Gärten in Detroit: Hier wächst die Hoffnung

© Jessica Braun

Detroit war einst eine Industriestadt. Heute werden Fabrikgelände in Beete und Äcker verwandelt. Kann die Gartenbewegung die marode Stadt retten?

An der Decke der Fabrik haben sich Tropfsteine gebildet. Der Wind fegt durch die Produktionsräume, die Splitter in den Fensterrahmen beginnen zu klingen. Durch die eingeschlagenen Fenster kann man eine Wiese sehen: Kräftige Bäume stehen um ein Stück freigelegter Erde. Ein kleiner Garten, noch im Winterschlaf. Jemand hat ein Schild aufgestellt: Anderson Community Garden. In ein paar Wochen wird hier, gegenüber der Fabrikruine Fisher Body 21, frisches Grün sprießen. Verfall und Wachstum sind in Detroit Nachbarn.

Speramus Meliora – Wir hoffen auf Besseres – steht auf der Flagge der Stadt. Wie einst die Fabriken sind es heute die Gärten, die Besuchern das Gefühl geben, dass Detroit eine Zukunft hat. Seit den neunziger Jahren hat bei Fisher Body 21 niemand mehr gearbeitet. Früher wurden hier Cadillac-Karosserien gebaut. Die Autoindustrie war Detroits wichtigster Wirtschaftsfaktor. In den fünfziger Jahren schienen die Förderbänder der Fabriken bares Geld zu transportieren. Detroit stand für Chrom und kraftvolle Motoren. Heute stehen in der Stadt mehr Ruinen als in Rom oder Athen: leere Wolkenkratzer und Kinos, Wohn- und Gotteshäuser. Rund eine Million Menschen haben „Motortown“ seit der Blütezeit verlassen. Ganze 713.777 Einwohner hat die Stadt heute noch. Das Stadtgebiet jedoch ist so groß wie San Francisco, Boston und Manhattan zusammen.

Willie Spivey ist einer von denen, die geblieben sind. Er arbeitet auf der Earthworks Farm, einem gemeinnützigen Gartenprojekt in Detroits Eastside, nur fünf Minuten Fahrtzeit von den Hochhäusern in Downtown entfernt. Zwei Morgen Land, etwas mehr als 8000 Quadratmeter, gehören zu der Farm, die mithilfe von Freiwilligen Obst und Gemüse in Bioqualität anbaut. In der näheren Umgebung der Felder ist der Verfall besonders deutlich. Viele der Häuser haben vernagelte Fenster. Manche sind abgebrannt. Es gibt einige Gewerbegebäude, eine Tankstelle. Dazwischen liegt Brachland. Und ein Franziskaner-Kloster mit akkurat gestutzten Bäumen.

„Bevor ich anfing, bei Earthworks zu arbeiten, stand ich für mein Essen in der Suppenküche des Klosters an.“ Willie Spivey ist 56 Jahre alt. Früher hat er sich als Hilfsarbeiter verdingt. Im Jahr 2009 reichte das nicht mehr, um Essen zu kaufen. Es war das Jahr der Finanzkrise. In Detroit gab es drei Mal mehr Arbeitslose als in jeder anderen amerikanischen Stadt: Ganze 22 Prozent der Bevölkerung waren ohne feste Stelle. Was in Detroit auch bedeuten kann: Ohne Zugang zu gesunder Nahrung. Die Nahrungskette in der Stadt ist gerissen.

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Hier wird lokal, vegetarisch und vegan gekocht. Hier wird lokal, vegetarisch und vegan gekocht.

Im Jahr 2007 verabschiedete sich mit Farmer Jack die letzte große Supermarktkette aus der entvölkerten Stadt. Wer in Detroit lebt und Essen kaufen möchte, hat seitdem oft nur die Wahl zwischen dem, was die nächste Tankstelle vorrätig hat – Donuts, Tiefkühlpizza, vielleicht ein paar Äpfel – oder einem der vielen Fastfood-Restaurants.

„Als es mit der Stadt bergab ging, warfen die Familien auch ihre Esstische weg“, sagt Spivey. Ende der neunziger Jahre lebte ein Viertel der Einwohner unter der Armutsgrenze. „Wer nicht weiß, wie er sein Essen bezahlen soll, der denkt nicht über gesunde Ernährung nach.“ Auch die Franziskaner sahen, dass sich Detroit in eine food desert, eine Essenswüste, verwandelte. Im Jahr 1997 legte Bruder Rick Samyn einen kleinen Garten bei der Suppenküche an – der  Grundstein der heutigen Earthworks Farm.

Die Farm blieb nicht das einzige Gartenprojekt in der Stadt. Die Umwandlung Detroits in Ackerland begann anfangs ebenso unbemerkt wie einst der Verfall. Zwischen Dearborn im Südwesten und Macomb im Nordosten trennen heute sorgfältig geharkte Beete das Brachland von belebtem Gelände. Vor Häusern mit vernagelten Fenstern stecken Bambusstöcke in der Erde, als Halt für die Tomaten, die hier bald wachsen werden. In den Gewächshäusern des Garden Resource Program Collaborative (GRPC), zu dem auch die Earthworks Farm gehört, bewegen Ventilatoren Kohl- und Spinatsetzlinge mit künstlichem Wind. In ein paar Wochen sollen sie auf ehemaligen Fabrikgeländen oder Supermarktparkplätzen in die frisch bestellte Erde gepflanzt werden.

Die Obst- und Gemüsegärten sind die Vitaminspritze, die die krankende Stadt wiederbelebt. Ganze 1234 private und gemeinnützige Gärten gedeihen mittlerweile unter dem Schutz der 2003 gegründeten Dachorganisation GRPC. Es werden ständig mehr. Im vergangenen Jahr hat das Kollektiv über 55.000 kostenlose Packungen mit Samen und mehr als 240.000 Setzlinge an die Freiwilligen verteilt. Jeder kann sich beteiligen. Man muss dazu kein Land besitzen. Viele Gärten entstehen auf Gelände, um das sich die eigentlichen Besitzer nicht kümmern oder kümmern können. Die Freizeitgärtner profitieren bei ihren Bemühungen vom fruchtbaren Boden unter der Stadt, den französische Siedler im 18. Jahrhundert urbar machten – sie müssen ihn nur freilegen.

„Kompost, viel Kompost“, antwortet Spivey auf die Frage, was es braucht, um ein brachliegendes Stück Erde bewirtschaften zu können. Doch das alleine reicht nicht. In vielen der verwahrlosten Gärten haben die früheren Bewohner ihre Autos abgestellt, bevor sie die Stadt verließen. Rost frisst sich durch die Karosserien. „Öl, das über Jahre in den Boden sickert, kann den Boden schädigen“, sagt Katherine Alaimo, Ernährungswissenschaftlerin an der Michigan State University.

Die Universität begleitet das GRPC von wissenschaftlicher Seite. Um sicher zu stellen, dass die geernteten Karotten und Rote Beete nicht voller Schadstoffe sind, werden in jedem Garten, der vom Gartenprogramm partizipieren soll, Bodenproben genommen. Erst dann bekommen die Gärtner Saatgut, dürfen ihre Ernte unter dem Siegel „Grown in Detroit“ verkaufen.

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Vor dem ehemaligen Bahnhof Michigan Central Station haben Aktivisten eine Installation aus Gräsern gepflanzt. Vor dem ehemaligen Bahnhof Michigan Central Station haben Aktivisten eine Installation aus Gräsern gepflanzt.

Von Mai bis November betreibt das Kollektiv einen Stand auf dem Eastern Market, einem Wochenmarkt, auf dem neben Obst und Gemüse auch Blumen oder lebende Hähne und Hasen gehandelt werden. Die Gegend um den Eastern Market hat den Charme eines Stadtteils, der kurz davor ist, sich in ein Szeneviertel zu verwandeln. Gegenüber der Markthalle, an der Russell Street, signalisieren fünf knallig gestrichene Türen, dass sich hier angesagte  Restaurants niedergelassen haben. Die apfelgrüne Fassade gehört dem Russell Street Deli, einem Bio-Restaurant, das eine appetitliche Auswahl an vegetarischen und veganen Gerichten serviert. Einer der beiden Besitzer ist Jason Murphy, ein Mittdreißiger, der sich nach eigenen Worten „vom Tellerwäscher zum Teilhaber“ des Delis hochgearbeitet hat. Murphy ist einer der Abnehmer für das Obst und Gemüse, das in den Gemeinschaftsgärten wächst.

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Jugendliche helfen bei einer freiwilligen Pflanzaktion. Jugendliche helfen bei einer freiwilligen Pflanzaktion.

„Wir haben 2008 damit angefangen, verstärkt bei lokalen Anbietern einzukaufen, um die Bauern hier zu unterstützen. Für einige sind wir der wichtigste Abnehmer in der Stadt.“ Salat, Spinat, oder Kräuter gehören zu den Detroiter Zutaten, mit denen im Deli gekocht wird. Allerdings stammt nur ein kleiner Prozentsatz davon aus den Gemeinschaftsgärten: „Etwa zehn bis 15 Prozent. Im Sommer wird es etwas mehr.“ Noch genügt der Ertrag nicht, um damit den Restaurantbetrieb aufrechterhalten zu können, sagt Murphy. „Wenn ich grüne Paprika brauche, dann 150 Kilo. Nicht 15.“ Die Hobbygärtner sind, gerade, wenn sie in Bioqualität anbauen, noch zu stark abhängig vom Wetter. Wenn sich die Schnecken über den Salat hermachen, schrumpft die Ernte über Nacht.

Bisher genügt das, was die kleinen und großen Gärten in Detroit hervorbringen, nicht, um den Bedarf an Gemüse und Obst der Einwohner zu decken. Mit der entsprechenden Unterstützung und Schulung, mit Gewächshäusern und Lagereinrichtungen, könnte die Stadt jedoch fast autark werden. Laut einer Studie der Michigan State University wären unter optimierten Bedingungen maximal 14,4 Quadratkilometer Fläche notwendig, um 76 Prozent des Bedarfs an Gemüse und 42 Prozent an Früchten zu decken. Rund 20 Quadratkilometer Land in der Stadt sind laut der gleichen Studie noch ungenutzt. Das GRPC hilft den gärtnernden Bewohnern schon jetzt mit kostenlosen Kochkursen und Lehrgängen zur Vorratshaltung dabei, ihre Erträge so zu verarbeiten, dass diese als Nudelsoßen, Chutneys oder Pickles auch im Winter Vitamine liefern.

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„Die Gärten liefern nicht nur Essen. Sie verschönern die Viertel“, sagt die Ernährungswissenschaftlerin Alaimo. „Es sind Orte, an denen sich die Menschen sicher fühlen.“ Alaimo hat untersucht, wie sich ein Stadtteil und die Menschen, die dort leben, verändern, sobald dort ein Gemeinschaftsgarten angelegt wird. „Ich konnte belegen, dass sich die Menschen, die sich an der Gartenarbeit beteiligen, in ihrem Stadtteil wohler fühlen„, sagt sie. Beim Harken und Gießen kommt man ins Gespräch. „Man lernt sich kennen.“ Wer mit seinen Nachbarn Kontakt hat, weiß, an wen er sich wenden kann, wenn er zum Beispiel Hilfe beim Einkaufen braucht. Aber auch, ob die zwei Männer, die gerade versuchen, das Auto auf der anderen Straßenseite kurzzuschließen, dessen Besitzer sind.

Die ehemalige Polizeichefin von Detroit, Ella Bully-Cummings, soll gesagt haben: „Die Gemeinschaftsgärten haben dabei geholfen, die Kriminalitätsrate zu senken.“ Relevante Studien dazu gibt es nicht. Dass die beteiligten Gärtner ihren Stadtteil als schöner und sicherer wahrnehmen, ist jedoch nachgewiesen. „Sie haben weniger Angst vor Kriminalität“, sagt die Ernährungswissenschaftlerin Alaimo. Manchmal reicht das schon. Nur Menschen, die sich nicht fürchten, vor die Tür zu gehen, haben die Chance, in ihrem Viertel etwas zu verändern.

Spivey, der Mann aus der Suppenküchenschlange, muss noch immer über sich selbst schmunzeln, wenn er „wir“ sagt statt „ich“. Für ihn war das die größte Hürde: sich bei der Arbeit als Freiwilliger auf der Earthworks Farm als Teil einer Gemeinschaft zu begreifen. Seit letztem Jahr ist er dort fest angestellt. Trotzdem hat er sich auch zu Hause einen kleinen Garten angelegt. „Mein eigenes Essen anzubauen gibt mir das Gefühl, unabhängig zu sein.“

Wir hoffen auf Besseres. Das Motto Detroits hat nichts mit selbstgezogenem Gemüse zu tun. Es stammt aus der Zeit nach dem großen Brand von 1805. Trotzdem passt es. Genau wie der zweite Satz auf der Flagge: Resurget Cineribus. Sie wird aus der Asche auferstehen. Hoffnung alleine wird nicht genügen. Aber mit Tausenden Rechen und Schaufeln kann man einiges umwälzen.

Erschienen am 05.05.2011 auf ZEIT ONLINE.

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