Vegane Ernährung: Ich bin hin und veg

IMG_1748Lange hielt die Autorin Veganer für Öko-Extremisten. Dann begann sie mit pflanzlicher Ernährung zu experimentieren. Und fühlte sich auf ungeahnte Art erleichtert.

An einem Wintermorgen in einem Supermarkt sah ich mein Spiegelbild in der Fensterscheibe und begriff, dass ich beim Anziehen etwas Entscheidendes vergessen hatte. Vor dem Fenster wehte der Wind den Schnee auf. Die Flocken sahen aus wie Federn. Ich öffnete den Reißverschluss meines Parkas, weil meine Wangen zu glühen begannen. Nicht vor Wärme. Vor Scham. Ich hätte den Parka gern unter einem Regal verschwinden lassen. Dass er mit Daunen gefüttert war, sah man nur, wenn sich ein einzelner Federkiel durch eine der Nähte ins Freie zwängte. Aber ich hatte vergessen, die Kapuze abzumachen. Ich trug unübersehbar Pelz. In einem Supermarkt für Veganer.

Ich bin kein Veganer. Laut dem Duden ist das „jemand, der aus ethischen Gründen jegliche Nutzung von Tieren und tierischen Produkten ablehnt“. Die Fundis unter den Veganern tragen Schuhe aus recycelten Autoreifen und Baumwollpullover. Sie lieben sich mit veganen Kondomen, schminken sich mit tierfreiem Lippenstift und manche füttern ihre Hunde mit Sojaschnetzeln. Verglichen mit solchen Überzeugungstätern bin ich ein Realo: Ich habe lediglich meine Ernährung umgestellt. Statt mit Kuh- mache ich mir meinen Morgenkaffee mit Sojamilch. Beim Bäcker wähle ich das Brot, das ohne Ei gebacken wurde. Zuhause streiche ich dann Margarine darauf oder Oliventapenade, belege es mit gegrilltem Gemüse, Kräuterpasteten oder Tofu. Die Kantine kann mir nichts mehr bieten. Drei Mal habe ich mich mittags in die Schlange gestellt– nur, um mir an der Ausgabe einen ratlosen Blick der Servierfrau abzuholen. Vegetarisch? Ja. Vegan? Nein. Dafür kochen mein Mann und ich nun abends abwechselnd mit uns oft fremden Zutaten wie Hirse, Quinoa, Nussmus und Amaranth. Und mit solchen, die wir früher nicht angefasst hätten: Sojabohnenkäse zum Beispiel, um den Taleggio in der Polenta (annähernd) zu ersetzen. Was übrig ist, nehme ich am nächsten Tag in einer Plastikdose mit zur Arbeit.

Dabei hatte ich gar nicht vor, mein Leben zu ändern. Ich wollte lediglich ausprobieren, wie das ist, wenn man sich einen Monat lang ausschließlich von Pflanzen ernährt. Aus Sportsgeist. So, wie ich das Tauchen ausprobiert habe oder das Klettern. Eine Woche, das hatten mein Mann und ich vereinbart, wollten wir auf Fleisch, Eier, Milch und sämtliche daraus hergestellten Produkte verzichten: auf den Parmesan im Risotto, gebutterte Semmeln, Honig und Milchspeiseeis. Danach würden wir Kriegsrat halten und über die nächste Woche entscheiden. Das war im Februar. Vor den Nachrichten über Pferdefleisch in der Lasagne und falsch deklarierte Bio-Eier. Als diese Lebensmittelskandale Schlagzeilen machten, betrafen sie mich schon nicht mehr. Ich war raus aus der Verantwortung und konnte die Berichte darüber lesen, ohne mich zu ekeln oder mich betrogen zu fühlen. Pferd, Schwein, Hund oder Meerschweinchen – was auch immer die Lebensmittelhersteller da eingedost oder eingefroren hatten, landete sicher nicht auf meinem Teller. Dafür ärgerte ich mich über meine Yoga-Lehrerin, die mir das Rezept für ihren veganen Mohn-Zitronen-Kuchen nicht verraten wollte, den sie im Café des Studios verkaufte. „Betriebsgeheimnis“, sagte sie. Sie hielt mich wohl für einen Industriespion. Dabei fehlte mir nur die Süße im Leben: Kinderschokolade, Goldbären, Toffifee. Nach der ersten Woche unseres Ernährungsexperiments hatte ich bereits Gewicht verloren und fühlte mich entsprechend dünnhäutig.

„Dafür, dass das Deine Idee war, bist Du ganz schön genervt,“ sagte mein Mann dann auch bei unserem ersten Ausflug in den Veganer-Supermarkt, bevor er sich in Richtung des Kühlregals trollte, um nach dem Seidentofu zu suchen. Ich schwitzte weiter in meinen Parka, aus Angst, einer der anderen Kunden könnte mit auf mich gerichtetem Finger „Mörder!“ rufen. Das hätte in mein Bild gepasst, das ich von Veganern hatte. Ich hielt die meisten für aggressiv. Für Öko-Terroristen, die für ihre Überzeugungen dorthin gingen, wo es richtig weh tat – und die keine Skrupel hatten, jedem, der anders lebte, ebenfalls weh zu tun. Selbst, als ich mich vegetarisch ernährte, zwischen meinem 14. und 27. Lebensjahr, schien mir Veganismus zu extrem. Als ungesunde Askese, die zwar das Gewissen reiner, aber den Alltag und die Haut grauer machte.

IMG_1841Zumal mir in Jugendjahren allein schon der Fleischverzicht schwerfiel. Ich bin ein Wurstkind. Als ich klein war stellte meine Mutter zum Frühstück Mettwurst – man sagte auch „Teewurst“ dazu – auf den Tisch und zum Abendessen Blutwurst. Im Metzgerladen hielt mir die Verkäuferin immer ein Wienerwürstchen hin und ich aß es, ohne auch nur an Brot zu denken. Dass die Hasen unseres Nachbarn an Weihnachten ein unverhofftes Bad in dunkler Soße nahmen und die Lämmchen nur so lange über die Weide sprangen, bis jemand sie als Osterbraten auserkor, stellte ich als Kind nicht in Frage. Erst mit der Pubertät begann ich darüber nachzudenken, ob das, was meine Familie aß auch das war, was ich essen wollte. Ich wurde Vegetarier. Den Tieren zuliebe, aber auch um mich abzugrenzen.

Sich heute vegan zu ernähren fühlt sich fast genauso an wie damals der Fleischverzicht. In den achtziger Jahren beschränkte sich das vegetarische Angebot in vielen Restaurants noch auf die Beilagen. Die Zutaten für die traditionell fleischarme indische oder thailändische Küche bekam man mit Glück in der Großstadt, mit Sicherheit aber nur in Indien und Thailand. Heute lebe ich in einem Stadtteil, in dem es unter anderem zwei Wochenmärkte und mehrere asiatische Lebensmittelhändler gibt. Für den Einkauf muss ich jetzt trotzdem mehr Zeit einplanen, weil die meisten Läden ihre veganen Lebensmittel zwischen den nicht-veganen verstecken. Ich lese also das Kleingedruckte auf den Verpackungen. „Es ist Brot. Was wird da außer Mehl und Hefe schon drin sein?“ fragte mein Mann anfangs noch ungeduldig. Ich las vor: „Enthält Milch, Ei, Soja, Schalenfrüchte, Säureregulator E263, Weizenkleber und Apfelmus.“ Wenn ich die vegane Ernährung noch eine Weile praktiziere, kann ich mit meinem Wissen über Inhaltsstoffe bei „Wetten,  dass…?“ auftreten.

„Und in Kartoffel-Chips ist Milch!“, empörte sich neulich abends ein Freund, der länger als geplant im Supermarkt verbracht hatte, weil er unbedingt etwas Veganes zu Knabbern mitbringen wollte. Unsere Freunde nehmen unser Experiment nämlich sportlich. Obwohl ich jedes Mal, wenn ich zum Essen eingeladen werde, betone: „Ich bin flexigan“, gibt es meist etwas, das ich auch selbst kochen würde. Das ist mir ein wenig unangenehm. Ja, wir haben ein Käse-Embargo über unseren Kühlschrank verhängt. Aber mir liegt wirklich nicht daran, dieses auf die Wohnungen anderer Menschen auszuweiten. Dennoch sind Freunde und Kollegen bemüht, sich den neuen Umständen anzupassen. Manchmal mehr, als mir lieb ist. Dann sehen mich alle am Tisch interessiert an und ich muss Antworten auf Fragen finden, die den Frager zufrieden stellen, aber keinen der Anwesenden vor den Kopf stoßen. Mit „Riechen Veganer besser?“ und „Merkst Du eine Veränderung?“ ist das einfach. Meine Freunde dürfen jederzeit an mir proberiechen und abgesehen von meinem Gewicht ist alles wie immer. Auf „Ist das nicht ungesund?“ findet sich meist jemand, der mir mit „Sie sieht doch total erholt aus“ zur Seite springt, bevor ich über Nahrungsergänzungsmittel, Vitamin B12 und Eisen dozieren muss. Gerade die einfachste aller Fragen bereitet mir jedoch Probleme: „Warum?“

Ich war doch immer stolz, wenn jemand meine Lasagne lobte oder um das Rezept für meinen Käsekuchen bat. Warum also dieser kulinarische Selbstversuch? Die bequeme Antwort: Weil ich wissen wollte, ob ich das kann. Ob es mir so leicht fällt, wie das Tauchen, oder ob ich wie beim Klettern nach kurzer Strecke aufgeben muss. Es gibt aber noch einen anderen Grund. Einen, den niemand gerne hören will, nicht mal ich. Weil er, wenn man ihn laut ausspricht, mit Konsequenzen verbunden ist: Ich will kein Mensch sein, der andere Lebewesen benutzt, als wären sie Maschinen. Bevor ich mit solchen Ansagen das Tischgespräch ins Stocken bringe, erzähle ich lieber von meinem Abenteuer im Veganer-Supermarkt. Von den knusprigen Nussbeugerln und würzigen Tofuschnitten, die man dort kaufen kann. Oder vom köstlichen Mohnkuchen meiner Yoga-Lehrerin. Ich habe fest vor, ihr das Rezept zu entlocken. Und dann werde ich es auf Handzettel gedruckt vor den Supermärkten in der ganzen Stadt verteilen. Damit die Nicht-Veganer endlich erfahren, was ihnen im Leben so alles entgeht.

Jessica Braun für Annabelle im Mai 2013

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s