Dennis Gansel: „Ich würde gerne ewig leben“

In „Wir sind die Nacht“ von Dennis Gansel streift eine Vampir-Clique durch Berlin. Im Interview spricht der „Die Welle“-Regisseur über Horror, Heidi Klum, Nazivampirlesben und ewiges Leben.

ZEIT ONLINE: Herr Gansel, eine der ältesten Vampirgeschichten der Welt, die Novelle Carmilla, handelt von einem weiblichen Vampir. Auch der wohl erste längere Vampirfilm, der je gedreht wurde, Vampyrdanserinden von August Blom, erzählt die Geschichte eines weiblichen Vampirs. Das Genre, so scheint es, war ursprünglich durch weibliche Protagonisten geprägt. Warum gab es trotzdem über Jahrzehnte nur männliche Vampire im Kino?

Dennis Gansel: Von Carmilla habe ich mich inspirieren lassen – die ältere Gräfin, die in Kärnten das jüngere Landmädel kennen lernt. Vielleicht waren die männlichen Vampircharaktere einfach stärker und die weiblichen wurden auf das erotische Element reduziert. In Dracula zum Beispiel sind die drei Frauen auch nur nettes Beiwerk. Was für mich völlig unverständlich ist. In unserem Drehbuch waren die Vampire von Anfang an weiblich.

ZEIT ONLINE: Warum?

Gansel: Ich bin ein Fan starker Frauenfiguren. Im deutschen Kino sind diese bisher zu kurz gekommen. Sicher, es gab Lola rennt, aber Frauen in Actionfilmen? Das hat bisher nur Luc Besson richtig gewagt. Nehmen Sie Nikita oder Léon – Der Profi – das sind Filme mit tollen Frauencharakteren. Diese Kombination aus Schönheit, Zerbrechlichkeit und dem Abgrund dahinter, finde ich reizvoll. Im Fall der Vampire kommen dann noch die übernatürlichen Kräfte hinzu. Die Amerikaner haben ihre Superhelden, Europa hat seine Vampire und Werwölfe, und wir Deutschen haben den Vampirfilm wenn nicht erfunden, dann mit Nosferatu doch maßgeblich geprägt. In der Filmhochschule haben wir uns viele dieser Stummfilme wie auch Der Golem oder Metropolis angesehen – die sind alle hier entstanden. Für mich ist die Entscheidung für einen weiblichen Vampir völlig stimmig.

ZEIT ONLINE: Wie unterscheiden sich männliche Vampire aus Ihrer Sicht von weiblichen?

Gansel: Sie sind gefühlsbetonter. Der männliche Vampir ist oft gefühllos – wenn man von Brad Pitt als Louis in Interview mit einem Vampir einmal absieht. Er ist der Herrscher, geprägt vom aristokratischen Vorbild, der sich jede Frau nimmt, und sie durch den Biss metaphorisch entjungfert. Der weibliche Vampir hat eine Gefühlswelt. Die Vampire in Wir sind die Nacht wollen geliebt werden.

ZEIT ONLINE: Und vor welcher Ihrer drei Darstellerinnen haben Sie sich am stärksten gefürchtet? Max Schrecks schauspielerische Leistung in Murnaus Nosferatu war einst so beeindruckend, dass gemunkelt wurde, er sei wohl tatsächlich ein Vampir.

Gansel: Nina Hoss hat mich sehr beeindruckt. Sie hat dieses aristokratische Wesen. Wenn sie spielt, spürt man bei ihr die Jahrhunderte. Als ich sie das erste Mal traf, war sie Anfang Zwanzig, aber schon damals wirkte sie viel älter. Nicht wegen ihres Aussehens – sie hatte schon immer ein altes Wesen. Hätte sie mir damals gesagt, sie sei seit 300 Jahren auf der Welt, hätte ich ihr das geglaubt.

ZEIT ONLINE: Der Entwurf zu The Dawn – der ersten Version von Wir sind die Nacht – entstand 1996. Es gibt zwei Versionen, was Sie inspiriert haben soll: eine Nacht im Berliner Techno-Club Tresor und ein düsteres Foto Ihrer damaligen Freundin. Welche Geschichte stimmt?

Gansel: Beide. Nach einer unglaublichen Nacht im Herbst 1996 im Tresor bin ich nach Hause gelaufen, durch die Gegend am Schlesischen Tor. Damals standen überall am Fluss Fabriken. Ich fand es unfassbar, dass in einer Millionenstadt in bester Lage derart heruntergekommene, verlassene Gebäude stehen, in denen alles passieren kann. Zuhause wartete meine damalige Freundin auf mich. Sie zeigte mir Fotos, die sie von sich hatte machen lassen. Die Bilder waren falsch belichtet, aber sexy und sehr düster. Da dachte ich: Ich muss einen Vampirfilm machen. In dieser Stadt.

ZEIT ONLINE: Trotz Ihrer Begeisterung für das Thema haben Sie Ihre Hauptdarstellerin Nina Hoss elf Jahre warten lassen, bevor Sie den Film gedreht haben. Warum hat das so lange gedauert?

Gansel: Das Drehbuch war 1998 fertig. Im Februar 1999 traf ich Nina Hoss – es existierte bereits die vierte Drehbuchfassung – und sagte zu ihr, Nina, halte deinen Terminkalender frei. Wir drehen im Herbst! Sie hat geschmunzelt. Sie ahnte wohl schon, dass das so schnell nichts wird. Ich war 26 Jahre alt und voller Enthusiasmus. Vermutlich hat sie das Ganze realistischer gesehen, weil sie schon deutlich länger in der Branche war.

ZEIT ONLINE: Und was hat Sie daran gehindert?

Gansel: Es gab von Anfang an Widerstand gegen den Film: das Thema Vampire sei nicht deutsch genug. Action war nicht deutsch genug. Letztlich haben wir zehn Jahre lang versucht, für diesen Film eine Finanzierung zu bekommen.

ZEIT ONLINE: Sind Sie erleichtert, dass es jetzt endlich so weit ist?

Gansel: Wir tragen jetzt eine große Verantwortung. Wenn sich Wir sind die Nacht durchsetzt, dann haben wir ähnlichen Filmen die Türen geöffnet. Vielleicht wird es dann auch einen deutschen Zombiefilm geben.

ZEIT ONLINE: Gibt es bereits. Rammbock ist vor einigen Wochen angelaufen.

Gansel: Aber noch klein und verhalten.

ZEIT ONLINE: Einer der zentralen Punkte Ihres Films ist Fluch und Segen eines ewigen Lebens. Können Sie diese Faszination erklären?

Gansel: Ich würde gern ewig leben. Wir haben uns diese Frage natürlich auch im Team immer wieder gestellt, und eigentlich waren alle außer mir der Meinung: „Nee, das ist nichts – da stirbt dir nur jeder weg.“ Ich verstehe das schon: alle Menschen, die man liebt, gehen irgendwann, die Welt verändert sich, nur man selbst nicht. Aber ganz ehrlich –  ich fände das super! Vielleicht würde ich nach 300 Jahren meine Meinung ändern, aber jetzt scheint mir diese Vorstellung unheimlich verlockend. All die Zeit, die man dann hätte! Einfach 100 Jahre lang nur reisen! 100 Jahre lang nur lesen! 100 Jahre lang nur einen Bauernhof bewirtschaften.

ZEIT ONLINE: Geht es Ihnen wirklich um ewiges Leben oder nicht eher um ewige Jugend?

Der Regisseur und Filmautor Dennis Gansel studierte an der Hochschule für Film und Fernsehen in München. Bereits für seinen zweiten Kurzfilm Living Dead gewann der heute 37-Jährige Iris Berben als Darstellerin. Im Jahr 2007 brachte das Drama Die Welle in die Kinos. Der Film wurde weltweit in über 19 Länder verkauft.

Gansel: Immer jung fände ich doof. Als Greis ewig zu leben auch. Etwas zwischendrin wäre gut: Als Fünfzigjähriger ewig leben. Ich bin überzeugt, dass ich die beste Zeit in meinem Leben noch vor mir habe.

ZEIT ONLINE: Im Gegensatz zu anderen Horrorfiguren hat der Vampir nie an Aktualität eingebüßt. Seit Carmilla ist er eine Metapher für den jeweiligen Zeitgeist, für kollektive Ängste und einschneidende Ereignisse der jeweiligen Epoche. Was sagen Ihre Vampire über das Jahr 2010 aus?

Gansel: Unsere Gesellschaft ist im Umbruch. Es gibt ein neues Selbstbewusstsein. Bei den Frauen spüre ich das ganz stark. Sie übernehmen dank ihrer Ausbildung und ihres Wissens immer öfter Schlüsselpositionen. In der Medienbranche begegnen mir mehr und mehr mächtige Frauen, die sämtliche Entscheidungsgewalt haben. Oft ist das ein Glück, weil man mit Frauen andere Gespräche führen kann. Vor zwanzig Jahren begann der Feminismus zu greifen. Jetzt spürt man diese Veränderung.

ZEIT ONLINE: Ihre Vampir-Clique ist ja aber nun keine Emanzentruppe, die sich für die Frauenrechte stark macht.

Gansel: Sie verkörpern die Zerrissenheit zwischen Konsumwahn und Hedonismus und der Sehnsucht nach neuen Werten. Das ist für mich eine der stärksten Tendenzen 2010.

ZEIT ONLINE: Sie haben in einem Interview eine Parallele zwischen Vampiren und Heidi Klum gezogen.

Gansel: Weil der Vampir Louise im Film dem Mädchen Lena genau das Angebot macht, das auch Heidi Klum ihren Teilnehmerinnen macht: Komm zu mir, und du kannst in einem geschlossenen Kaufhaus einkaufen gehen, du kannst die schnellsten Autos fahren, du wirst schön und erfolgreich sein. Hedonismus pur! Diese Castingshows suggerieren den Zuschauern, man könne über Nacht berühmt werden. Und die Menschen sehen sich das gern an. Abgesehen von Kochshows, ist das zurzeit das Einzige, das im Fernsehen Einschaltquote bringt.

ZEIT ONLINE: Der Ort, an dem ein Vampirfilm spielt, ist oft ebenso entscheidend wie die Zeit, in der er angesiedelt ist. Aktuell steht zum Beispiel die dampfige Südstaatenatmosphäre der TV-Serie True Blood der unterkühlten Ästhetik verregneter Westküstenwälder in Twilight gegenüber. Wofür steht Berlin?

Gansel: Berlin steht für Hochmut und Fall, für Reichtum und Armut, für Sex. Berlin ist in jeder Hinsicht extrem. Als ich 2002 hierher kam, da gab es all das, was heute Mitte ausmacht, nicht. In meinem Haus in Friedrichshain wohnt jemand, der rund um die Uhr Personenschutz genießt. In Kreuzberg werden die höchsten Preise für Immobilien gezahlt. Gleichzeitig gibt es die Plattenbauten, den Verfall. Es gibt Menschen, die sagen: Ich fahre nicht in den Westen, das ist mir zu dekadent. Berlin wäre gern wieder die Stadt, die es in den zwanziger Jahren war.

ZEIT ONLINE: Aus der Sicht des Regisseurs: Was ist schwieriger – Menschen zum Lachen zu bringen oder sie zu erschrecken?

Gansel: Es ist schwerer, Zuschauer zum Lachen zu bringen. Viel schwerer. Ich würde gern noch einmal eine richtig erwachsene Komödie drehen. Der Deutsche Filmpreis wird viel zu selten an Komödien vergeben. Nehmen Sie Bang Boom Bang: Der Film ist von meinem Kumpel Peter Thorwarth. Ich glaube, er hat einen halben Preis dafür bekommen. Dabei hat dieser Film Kultstatus! Die Kritiken, die dieser Film bekam, und die Wertschätzung durch das Publikum stehen in keinem Verhältnis zueinander.

ZEIT ONLINE: Wenn man Ihre bisherigen Themen zu einem Drehbuch zusammenfassen würde, hätte man einen Film über jugendliche Nazivampirlesben auf der Suche nach dem ersten Orgasmus. Was sagt das über Sie aus?

Gansel: Ich könnte Ihnen jetzt noch die fünf Drehbücher nennen, die ich gerne umgesetzt hätte, die aber niemand finanziert hat. Dann sähe das schon wieder anders aus. Aber tatsächlich gibt es einen roten Faden in meinen Filmen: den Bildungsroman. Ich habe mit 25 Jahren meinen ersten Spielfilm gedreht. Seitdem frage ich mich, wohin die Reise geht. Mein nächster Film mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle spielt in Russland. Es geht um Terrorismus. Das ist wieder was ganz anderes.

ZEIT ONLINE: In Das Phantom ging es auch um Terrorismus.

Gansel: Stimmt. Und auch in meinem aktuellen Film macht Moritz Bleibtreu einen Reifeprozess durch … vielleicht sagt das über mich, dass ich selbst noch auf der Suche bin. Dass ich selbst noch nicht weiß, wer ich bin.

ZEIT ONLINE: Und werden Sie den Film über jugendliche Nazivampirlesben eines Tages noch drehen?

Gansel: Das werde ich wohl Quentin Tarantino überlassen.

Interview vom 25.10.2011 erschienen bei ZEIT ONLINE.

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