Achtung, Löwe! – Ranger-Training in Südafrika, Teil 3

Dritter Tagesbericht aus Südafrika: Bevor ein Ranger Gäste zu Fuß in die Wildnis führen darf, muss er lernen, wie man schießt. Für uns heißt es heute: Zu den Waffen! Doch selbst, wer schon mal ein Gewehr in der Hand hatte, merkt hier schnell: Plüschtiere auf dem Jahrmarkt zu schießen ist etwas ganz anderes, als im Busch auf einen Elefanten zu feuern.

Am Abzug

Es ist ein Satz, den ich niemals im Leben hören wollte. Schon gar nicht gebrüllt, in einem zugewachsenen Flussbett im südafrikanischen Busch: „Achtung, Löwe!“ Ich trage ein Gewehr, das so lang ist, dass der Lauf fast auf dem Boden schleift, während ich gehe. Und jetzt muss ich mich blitzschnell umdrehen – dorthin, wo der Löwe ist. Es geht nicht so fix, wie ich es mir gewünscht hätte: das Durchladen, Zielen und Abdrücken.

Der Schuss hallt durch das Unterholz, aber davon bekomme ich schon nichts mehr mit. Die Wucht des Rückschlags lässt mich fast in die Knie gehen. Es fühlt sich an wie ein heftiger Stromschlag – ein Zittern in allen Gliedern, ein dumpfer Schmerz am Schlüsselbein. Dort, wo der Gewehrkolben anliegt. Und ich bin taub. Höre nichts von dem, was Seth sagt, nicht die Vögel, nicht das Rascheln der Blätter unter meinen Füßen. Nur ein Klirren. So, als stünde ich in einer Schüttelkugel, in die jemand statt Kunstschnee Glassplitter gefüllt hat.

Seth hält beide Hände ausgestreckt, um mir das Gewehr abzunehmen. Er sieht ein wenig besorgt aus. Ich gebe ihm die Waffe. „Ist alles okay?“ Ich nicke. Er schmunzelt. Langsam kommt auch mein Gehörsinn zurück. „Gib mir deine Hand.“ Ich strecke sie ihm ihn. Er hält sie kurz, nickt anerkennend: „Zittert kaum.“ Das macht mich ein bisschen stolz, aber zufrieden bin ich nicht. Der Löwe hätte mich sicher erwischt, wäre er nicht nur ein auf Karton gedrucktes Gesicht gewesen. Eine Übungsschablone, wie sie die Ranger für ihr wöchentliches Waffentraining benutzen.

Höchste Vorsicht vor Flusspferden

Wer mit einer Gruppe Touristen im Schlepp durch ein Reservat wandert, trägt eine große Verantwortung. Nicht nur für die Gäste und sich selbst, sondern auch für die Tiere. Selbst bei bester Vorbereitung und minutiöser Planung kann es passieren, dass ein schlecht gelaunter Elefantenbulle den Weg kreuzt oder man einen Leoparden aufschreckt, der im Gebüsch seinen Mittagsschlaf hält. „In 16 Jahren gab es hier nur einen Vorfall“, hat uns Seth erklärt, als wir im Jeep zu dem Flussbett ruckelten, in dem wir unsere Lektion im Schießen erhalten sollten. „Bei seiner ersten Wanderung mit Gästen stand ein Ranger plötzlich einem wütenden Elefanten gegenüber. Er hat nur einen Schuss gebraucht, um das Tier zu töten.“ Nichts, was ein Ranger gern tut.

Die Begeisterung für Tiere ist jedem der Angestellten des Phinda Reservats deutlich anzumerken. Nicht nur Seth freut sich wie ein Kind an Weihnachten, wenn er einen Geparden oder einen Löwen entdeckt. Doch so schön und anmutig die Tiere des Reservats sind, es bleiben Wildtiere. Und dem Ranger bleiben in einer Gefahrensituation nur Sekunden, um angemessen zu reagieren. Ein gereiztes Flusspferd kann trotz seiner bis zu 4500 Kilogramm Gewicht nicht nur fast 50 Stundenkilometer erreichen, sondern auch auf der Stelle wenden. Anders als ein angreifendes Nashorn, das erst einen Bogen laufen muss, um die Richtung zu ändern. Deswegen zählen nicht die Raubkatzen zu den gefährlichsten Tieren im Busch, sondern die viel friedlicher anmutenden Flusspferde. Oder die Elefantenbullen.

So groß wie ein Apfel: das Gehirn eines Löwen

Seth hat uns erst die Patronen erklärt, dann das Gewehr, ein Kaliber 375 – sein Gewehr. Sollte während unserer Übung etwas schief gehen, muss er dafür geradestehen. In der Rangerschule wird den Auszubildenden unerbittlich eingebläut, dass ihre Waffe stets in tadellosem Zustand sein muss. „Einen Schuss, der sich versehentlich löst, gibt es nicht“, so hat es uns Ausbilder Graham erklärt. Eine Waffenfehlfunktion fällt direkt auf den Waffenbesitzer zurück. Und normalerweise gibt ein Ranger sein Gewehr auch nicht aus der Hand. Es sei denn, seine Gäste absolvieren ein Ranger-Training. Da gehört das Schießen nun mal dazu. Allerdings ist es wesentlich schwieriger ein Jagdgewehr zu handhaben, als ich es mir vorgestellt hatte. Auf dem Jahrmarkt treffe ich im Schnitt 9 von 10 Plastikrosen. Ohne die Waffe aufzusetzen. Aber ein Schießbudengewehr ist auch nicht dazu gemacht, im Notfall einen Elefantenschädel zu zertrümmern.

Löwenzielscheibe
Seth ist schon unterwegs zu den zwei Schablonen, die an Bäumen lehnen. Mit einem Stift markiert er meine beiden Einschusslöcher. Beide Löcher liegen knapp oberhalb des Kreises, den er zu Beginn mit Kuli auf die Löwenstirn gemalt hatte. Ein Löwenhirn ist nur so groß wie ein Apfel, und ich habe es definitiv verfehlt. „Die Ranger hier im Reservat müssen in zwölf Sekunden vier Treffer landen, um hier arbeiten zu dürfen.“ Er klopft mir auf die Schulter. „Aber die Schüsse waren für das erste Mal sehr gut. Ein Treffer unter der Schädeldecke betäubt das Tier meist vollständig. Das gibt einem Zeit für den zweiten Schuss. Versuche es ruhig noch ein Mal.“

Noch mal Rückstoß und vorübergehende Taubheit? Mir reicht es eigentlich nach dem ersten Durchgang. Vermutlich ist das Schießen auch einer der Gründe, warum so wenige Frauen in diesem Job arbeiten. Um das Gewehr entspannt zu tragen, braucht es eine gewisse Körpergröße. Und um den Rückschlag gut abzufangen, ein entsprechendes Gewicht. Beim zweiten Mal geht es aber schon deutlich besser: Die Wucht der Waffe ist weniger überraschend, der Schreck geringer. Seth brüllt: „Löwe!“ und plötzlich läuft alles per Autopilot: Durchladen, zielen, schießen, nachladen, neu anvisieren, schießen. Seth überprüft die Schablonen. „Das wären dann zwei tote Löwen“, lobt er. Zwei mehr, als wir in den nächsten Tagen sehen werden, hoffe ich. Aber die Safari zu Fuß und die Übernachtung im Busch stehen uns noch bevor.

Christoph Koch und Jessica Braun für stern.de am 18.März 2009

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