Kelly Oxford: Ruhm hat 140 Zeichen

kelly_oxford_writer_460 Die Kanadierin Kelly Oxford ist dank ihrer lustigen Tweets über Familie, Politik und Popkultur berühmt geworden. Früher lästerte sie über Stars – nun steht sie selbst im Rampenlicht.

An ihre neuen Nachbarn hat sich Kelly Oxford noch nicht gewöhnt. Seit die langjährige Hausfrau und Mutter von drei Kindern in den Hollywood Hills von Los Angeles lebt, kann es passieren, dass sie nach dem Einkauf im Bio-Laden plötzlich hinter Halle Berry an der Kasse steht. Oder dass sie, wenn sie die Kinder zur Schule fährt, Al Pacino auf dem Parkplatz begegnet. „Ich dachte erst: Was macht der hier? Aber er wollte nur seine Kinder abgeben – genau wie ich“, sagte sie verschmitzt in einem Interview. Berührungsängste in Bezug auf Prominente kennt die 35-jährige sonst eigentlich nicht: Sie witzelte bereits mit der Schauspielerin Jessica Alba, tauschte sich mit der „Girls“-Autorin und Schauspielerin Lena Dunham aus und ein Hollywood-Urgestein, der mittlerweile verstorbene Filmkritiker Roger Ebert, outete sich als ihr Fan. Doch all das geschah immer nur virtuell, im Netz. Nicht von Angesicht zu Angesicht. Denn noch bis vor Kurzem war Kelly Oxfords einzige Bühne das Internet.

140 Zeichen – mehr braucht die Kanadierin nicht, um ihre Ansichten über das eigene Familienleben, Politik und Popkultur auf den Punkt und damit Hundertausende Menschen zum Lachen zu bringen. Seit sie sich im März 2009 beim Kurznachrichtendienst Twitter (@kellyoxford) anmeldete, hat sie über 4.000 Tweets gepostet. Darunter sind eine Kurzdefinition für mangelnde Allgemeinbildung  – „Wenn Du die Namen von fünf Kardashians kennst, aber keine fünf Länder in Asien aufzählen kannst, steck’ ein Messer in die Steckdose“ – oder eine Spitze gegen die Bekleidungsbranche: „Bei H&M Kleider anzuprobieren erinnert mich daran, wie miserabel Kinder nähen können.“ Die meisten ihrer Einträge handeln jedoch von ihrem Alltag. Präzise und gnadenlos offen fasst sie zusammen, was sie als Mutter und Ehefrau mit ihrem Mann und ihren Kindern erlebt. Dem Schriftsteller Ernest Hemingway, so heißt es, hätten einst sechs Worte genügt, um eine ganze Geschichte zu erzählen. Wäre Kelly Oxford damals dabei gewesen, hätte sie sich vermutlich gefragt, worüber der alte Mann so lange nachdenken muss. Sie hält selten einen Gedanken zurück – „Wie entferne ich Rotweinflecken aus einem Baby?“ – und die nachfolgenden Beleidigungen aus. Wer über eine halbe Million Twitter-Follower hat, hat meist auch eine Menge Gegner.

Sicher hat ihr Erfolg auch mit ihrem Aussehen zu tun – auf den Roten Teppichen, über die sie jetzt immer öfter gehen muss, wirkt die Twitter-Mami wie eine Hollywood-Diva. Doch Oxford hat sich ihren Platz zwischen den Prominenten erarbeitet, in dem sie über Jahre für ein wachsendes Publikum schrieb. Dass sie berühmt werden wollte, wusste sie schon als Kind. Mit „Monobraue“, riesiger Brille und behängt mit der zu großen Chanel-Jacke ihrer Mutter kreuzte sie mit 14 Jahren bei einem Model-Casting auf. Nachdem sie es bei keiner der beteiligten Agenturen in die engere Auswahl geschafft hatte, belagerte sie eine der Mitarbeiterinnen so lange, bis diese sich das Mädchen hinter der Brille genauer ansah. Oxford erhielt ihren ersten Vertrag.

Ihre Liebe gehörte jedoch dem Schreiben. Als Kind habe sie immer darauf gewartet, ins Bett gehen zu dürfen, erinnert sich Oxford. Dort formulierte sie in Gedanken ihr Leben zu einem großen Abenteuer um und feilte an den Dialogen, bis diese „sich echt anhörten und nicht mehr künstlich“. In der selbst verfassten Lokalzeitung, die sie an ihre Nachbarn verteilte, ging es um ausgedachte Mordfälle und aufgegessene Haustiere. Später, am College in Calgary, versuchte sie sich der Schriftstellerei auch auf theoretischer Ebene zu nähern, aber konnte mit den Ratschlägen ihrer Professoren nichts anfangen. Oxford brach das Studium ab und ging Kellnern. Lernte ihren Mann James, einen Umwelttechniker kennen, wurde schwanger und blieb nach der Geburt ihrer Tochter Salinger zuhause. Dort wickelte und staubsaugte die damals 23-jährige Mutter und weil ihr dabei manchmal Gesellschaft fehlte, setzte sie ein Blog auf, in dem sie anfangs noch anonym und unverblümt über ihren Alltag schrieb.

Dieser unterschied sich sicher kaum von dem anderer Hausfrauen. Aber während es für viele Mütter heute selbstverständlich ist, die ersten Worte ihres Kinder als kommentiertes Video auf Facebook zu stellen und selbst Stars wie Demi Moore täglich über verunglückte Frisuren oder gelungene Truthahnfüllungen twittern, waren Oxfords Posts damals neu und unerhört offen. So, wie der aufgeregte Kommentar ihres damals fünfjährigen Sohnes Henry zum Thema Geburt, den sie 2009 bloggte: „Versteckt Euch! Wir waren alle in Mamas Vagina! Außer Papa. Papa, versteck Dich! Du warst in der Vagina von Liz und sie ist eine alte Dame mit einer alten Vagina!“ Sie veröffentlichte die anzüglichen Liebesbriefe ihres Mannes, aber auch ihre eigenen – „Wir sind seit 12 Jahren zusammen und deswegen mehr wie Bruder und Schwester, aber Du sollst wissen, dass ich Dich nie betrügen werde. Ich habe viel zu viel Angst davor, mich einem anderen Mann nackt zu zeigen.“ Über Kim Kardashian, die sich über in der Öffentlichkeit stillende Mütter beschwerte, wetterte sie, diese hielte ihre Brüste doch auch jeder wartenden Kamera entgegen. Ohne Kind, nur der Aufmerksamkeit wegen. Und jemand möge doch bitte, wenn Kardashian das nächste Mal in ein Restaurant ginge, ein Stilltuch über ihr Dekolleté hängen. Mit solchen wohl platzierten Boshaftigkeiten erreichte die Hausfrau nicht nur ihre Landsleute im eher liberalen Kanada. Sie testete auch die Schamgrenze der Leser in den wesentlich prüderen USA. Ihr Blog wurde Monat für Monat bekannter: „7.000 Menschen wurden jedes Mal per Email benachrichtigt, wenn ich einen neuen Eintrag verfasst hatte.“ Das war 2001, vor Facebook und Twitter. Oxford begriff, dass sie mit dem Internet ihr Medium gefunden hatte. Wie ein Komiker auf der Bühne habe sie damals Witze gerissen und die Reaktionen ihres Publikums beobachtet. „So habe ich gelernt, was bei den Lesern ankommt,“ sagt sie.

Kelly Oxford on Jimmy Kimmel Live

Kelly Oxford on Jimmy Kimmel Live

Doch erst Twitter brachte den Durchbruch. Nachdem Adam Duritz, der Sänger der Band Counting Crows seiner Million Follower auf der Plattform empfahl, Oxfords Tweets zu lesen, taten das Tausende. Plötzlich hatte die twitternde Hausfrau fünf Mal so viele Follower wie Lena Meyer-Landrut (@Lenas_view) und mehr als doppelt so viele wie der äußerst aktive Boris Becker (@TheBorisBecker). Glück für sie: Es waren nicht nur neue Fans, sondern auch einige Förderer darunter, wie die Drehbuch-Autorin Jhoni Marchinko („Will & Grace“). Diese bot Oxford an, sie beim Verfassen eines Pilot-Films für eine Serie zu unterstützen. Um besser in der Branche Fuß fassen zu können, zog Oxford mit ihrer Familie nach Los Angeles. Nun geht sie arbeiten und ihr Mann James kümmert sich um die Kinder. „Er hat seine eigene Methode um ihnen beizubringen, was sie besser nicht tun sollten: er führt es ihnen vor“, sagte sie kürzlich in einer Talkshow. „Um ihnen zu demonstrieren, wie gefährlich es ist, unter einer Pool-Abdeckung durchzuschwimmen, ist er in den Pool gestiegen und unter die Abdeckung getaucht. Als er sich hinstellen wollte, schloss sie ihn luftdicht ein. Er wäre fast erstickt.“ Ungerührt fügte sie hinzu: „Wirklich effektiv. Die Kinder haben’s begriffen.“

Was ihr als Ehefrau einen Schreck einjagen mag, ist für die Autorin Kelly Oxford eine brauchbare Episode. Mittlerweile hat sie zwei Serien-Pilotfilme an Fernsehsender verkauft und ein Drehbuch für einen Kinofilm geschrieben. Ihr im Mai veröffentlichtes Buch „Everything Is Perfect When You’re a Liar“ (HarperCollins) ist bereits ein Bestseller. Gewohnt ungezügelt gibt Oxford darin Episoden aus ihrem Leben zum Besten – unter anderem, eine irrwitzige Reise nach L.A. mit dem Ziel, die Freundin des damals noch wenig berühmten Schauspielers Leonardo DiCaprio zu werden. Was ihr nicht gelang. Jetzt, wo  sie in den Hollywood Hills lebt, hat sie deutlich bessere Chancen, DiCaprio zu begegnen. Aber das wäre ihr nun, da ihre frühere Schwäche für ihn in jedem Interview zur Sprache kommt, unangenehm, sagt sie. Es ist eben doch etwas anderes, im Internet über das eigene Leben zu schreiben. Oder es im Rampenlicht zu leben.

Steckbrief Kelly Oxford

Geboren:
am 29. November 1977 in Edmonton, Kanada als Tochter zweier Akademiker.
„Meine Mutter sagte zu mir: Wenn Du in einem Tante-Emma-Laden arbeiten
möchtest, weil Du dort jeden Tag Menschen zum Lachen bringen kannst,
dann mach das.“

Werdegang: Versuchte sich als Model,
Schuhverkäuferin, Kellnerin und Produktionsassistentin. Heiratete und
bekam drei Kinder: Salinger, 11; Henry, 9 und Beatrix, 4. Seit 1994
nutzt sie das Internet. Bloggte erst anonym und wagte dann, als sich
immer mehr Stars auf Myspace und Facebook mit echtem Namen anmeldeten,
selbst den Schritt aus der Anonymität. Seit 2009 twittert sie auch. Zu
ihren Fans gehören Jessica Alba, die versprach, Oxfords Serie „The
Mother of All Something“ zu produzieren und Drew Barrymore, die ihr
Drehbuch „Son of a Bitch“ verfilmen will. Was bisher aber nicht geschah.
„Ich könnte nun jedes Jahr, das vergeht, wieder enttäuscht darüber
sein, dass bisher keines meiner Drehbücher verfilmt wurde“, sagt Oxford,
„oder ich kann mich darüber freuen, dass ich jedes Jahr wieder eines
verkauft habe. Ich habe mich für letzteres entschieden.“

Jessica Braun für Für Sie am 08. Juli 2013

 
Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s