A-Z Hypochonder

Gesundheit! Winterzeit ist Grippezeit – die Lieblingssaison der HypochonderGiantmicrobes von Tobias DietrichAlarmbereitschaft: Der Zustand, in dem sich ein Hypochonder ständig befindet: Hinter jedem Niesen, Jucken oder Brennen könnte sich ja eine tödliche Krankheit verbergen.

Bakterien: Leben in billionenfacher Zahl im und auf dem menschlichen Körper und unterstützen lebenswichtige Funktionen. Für den Hypochonder sind sie trotzdem eine ständige Bedrohung, da manche Bakterien auch Infektionen oder Sepsen (wie zum Beispiel Blutvergiftung, Blasen- oder Lungenentzündung) auslösen können.

Cyberchondrie: Die moderne Form der Hypochondrie. Betroffene verbringen täglich mehrere Stunden damit, ihre Symptome bei Google einzugeben, um sich selbst zu diagnostizieren (=> Internet). „Rund 90 Prozent der Hypochonder mit Internetanschluss bekommen früher oder später Cyberchondrie“, so der US-Psychiater Brian Fallon von der Columbia Universität in Ohio.

Donald Duck: Kopfschmerzgeplagte Hauptfigur in „Walt Disneys Lesespass Nr. 5: Oma Duck und der eingebildete Kranke“ von 1990. Der Comic ist eine Adaption des Theaterstücks „Der eingebildete Kranke“. (=> Jean-Baptiste Poquelin)

Elektrosmog: (auch: Pest des 21. Jahrhunderts) Gepulste oder ungepulste elektromagnetische Bestrahlung durch Stromleitungen, Handys oder Computer soll für Schwindel, Kopfschmerz aber auch erhöhtes Krebsrisiko verantwortlich sein. Wissenschaftlich nicht nachgewiesen, deswegen ideal für Hypochonder: „Mir wird schwindelig, wenn ich im Großraumbüro sitzen muss.“

Felinose: Auch als „Katzenkrankheit“ bekannte Infektionskrankheit, die durch Kontakt mit Hauskatzen übertragen werden kann. Während das Bakterium der Katze selbst nicht schadet, kann es beim Menschen zu Lymphknotenentzündung, Fieber und masernähnlichem Ausschlag führen. Sieht man einen Menschen auf einem Baum sitzen und eine Katze anfauchen, die sich darunter putzt, ist es sehr wahrscheinlich ein Hypochonder mit Angst vor Felinose.

George Kimball: Unter Hypochondrie leidende Hauptfigur in der romantischen Komödie „Schick mir keine Blumen“ von 1964. Kimball (Rock Hudson) belauscht ein Telefongespräch seines Arztes, in dem der Mediziner einen todkranken Patienten erwähnt. Kimball hält sich irrtümlich für besagten Patienten und beschließt für seine Ehefrau (Doris Day) einen neuen Ehemann zu suchen, damit sie nach seinem Tod nicht alleine bleiben muss.

Hochstapler: Gegen einen 59jährigen Frührentner aus Österreich wurde Anfang diesen Jahres wegen Betrugs ermittelt. Der Mann hatte in den letzten drei Jahren 93 Krankenhäuser aufgesucht und eine Verletzung vorgetäuscht. Gestützt auf schwer nachzuweisende Symptome erschlich er sich auf diesem Weg Essen und Übernachtungen. Geschätzter Schaden: 100.000 Euro.

Internet:
Ideales Medium, um sich über bekannte, neue und seltene Krankheiten zu informieren oder selbstdiagnostizierte Symptome zu googlen. Webseiten wie DocCheck Flexikon (das Wikipedia für Hypochonder), Netdoktor oder Onmeda sind beliebte Tummelplätze für eingebildete Kranke (=> Jean-Baptiste Poquelin).

Jean-Baptiste Poquelin (besser bekannt als „Molière): Französischer Schauspieler, Theaterdirektor und Dramatiker. Schrieb 1673 das Stück „Le Malade imaginaire“ („Der eingebildete Kranke“). Bei der vierten Aufführung des Stücks, in dem er selbst die Rolle der Hauptfigur Argan übernahm, erlitt Moliére einen Schwächeanfall. Er starb kurz darauf in seiner Wohnung.

Kognitive Verhaltenstherapie:
Gilt als die beste Heilmethode für Hypochonder. Wird zum Teil in Kombination mit Antidepressiva angewendet. Laut eines Studienprojektes an der Universität Mainz liegt die Erfolgsquote der dreimonatigen Therapie bei 80 Prozent.

Leidensgenossen:
Der deutscher TV-Satiriker und bekennende Hypochonder Harald Schmidt befindet sich in guter Gesellschaft: berühmte Hypochonder sind unter anderem Woody Allen (=> Nebenrolle), Charlie Chaplin, Thomas Mann, Charles Darwin und Friedrich der Große. Auch der Künstler Andy Warhol soll immer ein Päckchen Tabletten dabei gehabt und sich panisch vor Krebs gefürchtet haben. Zuletzt bekannte sich die Komikerin Cordula Stratmann zur Hypochondrie. Ihr kürzlich erschienener Ratgeber heißt: „Ist dieses Buch ansteckend?“

Muskelspasmen: Unkontrollierte, starke Muskelanspannung (Krampf), die sehr schmerzhaft sein kann. Bei Sportlern oft ausgelöst durch Magnesiummangel, bei Nichtsportlern auch auf zu wenig Kalzium im Blut zurückzuführen. Da Krämpfe aber auch Symptome von schwerwiegenden Krankheiten wie Creutzfeld-Jakob oder Tollwut sein können, sind sie für Hypochonder Indiz für ihr baldiges Ableben.

Nebenrolle: Von Regisseur Woody Allen in dem Film „Hannah und ihre Schwestern“ übernommener Part. Allen, selbst erklärter Hypochonder, spielt Mickey: einen Mann, der davon überzeugt ist, dass seine Hörprobleme von einem Hirntumor ausgelöst werden.

Öffentliche Toiletten: Thema, das man nicht in Gegenwart von Hypochondern anschneiden sollte. Wird sonst gefolgt von einem Monolog über Hygiene und alle Krankheiten die auf öffentlichen WCs übertragen werden können – Darminfektionen, Typhus, Cholera, Salmonellen oder Enteritis, in seltenen Fällen auch Hepatitis A, Wurmerkrankungen, Chlamydien und Geschlechtskrankheiten.

Placebo: Meist in Tablettenform gereichtes Ersatzpräparat ohne Wirkstoff. Die Vorstellung, ein Arzt könnte ihnen Pfefferminzdragees anstatt echter Medikamente verabreichen, ist für Hypochonder extrem belastend. Noch verheerender ist nur der „Noceboeffekt“: Durch entsprechende Erwartungen des Patienten können wirkungslose Placebos nämlich echte Nebenwirkungen wie Migräne und Krämpfe auslösen.

Quote: Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sind fünf Prozent der Menschen in einer Arztpraxis Hypochonder. Einer Studie der Universität Marburg nach litten dagegen nur drei Prozent der Befragten unter ausgeprägten oder unrealistischen Krankheitsbefürchtungen.

Räuspern: Geräusch, das bei Hypochondern zu einer sofortigen Stressreaktion führt. Eigenes Räuspern wird als Indiz für Kehlkopfkrebs interpretiert. Fremdes Räuspern führt wegen möglicher Ansteckungsgefahr zur Flucht.

Sigmund Freud: Definierte Hypochondrie als neurotische Leibbezogenheit. Der Hypochonder, so Freud, ziehe jegliches Interesse (auch das sexuelle) von der Außenwelt ab und richte sie auf den eigenen Körper, beziehungsweise ein bestimmtes Organ. Da er seinen Symptomen mehr Aufmerksamkeit schenkt als seiner Umwelt, darf man den Hypochonder durchaus als Selbstverliebten bezeichnen.

Tröpfcheninfektion: Übertragung von Krankheitserregern durch körpereigene Sekrete, beispielsweise beim Sprechen, Niesen oder Husten. Die Angst vor Tröpfcheninfektionen kann bei Hypochondern schlimmstenfalls zum Tragen eines Mundschutzes führen. Anschauliches Beispiel: Popstar Michael Jackson.

Unterer Rippenbogen: Von Hippokrates als „Hypochondrien“ bezeichnet. In der Antike betrachtete man die Hypochondrien unter anderem als Entstehungsort der Melancholie. Das Wort „Hypochonder“ wurde später davon abgeleitet.

Viren: Krankheitserreger. Werden von der Spielwarenfirma Tobias Dietrich mittlerweile auch als Plüschtiere angeboten – die zehn bis zwanzig Zentimeter großen Modelle reichen von „Pfeiffersches Drüsenfieber“ bis „Grippe“. Ideales Mitbringsel für Hypochonder.

WHO-Klassifikation: Hypochondrie findet sich im Leitfaden der Weltgesundheitsorganisation unter dem Kürzel F45.2 im Kapitel „ Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen“. Laut Definition werden normale oder allgemeine Körperwahrnehmungen und Symptome von dem betreffenden Patienten oft als abnorm und belastend interpretiert und die Aufmerksamkeit meist auf nur ein oder zwei Organe oder Organsysteme des Körpers fokussiert (=> Sigmund Freud).

X-Chromosom: Auch zwei schützen nicht vor Hypochondrie. Zwar wird die Störung meist Männern zugeschrieben, sie betrifft jedoch laut Studien Männer und Frauen gleichermaßen.

Yersiniose:
Durch Yersinia-Bakterien verursachte Durchfallerkrankung, die durch rohes Fleisch, Trinkwasser oder Haustiere übertragen werden kann. Wird von Hypochondern als Grund vorgeschoben, warum sie nicht in ein exotisches Urlaubsland fahren/zum Metzger einkaufen gehen/auf den Hund des Nachbarn aufpassen können.

Zivilisatose: Durch modernes Leben hervorgerufene Krankheit (=> Elektrosmog). Die Entdecker Peter Jentschura und Josef Lohkämper wollen herausgefunden haben, dass nahezu überall Säuren lauern, die – wenn sie nicht mit Entschlackung bekämpft werden – die Organe verätzen.

Jessica Braun für Tagesspiegel am 04.01.2009

Foto: Giantmicrobes von Tobias Dietrich

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