Handtaschen: Das Leben am Griff

Sac de Voyage Haut a Courroies

Tom Ford hat über die perfekte Handtasche gesagt: “Du willst sie haben oder sterben.” Warum aber lieben Frauen ihre Taschen so sehr? Weil sie Freiheit und Macht bedeuten.

Salvador Dalí hatte es mit der Handtasche gut gemeint. Aus Liebe zu seiner Frau Gala zeichnete er 1969 das „Daligramme“: ein Alphabet aus acht verschlungenen Symbolen, die seiner Verehrung für Gala Ausdruck verleihen sollten. Dieses Zapfdingbatz der Liebe übermittelte er an den Lederwarenhersteller Lancel in Paris, der es auf eine nach Entwürfen des Künstlers gefertigte Handtasche malte. Ein Kuvert aus dunkelbraunem Leder, mit einer goldenen Fahrradkette als Trageriemen. Ein surrealistisches Kunstwerk. Keine It-Bag, auch wenn Lancel genau das gerade aus der Neuauflage machen will.

Dalí war bekanntlich kein Modedesigner. Dass er sich mit der Handtasche seiner Frau auseinandersetzte zeigt, dass ihm deren Bedeutung durchaus bewusst war. Frauen haben eine besondere Beziehung zu ihren Handtaschen. Die Modehistorikerin Claire Wilox wird mit dem Satz zitiert: „Seit Handtaschen zur Damenmode gehören, prägen sie Individualität und Identität der Frauen.“

Die Wahrnehmung der Tasche als Teil weiblicher Identität beginnt schon früh. Aus Sicht eines Kindes ist die Handtasche der Mutter deren Reichsapfel. Sie steht für das Erwachsensein, für Entscheidungsgewalt. In den Clubs tanzen junge Frauen selbstvergessen mit ihren Marc Jacobs-Täschchen, schieben sie als Barriere zwischen sich und die Welt. Berufstätige Frauen haben nicht nur das Smartphone in ihrem Shopper, sondern oft auch Schnuller und Einkaufszettel. Und in Altersheimen halten verblasste Damen ihr Leben an raugewordenen Lederhenkeln fest.

Laut der aktuellen Studie eines Frühstücksflockenherstellers besitzt eine europäische Frau im Durchschnitt sieben Handtaschen. Eine internationale Studie von 2009 besagt, dass eine Italienerin im Schnitt sogar zwischen 20 und 60 Handtaschen ihr eigen nennt und Frauen in ihrem Leben im Durchschnitt 11.000 Euro für Taschen ausgeben. Und glaubt man Modetheoretikern kann man an den Handtaschenmodellen einer Zeit ablesen, wie es um die Rolle der Frau bestimmt war.

Seit Ende des 18. Jahrhunderts sieht man Frauen mit einer Tasche in der Hand die Straße entlang gehen. Ursprünglich hatten Männer wie Frauen Beutel am Gürtel befestigt, um Münzen, ihr Gebetsbuch oder den Rosenkranz bei sich zu tragen.

Im 17. Jahrhundert kam es dann zur modischen Geschlechtertrennung: In Männerjacken und -hosen wurden Taschen eingenäht. Die Frauen blieben beim Beutel, versteckten diesen aber in den Unterröcken ihrer Roben. Im Rokoko fiel das nicht auf. Nachdem Marie Antoinette, Stilkönigin der damaligen Zeit, aber 1793 enthauptet worden war, war der Stil des Ancien Régime out. Zarte Hemdkleider ersetzten im Empire Gestänge und multiple Röcke. Weil in den körpernahen Kleidern kein Platz für Fächer oder Parfum war, nahmen die Frauen einen Beutel zur Hand. Die Ära der Handtasche begann.

Anders als heute hatten Journalisten Anfang des 19. Jahrhunderts kein Verständnis für das Accessoire. Den Retikül, wie der verstärkte Stoffbeutel hieß, hielt man für eine Albernheit – „ridicules„, wie Anna Johnson in ihrem Buch Handbags schreibt. „Während Männer ihre Hände dazu haben, sie in die Taschen zu stecken, haben Frauen Taschen, um sie in den Händen zu tragen“, war in der Londoner Zeitung Imperial Weekly Gazette zu lesen. Vermutlich hatte der Autor schlechte Laune, weil seine Frau dank ihrer Tasche die Hände frei hatte und keinen Kavalier mehr brauchte, um ihr die Tür aufzuhalten. Für die Frauen im 19. Jahrhundert bedeutete die Handtasche jedenfalls ein wenig mehr Unabhängigkeit.

„Jede Frau sollte eine eigene Handtasche besitzen“. Dieser Satz stammt nicht von Karl Lagerfeld, sondern von Susan B. Anthony. Anthony war die erste Frau, deren Name bei einer Präsidentschaftswahl in den USA registriert wurde. Das war im Jahr 1872. Frauen durften damals weder Verträge abschließen noch ein eigenes Konto führen (in Deutschland wurde das erst knapp 100 Jahre später erlaubt). Für die Suffragette Anthony stand die Tasche am Arm für Freiheit und Macht: Was darin war, lag in ihrem Hoheitsbereich. Als sie ihre Stimme abgab, hatte sie ihr Lieblingsmodell – eine Bowling Bag aus braunem Alligatorenleder, wie man sie aktuell wieder bei Burberry findet – sicher dabei.

Dass die Handtasche nicht nur als Accessoire wahr genommen wird, liegt auch daran, dass sie zwei Bedürfnisse in sich vereint: Sie hält Intimes geheim, versteckt das, was nicht für die Öffentlichkeit gedacht ist – die zerbröselte Zigarette einer Gelegenheitsraucherin oder das Silikonkissen für den BH. Gleichzeitig signalisieren Modell und Marke der Außenwelt, wie die Trägerin gesehen werden möchte.

Im Jahr 1956 machte die Amerikanerin Grace Kelly das Modell Haut à Courroies des französischen Lederwarenherstellers Hermès bekannt, als sie die Tasche zwischen die Paparazzi und ihren Babybauch hielt. Das Foto der Fürstin, das damals auf dem Titel von Life zu sehen war, ist selbst zur Ikone geworden. Seine Aussage gilt bis heute: Eine Handtasche ist Sichtschutz, gibt Sicherheit. Und wenn man nicht weiß, wohin mit seinen Händen, kann man sich an ihr festhalten. In einer aktuellen Studie gaben 19 Prozent der Frauen an, dass sie sich hinter ihrer Tasche verstecken, wenn sie sich dick fühlen. Hermès nutzte seinerzeit den Tratsch über Fürstinnenbauch und Tasche und änderte den Namen des Modells mit Kellys Erlaubnis in Kelly-Bag.

Mit der Kelly wurde die Handtasche zum weiblichen Statussymbol. „Sie war eigentlich die erste It-Bag“, sagt Sigrid Ivo vom Amsterdamer Handtaschenmuseum. Über 4.000 Taschen hat die deutsche Kunsthistorikerin in ihrem Museum versammelt. Darunter sind Klassiker wie die 2.55 von Chanel oder eine Lady Dior wie sie Prinzessin Diana trug. Die erste It-Bag, die auch als solche wahrgenommen wurde, fehlt jedoch noch in der Sammlung: Im Jahr 2005 war die Paddington von Chloé noch vor ihrer Auslieferung in den Handel ausverkauft. Der Wartelistenwahnsinn begann.

„Eine bestimmte Tasche zu besitzen ist eine Frage des Prestiges“, sagt Ivo. In den vergangenen Jahren ist der Durchschnittpreis von Handtaschen kontinuierlich gestiegen. Gleichzeitig erhöhte sich die Nachfrage nach teuren Modellen. Während die Umsätze in vielen Märkten während der Finanzkrise zurück gingen, legten die Hersteller von Luxus-Accessoires noch zu.

So konnte der Konzern LVMH, zu dem unter anderem die Marken Louis Vuitton, Dior und Marc Jacobs gehören, im ersten Halbjahr 2009 seinen Umsatz mit Lederwaren noch steigern. Auch Burberry erwirtschaftete ein Plus von sechs Prozent und Hermès steigerte den Umsatz um ein Drittel. Vor Kurzem musste das französische Modehaus, dessen Kerngeschäft zu 50 Prozent aus Taschen und Lederwaren besteht, sogar Lieferschwierigkeiten unter anderem auf dem japanischen Markt eingestehen. Nicht einmal das Erdbeben im März hatte dort Einfluss auf die starke Nachfrage.

„Dass die großen Modehäuser ihren Umsatz nicht mit Mode, sondern mit den Accessoires machen, ist lange bekannt“, sagt die Modehistorikerin Adelheid Rasche, Kuratorin der gerade zu Ende gegangenen Ausstellung Visions & Fashion im Kulturforum Berlin. „Und nur noch wenige Frauen sind auf das Geld eines Mannes angewiesen, um sich eine teure Handtasche kaufen zu können.“ So, wie erfolgreiche Männer mit dezent schimmernden Chronographen am Handgelenk ihren Erfolg demonstrieren, zeigen finanziell unabhängige Frauen mit ihrer Handtasche Kaufkraft und Kennerschaft. „In den achtziger Jahren sah man noch viele große Logos. Heute benötigt man eine gewisse Vorkenntnis, um den Wert eines Modells auf den ersten Blick zu erkennen“, sagt Rasche.

Als Victoria Beckham im vergangenen Dezember ihre Taschenlinie lancierte, war ein Modell aus Alligatorenleder für 14.000 Dollar bis zum Nachmittag ausverkauft. Die Tasche mit der silbernen Kette ist lächerlich unauffällig. Doch Beckham gilt als Fashion-Ikone und tut einiges, um diesen Ruf zu erhalten. Wenn sie in Interviews ausplaudert, dass in ihrer Garderobe 100 verschiedene Birkin Bags stehen, ist das so, als würde Arnold Schwarzenegger mit seinem Hummer vor dem Weißen Haus Schleifen auf dem Rasen fahren – eine Demonstration von Dominanz mit den Mitteln des Konsums. Der Verweis auf die Taschen macht dabei deutlich, dass Beckhams Botschaft vor allem an Frauen gerichtet ist. Die wenigsten Männer wissen, dass eine Birkin zwischen 4.800 und 48.000 Euro kostet.

Die Briten haben für diese Form der Aggression einen eigenen Begriff: handbagging. Das Wort stammt aus der Ära Margaret Thatchers. Im Jahr 1985 schlug die englische Premierministerin mit ihrer Asprey-Tasche auf den Tisch: „I want my money back!“ Sie war wütend über die hohen Nettozahlungen ihres Landes an die Europäische Gemeinschaft. Um den Ausstieg Großbritanniens aus der Staatengemeinschaft zu verhindern, gewährte die EG den sogenannten „Britenrabatt“, der bis heute existiert – genau wie die Umschreibung „Politik der eisernen Handtasche“. Die wollte sich Angela Merkel scheinbar nicht unterstellen lassen. Bevor sie 2005 Kanzlerin wurde, hatte man die Bundesvorsitzende der CDU oft mit Thatcher verglichen. Merkel verzichtete daraufhin bei öffentlichen Auftritten auf ihre Handtasche – zumindest bis zum Jahr 2009, dem Jahr der Finanzkrise.

Vielleicht war es ein Stück weit auch die Handtasche, die ihr in diesem schwierigen Jahr half, sich erneut als Regierungschefin zu behaupten. Vielleicht hatte sie sich aber auch von Hillary Clinton inspiriert gefühlt.

Die amerikanische Außenministerin ist mit ihrer signalrosa Lieblingstasche von Ferragamo bei öffentlichen Anlässen zwischen den dunklen Anzügen der Männer deutlich zu erkennen. Sie hebt sich bewusst von ihren Kollegen ab, auch wenn sie die Bedeutung ihrer Tasche herunterspielt: „Sie macht mich einfach glücklich. Mit einer rosafarbenen Tasche kann man doch nicht traurig sein.“ Hätte Anna Karenina, die Hauptfigur aus Leo Tolstois gleichnamigem Roman, das gewusst, dann wäre sie vielleicht lieber mit einer rosafarbenen Ferragamo zum Bahnhof gegangen – kurz vor Ende des Romans wirft sie erst ihre rote Tasche weg und dann sich selbst vor den Zug.

Auffällig an Clintons Tasche ist aber nicht nur die Farbe, sondern auch die Größe. „Die Handtaschen sind in den vergangenen Jahrzehnten mit den Ansprüchen an ihre Trägerinnen gewachsen“, sagt die Modehistorikerin Adelheid Rasche. In den überdimensionierten Modellen waren eben nicht nur Lippenstifte und Kopfschmerztabletten. Sie waren Büro und Wickeltasche, Boudoir und Snackbar. 76 Tage ihres Lebens verbringen im Frauen im Schnitt damit, etwas in ihrer Tasche zu suchen. Eine internationale Untersuchung von 2009 listet auf, welche Dinge in den Handtaschen der Teilnehmerinnen gefunden wurden: darunter Ersatzstrumpfhosen, Laptops, Kinderspielzeug, To do-Listen, Liebesbriefe, Schweizer Taschenmesser, Sexspielzeug, Vielfliegerkarten und High Heels. Mary Poppins mit ihrer bodenlosen Tasche aus Teppich kann dagegen einpacken.

Zwischen 2003 und Jahr 2008 war das Gewicht von Taschen so um 38 Prozent gestiegen: der durchschnittliche Inhalt wog laut einer Studie 2,3 kg. Nur ein Jahr darauf ließ ein britisches Warenhaus erneut wiegen. Die durchschnittliche Tasche wog plötzlich nur noch 1,5 kg. „Das liegt an den Smartphones, die heute Zeitung, MP3-Player, Adressbuch, Taschenkalender und manchmal sogar das Laptop ersetzen“, sagt Sigrid Ivo vom Taschenmuseum in Amsterdam. Das Taschen-Mutterschiff, in dem manchmal sogar noch eine kleineres Taschen-Beiboot als Ersatz untergebracht war, hat damit seine Funktion verloren.

In diesem Jahr werden die Taschen entsprechend kleiner. Die schmale Kuvertform, die Salvador Dalí für seine Gala kreierte, wird in einer moderneren Version von Lancel wieder aufgelegt. In der aktuellen Tom Ford-Kampagne reflektiert eine schützend vor das Modelgesicht gehaltene DIN-A-4-große Tasche das Blitzlicht. Prada wirbt mit Taschen, in die zwar ein iPad, aber keine Yoga-Matte mehr passt. Und für die jüngere Linie Miu Miu liegt die Schauspielerin Hailee Steinfeld träumend zwischen pastellfarbene Wildledertaschen als wären diese die verstreuten Seiten eines Liebesbriefs. Heißt das, dass das Leben für Frauen nun traumhaft einfach wird? Haben sie ihren Machtbereich so weit ausgedehnt, dass sie keine riesige Tasche mehr brauchen, um sich Raum zu verschaffen?

Vielleicht müsste man dazu Ann Timson befragen. Ganze 55 Jahre nachdem die zarte Grace Kelly ihre Tasche schützend vor sich hielt, demonstrierte die Engländerin, dass eine Handtasche nicht nur Sichtblende, sondern auch Waffe sein kann. Weil Passanten im Februar diesen Jahres nur zusahen, wie sechs junge Männer am helllichten Tag ein Juweliergeschäft ausraubten, schlug die 71-Jährige so lange mit ihrer Handtasche zu, bis die Räuber flüchteten. Welches Modell die ehemalige Marktfrau trug, ist nicht bekannt. Ann Timson hätte es jedoch verdient, dass man es nach ihr benennt.

Am 02.10.2011 erschienen im Tagesspiegel und am 11.10.2011 auf ZEIT ONLINE

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