Tanz in Weiß – Brautkleiderball auf Schloss Gaussig

© Katja Hentschel
© Katja Hentschel

Mit unserem Brautkleid verbinden wir viele schöne Erinnerungen. Doch nach der Hochzeit verschwindet es im Schrank. Wie schade! Jessica Braun hat ihres noch einmal angezogen: zum Ball auf einem Schloss.

Nach diesem Kleid habe ich drei Monate gesucht. Getragen habe ich es 21 Stunden. Ich sehe es jeden Abend, wenn ich die Lampe auf dem Nachttisch ausknipse und jeden Morgen, wenn ich mich an meinen Schreibtisch setze – dort stehen unsere Hochzeitsfotos. Ich liebe dieses Kleid. Es erinnert mich an das Strahlen meines Mannes, der mich vor der Trauung im Kirchgarten erwartet, an die Gesichter unserer Freunde, die sich uns in der Kirche zuwenden, an die Worte des Priesters. Eigentlich wollte ich das Kleid nach der Hochzeit verkaufen. Stattdessen habe ich es am Morgen nach dem Fest mit grauem Saum und Ziehfäden in einem Kleidersack verstaut und seitdem nicht wieder angehabt. Bis heute.

Es ist das erste Mal, dass auf Schloss Gaußig ein Hochzeitskleid-Ball stattfindet. Ich bin mit meinem – endlich gereinigten! – Kleid drei Stunden durch verschneite Landschaften gefahren, um daran teilzunehmen. Leider ohne meinen Mann. Der musste beruflich in die Schweiz. Es wäre sicher schön gewesen, noch einmal im Brautkleid eine Nacht mit ihm durchzutanzen. Nun muss ich mich eben am Glück der anderen Paare erfreuen, an ihren hoffentlich romantischen Geschichten. Zu einem Hochzeitskleid-Ball geht man nur, wenn man an die Liebe glaubt. Ich mag ohne Begleitung sein, aber bin ganz sicher in guter Gesellschaft.

Die erste Braut begegnet mir auf dem Weg zum Champagner-Empfang im Foyer. Ich bleibe auf der Treppe stehen, um mir das Kleid der anderen – sie übernachtet in der Hochzeitssuite – anzusehen. Ihre Röcke, die steif und leicht sind wie Eischnee, streifen den Türahmen, als sie hinaus in den Flur tritt. Ihr Mann reicht ihr die Hand. Von unten hört man Gläser aneinander stoßen. Der Hochzeitskleid-Ball beginnt in einer halben Stunde. Wenn man die einzige Braut ist, kann man die Anwesenden warten lassen. Wenn man eine von vielen ist, nicht. Ich raffe mein Kleid, das ich seit über zwei Jahren nicht getragen habe und steige die Treppe hinab. Ein Schluck Begrüßungschampagner wäre schön. Oder zumindest ein Glas, an dem ich mich festhalten kann.

Sechs Frauen im Brautkleid stehen im Rund des Vestibüls von Schloss Gaußig. Sie lehnen sich an die Schultern ihrer Männer und bemühen sich, die anderen nicht zu auffällig zu mustern. Sicher irritiert es sie, dass ich alleine hier bin. „Hey little sister, who is it you’re with?“ Ich habe einen Billy-Idol-Ohrwurm. Sein „White Wedding“ wurde schon auf vielen Hochzeiten gespielt, aber mit Rockklassikern ist bei der heutigen Veranstaltung eher nicht zu rechnen.

Dabei täten ein paar Hochzeitshits sicher auch den Nerven der anderen Anwesenden gut. Im Foyer ist es aufdringlich still. Jedes Stoffrascheln, jeder getuschelte Satz ist zu hören. Alle warten darauf, dass Uta Moritz, die Hausdame des Schlosses, den Ball eröffnet. 26 Paare sind zum Hochzeitskleid-Ball gekommen, dem ersten auf dem Barockschloss in der Sächsischen Oberlausitz. Das Schloss aus dem 18. Jahrhundert ist seit 2008 ein Hotel mit 16 Zimmern und Suiten. Doch nur die Zimmerschlüssel und das bei Tage im Spiegelsaal ausgelegte Angebot an Zeitungen sind ein Hinweis darauf, dass die Gastgeber, das Ehepaar von Brühl-Pohl, Hoteliers sind und nicht Bekannte mit einem etwas groß geratenen Haus.

Am heutigen Ball werden der Graf und seine Frau nicht teilnehmen. Ihnen entgeht etwas. Jeans und Pullover verraten wenig über den Charakter einer Frau. Mit einem Brautkleid jedoch lässt sich kaum etwas verschleiern. Der geschwätzigste Ehemann könnte nicht annähernd so viel über seine Partnerin preisgeben, wie die sieben Roben hier im Raum über ihre Trägerinnen. Unkonventionell oder traditionsverbunden, Schwan oder Räuberprinzessin? Das Hochzeitskleid verrät, wie eine Frau gerne gesehen werden möchte. Nicht alle Gäste sind der Einladung nachgekommen „sich die festliche Robe ihrer Hochzeit überzustreifen und sich zurückzuversetzen an ihren schönsten Tag“. So heißgeliebt das Kleid einst gewesen sein mag – spätestens zur silbernen Hochzeit sind die meisten ihm wohl entwachsen. Emotional, oft auch körperlich.

„Natürlich habe ich mich gefragt, ob ich noch in mein Kleid passe“, sagt Kristina Pavlovic. Die Leiterin des Dresdner Goethe-Instituts und ihr Mann feiern auf dem Schloss den zehnten Hochzeitstag. Ihre Bedenken waren unnötig. Das mit Rot akzentuierte Brautkleid sitzt wie maßgeschneidert. Das gleiche gilt für den Anzug ihres Ehemannes, komplettiert mit Brokatweste, Krawatte und Einstecktuch. „Wir mussten eine Weile in Schubladen und Schränken suchen, bis wir unsere komplette Hochzeitsgarderobe wiedergefunden hatten“, sagt Albert Daniels, der ebenfalls am Goethe-Institut beschäftigt ist. Kennengelernt haben sich die beiden während ihrer Anstellung in München. Die Hochzeit feierte das Paar im Dorf Belvezet in Südfrankreich. „Der Bürgermeister hat uns getraut“, erinnert sich Daniels. „Er ist auch der Dorfmetzger.“ Er sieht seine Frau an, die schmunzelt.

Schöne und skurrile, bewegende und melancholische Erinnerungen begleiten das Essen. Die Paare haben an drei runden Tischen im klassizistischen Speisesaal Platz genommen. Ihre Silhouetten spiegeln sich in den von der Nacht verdunkelten Fenstern. Weiß beschürzte Hotelangestellte tragen die Gänge auf und sorgen dafür, dass das Feuer im Kamin nicht ausgeht. Die Gespräche drehen sich, natürlich, ums Heiraten.

Info: Der Hochzeitskleid-Ball, ein 3tägiges Arrangement inklusive Kost und Logis, kostet ab 295 Euro pro Person. Die Teilnahme am Ball ohne Übernachtung kostet 95 Euro pro Person. Schloss Gaußig, An der Kirche 2, 02633 Gaußig. Tel. 035930/55227, http://www.schloss-gaussig.de

„Unser zweijähriger Sohn ist während der Trauung vor Aufregung mit seinem Stuhl umgekippt“, erinnert sich eine junge Ärztin, die auf Schloss Gaußig geheiratet hat. „Weil er so geweint hat, habe ich ihn vor dem Altar auf meinen Schoß gesetzt. Es gibt ein Foto von diesem Moment – es ist eines der persönlichsten, die der Fotograf gemacht hat.“ Auch Cordula Fest, Violinisten bei den Dresdner Symphonikern und ihr Mann Gerald wurden in der Schlosskapelle getraut. „Den Antrag hat er mir nebenan im Porzellankabinett gemacht“, sagt sie. Das Paar fühlt sich dem Schloss dadurch eng verbunden und es war Cordula Fests Idee, hier einen Hochzeitskleid-Ball zu veranstalten. „Ich habe Frau Moritz gefragt, ob sie nicht einen Ball für Bräute ausrichten könnte, die ihre Kleider noch einmal tragen möchten. Im Spiegelsaal kann man wunderbar Walzer zu tanzen.“

Und getanzt wird viel. Nicht zu „White Wedding“ sondern zur Musik des Salon Streichorchester Dresdens. Angeleitet vom Conferencier Hendrik Herrmann haben die Paare zur Fächerpolonaise von Carl Michael Ziehrer die Tanzfläche betreten. Es ist das selbe Stück, mit dem auch auf dem Wiener Opernball der Tanz eröffnet wird. Auf das gemeinsame Schreiten folgt ein Wiener Walzer. Weit schwingen die Röcke über das Parkett, Absätze klackern. Ein Tänzer dreht sich mit seiner Partnerin rundherum um den Saal. Er schaut sich nicht ein Mal um. Sein Blick ruht auf ihrem Gesicht, das er seit der Hochzeit sicher schon oft gesehen hat, lachend, wütend, mit den ersten Falten. Seine Zuneigung ist so offensichtlich, dass ich die aufsteigenden Tränen wegblinzeln muss. Hochzeiten bringen mich immer zum Weinen.

© Katja Hentschel
© Katja Hentschel

Almut Fauser, Typ junge Mia Farrow, setzt sich zwischen zwei Tänzen auf den Stuhl neben mich. Ich mache ihr ein Kompliment, sie winkt ab: „Auf so einem Ball fragt man sich natürlich, wer wohl die Schönste ist.“ Eine Frage, die man sich während der eigenen Hochzeit nicht stellt. Fauser und ihr Mann haben vor einem Monat geheiratet. „Ich wollte mein Kleid aber unbedingt noch einmal anziehen“, sagt sie. Das Paar, das ursprünglich aus der Region stammt, ist für den Ball aus Zürich angereist. Erst seit ihrer Hochzeit gehen die beiden einmal pro Woche zur Tanzstunde. Doch beim Cha-Cha-Cha wirken sie, als hätten sie Jahre Zeit gehabt, um sich aufeinander einzustimmen.
„Es ist die Leidenschaft, die einen großen Tänzer ausmacht“, soll die Tänzerin Martha Graham einmal gesagt haben. Wenn die Leidenschaft der Maßstab ist, dann gibt es in dieser Nacht auf dem Schloss nur große Tänzer.

Im Speisesaal haben Cordula und Gerald Fest stellvertretend für die anwesenden Paare die Torte angeschnitten. Ich mag nichts essen. Mir fehlt mein Mann. Durch die Tür kann ich in den Spiegelsaal sehen. Dort tanzen sie Tango. Mir wäre Billy Idol jetzt lieber: „Dancing with myself“. Ich mache mit dem Handy ein Foto von mir und schicke es meinem Mann. Es dauert nicht lange, bis die Antwort kommt: „Und ich Idiot bin in der Schweiz.“ Der Zauber eines Brautkleids hält wohl länger als nur einen Tag.

Jessica Braun für Petra im Mai 2013

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