Großstadtschungel – Der High Line Park in New York

Auf einer stillgelegten Bahntrasse mitten in New York wucherte seit über 20 Jahren wildes Grün. Nun wird der Dschungel auf der High Line als öffentlicher Park für Besucher zugänglich gemacht. Und dabei gleichzeitig gezähmt.

DSC_0049Die Bikinischönheiten haben nur Augen für sich selbst. Es ist Wochenende in New York und die Stadt erlebt die erste Hitzewelle des Jahres. Auf dem Dach des Hotel Gansevoort im Meatpacking District werden Cocktails am Pool serviert. Die Musik ist laut, die Straßen unten noch lauter. Ein junger Mann in Badehose lehnt sich etwas abseits an die gläserne Brüstung der Terrasse, um zu telefonieren. Plötzlich stutzt er. „Moment mal – was ist das denn?“

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Von oben betrachtet ist der High Line Park ein seltsamer Anblick. Parallel zum Hudson erstreckt sich die Hochbahntrasse auf mehreren Metern Höhe vom Meatpacking District über West Chelsea bis Hell’s Kitchen entlang historischer Industriebauten, Wohnhäuser und moderner Büropaläste. Die Bahnlinie, die jetzt nach und nach zum Park umgebaut wird, stammt aus den 30ern. Ursprünglich war sie eine Zulieferstrecke für Güterzüge, die zum Beispiel Vieh in den Fleischereidistrikt brachten – deswegen führt sie an manchen Stellen auch durch Gebäude hindurch. Doch erst in den letzten Jahren ist sie zu etwas Besonderem geworden: zu einer feinen, grünen Ader, umgeben von Beton. Denn seit vor fast 30 Jahren der letzte Wagon mit gefrorenen Truthähnen für die Schlachthöfe über die Schienen rollte, wuchert die Linie zu: Hüfthohe Gräser in den unterschiedlichsten Grüntönen wiegen sich im Wind. Bäume schieben ihre Wurzeln unter den rostigen Schienen hindurch und saftiges Moos überzieht die modernden Holzplanken. Die waldige Trasse ist ein Stück Wildnis inmitten des Großstadtdschungels – das Werk von Wind und Vögeln, die Pflanzensamen darüber verteilten. Mit der Zeit konnte sich auf den Hochbahnschienen so eine ganz eigene Vegetation entwickeln. Die Schatten der Häuserschluchten, die offenen, sonnenbeschienenen Abschnitte und die Bodenbeläge aus Kies, heraufgewehter Erde oder Sand bilden Mikroklimata die ganz unterschiedliche Pflanzen hervorbringen – ein schienenbreiter Garten Eden für jeden Hobbybiologen. Wären da nicht die „Betreten verboten“-Schilder, die Unbefugte an Streifzügen durch die Wildnis in luftiger Höhe hindern sollen.

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„Als ich klein war, bin ich oft mit meinem Bruder dort oben gewesen“, erzählte der Schauspieler Ethan Hawke kürzlich in einem Interview. „Es war ein magischer Ort.“ Eine Erfahrung, die er mit den meisten der anderen Mitglieder des Fördervereins „Friends of the High Line“ – der Freunde der High Line – teilt. Obwohl das Betreten der Trasse wegen zwischen den Pflanzen versteckter Scherben oder rostiger Metallreste und ihrem Verlauf über den Straßen tatsächlich nicht ungefährlich war, wurde sie schnell zu einem Tummelplatz für Abenteuerlustige, Unangepasste und Außenseiter. Teenager trafen sich dort zur Mutprobe, Verliebte zum Kuss zwischen Kräutern und Blumen. Dealer und Obdachlose tauchten im Grün unter. Anwohner nutzten das unberührte Fleckchen Erde um dort Gemüse anzubauen. Die grüne Ader im Westen New Yorks war ein Biotop – nicht nur für Gräser und Sträucher, sondern für eine anarchistische Form urbanen Lebens im Freien. Ein Märchenwald, in dem alles möglich war, was die Stadt sonst nicht zuließ. Und so gab es schnell Gegenwehr, als sich Mitte der 80er einige der Eigner der umliegenden Grundstücke dafür aussprachen, die Schienen einreißen zu lassen. Dort, wo die High Line verlief konnte nicht gebaut werden, und die Trasse verdunkelte die Straßen und hielt so die Grundstückspreise niedrig. Doch für viele der Anwohner war sie genau deswegen auch eine Bereicherung.

Erst war es nur der Eisenbahn-Fan und High Line-Nachbar Peter Obletz aus dem Viertel Chelsea, der sich dafür einsetzte, die Linie wieder in Betrieb zu nehmen. Seine Versuche blieben erfolglos, doch die Trasse rückte mehr und mehr in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. 1999 gründeten die zwei Anwohner Joshua David und Robert Hammond den Verein „Friends of the High Line“. Ihr Ziel: Aus dem Wildwuchs sollte ein öffentlicher Park entstehen. Sie versuchten die Stadt New York zu einer Investition in die High Line zu bewegen. Ihre Argumente waren schlüssig: Parks steigern die Lebensqualität in den angrenzende Wohnvierteln, so ihre Rechnung. Dadurch steigen die Grundstückspreise – die Stadt bekommt das investierte Geld durch höhere Steuereinnahme zurück. Doch letztlich waren es weniger die pragmatischen als die emotionalen Argumente, die den Verein und damit auch den Druck auf die Stadt wachsen ließen. Mehr und mehr Prominente, vor allem aber Nicht-Prominente unterstützten die Idee eines Parks auf Schienen: Neben Schauspieler Ethan Hawke, seinen Kollegen Edward Norton und Kevin Bacon, der Designerin Diane von Fürstenberg und dem Fotografen Joel Sternfeld waren es vor allem die unzähligen Anwohner die sich für die Erhaltung stark machten. Und letztlich gewannen: 2002 unterzeichnete Bürgermeister Michael Bloomberg den Beschluss zur Umwandlung der Bahnlinie in einen öffentlichen Park. Die Bauarbeiten laufen seit April 2006. Eröffnet wird das erste Teilstück am 09.06. diesen Jahres.

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Von der Poolterrasse des Gansevoort Hotels aus kann man nun das erste fertige Teilstück sehen. Es reicht von der Gansevoort- bis to 20sten Straße. Der Dschungel ist einer (zumindest noch) puristischen Begrünung gewichen. Erst wurde gerodet, dann gestaltet und neu bepflanzt. Den Landschaftsarchitekten der zuständigen Firma James Corner Field Operations war es wichtig, dabei die alten Vegetationsstrukturen zu erhalten: Sie arbeiteten mit den gleichen Gräsersorten, Bäumschösslingen und Blumenarten, die ursprünglich der Wind auf die Trasse getragen hatte. Auch die Schienen sind noch da – nun integriert in ein dynamisch wirkendes Muster langgezogener Steinplatten. Auch die Bänke, eigentlich Ruheplätze, wirken wie in Bewegung: Ihre Sitzflächen enden nicht, sondern laufen im Boden aus. Es ist erholsam, an einem heißen Tag den Schienen zu folgen. Der Wind weht vom Fluss herauf und dort, wo die High Line durch die alten Fleischereigebäude verläuft, ist es kühl wie in einem Burgverlies. Selbst die Installation aus in den Farben des Hudson River getönten Glasfenstern des Künstlers Spencer Finch scheint den Tag ein paar Grad frischer zu machen. Auf dem „Sonnendeck“ genannten Abschnitt stehen Sonnenliegen aus den alten Bohlen der Bahnlinie auf den Schienen – dank ihrer Räder lassen sie sich hin- und herschieben. Der Blick über den Hudson lässt einen fast vergessen, dass man mitten in der Stadt ist. Nur der Lärm ist noch da.

Insgesamt ist das Projekt High Line gelungen, auf seine Art ist es sehr besonders. Jedoch dabei so artifiziell wie vieles in New York – bis ins Detail durchdacht und deshalb mehr begehbares Kunstwerk als lebendiges Grün. Aus dem einstigen ungezähmten Dschungel mitten in der Großstadt ist ein passiver Ort geworden. Man kann hier spazieren gehen und sitzen. Was man alles nicht mehr darf, ist auf der Website des Parks aufgelistet: Auf den Schienen gehen zum Beispiel. Lärm machen, unerlaubt musizieren. Auf dem Geländer sitzen. Auch Ball spielen geht nicht – wegen der Strasse darunter. „Ich kann es nicht abwarten, meine Kinder hierher zu bringen“, hatte Ethan Hawke bei seiner letzten Begehung der Bahntrasse anlässlich des Umbaus gesagt. Den Ball wird er dann wohl zuhause lassen müssen. Aber vielleicht kann er ihnen ein Märchen erzählen. Von einem wilden Wald über den Strassen der Stadt.

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Infos:

Hinkommen: Zum Beispiel mit Air Berlin. Preise im Sommer ab 450 Euro (hin und zurück, inkl. Steuern + Gebühren), unter www.airberlin.com

Rumkommen: Der Aufgang zum High Line Park ist in der Gansevoort Street im Meatpacking District. Öffnungszeiten von 7 bis 22 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos. www.thehighline.org

Übernachten: Das Gansevoort Hotel wird wegen Poolterrasse und Lage im In-Viertel gern von Prominenten frequentiert. Zwischen dem 15. Juni und 30. November bietet es das „Hit the High Line“-Package an: Eine Übernachtung für zwei inklusive Picknick im Park, Thermosflasche und Buch über den Park kostet ab 425 Dollar. 18 Ninth Avenue, New York, NY 10014. Tel.: + 1 (0) 212 206 6700,  www.hotelgansevoort.com

Die alte Bahnlinie führt direkt unter dem edlen Hotel The Standard hindurch. Cool, clean und sehr chic präsentieren sich die Zimmer mit freiem Blick auf den Hudson. Zimmer ab 195 Dollar. 848 Washington Street, New York, NY 10014. Tel.: + 1 (0) 212 645 4646, www.standardhotels.com

Wer lieber zentraler wohnen möchte, ist im Le Parker Meridien am Central Park gut und komfortabel aufgehoben. Zum Luxushotel gehört nicht nur das angesagteste Frühstücksrestaurant der Stadt (Norma’s) und der beste Burgergrill – es ist auch eines der wenigen Hotels, das nahezu jedes Haustier aufnimmt. DZ ab 259 Dollar. 119 West 56th Street, New York, NY 10019-3318. Tel.: + 1 (0) 212 245 5000, www.parkermeridien.com

Bei allen Frage hilft die offizielle Tourismus-Website der Stadt New York weiter: www.nycgo.com oder auf deutsch http://www.nycgo.com/german

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Jessica Braun für stern.de am 29. Juni 2009

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