Trendprodukt Nagellack: Fertig ist der Lack

© Fingerbang

Nageldesign von Fingerbang

Mit den ersten Frühlingstagen geraten die neuesten Nageltrends ans Licht. Was die Berlinerin jetzt spazieren trägt.

Sidney ist eine wahre Meisterin ihres Fachs. Sie feilt, peelt, cremt, massiert und lackiert im „Cowshed“, dem Spa des Berliner Soho House. Vom Moment, in dem man seine wintermüden Zehen ins warme Seifenwasser steckt, über den Tipp, das rechte Bein zu bewegen, wenn es links kitzelt, bis zum Finale 75 Minuten später weiß man seine Füße in den allerbesten Händen – eine recht dekadente Möglichkeit, den Morgen zu verbringen.

Die Pediküristin des Privatclubs, dessen Spa allerdings jeder besuchen darf, arbeitet mit den Produkten der amerikanischen Nagellack-Selfemadefrau Essie Weingarten. Sogar Elizabeth II. trägt angeblich Essie-Lack, und zwar die pastellig-rosa Nuance mit dem Namen „Ballet Slippers“.

Dafür muss man nicht in Schloss Balmoral einbrechen, erhältlich sind die Farbfläschchen inzwischen auch in jeder besser sortierten Drogerie.

Nägel – ein Thema, das noch vor wenigen Jahren in Deutschland kaum eine Rolle spielte. Fußpflege, das klang uncharmant nach Hornhauthobel und galt als Therapie für Großmütterchen mit Hühneraugen. Dabei kam bereits Anfang der 30er Jahre Lack aus Amerika nach Berlin, wo er jedoch nur eine punktuelle Erscheinung unter leichten Mädchen gewesen ist. Erich Kästner rümpfte damals seine Nase über das Phänomen: „Ist es nicht pfui teuflisch anzusehen?“

Was der Moralist wohl dazu sagen würde, dass sich heute allein in Berlin hunderte Nagelstudios Konkurrenz machen, von der Kunstnagel-Oase an der Ecke bis zum High-End-Wellness-Studio?

Während der ersten schönen Frühlingstage vergangene Woche war es schwer, überhaupt noch einen Termin zu bekommen. Verständlich, denn wer will mit Winterfüßen in die Sandalen schlüpfen? Dem perfekten Open-Air-Gefühl ist es ziemlich zuträglich, wenn die Nägel wie Cupcake-Miniaturen aussehen und die Füße butterweich sind. Nackte Füße machen sich besonders gut, wenn der Körper aufwärts bekleidet ist, das wusste schon Coco Chanel: „Weibliche Nacktheit muss man den Männern mit dem Teelöffel geben, nicht mit der Schöpfkelle.“

Wenn man so will, hat ein Film in Lackfragen die Wende herbeigeführt: Mit Killer-Heels an den Füßen, einer Pistole vor sich und dem Rouge-Noir-Ton „Vamp“ von Chanel auf den Nägeln blickte Uma Thurman damals als Mia Wallace von den „Pulp Fiction“-Plakaten.

„Wenn man mir einen Penny für jede Frau geben würde, die Vamp haben will, wäre ich reich“, kommentierte die Chanel-Mitarbeiterin Judy Biasalli die Umsatzzahlen. „Er wird uns aus den Händen gerissen. In meinen elf Jahren bei Chanel habe ich so etwas noch nicht erlebt.“

Die Kundinnen, die „Vamp“ kauften, mochten es kontrolliert anrüchig. Richtig dreckig ging den meisten dann doch zu weit. „Sind die Frauen dafür schon bereit?“, fragte das „Forbes“-Magazin auf dem Höhepunkt der Grunge-Bewegung in einem Artikel über die Kosmetikserie „Urban Decay“. Die Farben hießen „Kakerlake“, „Smog“ und „Saurer Regen“ – und sahen auch so aus. Mit Nagellacken in Fahlgelb und Dunkelblau war die Firma ihrer Zeit genauso voraus wie mit ihren ethischen Standards: Viele Produkte waren vegan, alle ohne Tierversuche hergestellt. Doch schon ein Jahr nach dem Launch war die Chefin von der eigenen Marke gelangweilt: „Blau-grüner Nagellack ist mittlerweile so Mainstream.“

Dabei wurde er es erst eine Dekade später. Die Frage nach dem türkisfarbenen Lack aus Beyoncé Knowles Video zu „Why don’t you love me“ beschäftigte 2010 Blogger weltweit. Wieder einmal hatte Chanel den Trend gesetzt. Diesmal war es die Nuance „Nouvelle Vague“, die wieder nirgends mehr zu bekommen war.

Weil sich mit neuen Farben neue Begehrlichkeiten wecken lassen, hat sich Nagellack mit Zuwächsen von bis zu 60 Prozent in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Segmente im Bereich dekorativer Kosmetik entwickelt. Selbst im Krisenjahr 2009 stiegen die Umsätze in den USA um mehr als 14 Prozent.

„Früher sprach man vom Lippenstift-Index. Heute vom Nagellack-Index“, sagt Renato Semerari, Chef von Coty Beauty und damit Herr über Marken wie OPI und Sally Hansen, in einem Interview mit der „New York Times“. Denn waren es einst die Lippenstift-Verkäufe, die sich in wirtschaftlich schlechten Zeiten korrelativ positiv entwickelten, sind es heute die Nagellacke.

USLU Airlines-Gründerin Feride

USLU Airlines-Gründerin Feride

„Wir haben von der Wirtschaftskrise nichts mitbekommen“, sagt Jan Mihm. Mit seiner Frau, der Make-up-Artistin Feride Uslu, hat er 2003 in Berlin die Kosmetikfirma Uslu Airlines gegründet. Seit 2005 verkaufen die beiden auch Nagellacke, und das dank extremer Farben und ungewöhnlicher Kooperationen mit großem Erfolg.

Einer der Bestseller von Uslu Airlines ist ein zartes Plattenbaugrau, Ergebnis einer Zusammenarbeit mit dem Berliner Broken Hearts Club im Jahr 2007. „Im Labor haben die Wissenschaftler nur mit dem Kopf geschüttelt“, erinnert sich Mihm. „Die waren überzeugt: So ein Ton verkauft sich nie.“ Doch nicht nur die Berlinerinnen verloren ihre Herzen an die Farbe „BHC“ (jeder Lack von Uslu Airlines ist nach einem Flughafenkürzel benannt, BHC steht für Bull Head City). Aus dem Versuch mit 36 produzierten Flaschen Grau wurde ein Dauerbrenner.

Es folgten Kooperationen mit DJs wie Fetisch (Silber) und eigens kreierten Nagellacken für die Minibars des Pariser Hôtel Costes (Weinrot) – Uslu Airlines war der erste Lack, der als Accessoire zum Designerkleid im Departmentstore des Quartier 206 angeboten wurde und aus dem Schaufenster des dänischen Labels Wood Wood leuchtete.

Weil ein Fläschchen Nagellack wenig Präsentationsfläche braucht und anders als zum Beispiel Make-up ohne Vorkenntnisse verkauft werden kann, nahmen auch andere Läden Nagellacke in ihr Angebot auf. Mihm sagt, er könne an den Absätzen in den Boutiquen festmachen, was die Berlinerin will: „Sich nicht auf bestimmte Farben festlegen lassen.“ In Kopenhagen oder Paris gäbe es in jeder Saison eine bestimmte Nuance, die alle haben wollen. In Berlin hätte jeder Stadtteil seine eigene Palette.

Manchen wird es da zu bunt. „Kein Mann wird seine Frau bitten, das gelbe Kleid anzuziehen, das ihn so scharf macht – die Farbe ist einfach nicht sexy“, beschwerte sich der „Esquire“-Redakteur Richard Dorment über die aktuellen Nagellackfarben und verglich Gelb mit „Rotz. Infektionen. Alten Klaviertasten“.

Überlegungen, die von einem vergilbten Weltbild zeugen: Nicht nur im Bett, sondern bitte auch auf den wenigen Zentimetern Nagelbett soll die Frau sich dem Mann als würdige Sexualpartnerin beweisen. Jan Mihm kann das nicht nachvollziehen: „Echte Kerle haben keine Angst vor Nagellack.“ Deswegen lackiert sich der Uslu-Airlines-Gründer auch mal selbst die Nägel.

Der extremste Trend? „Blutende“ Nägel. Dafür braucht Tracylee Percival nur 15 Minuten und eine Flasche von Sally Hansens „Angel Bite“. „Ich kleckse einen Tropfen auf die Mitte des Nagels und ziehe die Farbe dann zur Nagelspitze“, sagte die Nageldesignerin in einem Interview. Der Gore-Look, mit dem Percival vergangenen Herbst die Hände der Modelle für die Modenschau von Prabal Gurung versah, wurde mindestens so oft besprochen wie die gezeigten Entwürfe des Designers.

© Sally Hansen

Sally Hansen-Lack auf dem Runway von Prabal Gurung

Er könnte in diesem Frühjahr auch auf Berliner Händen und Füßen zu sehen sein. Noch schneller als die Muster und Schnitte der neuen Kollektionen verbreiten sich die korrespondierenden Make-up-Trends – dank Blogs und Onlinemagazinen noch bevor der Lack getrocknet ist. Und während die wirklich ausgefallenen Teile einer Kollektion oft erst gar nicht in die Boutiquen gelangen, weil sie als unverkäuflich gelten, findet sich in Sachen Nägeln für nahezu jedes Outfit eine begeisterte Kundin.

Die Blutstropfen bei Prabal Gurung zeigen, wie sich das Ideal in den vergangenen Jahren von elegant zu extravagant verschoben hat. Fischschuppen, Glitzerstaub und mit Magneten erzeugte Wellenlinien zieren Finger und Zehen. Und der „Tie & Dye“-Lack lässt die Hand- und Fußnägel wirken, als wären sie in Bonbonfarben gebatikt.

„Diesen Frühling werden wir auf Händen und Füßen zarte Farben sehen“, sagt Lloyd Simmons, Kreativchef bei Yves Saint Laurent Beauté, „Beige und Rosé lassen die im Frühjahr noch blasse Haut frisch wirken.“ Auch bei Chanel, Dolce & Gabbana und Gucci trugen die Modelle auf ihren Nägeln nur durchscheinenden Lack in Weiß und Rosa. Ein altbewährter Look – schön natürlich.

Für die selbstironische Berlinerin empfiehlt sich diese Saison auch ein ganz bestimmtes, leuchtendes Orangerot von Uslu Airlines: BER.

Jessica Braun am 28.04.2013 im Tagesspiegel

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