Cooper & Gorfer: „Unsere Arbeit beginnt mit einer weißen Landkarte“

© GestaltenDie Künstlerinnen Sarah Cooper und Nina Gorfer sammeln für ihre Fotos Geschichten, die sie auf Reisen recherchieren. Im Interview sprechen sie über Kirgisistans Riten.

ZEIT ONLINE: Sie verarbeiten in ihrem Werk die Mythologie der Länder, die Sie bereisen und die Geschichten der Menschen dort. Wie wählen Sie Ihre Ziele aus?

Nina Gorfer: Sehr spontan. Für Kirgisistan haben wir uns erst zwei Wochen vor der Abreise entschieden. Wir wollten an einen Ort fahren, über den wir noch nicht viel wussten. Die Idee, unsere Arbeit mit einer „weißen Landkarte“ zu beginnen, gefällt uns.

Sarah Cooper: Vor allem die ehemaligen Gebiete der Sowjetunion interessierten uns: Kasachstan, Tadschikistan, Usbekistan. Für My Quiet of Gold reisten wir 2006 nach Kirgisistan. Wir hatten uns zuerst für Georgien entschieden, aber dann gab es dort Unruhen. In Kirgisistan lag die Tulpenrevolution jedoch bereits ein Jahr zurück.

ZEIT ONLINE: Was für ein Land fanden Sie vor?

Cooper: Es war ein Land, das sich im Umbruch befand, reich an Geschichte und Geschichten. Kirgisistan lag einst an der Seidenstraßen-Route. Daher kommen viele asiatische Traditionen: Reitervölker, archaische Rituale, das mündliche Überliefern von Geschichten. Gleichzeitig war das Land lange Zeit Teil der Sowjetunion und ist dadurch russisch geprägt.

ZEIT ONLINE: Wie würden Sie Ihre Arbeit beschreiben?

Cooper: Unsere Arbeit ähnelt technisch der von Irving Penns mobilem Fotostudio. Unser Material ist leicht transportabel, damit wir zu den Menschen reisen können und sie nicht in ein Studio bitten müssen. Auch die Arbeit von Edward Curtis hat uns beeinflusst. Er hat Ende des 19. Jahrhunderts amerikanische Eingeborene porträtiert. In diesen Bildern ist etwas die folkloristischen Anmutung wiederzufinden, die man auch in unseren Bildern sieht. Wir bearbeiten unsere Fotos jedoch nach. Die Farbpalette, die wir dabei verwenden, ähnelt ein wenig der der Präraffaeliten.

ZEIT ONLINE: Wie unterscheidet sich der Blick des Fotografen auf eine Landschaft von dem des Malers?

Gorfer: Um Kirgisistan zu verstehen haben wir uns die kirgisische Malerei angesehen. Die Symbolik, die kirgisische Künstler benutzen. Wenn wir uns mit einem Land auseinandersetzen, dann geht es auch immer um die Textur und die Formen der Landschaft. Geschichte und Gegenwart beeinflussen unsere Werke. Wir komponieren ähnlich wie Maler. Trotzdem ist unser Blick ein fotografischer.

ZEIT ONLINE: Ihr Buch beginnt mit der Schilderung einer Szene im Flugzeug: Eine russische Maschine mit verblichenen Sitzpolstern. Es riecht nach Wodka…

Die 37-jährige US-Amerikanerin Cooper und die 32-jährige Österreicherin Gorfer leben und arbeiten im schwedischen Göteborg. Seit ihrem Studienabschluss als Gestalterinnen an der University of Design and Crafts in Göteborg im Jahr 2005 stellten sie in Institutionen wie dem Stockholmer Kulturhuset und verschiedenen Galerien aus. Ab Oktober ist ihre Ausstellung My Quiet of Gold im Gestalten Space in Berlin zu sehen.

Gorfer: So ging es während der ganzen Reise weiter. Es gibt in Kirgisistan den Brauch des Trinkspruchs. Man sitzt in einem Raum mit einer Familie von Kirgisen, mit einem Glas Wodka vor sich, und jemand erhebt sich, um eine kleine Rede zu halten. Spätestens dann sollte man zählen, wie viele Menschen im Raum sind: Genau so viele Gläser wird man leeren müssen, wenn man erst mal das erste angefasst hat.

Cooper: Es sind ganz bezaubernde Reden, die einen zu Tränen rühren können. Trinkt man danach sein Glas nicht ganz aus, bedeutet das, dass man die Person nicht wertschätzt. Deswegen kann man nur zu Beginn ablehnen. Hat man ein Glas erhoben, muss man auch alle anderen leeren.

ZEIT ONLINE: Die Kirgisen in Ihren Bildern schlüpfen in die Rolle historischer und mythologischer Figuren. Die Realität hinter den ikonografischen Darstellungen scheint trotzdem durch.

Cooper: Wir nehmen uns die Freiheit, Motive zu abstrahieren oder mit verschiedenen Ebenen zu arbeiten. Unsere Bilder dokumentieren nicht das, was in diesem Moment da war, sondern eher, wie sich dieser Moment angefühlt hat. So entsteht dann ein Bild wie das der am Boden liegenden, gefolterten Frau. Oder des Hundes, den wir als Wolf fotografiert haben.

ZEIT ONLINE: Gibt es keine Wölfe in Kirgisistan?

Gorfer: Die Wölfe spielen in der kirgisischen Kultur eine wichtige Rolle. Es gibt unzählige Geschichten von Wolfsjagden. Je größer der Wolf, desto größer das Fell. Ein großes Fell bringt viel Geld. Die Kirgisen empfinden deshalb eine Mischung aus Liebe und Hass für ihre Wölfe.

Cooper: Mich hat dieses Gerede von Wölfen so nervös gemacht, dass ich immer gerannt bin, wenn ich nachts vom Haupthaus zum Schlafhaus wollte. Gesehen haben wir am Ende keinen.

ZEIT ONLINE: In My Quiet of Gold thematisieren Sie einen uralten kirgisischen Brauch: Junge Frauen werden dort entführt und zur Heirat gezwungen. Wussten Sie davon, bevor Sie nach Kirgisistan reisten?

Gorfer: Wir haben davon erst durch die Familien erfahren, bei denen wir wohnten. Etwa 80 Prozent der Frauen leben in solchen erzwungenen Ehen. Es ist ein uralter Brauch aus der Zeit der Khans, der unter der Sowjet-Regierung verboten war, jetzt aber eine Renaissance erlebt.

ZEIT ONLINE: Wie offen sprechen die Frauen darüber?

Cooper: Sehr offen. Ihre Wahrnehmung ist dabei aber nicht die gleiche, wie unsere. In manchen Fällen fehlt einem Paar nur die Zustimmung der Eltern oder das Geld, um zu heiraten. Also entführt der Mann die Frau. Dann ist die Ehe nicht mehr abzuwenden. In anderen Fällen ist der Mann aber vielleicht das, was man bei uns einen Stalker nennen würde …

ZEIT ONLINE: Wie bei Ihrer Protagonistin Shola, deren Geschichte eine zentrale Rolle in Ihren Bildern spielt.

Gorfer: Shola litt nach ihrer Entführung an einer Art Stockholm-Syndrom. Sie fühlte sich durch den Fremden, der sie vor der Universität entführt hatte, auserwählt. Das hielt selbst dann an, als er begann sie zu schlagen und sich eine weitere Frau suchte. Heute lebt sie wieder bei ihren Eltern. Weil sie ihren Mann verlassen hat, ist sie eine Ausgestoßene.

ZEIT ONLINE: Sie waren in Island und in Kirgisistan. Wohin führt Sie Ihr nächstes Projekt?

Cooper: Wir waren gerade in Argentinien. Es ist ein Land mit einer bewegten Geschichte und deswegen nicht so leicht zu fassen. Im Lauf unserer Arbeit entfaltete es aber einen ganz eigenen Zauber. Wir suchten nach persönlichen Geschichten und Sagen. Was wir fanden waren eher philosophische Gedanken über das Leben, die Vergangenheit, über Glauben und politische Ansichten.

Gorfer: Wir sind in den Norden und Nordwesten gereist, von Jujuy an den Anden entlang. Ganze 6.000 Kilometer. Auf dieser Tour haben wir ganz unterschiedliche Menschen getroffen: Anführer des Mapuche-Volks, die uns ihre heiligen Plätze gezeigt haben; ein ehemaliger Offizier, der alles verloren hat, was er besaß, und im Dschungel nach der Wahrheit suchte, bevor er Medizinmann wurde. Und Dona Clarinda, eine 80-jährige Witwe, die mit ihrer Schafherde völlig abgeschieden lebt.

Cooper: In ihrem Haus hat sie eine Art Frettchen, das sie erschossen und ausgestopft hat, weil es „die Hunde angriff“. Das Tier gilt eigentlich als ausgestorben. Vor unserem Besuch mussten wir im Lokalradio eine Ankündigung verlesen lassen, damit sie informiert ist: „Am Donnerstagnachmittag werden zwei Frauen zu Dona Clarinda zu Besuch kommen“. Aus diesen Begegnungen und Erlebnissen wurde dann unser Argentinien.

Erschienen am 04.11.2011 auf ZEIT ONLINE

Advertisements