Second-Hand-Brautmode: Kleider machen Bräute

© Heiko Prigge

Ein Brautkleid muss nicht neu sein. Wer sich traut, in Second-Hand vor den Altar zu treten, wird bei The Vintage Wedding Dress Company in London sicher fündig. Hoch die Arme, Luft anhalten. Nicht bewegen. Hannah O’Byrne zieht und zupft. Wenn ich jetzt eine falsche Bewegung mache, werde ich diesem Batist-Kleid ernsthaften Schaden zufügen. Etwas, das zwei Weltkriege nicht vermochten. Denn das Hochzeitskleid, das O’Byrne mir gerade in der Umkleidekabine der Vintage Wedding Dress Company anzuziehen versucht, ist geschätzte 110 Jahre alt. Ein kostbares Überbleibsel aus der Zeit Edwards VII. Der taschentuchfeine Baumwollstoff und die Stickereien sind makellos. Als wäre das Kleid nach seinem letzten Einsatz für ein Jahrhundert eingeschweißt worden. Ich ahne: Wenn der Stoff jetzt reißt, ist das ein schlechtes Omen. Wenn nicht für unsere Hochzeit, dann zumindest für unsere Hochzeitskasse.

 „The Vintage Wedding Dress Company ist ein besonderer Ort. Jedes Mädchen wird hier fündig – egal, ob es zur Modemeute gehört oder eine planlose Braut ist.“ So lautet die Empfehlung eines Fans auf der Website des Unternehmens – einem etwas anderen Brautmodengeschäft in London. Es gehört Charlie Brear, einer bekannten britischen Stylistin, die bereits Prominenten wie Kate Moss oder Rockbands wie den Arctic Monkeys zum stilbildenden Look verhalf.

Brear begann ihre Karriere bei MTV, machte sich aber schon bald selbständig. Ihre Liebe zu gebrauchten Brautkleidern entdeckte sie während eines Werbedrehs in Italien: „Der Regisseur hatte sich eine Szene ausgedacht, in der 100 Bräute die Straße entlang rennen“, erinnert sich Brear. „Er wollte ausladende 80er-Jahre-Kleider. Während ich danach suchte, fand ich so viele traumhafte ältere Modelle, dass mir ein Licht aufging.“ Während der Wartezeiten am Set tüftelte sie einen Plan aus. „Eine Woche später hatte ich den Namen, die Website und Ware im Wert von 20.000 Pfund.“

Mittlerweile hat sie einen eigenen Showroom im Londoner Stadtteil Holborn, in dem sie gemeinsam mit zwei Angestellten Brautkleider aus vergangenen Jahrzehnten verkauft. „Zu uns kommen Frauen, die kein herkömmliches Brautkleid wollen oder die etwas einzigartiges suchen“, hatte mir Hannah O’Byrne, eine der beiden Angestellten, im Vorgespräch erklärt.

Deswegen bin ich hier: Ich möchte ein Brautkleid. Aber ich will nicht aussehen wie eine Disney-Prinzessin und auch nicht wie eine weiße Bonbonnière. Ich möchte ein Kleid ohne Reifrock. Es soll auch keine Korsage haben, die ich alle fünf Minuten hochziehen muss, während ich vor dem Altar stehe. Mein Kleid soll elegant sein wie die New Yorker 5th Avenue und bequem wie ein Jogginganzug.

Um ein passendes Kleid zu finden, habe ich mich ich auf den Websites verschiedener Designer umgesehen (teuer!), war in zwei Berliner Showrooms, fünf Kaufhäusern und auf einer Hochzeitsmesse (furchtbar!). Auf eBay gab es einige getragene Modelle, die mir gefallen hätten. Aber was, wenn das Kleid nicht passt? Rücknahmen sind meist ausgeschlossen. „Kennst du schon The Vintage Wedding Dress Company?“, fragte eine Freundin. Ein Laden mit Secondhand-Kleidern in London schien die perfekte Lösung. Immerhin wurde das Brautkleid, wie man es heute kennt, in London erfunden. Und die Roben englischer Königinnen und Prinzessinnen haben die Brautmode über die Jahrhunderte maßgeblich beeinflusst.

Wie momentan die internationale Presse und fast jede Braut in spe gespannt auf die Hochzeit von Kate Middleton mit Prinz William wartet, so war auch die Hochzeit von Königin Victoria 1840 ein weltweites modisches Ereignis (immerhin herrschte sie über mehr als ein Fünftel der Erde). Victoria heiratete ihren Schwarm Albert in einem weißen Satinkleid mit Hermelinbesatz und Volants aus Klöppelspitze.

Bis zu diesem Zeitpunkt waren Brautkleider meist kräftig gefärbt, oft auch Schwarz. Weiß galt als dekadent und zu empfindlich, um darin die Feld- oder Hausarbeit zu erledigen. Was für Königin Victoria kein Kriterium war. Frauen in ganz Europa eiferten ihr nach, sofern sie es sich leisten konnten. In den USA setzte sich das weiße Kleid erst in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts durch. Seitdem haben sich Moden in Schnitt und Material immer wieder geändert, doch ein Brautkleid muss weiß sein.

„Kommen Sie bitte ungeschminkt und ziehen sie hautfarbene Unterwäsche an“, hatte mich O’Byrne deswegen vor dem Termin instruiert. „Und bitte bringen Sie nicht mehr als zwei Begleitpersonen mit.“ Als Hannah O’Byrne uns die Tür öffnete, war klar, warum: The Vintage Wedding Dress Company ist kein Laden, sondern eine Londoner 3-Zimmer-Wohnung am Bloomsbury Square, durch deren Flur man nur im Entenmarsch gehen kann. O’Byrne, eine resolute junge Frau mit asymmetrischem Haarschnitt, hat ihre modische Bildung vom renommierten St. Martins College. Sie, eine Kollegin und die Chefin Charlie Brear, wechseln sich bei den Terminen ab. Der Showroom ist an sieben Tagen in der Woche geöffnet. Die Frauen helfen den Kundinnen bei der Anprobe und stehen ihnen in Stylingfragen und bei etwaigen Änderungen zur Seite. „Im Moment sind wir aber nur zu zweit“, sagt O’Byrne. Brear ist schwanger und hat sich eine Auszeit genommen.

Ich bin froh, dass ich nur eine Freundin mitgebracht habe. Wenn sich eine von uns dreien im Raum bewegen will, müssen die anderen beiden ausweichen. Etwa 70 Kleider hängen im Showroom auf Bügeln. Die Hälfte stammt aus vergangenen Dekaden von 1900 bis 1970. Die andere Hälfte sind Repliken, die sogenannte Decades Collection. Für diese lässt Charlie Brear von ihren schönsten Fundstücken Kopien in Seide oder Spitze fertigen, die individuell mit Ärmeln oder Stickereien variiert werden können.

Die getragenen Kleider hängen links, die neuen rechts. Das Zimmer ist ein schneefarbenes Winterwunderland der Mode. Satin, der glänzt wie Folie. Liebevoll von Austern ausgespuckte Perlen. Akribisch platzierte Pailletten. Spitze, meerschaumgleich. „Wenn das bei Brautmoden Weyer hängen würde, fändest du es fürchterlich“, sagte meine Freundin, während sie eines der Kleider inspizierte. Wahrscheinlich hat sie Recht. „Sie sollten auch Modelle anprobieren, die sie nicht auf den ersten Blick mögen“, riet O’Byrne. Ihre Erfahrung zeigt, dass eine Frau, die mit dem Vorsatz kommt, ein 50er-Jahre-Modell mit knielangem Rock und betonter Taille zu kaufen, sich vielleicht plötzlich in ein langes, gerade Kleid aus den 20er Jahren verliebt. Oder umgekehrt.

Überhaupt sollte sich, wer bei Charlie Brear einkauft, nicht von vorneherein auf einen Stil fixieren. „Da wir mit Vintage-Mode handeln, können wir nie garantieren, dass etwas passendes da ist. Ist ein Kleid verkauft, ist es weg“, sagt O’Byrne. Um hier ein Brautkleid zu finden, muss man ein wenig Glück haben. Oder flexibel sein. Auf jeden Fall aber ein ausreichendes Budget einplanen, denn die Kleider haben ihren Preis: Die Stücke aus der Decades Collection kosten zwischen 1350 und 2600 Pfund (etwa 1530 bis 2950 Euro). Ohne Änderungen. Trotzdem verkaufen Brear und ihr Team etwa 350 Kleider pro Jahr – fast jeden Tag eines.

Tipps für den Vintage-Kauf

Wer Vintage kauft, findet mit etwas Glück ein maßgefertigtes Kleid, das von Hand bestickt wurde – also hohe Qualität zu einem, für heutige Verhältnisse, niedrigen Preis. Dennoch gibt es ein paar Punkte zu beachten:

Wenn man eine schlanke Silhouette möchte, ist man mit einem Kleid aus den dreißiger oder vierziger Jahren gut beraten. Für eine Hochzeitsfeier im Garten sind mädchenhafte Kleider aus der Zeit der Jahrhundertwende geeignet. Zu einer Hochzeitsfeier in der Stadt passt gut etwas Kürzeres aus den fünfziger oder sechziger Jahren. Für Strandhochzeiten eignen sich Kleider aus den siebziger Jahren, die lose fallen und meist aus leichteren Stoffen sind.

Man kann mit dem Stil einer Dekade spielen, ohne ihn zu übertreiben. Nur wer ein totaler Sechziger-Jahre-Fan ist, kann zum Kleid die Beehive-Frisur tragen, ohne sich verkleidet zu fühlen.

Akzente lassen sich auch mit Blumen setzen. Zum Jahrhundertwendekleid und den Siebzigern passt ein Strauss aus Wiesenblumen. Zu den Zwanzigern und Dreißigern machen sich Lilien sehr gut. Wen diese eher an Todesfälle als an Hochzeiten erinnern, der kann auf Eustoma ausweichen. Die Fünfziger vertragen ein romantisches Bouquet: Maiglöckchen, Mimosen oder Ranunkeln.

Vintage-Kleider fallen meist klein aus. Änderungen gehören dazu, werden aber umso teurer, je üppiger der Stoff bestickt oder verziert ist. Wer gar nichts passendes findet, wendet sich am besten an einen erfahrenen Schneider, der den Look kopieren kann.

Kleine Flecken, fehlende Perlen oder Kratzer gehören dazu. Achtung: Alte Stoffe können in der Reinigung eingehen! Unbedingt beraten lassen.

In den sechziger Jahren wurde viel Synthetik verwendet. Wer leicht schwitzt, sollte auf eine andere Ära ausweichen oder die Ärmel abnehmen lassen.

„Wir verkaufen in etwa so viele unserer eigenen Entwürfe wie Vintage-Modelle“, sagt Brear. Vielleicht, das war meine Hoffnung, ist unter den günstigeren gebrauchten (sie kosten ab 950 Pfund aufwärts) ja genau das Einzelstück, das zu mir passt. Aber nach einer Stunde Anprobe habe ich mich von diesem Gedanken fast verabschiedet. „Es geht nicht zu. Wir könnten unter dem Arm aber etwas Stoff einsetzen, um es weiter zu machen.“ Das Batistkleid spannt in der Taille und an den Schultern. Bis auf die Modelle aus den 70er Jahren waren eigentlich alle zu schmal für mich. Davon sollte man sich bei Vintage-Kleidern nicht die Laune verderben lassen. „Vor 100 Jahren waren die Menschen kleiner und die Frauen am Tag ihrer Hochzeit noch recht jung.“ Außerdem mogelten die Bräute ihre Rundungen mit Pressunterwäsche weg. „Bis zu den 60er Jahren trugen die meisten Frauen noch Korsette“, sagt O’Byrne.

Ich bin ein wenig enttäuscht: Mein Favorit, ein Modell aus den 30er Jahren, sieht an mir aus wie eines der Outfits von Kim Basinger in L.A. Confidential. Grandios – wenn man darüber hinwegsieht, dass kein blonder Vamp darin steckt. Und im 20er-Jahre-Modell aus der Decades Collection sehe ich wegen der tiefen Taille aus wie eine Seidenraupe beim Sackhüpfen.

„Probieren Sie bitte einmal dieses hier“, sagt O’Byrne. Es stammt aus den 40er Jahren, ist schlicht, schmal und hat einen skandalösen Rückenausschnitt. Ich kann mir nicht vorstellen, damit in einer Kirche zu stehen. Aber die Hochzeitsexpertin winkt mich mit einem derart fröhlichen Gesicht zurück in die Umkleidekabine, dass ich nicht nein sagen möchte.

Tatsächlich fällt die kräftige Spitze lose genug, um sich wohl zu fühlen. Das Unterkleid hat eine luxuriöse Schwere. Ich trete vor den Spiegel. Ja, das ist es. „Was kostet es?“ „2200 Pfund ohne Änderungen“, sagt O’Byrne. Ich halte inne, genieße den Augenblick in einem perfekten Kleid. „Eleganz besteht nicht darin, ein neues Kleid anzuziehen“, hat Coco Chanel einmal gesagt. Aber, denke ich, Eleganz hat viel damit zu tun, ob man sich ein gebrauchtes Kleid leisten kann. Oder nicht.

The Vintage Wedding Dress Company nimmt Anmeldungen zur Anprobe per Mail oder Telefon entgegen. Tel. +44 (0)20 8242 4380 oder enquiries@vwdc.co.uk

Erschienen im Tagesspiegel am 24.04.2011 und auf ZEIT ONLINE am 28.04.2011

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