Streiten-Dossier: Wenn die Fetzen fliegen

In jeder Beziehung gibt es mal Ärger – doch wie wir ihm Luft machen unterscheidet sich, je nachdem ob wir gerade frisch verliebt sind, schon gemeinsam wohnen oder zusammen Kinder  in die Welt gesetzt haben. Eine Analyse wie sich das Streiten in den verschiedenen Phasen der Beziehung verändert.

Phase 1:  „Du bist viel zu süß, um sich jemals mit dir zu streiten“

 Man ist frisch verliebt, der erste Streit hat noch nicht stattgefunden, wird sogar um jeden Preis vermieden. Man hat ja auch keine Ahnung, wie der andere sich zeigt, wenn mal die Fetzen fliegen. Doch so unangenehm die erste große Auseinandersetzung ist – sie ist auch extrem wichtig.

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 Sie sagt:

Mir ist das schon klar: Eine Beziehung ohne Streit ist wie ein Hund ohne Gebiss. Harmlos, und niedlich. Aber auch ungesund, nicht lebensfähig. Er und ich, wir werden deswegen irgendwann streiten müssen. Nicht heute und nicht morgen. Aber mit jeder Woche, die wir knutschend und händchenhaltend verbringen, rückt auch Tag X näher. Und ich frage mich, wie unser erster Streit ablaufen wird. Wird er schreien? Das wäre nicht so schlimm. Schlimmer wäre, wenn er nichts sagen würde. Die meisten Männer seien so sozialisiert, sagen Psychologen: Entweder, sie sagen gar nichts. Oder sprechen ein Machtwort. Weil ein Mann immer so tun muss, als wüsste er über alles Bescheid. Deswegen nimmt er auch kaum ernst, was seine Partnerin sagt, wenn sie sich den Frust von der Seele redet: alles Blödsinn. Mich macht so eine wurschtige Haltung aber erst richtig sauer. Wenn er nur abwiegelt, sehen wir uns nach dem ersten Streit vermutlich nie wieder. Bestenfalls ist es aber wie neulich im Auto-Scooter: Direkter Kurs aufeinander zu. Keiner will nachgeben und es kracht. Beide werden durchgeschüttelt und müssen danach fürchterlich lachen. Und beschließen: beim nächsten Mal lieber im selben Scooter sitzen. Weil es einfacher ist, wenn die Richtung die selbe ist – immer weiter rein in die Beziehung.

 Er sagt:

Der erste Streit in einer Beziehung ist so etwas wie eine Kristallkugel – er ermöglicht einem einen Blick in die Zukunft. Nicht die kleinen gekicherten „Du bist sooo doof“-Kabbeleien. Nein, der erste richtige Streit mit bösen Worten, mit Schreien, Heulen, oder eben vielleicht auch: Schweigen. Schweigen, weil man weiß, dass so vieles gerade auf der Kippe steht. Holt man jetzt den großen Hammer raus und kloppt alles kaputt und – das war es dann? Spricht man Dinge aus, die man nachher nie mehr zurücknehmen kann? Oder lenkt man ein – bestenfalls, weil man ihre Perspektive versteht, schlimmstenfalls, weil einem die junge Beziehung zu egal ist, um sich richtig zu streiten. Mit Frauen zu streiten ist gar nicht so leicht: Waren es eben noch die herumliegenden Zeitungen, um die es ging, ist es in der nächsten Minute der beste Freund. Oder der Geburtstag ihrer Mutter. „Von Frauen wird stärker erwartet, dass sie den Beziehungsmanager spielen“, sagt der amerikanische Psychologe Tim Smith. Sie müssten viel öfter das ansprechen, was in der Beziehung schief läuft. Dabei verlieren sie aber gerne den Fokus, reden sich in Rage. Oder weinen. Was einen richtigen Streit fast unmöglich macht – Tränen schwemmen alle Argumente weg. Aber selbst, wenn der erste Krach nicht gut läuft: Er ist irgendwann vorbei. Und die Zukunft, in die er einen hat blicken lasen, hat gerade erst angefangen. 

 

Phase 2: „Ist doch alles nicht so schlimm“

 Nach der ersten Verliebtheit wird es ruhiger. Man ist schon eine Weile zusammen, es hat schon auch ein paar mal laut gescheppert – aber man hat gemerkt: Der andere ist trotzdem noch da. Man lernt sich besser kennen, was ja nicht heißt, dass es nichts mehr zu zanken gibt. Die fünf häufigsten Szenarios.

a) Der „Du-bist-so-unzuverlässig“-Streit

 So geht’s los: A verspricht B, sich um die Reiseunterlagen,die Konzertkarten oder irgendetwas anderes zu kümmern, das beiden gute Laune machen soll. Doch dauernd kommt etwas dazwischen und so wird aus dem „Mach ich morgen“ nach drei Wochen ein „Oh, das wollte ich gestern machen“.

 So geht’s weiter: B hat auf diese Vergesslichkeit nur gewartet, denn – so Bs Theorie – für A ist nicht nur die Beziehung in der Prioritätenliste ganz weit hinten, sondern A ist auch genau aus diesem Grund „die Unzuverlässigkeit in Person“. „Im Job kannst du dir doch auch alles merken – nur, wenn es mal um uns geht, dann kriegst du nichts auf die Reihe“.

 So kommt man wieder raus: Ist man A, so sollte man jetzt nicht Anfangen auszuzählen, wann man mal etwas NICHT vergessen hat. Das wirkt in etwa so, als würde der betrunkene Autofahrer dem Polizisten von seiner vorbildlich nüchtern Fahrt am letzten Wochenende vorschwärmen. Besser: Das nächste Mal die Planung für den Wochenendausflug genauso ernst nehmen wie ein geschäftliches Projekt – auch wenn das unromantische To-Do-Listen oder spießige Post-Its am eigenen Monitor bedeutet. Für B wiederum kann es hilfreich sein, sich zu erinnern, dass man selbst auch schon mal etwas vergessen hat, was die Beziehung betraf. Und vielleicht nur besser drin ist, es zu vertuschen.

 b) Der „Dir-kann-man-es-auch-nicht-rechtmachen“-Streit

 So geht’s los: Ein Streitformat, das besonders gerne im Urlaub auftritt. Denn hier hat eben jeder so seine Vorlieben: A isst gerne in lauten, dunstigen Fischerkneipen – B lieber im klimatisierten Hotelrestaurant. Weil man aber nun mal verliebt ist, lässt man sich B mal auf die Schrullen des anderen ein, kann sich aber im Lauf des Essens zwei oder drei amüsierte Kommentare doch nicht verkneifen.

 So geht’s weiter: Statt zu verstehen, dass es tatsächlich lustig ist, wie der Kellner hastig versucht, einen Fuß auf die Kakerlake zu stellen und danach nonchalant dreinschaut, wähnt sich A selbst angegriffen. „Das war mit dem Zimmer auch schon so: zu laut, zu leise, zu wenig Seeblick – dir kann es auf der ganzen Welt auch niemand rechtmachen“.

 So kommt man wieder raus: Gemeinsam drüber lachen – und einsehen, dass derjenige, der das Restaurant, Hotel oder die Ausflugsbucht aussucht, nicht gleichzeitig für deren Qualität bürgen muss. Und niemand in den Urlaub fahren sollte, um dem anderen irgendetwas „rechtzumachen“.

c) Der „Du-bist-ja-völlig-paranoid“-Streit

 So geht’s los: Sie rügt ihn, weil er einem fremden Hintern hinterhersieht – oder er muffelt sie an, weil sie dem Barkeeper zu viel Trinkgeld gegeben hat, während sich der südländische Schönling vor allem bei ihrem Dekolletee bedankt hat.

 So geht’s weiter: Anstatt zu deeskalieren greift der kritisierte Partner zur Keule der unterstellten Geisteskrankheit: „Weißt du, was du bist? Verrückt und paranoid – du gehörst doch in die Klappse mit deinen Eifersuchtsanfällen! Das hält ja kein Mensch aus!“

 So kommt man wieder raus: Wer häufig eifersüchtig ist, sollte sich fragen, warum und in welchen Momenten das so ist. Und wer von seinem Partner des öfteren verdächtigt wird, sollte sich auch mal in einem ruhigen Moment Gedanken machen, ob er ihm nicht auch manchmal Anlass dazu gibt. Dann in einem ruhigen Moment drüber reden – und sich Vergleiche mit Psychiatrieinsassen für fremde Autofahrer aufheben.           

d) Der „Deine-Mutter-hat-schon-Recht“-Streit

So geht’s los: Wem im Streit die sachlichen Argumente ausgehen, sehnt sich nach Verstärkung und gleichzeitig einem wunden Punkt des anderen. Die Mutter erfüllt beides – egal, ob sie sagt, dass ihr Sohn unordentlich ist oder ihre Tochter unselbständig. Denn Mutterzitate lassen bei dem Betroffenen jede Sicherung durchbrennen.

 So geht’s weiter: „Lass gefälligst meine Mutter aus dem Spiel“ ist die Pflichtantwort auf den teuflischen Halbsatz „Deine Mutter hat schon Recht, wenn sie sagt …“

 So kommt man wieder raus: Den infamen Mutter-Trick einfach ignorieren (und keine „Deine Mutter …“-Witze reißen). Letztlich geht es doch darum, sachlich zu klären, ob der andere seinen Vorwurf ernst meint. Der eigenen Mutter sollte man allerdings Redeverbot zu gewissen Beziehungsthemen erteilen – Munition zu liefern gehört definitiv nicht in ihren Aufgabenbereich.

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Phase 3: „Schmeiß bloß nicht mit unserem neuen Geschirr!“

Wenn man zusammenwohnt, gelten auch für das Streiten andere Regeln.

Eigentlich war es ein schöner Abend gewesen: Die Einweihungsparty ihrer besten Freundin, ausgelassene Stimmung, freundliche Gesichter. Und jetzt stehen Heike und Till trotzdem auf dem Trottoir und zicken sich an. „Hättest du mir ja auch sagen können, dass dein Ex da ist und dir den ganzen Abend wieder schöne Augen macht“ – „Das wusste ich ja vorher nicht. Dass du wieder jeden mit deinen Jobgeschichten vollabern würdest, das wiederum wusste ich sehr gut.“ Früher hatten sie sich auch manchmal so angemault. Vor allem nachts. Mit ein paar Promille lallen sich genervte Anschuldigungen gleich doppelt so schön. Das Gute war damals: Man sah vielleicht doppelt, konnte aber auch zwei Taxis rufen, die jeden in seine eigene Wohnung brachten.

Jetzt sitzen die beiden im selben Taxi, fahren in dieselbe Wohnung. Aber ins selbe Bett? Das geht ab einem gewissen Streitlevel nicht mehr. Doch wer muss dann auf die Couch? Natürlich der, der Unrecht hat. Aber wenn man das so genau wüsste, müsste man ja gar nicht streiten. Streng genommen, gehört das Bett ihm – aber wenn er ihr das jetzt sagt, wird sie ihn aus dem fahrenden Taxi werfen. Und zwar vermutlich zu Recht.

Heike starrt inzwischen angestrengt aus ihrem Seitenfenster. Vor Taxifahrern zu streiten ist ja das allerletzte, denkt sie. Lieber die Klappe halten. Aber sie wird auf keinen Fall auf die Couch gehen, sowas ist schließlich Männersache. Das kennt man ja aus jedem zweiten Liebesfilm, dass der  Typ auf das unbequeme Sofa verbannt wird. Na gut, er hat sie ja gar nicht betrogen, aber friedlich einzuschlafen hat er auch nicht verdient. Sie könnte natürlich auch ins Hotel gehen. Aber dann wird es diesen Monat definitiv nichts mehr mit dem Marc-Jacobs-Mantel. Andererseits: Sie teilen sich ja auch sonst die Lebenshaltungskosten – warum nicht also auch das Hotelzimmer im Streitfall? Oder soll am Ende nur derjenige das Recht zum Türenknallen und Rausrennen haben, der mehr verdient und sich das Hotel besser leisten kann?

„Stimmt so“, hört sie Tills Stimme, der ihr diesmal nicht wie sonst die Tür aufhält. Auf der Treppe merkt Heike, wie müde sie ist. Zu müde zum Diskutieren, zu müde das Sofa zu beziehen, aber auch zu müde, um fürs Hotel zu packen. Und um was ging es eigentlich bei dem Streit gleich wieder?

Statt einer Antwort sitzt ihre Schwester mit zerlaufenem Make-Up vor ihrer Wohnungstür. „Ben und ich haben uns gestritten“, schluchzt sie. „Kann ich bei Euch pennen? Ich geh auch auf die Couch.“

 

Phase 4: „Liebling, wo liegt noch mal der Ehevertag?“ – Beim Ehestreit zählt das Wir-Gefühl

Auch in einer Ehe gelten besondere Streitregeln. Die Familie mischt sich plötzlich ein, irgendwas war da doch auch noch mal mit Gott und den schlechten Zeiten – und die Themen, über die man streitet, sind auch gänzlich andere als in der gefühlstrunkenen Anfangsphase. Fünf Dinge, die man wissen sollte. 

1. Das verflixte siebte Jahr ist ein Anachronismus.

Eigentlich ist es das vierte, in dem die meisten Ehen auseinandergehen, hat die Anthropologin Helen Fisher herausgefunden. Nämlich dann, wenn der Nachwuchs (ob vorhanden oder nicht), aus dem Gröbsten raus und damit die biologische Pflicht einer Beziehung erfüllt ist. Ohne einen genauen Grund erklären zu können, fangen die Partner an, ihre Partnerschaft zu überdenken. Wägen für und wider ab. Meist haben sich zu diesem Zeitpunkt schon bestimmte Streitmotive herauskristallisiert: Die einen zoffen sich wegen des Geldes, die anderen wegen des Haushalts. Manche überstehen keinen Urlaub, kein Familienfest, ohne sich in die Wolle zu kriegen. Wer nicht verheiratet ist, mag dann schon aufgeben und weiterziehen, aber eine Ehe zu führen heißt auch, sich mit einem gewissen Maß an Streitereien einverstanden zu erklären. Der Trauschein hat Gewicht und der Wille zur Bindung wurde auf dem Standesamt mit Unterschrift bestätigt. Bevor einer von beiden die Frage stellt: „Schatz, wo lag noch mal unser Ehevertrag?“, müssen schon einige Schlachten geschlagen worden sein. 

2. Streiten tut weh, ist aber auch ein Zeichen von Nähe.

„Wir streiten uns nur mit den Menschen wiederholt, die uns emotional etwas bedeuten“, sagt Saskia Dürr, Leiterin des Instituts für Business und Gender Rhetorik in München. „Gleichzeitig sorgt ein gut gelöster Streit aber auch für mehr Nähe und Vertrautheit.“

3. Es geht nicht um Haare im Abfluss. Es geht um enttäuschte Liebe.

„Missverständnisse und der falsche Glauben, man selbst hätte die Situation durchschaut, sind die häufigsten Streitthemen in längeren Partnerschaften“, sagt Dürr. Meistens ginge es um Nichtigkeiten wie Haushaltsthemen. „In Wirklichkeit steht aber enttäuschte Liebe dahinter.“ Der US-Psychologe Alan Sillars dokumentierte in einem Experiment unter Paaren, dass die Bereitschaft, sich in den anderen hineinzuversetzen, oft schon im Frühstadium der Ehe nachlässt. Über dem Einrichten des gemeinsamen Lebens vergessen beide, wo sie ihr Einfühlungsvermögen gelassen haben. Sie fühlt sich vielleicht nicht mehr so wertgeschätzt wie am Anfang der Beziehung, er sich nicht mehr so bewundert oder ernst genommen. Aber statt sich auf diese wesentlichen Themen zu konzentrieren, geht es plötzlich um die Milch, die schon wieder alle ist oder den Socken, der seit zwei Tagen vor dem Bett liegt – Nebenschauplätze, falsche Sündenböcke.

4. Wer wütend ist, ist unkonzentriert.

„Wenn der Partner versucht, von einem Problem abzulenken, indem er ein anderes anspricht, unbedingt stur bleiben und wieder auf das eigentliche Thema zurückkommen“, rät die Streitexpertin Dürr. Das bedeutet nicht, den Ärger des Partners zu übergehen. Mit einem Satz wie „Das ist auch ein wichtiges Thema, lass uns das bitte später besprechen.“ verhindert man aber, dass die Diskussion eskaliert. Etwas, das vor allem Frauen gerne provozieren. „Frauen neigen oft dazu, emotional zu verallgemeinern und die Dinge künstlich zu verschlimmern. Wegen eines nicht heruntergebrachten Mülleimers sollte man aber nicht gleich die ganze Ehe in Frage stellen.“ Dürr rät ihren Klientinnen deswegen, die Wut erst einmal im Zaum zu halten und sich dem Streit so sachlich wie möglich zu stellen. Hinterher kann man immer noch die Vase zerschmettern. 

5. Auch wenn es noch so schwer fällt: den anderen mit liebevollen Augen zu betrachten, hilft.

Beide Partner sollten nicht vergessen, dass ihnen mi ihrem Ehepartner zwar ein seit Jahren vertrauter, aber eben doch ein individueller Mensch gegenübersteht – Missverständnisse gibt es selbst dann noch, wenn man mit jeder einzelnen Sommersprosse und jedem grauen Haar des Partners vertraut ist. Die Gewissheit, dass die Liebe auch dann vorhanden ist, wenn es kracht, hilft dabei, nicht in jedem gesagten Satz eine bewusst geäußerte Gemeinheit zu sehen. „Wenn ein Ehepaar liebevoll miteinander umgeht und sich im Alltag lobt und Komplimente macht, dann lässt es sich auch gegenseitig mehr Fehler durchgehen und glaubt eher an ein Missverständnis, als an die Schuld des anderen,“ sagt Saskia Dürr. Dann darf der Socken auch noch zwei weitere Tage neben dem Bett liegen bleiben und das mit Kosmetika vollgestopfte Regal wird schmunzelnd hingenommen. So, wie es am Anfang war, als man sich kennenlernte. Und beschloss, den anderen zu lieben. Mit all seinen Fehlern. Und für immer. 

 

Phase 5: „Doch nicht vor den Kindern!“

Sobald Nachwuchs da ist, werden die Hemmungen zu streiten plötzlich größer, die Gründe aber nicht unbedingt weniger. Viele Paare sind erstaunlich kreativ, wenn es darum geht, sich zu fetzen ohne dass die Kleinen es mitbekommen. Wir haben einige Rezepte unter die Lupe genommen und den Experten Allan Guggenbühl gebeten, sie zu bewerten.

 Ärger runterzuschlucken ist doch besser, als vor den Kindern zu streiten. Oder?

Normalerweise ist es kein Problem, in Anwesenheit von Kindern zu diskutieren. Vor allem zwei Dinge sind dabei aber entscheidend: Wie intim das Streitthema ist und wie hart, also verletzend, gestritten wird. Geht es um Sex, um Affären oder ähnliches, sollten die Kinder nicht zuhören müssen. Aber wenn ein Partner über ein Familienproblem reden möchte und dabei fair und sachlich bleibt, muss er den Ärger nicht stillschweigend mit sich selbst ausmachen.

Man könnte die Kinder aber auch nach draussen zum Spielen schicken…

Es ist ein Irrglaube, dass Kinder nicht mitbekommen, wenn zwischen den Eltern dicke Luft herrscht. Auch Kinder streiten, es gehört schon früh zu ihrer Lebenswelt und sie haben ein Gespür dafür, wann Missstimmung herrscht und wann nicht. Wenn Paare ihre Kinder in den Garten schicken, fragen sich diese nur: „Was ist da los?“ Diese Sorge ist schlimmer für den Nachwuchs als mitanzusehen, dass die Eltern sich – trotz aller Liebe – auch einmal in der Wolle haben und sich danach wieder versöhnen.

Und wenn man einfach im Schlafzimmer streitet?

Den Streit ins Schlafzimmer zu verlagern ist bei vielen Paaren üblich und durchaus legitim. Wenn das zur Gewohnheit wird, kann es aber passieren, dass das Zimmer mit negativen Emotionen aufgeladen wird. Zum Glück lassen sich Streits nicht immer planen und passieren oft einfach da, wo man gerade ist: im Zoo, am Strand, vor dem Kindergarten. Wird dennoch im Schlafzimmer gestritten sollten die Eltern sich auf jeden Fall vor dem Einschlafen versöhnen.

Wie wäre es, wenn man sich auf Englisch streitet? Die Kinder verstehen nichts und man selbst bleibt sachlicher.

Ein Paar kann sich damit tatsächliche eine künstliche Hemmschwelle schaffen. Je nachdem, wie aggressiv die Streitkultur in einer Familie ist, mag das helfen, um Diskussionen mit mehr Disziplin zu führen. Ähnlich ist es, wenn in der Öffentlichkeit, beispielsweise in einem Restaurant gestritten wird, oder im Auto. Man bleibt ruhiger, sachlicher und verzichtet auf Handlungen aus dem Affekt. Für die Kinder ist das Streiten auf Englisch aber eher ein Signal, dass die Eltern etwas zu verbergen haben. Die Eltern können also sicher sein: Die Kinder bekommen alles mit. Vermutlich sogar, um was es genau geht. 

Generell gilt also…

Wie eingangs gesagt ist die Art, wie ein Streit geführt wird entscheidend dafür, ob er für die Kinder eine Belastung ist. Er darf weder zu grob noch zu direkt sein, manche Dinge müssen ungesagt bleiben. Auf keinen Fall sollten die Eltern aber die Kinder funktionalisieren. Sie auf eine Seite ziehen zu wollen ist genauso destruktiv wie der Satz „XY sagt aber auch…“. Man sollte sich im Streit immer nur auf zwei Menschen beziehen: sich selbst und die Person, mit der man streitet. Und Eskalationen jeder Art vermeiden. 

Allan Guggenbühl ist Leiter der Abteilung für Gruppenpsychotherapie für Kinder und Jugendliche an der kantonalen Erziehungsberatung der Stadt Bern und des Instituts für Konfliktmanagement und Mythodrama (IKM) in Bern und Zürich/Stockholm. Er hat mehrere Bücher zum Streiten, zur Familie und zum Konfliktmanagement geschrieben, darunter „Hast du mal Zeit für einen Streit?“ (Kösel)

 

Von Schwein und Ziege – Warum Streiten für Frauen gut ist und Männer die Kontrolle behalten müssen

Frauen müssen streiten. Wenn sie es nicht tun, kann das tödlich sein. Das war zumindest eines der Ergebnisse der amerikanischen Wissenschaftlerin Elaine Eaker während einer zehnjährigen Studie mit über 4000 Teilnehmern. Die Frauen, die in Konflikten mit ihrem Ehemann ihre Gefühle unterdrückten, hatten laut der Langzeitstudie ein viermal höheres Risiko im Verlauf der Studie an Herzerkrankungen zu sterben, als solche, die Streits offen austrugen. Auf die Männer hatte das Aussitzen von Konflikten jedoch keinen negativen Effekt. Differenzierter ging der in Utah ansässige Forscher Tim Smith das Thema an. Er wollte wissen, welche Art des Streitens welchem Geschlecht mehr schadet. Sein Ergebnis: War es bei Männern das Gefühl, die Kontrolle über eine Situation zu verlieren, das das Erkrankungsrisiko steigerte, war es bei den Frauen entscheidend, welcher Art die Vorwürfe und Argumente waren. Auch wenn es bisher keinen wissenschaftlichen Beweis dafür gibt, dass Frauen wirklich anders streiten als Männer – die Auswirkungen, die ein Streit und die Art wie er ausgetragen wird haben können, sind definitiv verschieden. 


Fünf wichtige Streitregeln:

1. Lösungsbereitschaft mitbringen: Bevor man einen Streit anfängt, sollte man sich immer fragen, worum es einem selbst geht und wie das Problem beseitigt werden kann.

2. Mutig sein: Manche Dinge die am Anfang einer Beziehung nur wie kleine Ärgernisse erscheinen, wachsen mit den Jahren zu dicken Problemen an. Besser gleich und direkt ansprechen, solange man noch gemeinsam drüber lachen kann.

3. Zuhören können: Dass man den Partner gut kennt, heißt nicht, dass man auch seine Gedanken lesen kann. Nur wenn beide sich erklären dürfen, ist eine Lösung des Streitpunkts möglich. 

4. Raum schaffen: Eine Diskussion sollte man nicht dann beginnen, wenn der andere schon mit dem Laptop unterm Arm in der Tür steht. Und sie auch nicht ankündigen. Ein konstruktiver Streit braucht zwar Ruhe und Zeit, aber das Wissen um eine bevorstehende Diskussion am Abend kann den ganzen Tag verderben. Und es stauen sich noch mehr schlechte Gefühle an, als ohnehin schon da sind.

 5. Gemeinsamkeiten hervorheben: Psychologen wussten es schon lange, Wissenschaftler von der Universität Pennsylvania haben es bestätigt: Paare, die in Streitgesprächen häufig von „wir“ sprachen, hatten gute Chancen auf eine gütliche Einigung. Du-Botschaften führten meist zu einem unbefriedigenden Gesprächsergebnis. 

 

Für dich soll’s rote Rosen regnen! Versöhnungssex und andere Methoden, den Streit beizulegen.

 Tief durchatmen! Der Streit ist hart aber konstruktiv verlaufen. Doch bis aus den Kampfhähnen wieder Turteltauben werden, braucht es noch ein wenig Zeit. Das kann helfen bei…

 Leichten Verstimmungen: Raus an die frische Luft. Zum Sport, auf einen Kaffee oder gemeinsam auf einen Spaziergang. Die meisten Menschen empfinden den Ort, an dem der Streit ausgetragen wurde, danach noch eine Weile als beklemmend. Sich den Kopf vom Wind durchpusten zu lassen, kann dagegen helfen.

 Mittleren Verstimmungen: Einen Brief schreiben. Quasi ein Streitprotokoll. Ohne Vorwürfe, dafür mit den von beiden geäußerten Wünschen und den gemachten Zugeständnissen („Ich nehme mir abends mehr Zeit für uns.“). Das „Wir“ sollte dabei betont werden. Und ein paar liebevolle Sätze zu den Vorzügen des anderen erinnern Schreiber wie Empfänger daran, warum sie zusammen sind.

 Schweren Verstimmungen: Wenn der Streit einen schwerwiegenden Grund hatte, braucht die Versöhnung Zeit. Zeit, die beide Partner vielleicht auch an getrennten Orten verbringen sollten. Beide müssen sich fragen, wie tief ihre Verletzungen gehen und was es braucht, um dem anderen wirklich verzeihen zu können – es bringt nichts, sich auf eine Versöhnung einzulassen, aber den Groll heimlich weiter zu hegen. Ehrlichkeit ist gefragt: mit dem anderen, vor allem aber auch mit sich selbst. Dann kann jeder seine Forderungen stellen und beide gemeinsam überlegen, wie es weitergeht.

 Auch schön: Versöhnungssex „Fuck the pain away“ heißt ein Song der Künstlerin Peaches. Aber gibt es wirklich Paare, die sich erst Beschimpfungen an den Kopf und sich einander danach nackt in die Arme werfen? „Versöhnungssex ist tatsächlich gelebte Paarrealität“, sagt der Sexualmediziner und Psychologe Prof. Dr. Uwe Hartmann. Zusammen mit anderen Wissenschaftlern hat er 1500 deutsche Frauen und Männer gefragt, was ihnen bei der Sexualität wichtig ist. Hartmann: „Von 44 Prozent der Frauen und 47 Prozent der Männer wurde der Faktor Versöhnung als ,sehr wichtig‘ eingestuft.“ Der Sexualmediziner glaubt, dass Sex bei einer Versöhnung helfen kann „wenn es dem Paar gelingt, einander dabei zu zeigen, welche besondere und einzigartige Bedeutung der jeweilige Partner hat. Das kann Konflikte relativieren und beide wieder zu einem Problemlösungsteam zusammenschmieden.“ Ein Allheilmittel ist Sex allerdings nicht. „Bei tiefsitzenden und seit langem bestehenden Konflikten oder wenn es zu viele Kränkungen gegeben hat, ist der Graben zwischen beiden meist so tief, dass er mit Sex nicht mehr überbrückt werden kann.“ 

 

Christoph Koch und Jessica Braun für Maxi 01/09

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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