Achtung, Löwe! – Ranger-Training in Südafrika, Teil 2

Zweiter Tagesbericht aus Südafrika: Nach der Ankunft in der Lodge und den ersten Lektionen über die Arbeit der Wildhüter besuchen wir heute ihr Klassenzimmer. Die Inkwasi Ranger Training School ist das Camp, in dem die Ranger ausgebildet werden.

Ranger-Training in Südafrika, Folge 2: Ab auf die Schulbank!

Wir sitzen zwischen jungen Männern mit kurzen Hosen und fast kahl rasierten Köpfen auf Metallbänken. Ab und zu blinzelt einer, aber als er sieht, dass alle anderen die Augen auch geschlossen haben, macht er sie erleichtert wieder zu. „Stellt euch den perfekten sonnigen Morgen vor“, fordert uns Ausbilder Graham auf, dem man seine Vergangenheit beim Militär ansieht. „Ihr geht mit euren Gästen zu Fuß in den Busch – was ist in diesem Moment für euch das Wichtigste?“

In dem Klassenzimmer der Inkwasi Rangerschule, zwischen Landkarten und Schautafeln mit Vogelarten, Gräsern und Umweltschutzregeln, kommen zaghaft die ersten Antworten: „Die Erwartungen meiner Gäste?“ „Dass meine Ausrüstung komplett ist?“ Nach und nach machen die Wildhüter in spe die Augen wieder auf. Graham rollt mit seinen: „Ich werde euch die Antwort nicht verraten – Ihr werdet selbst drauf kommen. Ihr werdet miteinander diskutieren und mir dann das Ergebnis mitteilen.“ Wir sehen uns an und merken: Geschenkt wird einem hier nichts.

Eine Speikobra im Zelt
Heute beginnt das einwöchige Gewehrtraining, eine wichtige Lehreinheit in der Ausbildung der Ranger. Denn nur, wer eine gewisse Stufe in Theorie und Praxis erreicht, darf weitermachen. „Nach dieser Woche werdet ihr den Schlüssel zu dem Schrank bekommen, in dem die Gewehre und die scharfe Munition sind“, verspricht Ausbilder Graham. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg. Die Diskussion, was am Wichtigsten sei, bevor man in den Busch aufbricht, erweist sich als zäh. Wir drücken zu zwölft die Schulbank. Aber im Laufe des 13-wöchigen Kurses steigt mehr als die Hälfte der Teilnehmer aus. „Manche gehen von sich aus, manche werden von uns aufgefordert“, sagt Bryan, der zusammen mit Graham die Ausbildung der Ranger leitet. Die Zusammensetzung der Gruppe sei relativ typisch: eine Frau, neun Männer, zwei Schwarze, acht Weiße – alle sind Anfang bis Mitte 20. Die Vorgeschichten sind wiederum sehr unterschiedlich: Ein früherer Jugendpastor sitzt neben einem ehemaligen Koch. Den ehemaligen Sänger einer südafrikanischen Rockband kennen fast alle hier im Raum, ein anderer hat bisher als Jäger gearbeitet.

Die Diskussion im sonnen- und staubdurchfluteten Klassenzimmer geht hin und her. Was ist wichtiger? Die Sicherheit der Gäste, die der Tiere oder die der Ranger selbst? „Wir haben hier auch schon bis zum Abend gesessen“, droht Graham, als wir uns auf keine einheitliche Antwort einigen können. Irgendwann ist der Hunger auf das Mittagessen zu groß und ein Konsens entsteht: „Das Wichtigste für mich als Ranger ist stets die Sicherheit aller Beteiligten: Meine eigene, die der Gäste und die der Tiere.“ – „Na also, geht doch“, brummt Graham und entlässt uns für ein karges Mittagessen, bestehend aus ein paar trockenen Sandwiches.

Das Camp der Ranger-Schüler

Die Stimmung im Küchenzelt ist trotzdem gut. Jonty Bozas, 22, ein zwei Meter großer Ex-Soldat erzählt von seiner ersten Nacht im Zelt: „Kurz vor dem Einschlafen spürte ich etwas Nasses im Gesicht – ich rannte sofort aus dem Zelt und holte die anderen. Ich war mir sicher, dass es eine Speikobra sein musste, die mich angespuckt hatte.“ Robert Braum, der ehemalige Rockstar, fällt ihm lachend ins Wort: „Wir haben sein ganzes Zelt abgesucht, bis wir feststellten, dass es Kondenswasser war, das von der Zeltdecke tropfte.“

Auch ohne Schlangen im Schlafsack: Die Ausbildungsstätte ist kein Reiterhof. Geschlafen wird in Zelten. Gekocht, gewaschen und aufgeräumt wird nach einem festen Plan. Die Kurse und Übungen dauern von frühmorgens bis abends, danach wird noch Theorie gebüffelt. Mindestens 21 Jahre muss alt sein, wer als Ranger auf einer der 45 Luxus-Lodges der „Conservation Corporation Africa“ arbeiten will – und egal, wie lange man vorher schon woanders als Ranger gearbeitet hat: Den Kurs müssen alle absolvieren. Dies ist vor allem wichtig, um einen gemeinsamen Sicherheitsstandard zu schaffen. „Damit die Gäste uns vertrauen können, müssen wir alle gleich gut sein“, erklärt Graham. Die Nachwuchsranger nicken. „Wenn euch die Leute in der Lodge später etwas anderes erzählen als ihr hier lernt, dann sind sie diejenigen, die falsch liegen! Es gibt kein ,Ach, wir machen es hier aber ein bisschen anders’… Hier werden die Regeln gemacht – nirgendwo sonst!“

Ranger auf Zeit

Um reich zu werden, wird niemand Ranger: 300 südafrikanische Rand – ca. 23 Euro – beträgt das monatliche Einstiegsgehalt. Dazu gibt es Krankenversicherung, Kost und Logis und natürlich die Trinkgelder, die den größten Anteil ausmachen. Zumindest, wenn man gut mit den Gästen kann. Denn Ranger ist kein Beruf für maulfaule Eigenbrötler oder ballerfreudige Naturburschen. Als Ranger ist man nicht nur Wildhüter, sondern auch Gastgeber und muss sich auf die ganz unterschiedlichen Bedürfnisse der Gäste einstellen – vom ernsthaften Vogelkundler bis zur Familie mit zappeligen Kindern. Selbst eine Familie zu haben ist schwierig, gibt Bryan zu: „Zumindest am Anfang hat man kaum Zeit dafür. Man arbeitet viele Stunden und die Aufmerksamkeit gehört stets den Gästen.“ Doch nur wenige bleiben ihr ganzes Leben Ranger. Die meisten arbeiten später im Management einer Lodge, als Ausbilder oder in den zentralen Büros des Unternehmens in Johannesburg.

Der Nachmittag vergeht mit weiteren theoretischen Überlegungen zur Sicherheit und zum Umgang mit der Waffe. Wir machen fleißig Notizen. Es ist wie früher in der Schule, nur die Themen sind andere: Warum Alkohol und Waffen auch dann nicht zusammengehen, wenn man von den Gästen genötigt wird, am abendlichen Lagerfeuer noch ein Bier mitzutrinken. Auch wird darüber diskutiert, dass ein unbeabsichtigter Schuss – egal ob er sich im Busch oder beim Reinigen des Gewehrs löst – ein sofortiger Kündigungsgrund ist. „Aber keine Angst“, beruhigt Graham die Gruppe. „Wer sich an die Regeln hält, dem wird das nie passieren.“ Wir wollen es hoffen. Aber zunächst müssen wir nach der Theorie ein Gewehr in die Finger kriegen. Das wird morgen passieren.

Ranger-Klasse

Christoph Koch und Jessica Braun für stern.de am 17.03.2009

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