„Wir essen Hase und trinken Kinderbier“ – Das Theaterstück „Haus an Haus“

THEATER KORMORAN – Haus an Haus

Kinder haben nur wenige Möglichkeiten, ihr Zuhause zu gestalten. Ein Theaterstück will den Dialog zwischen ihnen und ihren Eltern fördern.

Zuhause, das ist ein Toast mit Wurst. Das Geräusch einer elektrischen Zahnbürste. Oder auch ein Bett. Wenn man Kinder fragt, was der Begriff „zuhause“ für sie bedeutet, bekommt man Antworten, die verblüffend geradlinig sind. Man könnte auch sagen: banal.

„Kinder denken eben logisch“, sagt Sabine Stein. Die 29-Jährige Theaterschaffende sitzt auf einem der Sperrmüllsofas, die im Theaterhaus Hildesheim eine behelfsmäßige Foyereinrichtung bilden. Neben ihr hat die Kulturwissenschaftlerin Lisa Schwabe die Füße hochgelegt. Die Grundschulklasse, für die Stein und Schwabe gerade ihr Theaterstück „Haus an Haus“ gespielt haben, ist zurück auf dem Weg in ihr Klassenzimmer. Gleich kommt die nächste. Die Regisseurin Franziska Seeberg, hat eben noch geholfen, Kinder und Jacken einander zuzuordnen. Jetzt stellt sie Getränke auf den Tisch, setzt sich.

Bei uns zuhause riecht es nach den Kerzen von meiner Mama. Mama hat ganz schön viele Kerzen.  Am liebsten mag ich die roten.

Stein und Schwabe gehören zum Hildesheimer Theaterkollektiv Kormoran. Die freischaffende Theatergruppe wurde 2005 von Studenten des Hildesheimer Studiengangs „Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis“’ gegründet. Heute besteht Theater Kormoran aus fünf festen Mitgliedern – alles Frauen. Gemeinsam produzieren und spielen die fünf eigene Stücke für Kinder und Jugendliche. Manchmal laden sie auch andere Theaterschaffende zur Mitarbeit ein. „Haus an Haus“, ihre sechste Produktion,  entstand in Kooperation mit der Regisseurin Seeberg. Das Stück ist eine „Untersuchung des Zuhausegefühls“.

Wir sitzen alle am Tisch und dürfen aufstehen, wann wir wollen. Papa ist nie da.

„Wie wollten herausfinden, was Zuhause heute für Kinder bedeutet,“ sagt Stein. Das, was wir unter Familie verstehen, hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert, und  damit auch unser Begriff von Zuhause. Mütter gehen arbeiten, Väter pendeln, Geschwister streiten sich im Chat. Eine Familie muss nicht mehr zwingend unter einem Dach leben, um sich als solche zu begreifen. Eine Mutter, die zuhause bleibt, oder ein Vater, der seine Elternzeit nutzt, ist nicht unbedingt auch für das Kind da. Über das, was gut und richtig für die Entwicklung von Kindern ist, wird kontinuierlich in den Medien und der Politik diskutiert. Theater Kormoran versucht, das Gespräch direkt mit den Kindern zu führen.

Wenn ich mir etwas für mein Zuhause wünschen dürfte, dann hätte ich gern alle Bakugan-Sammelkarten. Alle Yugioh-Sammelkarten. Einen LCD-Flachbildfernseher, Calzone und Eis. Einen Butler. Eine türkische Kalaschnikow – das ist ein riesiges Maschinengewehr. Und einen Hasen. Aber den habe ich schon.

„Wir wollen Kinder mit dem Stück dazu ermutigen, mit ihren Eltern über ihr Zuhause zu sprechen“, sagt die Regisseurin Seeberg. Die Mitbegründerin der Berliner Kompanie Oper Dynamo West lernte die Kormoran-Künstlerinnen während eines Theatertreffens kennen. „Haus an Haus“ ist die erste Zusammenarbeit. Für Seeberg ist es auch die erste Produktion für Kinder. „Das Zuhause eines Kindes wird von den Eltern definiert: davon, wie diese leben wollen.“ Für Seeberg ist diese Feststellung erst mal wertfrei – in den ersten Jahren unseres Lebens sind wir nun mal fremdbestimmt. Das heißt aber nicht, dass Kinder keine Meinung zu ihrem Umfeld haben. Das Stück soll Kindern und Eltern daran erinnern, dass sie dieses Umfeld auch „gemeinsam gestalten können.“

An meinem Geburtstag singen alle für mich auf Polnisch, Arabisch und Deutsch.

Um herauszufinden, was Kinder bewegt (und was sie langweilt), setzen sich die Künstlerinnen in Interviews und Workshops mit Sechs- bis Zwölfjährigen auseinander. Ausgerüstet mit Aufnahmegeräten und Fragebögen besuchen sie Schulen, um dort durch Rollenspiele, Malübungen und Befragungen Meinungen einzuholen.

Das kann zäh sein oder vielsagend – je nachdem, ob die Kinder gerade Lust darauf haben, sich mitzuteilen, ob sie genervt sind, ängstlich oder schüchtern. Manche wollen angeben und immer ein bisschen krasser, klüger oder lustiger sein, als ihre Mitschüler. Einige können mit den gestellten Fragen nichts anfangen, weil sie noch gar nicht gelernt haben, zu abstrahieren. Andere haben so viel Fantasie, dass sie gar nicht mehr aufhören wollen, zu erzählen. Und wieder andere bekommen die Zähne nicht auseinander und antworten auf jede gestellte Frage, auf jedes Gesprächsangebot nur mit „Hmhm.“ Am Ende fließen alle diese Ergebnisse der Recherche dann in Text und Gestaltung der einzelnen Spielszenen ein.

Wir essen Hase und trinken Kinderbier.

Auf eine lineare Handlung  wird bei „Haus an Haus“ verzichtet. „Wir erzählen nicht jede Geschichte zu Ende.“ Was im Erwachsenentheater mittlerweile zum Standardrepertoire gehört, ist im Kindertheater neu: ein intuitiver, situationsbezogener Umgang mit Themen, der Raum lässt für die eigene Interpretation. Es gibt keinen Erklärbären, der das Gezeigte aufschlüsselt.  Über den Kindern wird auch nicht der große Moraltopf ausgeschüttet. Das Künstlerkollektiv sieht sich in der Tradition des Postdramatischen Theaterbegriffs, wie ihn der Frankfurter Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann Ende der Sechziger Jahre prägte: Weg vom Handlungsstrang des klassischen Dramas. Mut zur Lücke und Vertrauen in die Fähigkeit der (jungen) Zuschauer, die leeren Stellen mit eigenen Gedanken füllen zu können.

Jeden Abend lese ich noch im Bett. Eigentlich lese ich immer Harry Potter. Dann mache ich meine Nachttischlampe an, mache es mir gemütlich und lese, bis meine Mutter reinkommt und sagt, dass ich das Licht ausmachen soll. Dann lese ich aber meistens trotzdem noch weiter.

Rund 90 Kinder wurden für „Haus an Haus“ befragt. Die Künstlerinnen haben etwa genau so viele in Krakelschrift ausgefüllte Fragebögen ausgewertet und selbstgemalte Bilder gesichtet. So entstand eine – nicht repräsentative, aber doch sehr deutliche – Momentaufnahme dessen, was Kinder heutzutage unter Zuhause verstehen.

Wenn ich zuhause bin höre ich, wie meine Mäuse im Käfig rumkratzen.

Das Stück ist eine Forschungsarbeit im Kleinen, deren Ergebnisse auf der Bühne präsentiert werden. Stein und Schwabe schlüpfen dabei abwechselnd in die Rolle der für die Kinder zentralen Figuren: Mutter und Vater. Der kleine Bruder, der immer quengelt, oder die große Schwester, die nervt. Dann kommen die prominenten Nebenrollen: Die Oma. Die neue Freundin des Vaters. Die Schulkameraden. „In den Interviews dreht es sich oft um das gemeinsame Abendessen“, sagt Lisa Schwabe. Für die Kinder ist das der Zeitpunkt, an dem die Familie zusammenkommt. Die Schulaufgaben sind erledigt, die Hausarbeit auch. Die gemeinsame Freizeit beginnt. „Uns ist aufgefallen, wie sehr die Kinder diesen Fixpunkt in ihrem Tag zu benötigen scheinen“, sagt Schwabe. Als Babys sind wir darauf angewiesen, dass die Eltern uns regelmäßig mit Essen versorgen. Es ist ein Zeichen der Fürsorge. Später kommt beim Essen mit den Eltern durch das Gespräch am Tisch eine wichtige soziale Komponente hinzu. Selbst, wenn die Kinder schon alt genug sind, um sich selbst ein Brot zu belegen, legen sie dennoch Wert darauf, dass sich alle im Esszimmer einfinden. Wenn es dann noch ihr Lieblingsessen gibt und keiner motzt, ist die Welt in Ordnung.

„Haustiere haben ebenfalls eine große Bedeutung,“, sagt die Regisseurin Franziska Seeberg. Die Kinder, die ein Tier haben, bezeichnen Hund/Katze/Maus immer als das Wichtigste in ihrem Leben. „Wenn das Haustier stirbt, ist das ein immenser Verlust.“ Ein Junge hat im Workshop seinen Wellensittich gemalt, der gestorben war und den er sehr vermisste. Die Zeichnung ist nun Teil des Plakats, mit dem „Haus an Haus“ beworben wird. „Er war so traurig. Das hat uns gerührt.“ Ein Zweitklässler hatte seinen Hund gemalt. Die anderen Kinder zogen ihn auf, weil das Bild nicht so richtig gut gelungen war. Der Hund sah mehr aus wie ein Propellerschwein. Seeberg: „Er hat dann auf das Blatt geschrieben ‚Für mich ist dieses Tier schön so, wie es ist.‘ Das fand ich toll.“

Ich habe ein Bild von meinem Traumhaus gemalt. Wir wohnen in Dubai. In der Mitte vom Jupiter. Das ist Kurt, die Wunderkatze. Das ist meine Riesenschokolade. Hier sind mein Fernseher, mein Zauberstab, mein Bett. Mit dem Zauberstab kann ich mein Haus größer zaubern, wenn es zu klein ist. Und wenn mein Vater wieder sauer ist und er dauernd mit mir schimpft, kann ich ihn verzaubern, damit er immer ganz lieb ist.

Während die Einrichtung des Zimmers, der Fernsehkonsum oder die Schlafenszeit stark von den Eltern festgelegt werden, sind die Haustiere etwas, über das die Kinder selbst bestimmen. Der Satz „Das ist dein Hamster, deswegen machst du den Käfig sauber“ nervt Eltern, wenn sie ihn ständig sagen müssen. Kindern zeigt er jedoch den einzigen Bereich im Zuhause auf, der allein in ihrer Verantwortung liegt. Jemand ist auf sie angewiesen. Für den Kater oder den Hasen machen sie die Regeln.

Zuhause ist für mich: mein Kater und meine Eltern. Dann mein Aquarium, Pommes, Ketchup, meine Lampe und ein Mikrofon, ein Buch, eine Creme. Eigentlich der Duft der Creme – mein Vater benutzt die immer.

„Wir gehen an unsere Stücke heran wie Forscher“, sagt Lisa Schwabe. „Wir nehmen uns eines Themas an und beleuchten es von verschiedenen Seiten.“ Die Kulturwissenschaftlerin trägt eine schwarze Leggings. Unter ihre Strickjacke hat sie drei T-Shirts gezogen: Lila, Gelb und Türkis. Unter der Bundfaltenhose von Sabine Stein blitzen Socken in Neonpink. In ihren Bühnenoutfits könnten die beiden Autorinnen/Schauspielerinnen/Dramaturginnen als Berliner Clubbesucher durchgehen. Sie verstehen sich selbst aber mehr als Wissenschaftlerinnen, denn als junge Wilde.

Mein Bruder nervt. Meine Mutter brüllt. So geht das jeden Tag.

Was nicht heißt, dass es auf der Bühne nur um Theorie und Fakten geht. Eine weitere Schulklasse ist im Theaterhaus angekommen. Haufen aus Jacken und Mäntel liegen auf den Sitzgruppen im Vorraum des schmucklosen Backsteinbaus, in dem die freie Theaterszene der Stadt probt und spielt. Nachdem sich die Acht- und Neunjährigen gesetzt haben, bleibt gerade noch Platz für die beiden Schauspielerinnen und ihre Requisiten: Klapptisch und -stühle, fünf Umzugkartons, ein Mikrofon, eine Decke. Noch wird getuschelt. Pssst, macht die Lehrerin. Schwabe schaltet den Overheadprojektor an, der in der Mitte des Raums steht.  Jetzt ist es erst recht wie im Klassenzimmer.

Zuhause höre ich Staubsaugen (besonders nervig), Radiomusik und wenn ich reinkomme habe ich ein gutes Gefühl!

Zu Beginn des Stücks sitzen Stein und Schwabe zwischen den Kindern. Fragen diese, wo man wohnen kann. In einem Haus, klar. In einem Schloss, einem Iglu. Vielleicht auch in einer Höhle. Die Kinder sind noch skeptisch. Schauen den jungen Frauen dabei zu, wie diese ihre Zähne putzen, aufräumen. Es werden Pfannkuchen gebacken – die ersten Kinder stehen auf, um einen besseren Blick zu haben. Als die beiden Luftgitarre spielen, wird in der letzten Reihe verstohlen mitgetrommelt. Ein Mädchen tut so, als hätte es ein Mikrofon.

Ich würde gerne auf dem Land wohnen. Mit einem Swimmingpool und einem Schlagzeug. Leon, Lukas und ich wollen eine Band gründen. Ich spiele dann Geige. Ein Garten wäre schön, besonders groß. Da könnte ich Gemüse und Obst anbauen und Bäume hinstellen.

„Wir müssen bei unserer Arbeit immer wieder überprüfen, ob die Kinder das, was uns gerade beschäftigt, überhaupt interessiert“, hat Seeberg gesagt. Trotzdem kann es passieren, dass eine Klasse desinteressiert ist, die Kinder herumhampeln,  lieber miteinander reden. „Neulich hatten wir eine Klasse, in der die Kinder uns mit Zuhausegeräuschen unterstützt haben.“ Schschsch, rauscht die Dusche. Wrummm, fährt draußen ein Auto vorbei. Ob eine Vorstellung gut läuft, oder schlecht, hängt sehr von der Tagesform der jeweiligen Klasse ab. Eine Szene greift aber immer: der Streit. Gerade noch haben Stein und Schwabe „Alle Jahre wieder gesungen“ und Geschenke ausgepackt. Jetzt  stehen sie sich wütend gegenüber.

Zu einem perfekten Zuhause gehören für mich erst mal Mama und Papa. Und Spaß. Ein Bett natürlich. Ein Nintendo und Spiele. Eine Biokiste. Meine Katze. Und die Schulband. Da spiele ich Keyboard. Eigentlich ist mein Zuhause genau so. Nur Spaß ist nicht immer dabei.

Seeberg: „Die Szene sollte klar als Streit zwischen den beiden erkennbar sein, aber die Kinder nicht verängstigen.“ Die beiden beginnen mit ruhigen Beleidigungen, dann wird die Stimmung aggressiver: „Ich spucke dich aus, ins Klo, spüle dich runter in die Kanalisation und da sind riesige Ratten und die nagen an dir.“ Bilder in Tom-und-Jerry-Manier, ganz schön gruselig. Wurde anfangs noch gekichert, ähnelt die Stimmung jetzt eher der an einem Boxring. Ein Junge kneift die Augen zu, ein Mädchen duckt sich. Jede neue Beleidigung wird mit einem „Uuuuh!“ kommentiert. Worte können auch ganz ordentlich treffen.

Abendessen ist schön, wenn meine Schwester Maria bei ihrer Freundin ist.

Die Arbeit mit Kindern ist für die Frauen immer auch ein Balanceakt. Wenn ein Kind während der Aufführung anfängt zu weinen, ist das ein klares Zeichen, dass sie zu hart waren. In den Workshops sind die Grenzen nicht so leicht auszumachen. „Ich habe einen Zauberstab gemalt“, sagt ein Junge in einem der Interviewmitschnitte, „Damit kann ich meinen Papa verzaubern, damit er nicht dauernd sauer ist und mit mir schimpft.“ Einen konkreten Anlass, den Lehrer wegen der Aussagen eines Kindes zu informieren, gab es noch nicht. „Traurig ist das, was man hört, aber schon manchmal“, sagt Stein. „Wir versuchen, das Gehörte nicht zu bewerten“, ergänzt Schwabe. Auch Franziska Seeberg ist überzeugt, dass man sich bei der Arbeit nicht sofort in der Rolle des Sozialarbeiters fühlen sollte, wenn das, was ein Kind schildert, nicht dem eigenen Weltbild entspricht: „Man hat als Erwachsener schnell eine Interpretation parat. Die kann aber auch komplett falsch sein.“ Weil es Kinder gibt, die traurig sind, obwohl bei ihnen zuhause alles in Ordnung ist, zum Beispiel. Oder weil manche sehr glücklich sind, auch wenn es bei ihnen regelmäßig Chips zum Abendessen gibt.

Ich fühle mich zuhause immer woll.

„Haus an Haus“ ist ein gutes Stück, weil es Kinder und das, was sie über das Leben denken, ernst nimmt. Weil es sie dazu bringt, den Ist-Zustand bewusst wahrzunehmen. Und ihn dann zu hinterfragen. In einer Klasse schrieb ein Junge auf seinen Zettel: Wenn Mama und Papa tot sind, wer macht mir dann das Mittagessen? „Er hatte begriffen, dass Zuhause kein stabiler Zustand ist, sondern dass es Veränderungen geben kann“, sagt Sabine Stein. „Dass Dinge, die einem wichtig sind, plötzlich wegbrechen können. Mit solchen Kindern ist die Zusammenarbeit toll.“

Erschienen im Tagesspiegel am 22.01.2012

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