Das Reservat der Quileute: „Seit ‚Twilight‘ behandelt man uns wie Rockstars“

La Push ist die Heimat des Stammes der Quileute. Und Handlungsort der „Twilight“-Filme. Seitdem wird der kleine Ort von Touristen überrannt. Ein Interview mit der Sprecherin des Stammes.

ZEIT ONLINE: Frau Jacobs, in Deutschland kommt Eclipse – Biss zum Abendrot ins Kino, eine Romanverfilmung aus Stephenie Meyers Twilight-Reihe. Die Quileute aus La Push werden darin als Volk von Werwölfen beschrieben, eine der Hauptfiguren, Jacob Black, ist ein Mitglied des Stammes. Wie kam es dazu?

Jackie Jacobs: Meyer hat die Schöpfungsgeschichte der Quileute als Vorlage benutzt. Die Kurzform geht so: Kwati, der Wandler kam in das Gebiet, in dem die Quileute heute leben. Er fand es so schön, dass er entschied, dass es besiedelt werden müsste. Er entdeckte zwei Wölfe. Diese verwandelte er in Menschen – die ersten Quileute.

ZEIT ONLINE: Sie sind seit etwa einem Jahr die offizielle Sprecherin des Stammes. Wieso benötigt ein Dorf mit 400 Einwohnern überhaupt eine Pressesprecherin?

Jacobs: Die Quileute sind auf mich zugekommen, weil Ihnen diese Twilight-Sache über den Kopf wuchs – diese Masse an Fans, die in das Reservat kommt. Deswegen haben sie Berater aus den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit, Marketing und Finanzberatung engagiert, die alle Erfahrung mit touristischen Themen haben und ebenfalls Ureinwohner sind – ich bin vom Stamm der Lumbee aus North Carolina.

ZEIT ONLINE: La Push liegt in einem autonomen Reservat an der kanadischen Grenze im US-Bundesstaat Washington. Die Gegend ist arm und dünn besiedelt, galt als eine der ruhigsten der USA. Die Quileute lebten vor allem von der Fischerei. Bis zum ersten Twilight-Film 2008 …

Jacobs: Auf einmal kamen 500 Touristen pro Tag in das Reservat. So viele Besucher gab es sonst maximal in einem Monat.

ZEIT ONLINE: Wie waren die Reaktionen im Ort?

Jacobs: Es gibt noch 700 Quileute in den USA und in etwa so viele verschiedene Meinungen über das Werk von Stephenie Meyer. Es gibt im Reservat 12-jährige Mädchen, die große Werwolf-Fans sind. Und es gibt einige unter den Ältesten, die das Phänomen zwar verstehen, aber nicht glücklich darüber sind. Die Quileute sind bescheiden. Einer der friedlichsten Stämme, mit denen ich es bisher zu tun hatte. Jetzt treffen sie auf Fans, die ausflippen wenn sie ein Stammesmitglied sehen – es ist, als wären alle Quileute Rockstars. Als wären sie Romanfiguren, die plötzlich real geworden sind.

ZEIT ONLINE: Es gab Berichte über Vampir-Fans, die seit Twilight nur noch bei offenem Fenster schlafen, in der Hoffnung, sie bekämen Besuch. Ist das nicht seltsam, wenn Fans durch La Push laufen und die Bewohner anstarren, weil sie darauf hoffen, einen Werwolf zu sehen?

Jacobs: Es geht. Die meisten Besucher sind sich bewusst, dass es sich um Fiktion handelt. Einige Teenager hegen vielleicht stille Hoffnungen, aber bisher haben sich fast alle Gäste gut benommen. Die Quileute-Kinder machen sich mittlerweile einen Spaß daraus, so zu tun als seien sie Werwölfe – sie springen hinter Häusern hervor und erschrecken die Touristen.

Interview vom 15. Juli 2010. Das vollständige Gespräch finden Sie auf ZEIT ONLINE.

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