Achtung, Löwe! – Ranger-Training in Südafrika, Teil 4

Vierter Tagesbericht aus Südafrika: Um als Ranger den Gästen die Tiere Afrikas zeigen zu können, muss man sie erst einmal finden. Heute lernen wir Fährten zu lesen und versuchen mit den Rhinozerossen Schritt zu halten.

Ranger-Training in Südafrika, Folge 4: Dem Rhino auf der Spur

Für unser Training im Fährtenlesen müssen wir noch früher aufstehen als alle anderen Gäste der Phinda Lodge. Deren Jeeps haben dann noch nicht die Spuren der Nacht zerstört. Kurz vor vier Uhr treten wir im Morgengrauen vor unsere Tür – und beinahe auf ein riesiges Warzenschwein. Es hat sich an die Wand geschmiegt. Zwischen seinen großen Hauern entfährt ihm ein gegrunztes Schnarchen. Wir schleichen vorsichtig vorbei und besteigen mit Ranger Seth und Tracker Betwell den Jeep.

„Beim Tracken ist es wichtig, nicht nur die Fußspuren zu lesen, sondern die gesamte Umgebung“, erklärt Seth. „Bissspuren an Bäumen, abgerissene Zweige, Duftmarken, Dung – es gibt viele Dinge, die einem verraten, welche Tiere wann hier waren“. In der „echten“ Rangerausbildung müssen die Kandidaten beim Abschlusstest verschiedene Spuren lesen und 40 Fragen unterschiedlicher Schwierigkeit dazu beantworten. So gilt es nicht nur zu erkennen, welches Tier eine Spur hinterlassen hat, sondern auch wie schnell es unterwegs war, wie alt die Fährte ist und von welcher Tatze ein einzelner Abdruck stammt. Für uns Anfänger wird es ein wenig einfacher gemacht. Seth und Betwell hüpfen aus dem Jeep und gehen den Weg entlang. Wir sehen, wie sie verschiedene Stellen im Sand mit der Machete einkreisen und manche Spuren verwischen, um nur einzelne Abdrücke übrig zu lassen.

Ohne Bestimmungsbuch in der Natur
Dann sind wir dran. Wir haben zwar ein Bestimmungsbuch, in dem die Spuren der Tiere abgebildet sind. Aber leider sind sie in der trockenen Erde nie so fein säuberlich zu erkennen wie in dem schlauen Buch. Mit Kombinationsgabe und ein wenig Hilfe der Profis können wir trotzdem einkreisen, welches Tier hier war. Welche Form hat die Pfote? Hat sie Klauen? Wie sieht der Ballen aus? „Eine kleine Pfote, etwa drei Zentimeter, keine Krallen, eine Ginsterkatze?“ Wir sehen Seth fragend an. „Richtig“, lacht der. „Und was ist das hier?“ Wir sehen etwas, das nicht aussieht wie eine Spur, sondern wie die Abdrücke ganz vieler verschiedener Tiere. „Hier war ein Frosch“, klärt uns Betwell nach langem Grübeln auf. „Hier ist er beim Absprung abgerutscht, hier ist er ganz normal gelandet. Hier aber ist er ein wenig gegangen. Deshalb sieht jeder Abdruck anders aus.“

Richtig beeindruckt sind wir aber, als wir lernen, wie man das Alter einer Spur bestimmt. „Es gibt verschiedene Tricks. Dieser Trichter ist einer davon“, sagt Seth und zeigt auf einen kleinen Kreis, der sich innerhalb eines großen Rhinozeros-Abdrucks befindet. „Die werden von einer Insektenart gebaut, um darin Ameisen zu fangen. Sie brauchen dafür etwa eine halbe Stunde. Wenn der Trichter fertig ist, ist es also mindestens eine halbe Stunde her, dass das Rhino hier draufgestampft ist.“ Seth sieht den etwa ein Zentimeter großen Trichter genau an. „Der hier ist noch nicht fertig. Dem Baufortschritt nach zu urteilen, würde ich sagen: Die Spur ist erst etwa 15 Minuten alt.“

Jetzt beginnt das richtige Tracken: Nicht nur die Spuren lesen, sondern auch dem Tier folgen. Dabei kommt es auf Geschwindigkeit an, aber auch auf Vorsicht. Wir wollen das Rhinozeros zwar einholen, ihm aber auch nicht plötzlich auf den Schwanz treten. „Schau beim Tracken nicht nur auf den Boden, sondern auch weiter nach vorne“, empfiehlt Betwell und zeigt mit seiner Machete zum nächsten Gebüsch. Seth holt in der Zwischenzeit eine Dose Babypuder aus seiner Weste. „Schaut mich nicht so an“, verteidigt er sich grinsend und stäubt ein wenig davon vor sich in die Luft. „Der Wind kommt uns entgegen. Das ist günstig, so können uns die Tiere nicht wittern und verschwinden. Los geht’s!“

Wir versuchen, den Rhinospuren so gut es geht zu folgen, aber es erweist sich alles andere als einfach. Statt einer deutlich sichtbaren Kette von Abdrücken ist die Spur immer wieder unterbrochen, wenn der Boden zu hart ist. Manchmal, wenn die Tiere über Gras gelaufen sind, das kürzlich erst abgebrannt ist, sieht man die Spuren sehr gut in der schwarzen Asche. Dann aber tappen wir wieder mehrere Meter ohne Hinweise herum.

Nashornspur

Wenn Stadtmenschen Fährten suchen

„Sich schnell und trotzdem leise bewegen zu können, ist beim Tracken wichtig“, erklärt uns Seth. Er behält normalerweise die Umgebung im Auge und ist für die Sicherheit zuständig, damit sich der Tracker ganz auf die Fährtensuche konzentrieren kann. Aber heute sind die beiden mit uns Anfängern unterwegs, die auf jeden krachenden Ast treten, den sie erwischen können. „Außerdem ist es wichtig, die Vögel und Insekten zu kennen, die zusammen mit bestimmten Raubtieren auftreten.“

Langsam wird uns klar: Wir sind Stadtmenschen und können zwar gleichzeitig SMS tippen, einen U-Bahnfahrschein entwerten, ein Lied in unserem iPod auswählen und dabei einen Kaffeebecher balancieren. Aber die „Buschzeitung“ zu lesen, also die Spuren der Tiere zu entschlüsseln, ist für uns schwierig bis unmöglich. Das merken wir immer deutlicher. Wir sind zu langsam und brauchen zu lange, um uns nach jedem Hinweis neu zu orientieren. So holen wir nie im Leben ein Rhinozeros ein, allerhöchstens eine Schnecke. Und die wären hier in der Hitze der Buschlandschaft schon längst ausgetrocknet. Als wir schließlich an eine Stelle kommen, an der der Wind schon Laub über unsere Spuren geweht hat, merken auch wir: Wir sind zu spät dran. Die Fährte ist zu alt. „Ihr habt Euch trotzdem wacker geschlagen“, tröstet und Seth, als wir uns auf den Rückweg zu Jeep machen. „Und morgen zeige ich Euch dafür, wie man Leoparden mit einem Peilsender ortet.“

Giraffe

Christoph Koch und Jessica Braun für stern.de am 19.März 2009

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