Achtung, Löwe! – Ranger-Training in Südafrika, Teil 5

Fünfter Tagesbericht aus Südafrika: Schleichen, Schießen, Spurenlesen. In den letzten Tagen haben wir einiges gelernt. Aber unsere neu erworbenen Fähigkeiten haben uns trotzdem nicht auf das vorbereitet, was heute folgt – eine Nacht unter freiem Himmel in der Wildnis.

Begegnung am Weg

„Ich steige sicher in kein Kanu!“ Betwell schüttelt den Kopf. Derselbe Mann, der mehrere Jahre unter Lebensgefahr in den Minen von Johannesburg gearbeitet hat und der vermutlich einen Löwen knock-out schlagen könnte, hat Angst vor einer Bootstour. Ohne sich auf eine weitere Diskussion einzulassen, hilft er uns, die zwei Kanus ins Wasser zu lassen. Dann geht unser Tracker zurück zum Jeep. „Betwell stammt aus einem Dorf, das am Wasser liegt“, erklärt uns Seth. „Er hat mehrmals gesehen, wie Menschen von einem Nilpferd getötet wurden. Deswegen hat er Angst.“

Kanutour

Die Nachmittagssonne malt goldene Flecken auf das grüne Band des Flusses. Ein Vogel stürzt sich von einem Ast ins Wasser. Die Szenerie wirkt so friedlich, dass Betwells Sorge unangebracht scheint. Trotzdem bleibt ein mulmiges Gefühl, als wir in die wackelnden Kanus klettern und lospaddeln. „Da, Nilpferdspuren.“ Seth deutet in Richtung Böschung. Am Ufer, unter den hellgrünen Stämmen der „Fever-Trees“, zieht sich ein schlammiger Trampelpfad entlang. Die Fieber-Bäume, eine Mimosenart, tragen ihren Namen aus Zeiten, als Wäsche noch im Fluss gewaschen wurde. Immer wieder erkrankten Menschen, die sich am Fluss aufgehalten hatten, an Fieber – Malaria, die allerdings nicht wie vermutet von den Bäumen, sondern von den Mücken übertragen wurde. Plötzlich schnellt etwas neben unserem Boot aus dem Wasser. Seth, der ein paar Meter neben uns paddelt, lacht über unsere erschrockenen Gesichter: „Ihr hättet den Fisch fangen sollen. Jetzt gibt es nichts zum Abendessen.“

Seth am Fluss

Erreichen wir das Camp vor Einbruch der Dunkelheit?

Wir ziehen die Kanus an Land und machen uns mit nassen Hosenböden auf den Weg. Seth streckt den Arm aus und hält eine Faust zwischen Horizont und Sonne. „Uns bleibt etwa eine Stunde. Besser, wir gehen querfeldein.“ Er stapft voran, die Abenteuerlust steht ihm ins Gesicht geschrieben. Auch als Ranger ist man nicht jeden Tag zu Fuß im Reservat unterwegs, und die wenigsten Gäste haben Spaß daran, sich unter Dornenbüschen durchzuducken oder pfannengroßen Spinnennetzen auszuweichen. Seth genießt den Ausflug sichtlich. Obwohl er sein Gewehr tragen muss, ist es schwer, mit ihm Schritt zu halten. Äste kratzen Arme und Beine auf, manchmal müssen wir stehenbleiben, um uns aus dem böswilligen Griff eines dornigen Zweigs zu befreien – die Nadeln haben Widerhaken, die unter der Haut stecken bleiben. Derart mit der Flora beschäftigt, bleibt uns keine Zeit mehr, um uns wegen Löwen oder Leoparden Gedanken zu machen.

Jemand zuhause?

Nur wenn Seth warnend die Hand hebt, halten wir inne, damit er Höhlen oder Kuhlen auf mögliche Bewohner überprüfen kann, bevor wir darüber steigen. Immer wieder finden wir kegelförmige Muschelschalen, groß wie eine Männerfaust. „Das sind keine Muscheln. Das sind Schneckenhäuser“, erklärt Seth. Schnecken sind keine zu sehen, aber vermutlich sind sie groß genug um einen Salatkopf mit zwei Bissen zu schlucken. „Könnt ihr noch?“, wir nicken nur. Zum Reden fehlt der Atem. Doch obwohl anstrengend, ist die Wanderung wunderschön. Wir klettern durch ausgetrocknete Flussbetten, suchen uns einen Weg durch dichtes Gebüsch und hohes Gras, während die Sonne versinkt wie eine Aprikose in Milch. Seth dreht sich um. „Gleich sind wir da.“ Drei Schritte noch und wir stehen auf einem Hügel. Unter uns liegt das Camp. Betwell winkt fröhlich, während er Holzscheite für das Lagerfeuer aufschichtet. Unser Nachtlager ist wider Erwarten luxuriös. Auf einem Tisch steht eine Blechschüssel mit Wasser, daneben liegen Handtücher. Das Bad. Ein paar Meter daneben stehen vier Feldbetten mit Daunenschlafsäcken und Wolldecken. Vier Campingstühle sind am Feuer aufgereiht, dahinter wartet ein gedeckter Tisch.

Das Bad

Eine Ginsterkatze leistet Gesellschaft

Als das Abendessen fertig ist, setzen wir uns zu viert an den Tisch. Betwell erzählt von seiner Zeit in den Minen: „Dass ich jetzt hier als Tracker arbeiten darf, ist wie ein Wunder.“ Er strahlt. Das Essen – Rindercurry, Hühnergeschnetzeltes, Röstkartoffeln und Salat – ist köstlich. Mittlerweile haben abendliche Schatten das Tal gefüllt. Etwas raschelt hinter uns. Es ist eine Ginsterkatze, eine fuchsgroße Raubkatze, die aus einer Astgabel auf unsere Teller späht. Das Tier hat Tupfen um den Bauch wie ein Leopard. Der Schwanz dagegen ist geringelt. Wir räumen den Tisch ab, während die Katze uns beobachtet. „Und wer will die erste Wache übernehmen?“ Seth schaut in die Runde. Wir sind beide verblüfft, versuchen aber, uns nichts anmerken zu lassen. Erschöpft von der Wanderung und müde von Wein und Essen, ist das Wachbleiben eine Herausforderung. Trotz der ungewohnten Umgebung. Ich entschließe mich zur zweiten Schicht und ärgere mich insgeheim, dass ich kein Buch dabei habe.

Nachtlager

Zwei Stunden allein in der Dunkelheit am Feuer zu sitzen scheint mir ziemlich langweilig. Als ich mir den Schlafsack über den Kopf ziehe – man weiß ja nie, was über einem im Baum krabbelt – wird mir bewusst, wie laut es um unser Camp herum ist. Äste knacken, Blätter rascheln. Affenschreie dringen durch die Nacht. Vielleicht sind es auch Vogelrufe. Von weitem hört man ein Grollen, ein Geräusch wie Donner. Oder doch mehr wie ein Eisenbahnwaggon, den jemand anschiebt. „Das sind Löwen. Etwa einen Kilometer von hier“, murmelt Seth. Dann beginnt er zu schnarchen. Ich will mich lieber nicht herumwälzen, liege still an der Schwelle zum Schlaf, aber kann den Wind spüren, die Nacht hören.

„Wach auf.“ Es dauert einen Moment, bis ich mich erinnere, wo ich bin. Und als mir meine Umgebung bewusst wird, bin ich froh, dass ich nicht hochgeschreckt bin – Seth und Betwell schlafen noch immer friedlich. Durch die Äste scheint der Vollmond. Ich nehme mir einen Becher Kaffee und trete meine Schicht an. Sitze am Feuer und lausche. Versuche Geräusche einzuordnen. Stehe auf, gehe ein paar Schritte. Nah am Feuer ist die Nacht fast undurchdringlich, aber mit etwas Abstand kann ich recht gut sehen. Etwas bewegt sich. Ich halte still, versuche das Tier auszumachen. Wie groß ist es? Was ist es? Dann kommt es aus den Büschen. Es ist die Ginsterkatze. Sie setzt sich ans Feuer, nur eine Armlänge von meinem Stuhl entfernt. Vorsichtig, um sie nicht zu erschrecken, nehme ich wieder Platz – froh über meine Gesellschaft. Sollte sich wirklich ein Löwe nähern, wäre die Katze sicher sofort verschwunden. Sie hat nicht nur die besseren Augen, sondern auch die größeren Ohren. So sitzen wir, und ich betrachte das Tier, bis meine Schicht vorbei ist. Nachdem ich Seth vorsichtig geweckt habe – immerhin schläft er neben seinem Gewehr – krieche ich wieder in meinen Schlafsack. Und wache erst wieder auf, als mir etwas ins Gesicht tropft. „Speikobra!“ schießt es mir durch den Kopf. Ich sitze aufrecht in meinem Feldbett, versuche den Kopf klarzukriegen. Doch nur ein paar Meter von mir entfernt packen Seth und Betwell im Zwielicht die Ausrüstung ein. Keine Kobra. Nur Regen. Wir räumen zusammen, springen in den Jeep. Die Ginsterkatze ist weg. Als wir davonfahren, bin ich ein wenig enttäuscht – ich hätte sie zu gern mitgenommen. Sie wäre das perfekte Souvenir gewesen. Eine lebendige Erinnerung an Südafrika. Und unser Abenteuer. Ein Ranger wird aus mir wohl nicht mehr. Aber davon träumen werde ich mein Leben lang.

Löwin am Teich

Christoph Koch und Jessica Braun für stern.de am 20.März 2009

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