynamische Lebensmittel -, dass diese sich durch den eingerechneten Beitrag dennoch nicht bevormundet fühlen. „Natürlich waren wir gespannt, wie unsere Gäste darauf reagieren. Die Reaktionen waren und sind sehr positiv“, erklärt Reiche. Doch obwohl immer mehr Veranstalter und Airlines versuchen, ihren umweltbewußten Kunden eine Alternative zum völligen Flugverzicht anzubieten, gibt es auch welche, die jegliche Ablasshandlung komplett ablehnen. „Wir wollen unsere Kunden nicht gängeln“, so Peter Hauptvogel, Pressesprecher von Airberlin, „Es steht ja jedem frei, Geld an eine solche Organisation zu überweisen, wenn er ein schlechtes Gewissen beim Fliegen hat.“ Er sieht im Emissionsausgleichs-Handel sogar ein Marketinginstrument. Und ist damit nicht allein. „Manche dieser ‚Kooperationen‘ sind wohl auch eher als PR-Maßnahme zu verstehen.“ Ein Vorwurf, der auch aus den Reihen der Umweltschützer bereits zu hören war. Der Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland, kurz BUND, verweigerte Atmosfair beispielsweise die Unterstützung. Und Claudia Kemfert, Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung kritisierte in einem Interview: „Aktive Klimapolitik funktioniert nur, indem das Fliegen deutlich teurer wird und technologische Durchbrüche wie das CO2-freie Flugzeug entwickelt werden.“ Zumindest ersteres scheint absehbar. Gerade beschloß das Europäische Parlament den Emissionshandel für den Luftverkehr. Alle Fluggesellschaften mit Starts und Landungen in der Europäischen Union müssen ab 2012 Zertifikate für den Kohlendioxid-Austoß nachweisen. Zusätzliche Kosten, die mit großer Wahrscheinlichkeit auch die Fluggäste mittragen werden. „Dieses Geld fließt dann in die Staatskassen“, mein Airberlin-Sprecher Hauptvogel, „Ob es tatsächlich für den Umweltschutz eingesetzt wird, steht auf einem anderen Blatt.“ Ob die Verbraucher auch bei steigenden Ticketpreisen noch bereit sind, bei Atmosfair oder Myclimate zu spenden, auch. Doch Kathrin Dellantonio gibt sich zuversichtlich: „Auf Myclimate wird das keinen grossen Einfluss haben. Es sind völlig unterschiedliche Instrumente.“ Inwieweit die Fluggäste bereit sein werden, diese Ansicht zu teilen, wird letztlich dennoch von deren gutem Willen abhängen. Und vom Grad ihres schlechten Gewissens.

Jessica Braun für stern.de am 28.08.2008

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