Barrierefrei reisen: „Wir wollen spektakuläre Ausblicke – auch für Rollstuhlfahrer“

Auch Menschen mit Behinderung möchten Natur erleben. Hans-Peter Matt erklärt im Interview, warum er sich zum Landschaftsführer ausbilden ließ – als erster Rollstuhlfahrer bundesweit.

ZEIT ONLINE: Herr Matt, Sie sind seit zwei Wochen Deutschlands erster zertifizierter Natur- und Landschaftsführer im Rollstuhl. Sie bieten barrierefreie Naturexkursionen im Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord an. Wie kamen Sie auf die Idee, sich zum Naturführer ausbilden zu lassen?

Hans-Peter Matt: Ich habe ein Beratungs- und Planungsbüro und befasse mich beruflich mit dem Thema Barrierefreiheit. Ich selbst sitze im Rollstuhl, seit ich vor 23 Jahren einen Autounfall hatte. Weil es viele Menschen mit einer Mobilitätseinschränkung gibt, die Lust auf Natur haben, aber wenige Angebote für geeignete Naturerkundungen, habe ich 2008 gemeinsam mit dem Büro des Naturparks den Reiseführer NaTouren für alle entwickelt. Darin werden barrierefreie Touren für alle vorgestellt, die Ausflüge im mittleren und nördlichen Schwarzwald unternehmen wollen.

ZEIT ONLINE: Sind die bisher bekannten Strecken für Menschen mit Gehbehinderung zu langweilig?

Matt: Barrierefreie Wanderstrecken gibt es überall. Aber meist sind das geteerte Straßen in ebenem Gebiet, die kaum spektakuläre Ausblicke bieten. Wir wollten das verbessern und haben deswegen eine Reihe Strecken in unterschiedlichen Höhenlagen getestet. Der daraus entstandene Wanderführer war innerhalb eines Jahres vergriffen. Und ich habe während der Arbeit meine Liebe zur Natur entdeckt. Als die Volkshochschule in Schramberg einen Kurs für die Ausbildung zum zertifizierten Natur- und Landschaftsführer ausgeschrieben hat, dachte ich: das mache ich. Dieser Kurs wird schon seit einigen Jahren angeboten, aber bisher hat ihn kein Rollstuhlfahrer absolviert.

ZEIT ONLINE: Wollten Sie beruflich etwas Neues probieren?

Matt: Es geht mir nicht darum, als Landschaftsführer meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Es ist eher eine Art der Freizeitgestaltung.

ZEIT ONLINE: Gab es Verwandte oder Freunde die versucht haben, Ihnen die Idee auszureden?

Matt: Freunde und Verwandte fanden die Idee prima. Ich hatte nur mit der Skepsis der Volkshochschulbetreiber und Referenten zu kämpfen. Aber auch die legte sich mit der Zeit – vor allem, weil ich kompromissbereit war. Ich wusste, dass ich nicht die komplette Ausbildung absolvieren kann. Theorie, klar. Aber zum Beispiel bei der Exkursion mit dem Flying Fox, wo man an einem Drahtseil über eine Schlucht gleitet, konnte ich nicht mitmachen. Auf etwa 20 Prozent der Ausbildung musste ich verzichten.

Hans-Peter Matt ist Deutschlands erster Naturführer im Rollstuhl

© Hans-Peter Matt

Hans-Peter Matt ist Deutschlands erster Naturführer im Rollstuhl

ZEIT ONLINE: Wann führen Sie das erste Mal eine Gruppe in den Naturpark?

Matt: Ich habe bereits zwei Führungen absolviert. Meine ersten beiden Touren führten auf die Hornisgrinde, den höchsten Berg im Nordschwarzwald. Am 2. Oktober geht es noch einmal hinauf. In der Zukunft möchte ich mein Tourenprogramm ausbauen und auch Ausflüge anbieten, die nur mit Hilfsmitteln möglich sind.

ZEIT ONLINE: Und wie haben Ihnen Ihre ersten Touren gefallen?

Matt: Die Teilnehmerzahl war noch nicht sehr hoch: Bei der ersten Tour hatte ich neun Gäste, bei der zweiten vier. Es waren Rollstuhlfahrer darunter, deren Begleitpersonen, aber auch eine Frau mit multipler Sklerose mit ihrem Mann und Eltern mit Kindern, die im Rollstuhl sitzen. Vor der ersten Tour war ich nervös: Ich habe mich gefragt, was mich wohl erwartet, aber auch, was die Gäste wohl von mir erwarten. Unterwegs entspannen sich dann aber so tolle Dialoge, dass ich meine Aufregung schnell vergessen habe.

ZEIT ONLINE: Kann ein Naturpark wirklich barrierefrei sein?

Matt: Der Schwarzwald ist nicht die Ostsee. Durch die topografischen Gegebenheiten ist das Gelände natürlich nicht überall gleichermaßen zugänglich. Man kann aber Möglichkeiten schaffen: beispielsweise Wege soweit ausbauen, dass ein Mensch mit Behinderung mit dem Auto bis zu einem Plateau fahren und sich dort fortbewegen kann. Oder kenntlich machen, wo jemand mit einer elektrischen Zughilfe oder einem Handbike – einem Fahrrad, das mit den Armen betrieben wird – problemlos vorwärts kommt. Und man muss die Tour mit einer Gruppe mit eingeschränkter Mobilität anders vorbereiten. Wenn es unterwegs eine barrierefreie Toilette gibt, muss man darauf hinweisen, damit jeder Teilnehmer diese auch benutzt. Das sind sensible Themen, die ein Naturführer, der selbst Rollstuhlfahrer ist, vielleicht ein wenig einfacher ansprechen kann.

Das vollständige Interview vom 25. August 2010 lesen Sie auf ZEIT ONLINE.

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