Authentizität und Spitzenhäubchen – Amische in Jamesport

In amerikanischen Jamesport rollen Kutschen die Landstraße entlang. Männer mit langen Bärten geben ihren Pferden die Sporen. Frauen mit Hauben halten einen Schwatz auf der Hauptstraße. Ein Filmdreh oder Themenpark? Nein. Ein Besuch bei den Amischen.„Natürlich könne mir Deutsch schwätze!“ David Yoder zwinkert gut gelaunt. Ein wenig sieht er dabei aus wie Bashful, der Zwerg aus Walt Disneys Märchenverfilmung, der eine heimliche Schwäche für Schneewittchen hat. Das liegt zum einen an seinem Bart – David Yoder ist Amisch – aber auch an seinen blauen Augen, die fast die gleiche märchenhafte Farbe haben wie seine Hosenträger und an dem altmodischen Strohhut.
In Jamesport, einem Dorf im US-Bundesstaat Missouri, fällt er mit seiner Kluft nicht auf. Tatsächlich sind die Amischen, eine Glaubensgemeinschaft mit schweizerischen und deutschen Wurzeln, in Jamesport sogar in der Überzahl. Auch wenn sie offiziell nicht als Einwohner gelten: 1500 Menschen gehören zu ihrer Gemeinde. Das sind dreimal mehr Menschen als in Jamesport leben. Wie David Yoder besitzen auch die anderen Amischen große Teile des Farmlandes. Sie versorgen mit ihren Handwerksbetrieben nicht nur die Läden im Ortskern – eine Kreuzung, die sich scheinbar kaum verändert hat, seit der Revolverheld Jesse James Missouri unsicher machte – sondern auch Händler überall in den USA. Und sie sind wie in anderen Bundesstaaten auch eine gute Einnahmequelle für die Region. Weil dort, wo Amische der alten Ordnung leben, die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Etwas, das Touristen gefällt.

„Wollt ihr meine Pferde sehen?“ Wie die meisten Amischen in der Gegend ist der Kutschenbauer David Yoder es gewohnt, dass Touristen auf seinem Hof aufkreuzen. Fotografieren will er sich nicht lassen – das wäre Hochmut. Aber seinen Besitz – Werkstatt, Scheune, Pferdekoppel – zeigt er mit der Routine eines professionellen Fremdenführers. Und auch die Fragen zu einem Lebensstil, an dem sich seit der Emigration großer Teile der Gemeinschaft in die USA im 18. Jahrhundert scheinbar wenig geändert hat, beantwortet er gerne. Für deutsche Besucher auch in dem den Amischen eigenen Dialekt Pennsylvaniadeutsch, einer Mischung aus pfälzischer Mundart und englischen Sprenkeln.

Hosenträger und Hufgeklapper

Bereits im Jahr 1683 hatte der Brite William Penn, Gründer der Kolonie Pennsylvania, verfolgte Glaubensgruppen dazu aufgerufen, nach Pennsylvania auszuwandern. Der Sohn eines Admirals hatte eine Vision: In seiner Kolonie sollten Siedler und Indianer als Landbesitzer friedlich nebeneinander leben und ihrem jeweiligen Glauben treu bleiben dürfen. Der Ruf erreichte auch die Amischen, eine christlich-fundamentalistische Gruppe, die es in ihrer Heimat Europa zunehmend schwerer hatte. Bis heute lebt ein Großteil der über 200.000 US-amerikanischen Amischen in Pennsylvania. Dort, wo 1985 auch der Kinofilm „Der einzige Zeuge“ mit Harrison Ford gedreht wurde. Die idyllischen Bilder des Films, die Szenen vom Farmleben und Aufnahmen von Ford in typischer Amischen-Kluft sind sicher mit Schuld daran, dass es immer wieder Reisende nach Jamesport verschlägt.

Eine Kreuzung mit vier Gebäuden in jeder Richtung, drei Restaurants, ein Haushaltswarengeschäft und mehrere Einrichtungsläden, eingebettet in eine hügelige Landschaft mit vielen Flüssen und Seen – nach zehn Minuten kennt man den Ort. Und der Ort kennt einen. „So you just made it over the creek, huh?“ ist die Standardfrage, mit der man hier im Mittleren Westen begrüßt wird. Die Metropole Kansas City liegt fast zwei Stunden mit dem Auto entfernt. Für die meisten Amischen eine kleine Weltreise: Wer sich nur mit Kutschen fortbewegt, hat einen eingeschränkten Radius.

Das Klapp-Klapp-Klapp der Hufe ist von früh morgens bis spät abends zu hören und die Kutschen versetzen einen bei ihrem Anblick sofort zurück in die gute alte Zeit. Ähnlich ist es mit den Trachten: Die Männer in den Kutschen tragen steife Filz- oder Strohhüte und Hosen, wie man sie aus Western kennt. Die Frauen kleiden sich mit Hauben und schmucklosen langen Kleidern in Pastellfarben. Die Regeln der Amischen in Jamesport sind streng und für Außenstehende nicht immer zu verstehen. Wie sehr sich eine Gemeinde vom modernen Leben distanziert, hängt davon ab, ob sie sich zur alten Ordnung zählt oder nicht – Amisch zu sein heißt nicht zwingend, kein Auto fahren zu dürfen.

Das versteckte Handy

In Jamesport ist Elektrizität im Haus verboten. Ein mit Gas betriebener Kühlschrank oder ein Akkuschrauber sind erlaubt. Fahrräder dürfen nicht benutzt werden, aber es kann schon passieren, dass man einen Amischen auf dem Tretroller oder mit Rollerblades sieht. Darüber, was sich ziemt und was nicht, entscheiden die Bischöfe. Als sich 1953 mehrere Familien in Jamesport ansiedelten, brachten sie gleich einen mit.

„Tu das weg!“ Mary Beechy scheucht ihren Mann durch das Wohnzimmer, damit er das Handy auf dem Couchtisch unter einer Zeitung versteckt. Das Wohnzimmer sieht aus wie das vieler anderer amerikanischer Familien: große Sofas, geblümte Kissen und Vorhänge, Nippes. Allerdings kein Fernseher. Und auch die beiden passen in ihrer Kluft nicht richtig ins Bild. Die Beechys, die ihren gut gehenden Lebensmittelladen mittlerweile den Kindern überschrieben haben, gehören zu den liberal denkenden Familien im Ort. Sie sind sich bewusst, dass ihre Art zu leben nicht die einzig wahre sein muss und verschließen sich dem Leben der „Englischen“ – so nennen die Amischen alle Nicht-Amischen – nicht rigoros. Wohl wissend, dass sie mit einem Handy im Haus die Regeln übertreten. Zwar hat jede Familie ein Telefonhäuschen auf ihrem Grundstück, aber im Haus sind Telefone verboten.

Bei den Gesetzen der Amischen geht es vor allem um eines: den Zusammenhalt der Gemeinde. Darum, nah beieinander zu leben und sich gegenseitig zu unterstützen. Also sich lieber zu treffen, als anzurufen. Nicht mit dem Auto durch die Weltgeschichte zu gondeln, sondern bei Haus und Familie zu bleiben. Und eben kein Ferienhaus mit Pool in Kalifornien zu haben. Die Beechys mussten ihres auf Anweisung des Bischofs verkaufen.

Durch ihre Art zu leben haben die Amischen in Missouri sich aber auch Dinge bewahrt, die in unserer Welt oft schmerzlich vermisst werden: Trifft eine Familie ein Unglück, brennt ein Haus ab oder wird jemand schwer krank, stehen alle Gemeindemitglieder bei. Das Haus wird innerhalb einer Woche wieder aufgebaut. Die Krankenhausrechnungen unter allen aufgeteilt. Vom eigenen Land leben zu können, steht im Vordergrund und die ganze Familie – bis zu 15 Kinder sind kein Sonderfall – hilft mit, um Haus, Hof und Laden zu bewirtschaften.

In und um Jamesport wird vom handgenähten Quilt bis zur Spielplatzausstattung in Holz alles verkauft, was die Handwerkskunst der Amischen hervorbringt. Und der zweimal im Jahr stattfindende Flohmarkt ist deswegen nicht nur für Touristen aus den Nachbarstaaten ein beliebtes Ausflugsziel, sondern auch für Antiquitäten- und Kunstgewerbehändler von Ost- und Westküste.

Hochzeitstag im Amish-Country

Es ist Donnerstagmorgen. Im Restaurant der Familie Gingerich an der Kreuzung riecht es nach Apfelkuchen und gebratenem Hühnchen. Die Gingerichs waren ursprünglich auch Amische. Doch weil sie in ihrem Restaurant Englische bewirteten, die Leute aus dem Ort und Touristen, wurden sie aus ihrer Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen. Nun sind sie Mennoiten: in der Kleidung kaum von den Amischen zu unterscheiden, aber nicht mehr ganz so strengen Regeln unterworfen.

Als draußen eine Prozession Dutzender Kutschen vorbei fährt, streift sich eine der Töchter die Hände an ihrer Schürze ab. „Heute ist eine Hochzeit.“ Das Fest findet auf einer Farm von Nachbarn der Beechys statt. Das Ehepaar passt auf die Kleinkinder der Gäste auf, damit diese ungestört feiern können. „Die Gingerichs? Natürlich sprechen wir noch mit ihnen. Aber zu der Hochzeit kommen dürfen sie eben nicht.“ Mary Beechy akzeptiert, dass es Gemeindemitglieder gibt, die sich gegen ein Leben als Amische entscheiden. Sie selbst scheint damit aber sehr glücklich zu sein: Ihr Gesicht ist voller Lachfalten, und sie scherzt viel.

Nur für eines hat sie kein Verständnis. Vor ein paar Jahren kam eine Touristin in den Ort, die gerne zum Amischen Glauben übertreten wollte – in der Hoffnung auf ein Stück heile Welt. Mary Beechy steht auf ihrer Veranda und sieht hinüber zu den Kutschen, die beständig in Richtung des Hochzeitsfests rollen. „Wir haben die Frau bei uns aufgenommen. Ein paar Monate hat sie bei uns gewohnt.“ Sie schiebt sich eine dunkle Haarsträhne unter die Haube, die ausgebüchst ist. Schüttelt den Kopf angesichts der Besucherin, die den Ort unverrichteter Dinge als Englische wieder verließ. „Wenn man von Anfang an so aufwächst, ist das eine Sache. Wir kennen es ja nicht anders.“ Sie zögert. Dann grinst sie: „Ganz ehrlich? Die Frau war völlig verrückt.“

Informationen
Unterkunft: Das Arbor House Country Inn bietet große, gemütliche Fremdenzimmer. Der Besitzer Ron Ledesma ist für seine Kochkünste im ganzen Ort bekannt. DZ pro Nacht ab 110 Dollar: 103 South Olive Street, Jamesport, Missouri 64648, Tel. +1 (660) 684 6760

Flohmärkte: Zweimal im Jahr, am Muttertag-Wochenende im Mai und dem letzten Juli.

Alle von Amisch geführten Läden in Jamesport und Umgebung: www.jamesport.net

Jessica Braun für stern.de am 03.06.09

Advertisements