Immer dem Pfeil nach – Zu Besuch im Sherwood Forest

Die Legende von Robin Hood lockt jährlich Tausende nach Nottinghamshire. Bei Mittelalter-Spektakeln im Sherwood Forest feiern die Fans ihren Helden. Von Jessica Braun.© Jessica BraunJetzt wäre man gerne noch einmal Kind: so aufgeregt wie der Junge, der zwei Meter entfernt vor Ade Andrews stehen geblieben ist. Die Skepsis ist ihm anzusehen – Erwachsenen kann man nicht immer trauen – aber auch die Hoffnung, der Fremde möge auf seine Frage hin die Wahrheit und bitte, bitte nicht „Nein“ sagen: „Bist du Robin Hood?“

Wenn Ade Andrews mit geschultertem Langbogen durch die Fußgängerzone von Nottingham geht, fasziniert er nicht nur Kinder. Auch Erwachsene setzen ihre Einkaufstüten ab und starren. Andrews ist hauptberuflich Ranger im Sherwood Forest. Nebenbei spielt er bei offiziellen Veranstaltungen und Stadtführungen den berühmten Gesetzlosen. Ein wichtiger Posten: Die Touristen, die auf der Suche nach Spuren von Robin Hood in die Grafschaft Nottinghamshire kommen, sind in der ehemals blühenden Industriestadt eine wichtige Einnahmequelle.

Die Stadt in Englands Mitte mit ihren fast 300.000 Einwohnern ist einer der zentralen Orte der Legende. Hier herrschte der Sheriff von Nottingham, Robin Hoods Widersacher in fast allen Geschichten. „Der Sherwood Forest, Unterschlupf für Hood und seine Bande von Gesetzlosen, reichte im Mittelalter bis an die Stadt und den Trent heran“, sagt Ade Andrews. Bis heute ist die Stadt voller Füchse, die durch die nächtlichen Straßen streunen. Ob Walt Disney das wusste, als er seinen Robin Hood zeichnete? Im Trickfilm von 1973 ist Robin ein charmanter Fuchs, der den Einwohnern von Nottingham gegen die Habgier des Sheriffs (Wolf) und König Johns (Löwe) beisteht. Disneys Nottingham ist ein mittelalterliches Dorf. Wie die Stadt zu Zeiten Robins wirklich aussah, kann man beim Spaziergang durch die Straßen nur ahnen. Vom Nottingham der alten Tage sind nur Teile erhalten – deutsche Weltkriegsbomben zerstörten viele der jahrhundertealten Fachwerkhäuser und der industriellen Backsteinbauten der viktorianischen Epoche.

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Während der Stadtführung bekommt man dennoch Gebäude zu sehen, in denen vielleicht schon Little John oder Bruder Tuck zu Gast waren: das Pub Ye Olde Trip To Jerusalem, beispielsweise, ein Fachwerkhaus, das sich unterhalb des Schlosses in den Sandsteinfelsen duckt. Es heißt, König Richard hätte hier sein letztes Bier getrunken. Dann brach er zu den Kreuzzügen auf. Oder die Sandsteinhöhlen, die bis heute ein unüberschaubares Tunnelnetz unter der Stadt bilden. Ein perfektes Versteck für Diebe. Ade Andrews bleibt vor der grauen Mauer einer Kirche stehen: „In der St. Mary’s Kirche sollen die Schergen des Sheriffs Robin Hood beim Gebet überwältigt haben.“ Sie warfen ihn in den Kerker der Shire Hall gegenüber – heute das Justizmuseum. Doch wie in jeder der Geschichten eilten Robins Männer ihm zu Hilfe und befreiten ihn aus seiner Zelle.

„Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit“ seien die Themen, um die es von Anfang an in den Erzählungen von Robin Hood ging, sagt Andrews. „Wer sehnt sich nicht danach?“ Deswegen hätte der Gesetzlose auch Fans auf der ganzen Welt. Tatsächlich begeistern sich seit dem Mittelalter immer neue Generationen für den Mann in Grün. Ob es ihn wirklich gegeben hat, darüber streiten Wissenschaftler bis heute.

„Roben Hood was the yemans name,

That was boyt corteys and fre;

For the loffe of owre ladey,

All wemen werschepyd he“,

zitiert Ade Andrews auf dem Marktplatz. „Roben Hood war sein Name. Er war höflich und großzügig. Seine Liebe zur heiligen Jungfrau ließ ihn alle Frauen verehren.“ So lautet – grob übersetzt – die Strophe aus der Ballade Robin Hood und der Töpfer, die auf diesem Marktplatz spielt. Sie wurde um 1500 niedergeschrieben, ist eines von sechs überlieferten Liedern. Ältere schriftliche Quellen gibt es nicht…

Vom 12. Mai 2010. Den vollständigen Artikel finden Sie auf ZEIT ONLINE.


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