Rock’n’Rokoko – Mauritia Kirchner schneidert Krönungsroben für Kunden aus ganz Europa

In einem abgelegenen Dorf im Spessart entstehen historische Roben: Geschichtlich korrekt und detailgetreu bis zur letzten Öse. Die Kunden, Männer und Frauen mit Geld und Liebe zu vergangenen Epochen, reisen dafür aus ganz Europa an.

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Der Duft von Tuber-Rosen liegt in der Luft. Süß und üppig, als hätte sich über Nacht der Frühling in das alte Fachwerkhaus geschlichen. Grüne Seide streift raschelnd über den hölzernen Boden. Es klingt, als würde ein Windstoß die gestickten Blumen am Saum der Robe zausen. Sechs Hände zupfen, richten, stecken die Stoffe fest. Cristina Barreto hält still, betrachtet ihre Verwandlung im Spiegel. Seit drei Stunden steht sie so da: Aufrecht, die Arme auf Hüfthöhe von sich gestreckt, während Mauritia Kirchner und ihre zwei Mitarbeiterinnen das Kleid an ihren Körper anpassen. Es ist die Replik einer Robe à l’anglaise von 1780. Die Nachbildung eines französischen Reitkleides, das im Original im Modemuseum Schloss Ludwigsburg hinter Glas steht. Niemand weiß, wem es einmal gehörte. Cristina Barreto hat die Replik bestellt, zusammen mit drei anderen originalgetreuen Roben, einem passenden Mantel mit Fuchskragen, Korsette und etwas Wäsche. Eben all dem, was zur Garnitur einer Adligen des Rokoko gehört.

„Ist es nicht schön?“ Barreto wendet sich vor dem Spiegel. Mauritia Kirchner sieht zufrieden aus. Es ist ihr Werk, ihre Arbeit, die das historische Kleid ins Leben zurück gerufen hat. Ihr gehört die Firma „Reine des Centfeuilles“: Ein kleines Atelier, benannt nach einer alten belgischen Duftrose, im Dorf Rossbach, mitten im Spessart. Dort fertigt sie Kleidung nach historischen Vorlagen, die sie als „Theaterkostüme“ deklarieren muss – Kirchner hat keine Schneiderausbildung. Selbstgemachte Kleidung, also moderne Anzüge, Hemden, Mäntel, darf sie laut Gesetz nicht anbieten. Krönungsroben schon. Ihre Kunden sind meist Menschen, die ein Faible für Geschichte haben und gern einmal selbst etwas tragen möchten, das aus ihrer bevorzugten Epoche stammt. Sei es Spätmittelalter, Barock oder, wie bei Cristina Barreto, die letzten Jahre des Rokoko. Und die erst gar nicht den Versuch wagen, sich ihr Outfit selbst zu nähen. „Die meisten Bestellungen bekomme ich von Männern.“ sagt Kirchner. Und fügt, um Missverständnisse zu vermeiden, an: „Heterosexuellen.“ Die anderen Kundinnen sind Frauen, die bei ihrer Hochzeit Prinzessin sein möchten. Oder zumindest einmal so aussehen wollen. Oft bekommt Kirchner auch Anrufe von jungen Mädchen, die ein „Arwen-Kleid“ haben möchten. Eines, das aussieht wie die Fantasie-Roben, welche die Schauspielerin Liv Tyler als Elfe in der Verfilmung von „Herr der Ringe“ trug. Aber das, sagt Kirchner, sei ihre Sache nicht. Sie nimmt es mit der Authentizität ihrer Stücke sehr genau. „Am liebsten sind mir Kunden, die schon ein genaues Bild im Kopf haben, bevor sie zu mir kommen “, sagt sie, „Wer sich etwas derart Kostspieliges und Zeitaufwendiges anfertigen lässt, sollte sich sicher sein, was er will.“

Cristina Barreto ist so eine Kundin. Die 48jährige ist für die letzte Anprobe extra aus Mailand angereist. Für sie sind die Roben Teil ihres Hobbys: Die gebürtige Brasilianerin gehört wie Mauritia Kirchner zur europäischen Reenactment- oder Living-History-Szene. Reenactor sind Historien-Fans. „In Deutschland gibt es etwa 1000 Menschen, die sich der Szene zugehörig fühlen“, erläutert Kirchner. Und fügt hinzu: „Aber nur 50 betreiben es wirklich ernsthaft.“ Beim Reenactment geht es darum, die Geschichte für einen Abend, manchmal auch ein ganzes Wochenende lebendig werden zu lassen. Konzerte, Bälle, Picknicks und sogar ganze Schlachten werden an Originalschauplätzen inszeniert – detailgetreu bis zum letzten Haken am Korsett. „Martin hat heute eine Verabredung mit seinem Regiment,“ erzählt Cristina Barreto. Ihr Lebensgefährte und zukünftiger Mann, der Engländer Martin Lancaster, teilt ihre Begeisterung. Die beiden haben sich bei einem Historien-Event kennengelernt. Er trifft sich an diesem Wochenende mit einer Gruppe, die napoleonische Schlachten nachstellt. „Jungsspiele“, nennt das die Designerin, die lange Jahre bei Armani als Produktmanagerin gearbeitet hat. Jungsspiele, an denen sie manchmal auch selbst teilnimmt: „Als wir das letzte Mal Waterloo nachgestellt haben, war ich als Bäuerin gekleidet“, erzählt sie. Und schmunzelt. „Ich hatte einen echten Esel dabei.“ Für einen begeisterten Reenactor machen solche Extravaganzen die Inszenierung erst richtig lebendig. „Living History ist mehr als eine Anlehnung. Es reicht nicht, sich einzelne Elemente wie eine Perücke oder eine Kniebundhose herauszupicken“, erklärt Mauritia Kirchner, „Wir bemühen uns, alle Aspekte eines Jahrhunderts, einer Gesellschaft zu berücksichtigen.“

Das kann bedeuten, dass eine Abendgesellschaft nur von Kerzenschein beleuchtet wird. Der Tisch ist von der Leinendecke bis zum Besteck zeitgemäß eingedeckt. „Wir lesen aus Büchern des 18. Jahrhunderts, es werden Lieder aus der Zeit gesungen und wenn Musik gespielt wird, dann meist von Kammermusikern mit Cembalo und Flöte.“ Und es wird getanzt. Cristina Barreto nickt begeistert: „Das macht so viel Spaß! Wir tanzen eigentlich bei jeder Veranstaltung.“ Dennoch verstehen sich die beiden Frauen nicht als Rollenspieler, benutzen während der Treffen keine historischen Namen oder Lebensläufe. Und auch das Handy darf mit, wenn es während des offiziellen Teil des Abends stumm geschaltet wird: „Im Kino stelle ich es ja auch leise.“

Einen Living-History-Event auszurichten, kann ein kleines Vermögen kosten. Doch auch die Teilnahme ist kostspielig. Ein Empirekleid aus der Werkstatt von Mauritia Kirchner gibt es ab 2500 Euro. Rokoko-Roben wie sie Cristina Barreto bestellt hat, kosten ab 6000 Euro. Das sind dann die einfachen, ohne Stickereien, dennoch prachtvoll mit Spitzen und Bändern geschmückt. Kirchners männliche Kunden müssen noch mehr investieren: Herrenanzüge sind für weniger als 8000 Euro schwer zu fertigen. Nach oben ist die Spanne offen. Dennoch gehören der Szene Menschen unterschiedlichster Herkunft an, sagt Mauritia Kirchner: „Vom Arbeitslosen bis zum Arzt, von der Studentin bis zur Doktorandin. Wer wenig Geld hat, näht eben selbst oder geht als Bediensteter zum Ball.“ Andererseits sei selbst das schwedische Königshaus in die Reenactment-Szene involviert, sagt sie. Der deutsche Adel dagegen hielte sich in kritischer Distanz zu solchen Treffen. Doch obwohl sich in der Presse auch Berichte über Prominente wie Elton John finden, die an Historien-Events teilnehmen, sei ihr selbst noch nie einer begegnet. Und auch keiner ihrer Kunden sei berühmt. Wohlhabend sind sie allerdings schon. Manche finden über ihre Website zu ihr. Die meisten kommen auf Empfehlung. Und einige, wie Cristina Barreto, lernt sie auch auf den Veranstaltungen kennen, die sie manchmal mit ihrem Mann, öfter aber mit der ältesten Tochter Kim besucht. „Cristina und ich haben uns zum ersten Mal auf einem Ball getroffen, den sie in ihrem Palazzo in Mailand gegeben hat.“

Kirchner hat sich auf die Kante des Sofas gesetzt, das vor dem Kamin steht. Sie sitzt ganz still und aufrecht, wirkt voll konzentriert, beobachtet aber dennoch mit einem Auge Cristina Barreto, die nun fertig angezogen für die Fotografin posiert. „Mauritia!“ ruft Barreto auf Englisch. Es klingt wie „Morischa“. „Mauritia, es ist nicht gut, wenn ich auf den Fotos lache, oder?“ Kirchner schüttelt den Kopf: „Nein, das hätte man damals nicht getan.“ „Damals“ meint in diesem Fall 1780, eine Zeit, in der es nicht schicklich war, beim Porträtmaler die Zähne zu zeigen. Die Ernsthaftigkeit, mit der die beiden Frauen auf historische Richtigkeit achten, ist auch der Schlüssel, um Kirchners Arbeit zu verstehen. Ihre Kunden sollen zumindest ein Grundwissen mitbringen. Das erwartet sie. Nur dann können sie auch ermessen, was sie am Ende tragen: Haute-Couture. Königskleider. Das schränkt Kirchners Kundenkreis ein. „Ich könnte natürlich auch auf Luxus-Messen ausstellen. Dort, wo russische Millionäre einkaufen. Aber das will ich nicht.“ Selbst die kleinste Naht ihrer Kleider ist belegt, verbrieft. Wer der Einfachheit halber Druckknöpfe am sogenannten Stecker haben möchte, dem spitz zulaufenden Brustteil einer Robe, das vom Dekolleté bis auf die Hüfte reicht, ist bei ihr falsch. Der Stecker wird beim Anziehen festgenäht. Jedes Mal wieder. Früher waren dafür die Zofen zuständig. Bei den Bällen der Historien-Fans helfen sich die Frauen gegenseitig beim Ankleiden. Eine Stunde dauert das pro Kleid. Zwei weitere braucht es für das Make-up und das Anlegen der Perücke.

In der Reenactment-Szene gilt die Regel: Bevor du etwas falsch machst, mach es gar nicht. Das bedeutet, dass Schmuck oder Fächer, sofern man sie tragen möchte, alt sein sollten. Weil es keine authentischen Repliken gibt. „Bei Ebay findet man schöne Stücke. Oder auf Flohmärkten in England oder Frankreich“, sagt Mauritia Kirchner. Seltenheiten, die oft genauso viel kosten wie ein Kleinwagen. Eine der Hürden, die einer Teilzeit-Comtess den Eintritt zu den Bällen verwehren: Wer nicht genug Wert auf sein Outfit legt, wird auch seltener eingeladen. „Die Ausrichtung mancher Events ist sehr eng datiert. Dann steht auf der Einladung ‚1770-1780’“, erzählt sie. Sie lächelt entschuldigend: „So grenzt man den Kreis der Teilnehmer ein.“

Mauritia Kirchner ist eine ruhige, aber bestimmte Frau. Das lange, dunkelblonde Haar zum Zopf gebunden, ein Nadelkissen in der Hand, steht die 49jährige hinter ihrer Kundin, prüft die Stofflängen einer weiteren Robe, gibt Anweisungen. „Ich habe so fürchterlich zugenommen“, seufzt Barreto. „Das stimmt doch gar nicht, Cristina“, sagt Kirchner und klingt dabei wie eine Mutter, deren Kind behauptet, im Schrank gäbe es Monster. Kirchner hat, das merkt man schnell, einen festen Willen. Sie wuchs als Tochter eines fränkischen Pfarrers auf. Ihren Namen bekam sie zu Ehren der Gemeindekirche St. Mauritius. „Ich habe mir schon als Kind Spitzengardinen umgehängt“, erinnert sie sich, „Meine Freundinnen spielten die Zofen.“ Eine dieser Freundinnen war die Tochter des Schauspielers Günther Strack. „Sie erzählte mir von einer Barock-Robe, die ihre Mutter auf dem Speicher lagerte.“ Kirchner schmunzelt. „Da war ich 14 und hätte dafür gemordet, dieses Kleid nur einmal anziehen zu dürfen.“ Die Liebe zu prachtvollen Gewändern vergangener Tage war schon immer da. Die Entscheidung, sich als Herstellerin solcher Gewänder selbständig zu machen, fiel erst zum Milleniums-Silvester, bei einem Ball im nahegelegenen Aschaffenburger Schloss, den sie mit ihrem Mann Jochen für Freunde ausrichtete. Alle Gäste sollten in historischer Kleidung erscheinen. Für Mauritia Kirchner der Anlass, sich erstmals ernsthaft mit der Herstellung solcher Kleidung auseinanderzusetzen. Ihre eigene Alltagsgarderobe nähte sie zu dieser Zeit bereits selbst.

Die Leidenschaft, mit der Mauritia Kirchner ihr Handwerk betreibt, lässt sich in Geld kaum aufwiegen. Drei Monate dauert es, bis ein Kunde die bestellte Ware in Kirchners Haus in Rossbach in Empfang nehmen kann. Drei Monate für jedes Outfit, die sie mit dem Studieren von Büchern, Museumsbesuchen, dem Erstellen der Schnitte, Bestellen von Stoffen verbringt. Die Spitzen, alte Originale, liefert eine Händlerin aus England. Die Stickereien werden nach Kirchners Vorgaben in Indien gefertigt. Von Hand. „Es war nicht leicht, eine Stickerei zu finden, die meinem Anspruch gerecht wird“, sagt Kirchner. Die 25 Jahre, die sie als Chef-Stewardess bei Lufthansa gearbeitet hatte, kamen ihr dabei zu Gute, ihre Landeskenntnisse, ihre Kontakte: „Man gab mir einen Zettel mit einer Adresse,“ erzählt sie von ihrer Suche vor Ort. „Die Stickerei hat keine Internet-Seite.“ Es dauerte eine Weile, bis sie dem Chef der Firma vermittelt hatte, wie sich der Farbgeschmack des alten Europas von dem seiner indischen Kunden unterscheidet. Noch immer kommt es vor, dass die Muster, die er zur Ansicht schickt, zu bunt sind, zu grell. Dann fliegt Mauritia Kirchner selbst nach Indien, um die Fertigung im Auge zu haben. „Manche Stoffe darf man nicht falten“, erklärt sie. In Kleidersäcke verpackt bringt sie die kostbaren Stücke eigenhändig zurück nach Deutschland. Ihre Kunden wissen den Aufwand zu schätzen. „Bis September bin ich ausgebucht.“

Am Schrank des Ateliers hängen Fotokopien von Zeichnungen und Gemälden – Vorlagen für die nächsten Bestellungen. Hauptsächlich Anzüge mit Kniebundhosen, Rüschenhemden und bestickten Jacken. Uniformen fertigt sie kaum noch, sagt sie. „Die Militärgeschichte ist eine ureigene Wissenschaft für sich. Allein die Unterschiede zwischen Knöpfen, Abzeichen, Borten, Bändern, Federn, Farben und Schnitten je nach Nationalität, Dekade, Regiment und Division…“, Kirchner schüttelt den Kopf, „Um auch noch Uniformen mit der Genauigkeit herstellen zu wollen, die ich mir zum Credo gemacht haben – ich bräuchte zwei Leben.“

Cristina Barreto steht am Fenster. Auf dem Hügel vor dem Haus wachsen knorrige Apfelbäume. Die hellblauen Bänder am Baumhaus der Kinder wehen im Wind. Das Licht der Nachmittagssonne fällt auf Barretos Gesicht und ihr hochgeschnürtes, mädchenhaftes Dekolleté. Die Szene wirkt wie ein lebendig gewordener Vermeer, mit einer Spur Silber in den Hauttönen. Jochen Kirchner bringt immer wieder Getränke und Essen, das sie nicht anrührt. Er ist Pilot, hat an diesem Wochenende Bereitschaftsdienst. Die Arbeit seiner Frau Mauritia betrachtet er mit Stolz, auch wenn er, wie er sagt, ihre Leidenschaft zur Historie nicht gänzlich teilt. Das Haus der Familie erzählt etwas anderes: Der Steinboden der ehemaligen Scheune, die jetzt das Atelier ist, stammt aus einer Kirche, die Lehmwände sind original belassen und Ochsenblutrot gefärbt. Das Haupthaus schmückt heller Mosaikboden, den Jochen Kirchner zum Teil selbst verlegt hat, im Regal steht altes Silber und an den Wänden hängen historische Porträts. Und überall in den Vasen Tuber-Rosen, Hyazinthen.

Die Begeisterung für das alte Europa wurde auch Cristina Barreto schon früh in die Wiege gelegt, sagt sie. Ihr erstes Kinderbuch war eine Abhandlung über die römische Stadt Pompei. „Geschichte hat mich schon immer interessiert, aber die Zeit des Rokoko ist für mich die faszinierendste.“ Laien, die sich einen ersten Eindruck vom damaligen Leben verschaffen möchten, empfiehlt sie den Film „Gefährliche Liebschaften“ mit Glen Close und John Malkovich. „Ein wirklich gutes Abbild.“ Dass Close und Malkovich sich im Verlauf der Geschichte mit ihren Intrigen gegenseitig zu Grunde richten, wirkt auf Barreto nicht abschreckend. „Im Rokoko waren die Menschen viel freier als heute. Im Umgang miteinander, aber auch in ihrer Sexualität.“ Die viktorianische Mentalität hat uns alle korrumpiert, findet sie. Zu spießig seien wir heute, zu verklemmt. „Politische Korrektheit bringt uns nicht weiter.“ Im Rokoko sei es möglich gewesen, zu sagen, was man wirklich dachte. „So lange man es pointiert sagte. Mit Zweideutigkeiten und sprachlicher Finesse.“ Das galt für Komplimente genauso wie für Gemeinheiten, so Barreto. Reenactors unterhalten sich deswegen bei ihren Treffen nicht, sie parlieren. „Leider nicht auf Französisch. Das beherrschen nicht alle“, fügt Mauritia Kirchner an. Und genau wie der Umgangston sind auch die Roben für Cristina Barreto eine Art Schlüssel, mit dem man eine Zeitmaschine in Gang setzen kann. Um zu spüren, wie sich eine Adlige des Rokoko fühlte, hilft es, ein Korsett zu tragen, findet sie. Oder Poschen, zwei Körbe aus Fischbeinstäben, die rechts und links auf die Hüften gebunden dem Rock der Robe sein Volumen geben – das Hochsteigen schmaler Treppen aber verbieten. „Wenn man nach Amerika will, nimmt man ja auch nicht das Fahrrad,“ sagt Barreto über ihre Ausflüge in die Geschichte. Meist gelingt der Zeitsprung dennoch nur für Sekunden: Wenn beispielsweise auf dem Weg vom geheizten Ankleidezimmer eines Schlosses zum Ballsaal die Kälte der Gänge in die Arme beißt. Doch diese Momente, sagt Barreto, seien jeden Aufwand wert. Selbst das mittlere Vermögen, das sie und ihr Partner in Kleidung und Accessoires investieren.

„Cristina ist eine sehr gute Kundin“, bestätigt Mauritia Kirchner. Ähnliches muss die italienische Stickerin gedacht haben, die den Papst vier Wochen warten ließ, um eine Jacke für Barretos Lebensgefährten fertig zu stellen. Kirchner lacht, als Barreto die Anekdote erzählt. Doch obwohl sie selbst eine treue Kundschaft hat und noch immer auf Monate im Voraus ausgebucht ist, will sie ihre Firma irgendwann an ihrer Mitarbeiterin Ricarda abgeben, die gerade ihre Ausbildung zur Gewandmeisterin beendet. Zwar sind die von ihr gefertigten Stücke für einen Normalverdiener teuer. Im Verhältnis zum Aufwand aber zu günstig, um alle Arbeitsstunden zu bezahlen, geschweige denn, Gewinn zu erwirtschaften. „Die Zeit, die ich in Museen verbringe, in der ich Schnitte erstelle oder in Indien bin um das Besticken zu kontrollieren, habe ich nie eingerechnet“, sagt Kirchner. Sie zuckt die Schultern. Einen Moment lang sieht sie melancholisch aus – eine Künstlerin ohne Mäzen. Im 18. Jahrhundert wäre sie vermutlich zur Hofschneiderin des europäischen Adels avanciert. Eine Madame Pompadour hätte den Malern der Epoche in ihren Entwürfen Modell gesessen. Und es wären ihre Kleider, die heute in Museen hinter Glas stehen. Bestaunt von kleinen und großen Mädchen, die den Prinzessinnentraum träumen.

Jessica Braun für Park Avenue 12/08

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