Panikraum: Rückzug in den Safe

Asbestos Bill @flickr.com

Alarmanlagen sind etwas für Anfänger. Wer Überfälle wirklich fürchtet, rüstet sein Eigenheim mit einem Panikraum aus. 

Wenn Gabriele Wallner abends die Alarmanlage angeschaltet und die beiden stahlverstärkten Türen zugezogen hat, die ihr Schlafzimmer und die der Kinder vom Rest des Hauses trennen, dann fühlt sie sich „wie in einer Festung“. Während sie in der zum Schutzraum umgebauten ersten Etage noch ein wenig liest, beginnen zwei Sicherheitsfirmen unabhängig von einander ihren Dienst. Mit Hilfe von Sensoren überwacht die eine, mit Hilfe von Infrarotbarrieren und Kameras die andere das verwinkelte Bauernhaus aus dem 19. Jahrhundert. Sollte ein Einbrecher über die Mauer klettern und auf das Haus zukommen, wäre der diensthabende Wachmann in der Zentrale von Michael Braasch bereits alarmiert.

„Wir fordern den Eindringling über die Sprechanlage auf, den Garten umgehend zu verlassen,“ sagt der deutsche Ingenieur, der Teile des Sicherheitskonzeptes für Familie Wallner entwickelt hat. Zeitgleich verständigt der Wachmann die örtliche Polizei. Gabriele Wallner könnte unterdessen auf dem Flatscreen in ihrem Schlafzimmer beobachten, wo sich der Eindringling befindet. Via Internet hat die 37-jährige Zugriff auf die Kameras im und um das Haus. Sie zeigt auf das Sprossenglas der Sicherheitstür im ersten Stock: „Dank der Verglasung könnte ich ihn sogar fotografieren. Sofern ich dafür noch die Nerven hätte.“ Selbst, wenn der Einbrecher begänne, mit einer .44 Remington Magnum auf die Tür zu schießen, blieben der Konzernchefin dank der Sicherheitsstufe FB 4 weitere zwanzig Minuten Zeit. „Natürlich gehe ich davon aus, dass die Polizei eingetroffen ist, bevor die Tür nachgibt,“ sagt Wallner, die ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Unser Panikraum soll uns nicht vor Geheimagenten schützen. Er soll uns im Fall eines Einbruchs nur genügend Puffer verschaffen.“

50.000 Schweizer Franken für ein bisschen mehr Zeit – wer sich einen Panikraum leistet, der hat meist Geld oder Einfluss, oft auch beides. Und er hat Angst. Der englische Boyband-Sänger Louis Tomlinson (One Direction) ließ sich 2013 angeblich einen Panikraum für 15.000 Pfund in seinem Haus einrichten, nachdem eifersüchtige Fans seiner Freundin mit Mord gedroht hatten. Auch Madonna und Paul McCartney sollen einen haben. Und im Haus des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff ist einer eingebaut. Über Schweizer Panikraum-Besitzer liest man dagegen wenig. Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik ist die Zahl der Einbruchdiebstähle in Schweizer Privathäuser von über 24.000 Fällen in 2011 auf über 37.000 Fälle in 2012 zwar gestiegen. Aber das seien keine ausreichenden Zahlen, um einen Trend abzulesen, so die Kantonspolizei Zürich. „Der Normalbürger wird in der Schweiz praktisch nicht zu Hause überfallen. Das sind Ausnahmefälle“, sagt deren Sprecher Beat Jost. Allerdings zog eine Studie der Website Geld.de, in der die Schweiz 2012 als „Einbruchshochburg Europas“ beschrieben wurde, eine Reihe von Presseberichten nach sich, die mahnend genug waren, um selbst die weniger wohlhabenden Leser zu verunsichern.

Wer sich einen Panikraum einbauen lässt, hat jedoch nicht nur Angst vor Einbrechern: „Sie fürchten sich auch vor Entführungen oder Mord“, sagt Braasch über seine Kunden. Zur Zeit berät der Ingenieur vor allem auf Mallorca lebende Deutsche und Schweizer, aber auch Russen oder Griechen wenden sich an ihn. Theo Gerber (Name v. d. Red. geändert), Mitarbeiter einer Schweizer Sicherheitsfirma, betreut ebenfalls Kunden aus Ländern mit mangelnder politischer Stabilität: „Unsere Auftraggeber sind keine Einfamilienhausbesitzer, die sich ihre Luftschutzräume aufrüsten lassen möchten.“ Der Schweizer wird zum Beispiel gerufen, „wenn sich ein Villenbesitzer einen Safe für seine Gemäldesammlung wünscht, in den er sich im Notfall auch zurückziehen kann.“

Für Meg Altman, die Hauptfigur in David Finchers Thriller „Panic Room“ (2002), wird so ein Schutzraum zur Falle. Als Männer in ihr Haus eindringen, flüchtet sie mit ihrer Tochter hinter die Stahltür. Ihr Pech: der Safe, den die Einbrecher knacken möchten, ist im Boden des Panikraums eingelassen. Im Film haben Mutter und Tochter in ihrer Festung ausreichend Platz. Größe und Ausstattung sind bei Panikräumen jedoch so individuell wie die Albträume ihrer Besitzer. „Da die Täter meist nachts kommen, sollte der Schutzraum vom Schlafzimmer aus zu erreichen sein“, empfiehlt Michael Braasch. Auf dem Video, das der Internetunternehmer Kim Schmitz auf Youtube veröffentlicht hat, erfolgt der Angriff jedoch bei Tageslicht: eine Sondereinheit der neuseeländischen Polizei stürmte 2012 sein Anwesen. „Kim Dotcom aus Panikraum geschnitten“ war in den folgenden Tagen in den Medien zu lesen. Vor dem Zugriff des Gesetzes können wohl nicht einmal Stahltüren schützen. Dem dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard dagegen rettete sein in einen Panikraum umgebautes Badezimmer wahrscheinlich das Leben. Als er den Angreifer mit einer Axt im Hausflur stehen sah, zog er die verstärkte Tür hinter sich zu und löste den Alarm aus. Die gerufenen Polizisten schossen den Bewaffneten nieder.

Auch in David Finchers Film-Szenario hält die Tür. Einer der Kriminellen kennt sich jedoch bestens mit der im Panikraum installierten Technik aus. „Ein Einbrecher, der zu viel weiß, wäre ein wirkliches Problem“, sagt Theo Gerber. Um den unwahrscheinlichen Fall auszuschließen, dass ein Mitarbeiter seines Unternehmens zur Schwachstelle im System wird, müssen diese Strafregisterauszüge vorlegen und für jeden neuen Auftrag eine Sicherheitsvereinbarung unterschreiben. Auch bei der Sälzer GmbH wird man ohne ein makelloses Führungszeugnis nicht eingestellt. Das Familienunternehmen produziert in Marburg unter anderem Fenster und Türen, die zum Beispiel Botschaftsangehörige oder die Bundeswehr in Afghanistan gegen Einbruch, Waffengewalt oder Sprengstoffe schützen sollen. „Etwa fünf bis zehn Prozent unserer Kunden sind Privatpersonen“, sagt Walther Sälzer.

Die Sälzer GmbH steht auf einer Anhöhe außerhalb der Stadt. Vom Verwaltungsgebäude aus kann man schon von Weitem sehen, wer sich dem Gelände nähert. „Früher war der Komplex eine Kaserne“, sagt Karlheinz Mankel, der Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung. Hammer, Bohrer und Sägen hängen an der Wand im Ausstellungsraum. Werkzeuge, mit denen Prüfer die Einbruchssicherheit neuer Produkte testen. Man bekommt sie in jedem Baumarkt. Für Beschuss- und Sprengstofftests bringt Mankel die Bauteile nach Nordengland. Bis zu 500 kg TNT können einige aushalten. Dabei sollen sie aber auch gut aussehen. „Wenn wir ein privates Anwesen absichern, müssen wir uns oft nach den Entwürfen eines Architekten richten.“ Dessen Vorstellung von Ästhetik stehen Türrahmen mit sichtbaren Verstärkungen meist im Weg. „Das sind Künstler mit sehr eigenen Ideen“, sagt Mankel, „Aber solche Herausforderungen machen meinen Job erst spannend.“

In der Villa eines deutschen Multimillionärs installierte er mehrere Doppelschleusen, die das Gebäude in „Panikzonen“ unterteilten. Der Architekt wünschte sich Stahlbeschläge mit Messingüberzug und farblich angepasste Fensterdichtungen, um den Charme des Gebäudes zu erhalten. Solche Sonderanfertigungen kosten, aber „das interessiert unsere Kunden nicht wirklich“, sagt Thorsten Klammer, Sicherheitsexperte im Ingenieurbüro von Michael Braasch. „Wenn ein Interessent anfängt, nach Preisen zu fragen, weiß ich, dass er uns nicht beauftragen wird“, so Klammer.

Etwa 2,5 Millionen Franken habe der Komplex gekostet, sagt der Sicherheitsexperte Theo Gerber, den er für eine Familie in einem früheren Mitgliedsstaat der Sowjetunion konstruiert hat – sein bisher aufwendigstes Projekt. „Der Raum war als riesiger Tresorraum konzipiert und entsprechend verstärkt. Weder durch die Wände noch durch den Boden hätte jemand eindringen können.“ Danach seien die Böden mit Marmorplatten ausgelegt worden. „Es gab einen Wohnbereich mit Küche, Schlafzimmer und Bad.“ Mit den nötigen Vorräten hätte die Familie dort für mehrere Wochen überleben können – sogar mit einem Übeltäter in den eigenen Reihen. „Innerhalb des Schutzraums stand für jedes Familienmitglied nochmal ein Panzerschrank von 1,90 Metern Höhe und 1,20 Meter Breite.“ Rettungskapseln für jene, die im Ernstfall nicht einmal mehr ihrer Ehefrau trauen.

Dabei sei es in Wirklichkeit doch oft die Gattin, die darüber entscheide, welche Sicherheitstechnik nun eingebaut würde, und welche nicht, sagt Karlheinz Mankel. Er erinnert sich an ein russisches Ehepaar, das sich von Sälzer ein Angebot erstellen ließ: „Er wollte von allem das Sicherste, Größte, Teuerste. Seine Frau hat dann versucht, eines der Fenster aufzumachen, die er sich ausgesucht hatte. Danach haben sie sich für eine leichtere, praktischere Variante entschieden.“ Gabriele Wallners zweijähriger Sohn kann die Sicherheitstüren in ihrem Haus dank der Hydraulik ohne Schwierigkeiten öffnen. Sie fürchte sich fast mehr davor, dass sich ihr Nachwuchs eines Tages im Obergeschoss einschließen könnte, als davor, überfallen zu werden, sagt Wallner. „Bald werden die Kinder herausfinden, dass Mama nicht reinkommt, wenn die Türen zu sind.“ Für sie sei es dennoch selbstverständlich, mit einem Panikraum zu leben. „Wir heißen nicht Flick. Aber nachdem meine Eltern zuhause überfallen wurden, war klar, dass wir uns absichern müssen.“ Die drei bewaffneten Männer kamen nachts unbemerkt in das Schlafzimmer und zwangen das Ehepaar, den Safe zu öffnen. Laut Thorsten Klammer nimmt diese Art von Einbrüchen zu: „Früher verschwanden Einbrecher wenn sie merkten, dass jemand im Haus ist. Heute suchen sie jedoch oft den Kontakt.“ Ihnen gehe es nicht nur um die Wertgegenstände, sondern auch darum, deren Besitzer zu demütigen. Eine Beobachtung, die zumindest von der Kantonspolizei Zürich nicht bestätigt wird. Sprecher Beat Jost: „Es gibt Täter denen es egal ist, ob jemand in der Wohnung schläft. Diese ergreifen bei einer Konfrontation aber ebenfalls die Flucht. Der Kontakt zum Öffnen von Safes wird äußert selten gesucht.“

Außer, es handelt sich nicht um einen versteckten Einbruch. 2011 wurde aus einer friedlichen Demonstration im Londoner Stadtteil Tottenham eine Serie gewalttätiger Ausschreitungen. Für einen von Thorsten Klammers Kunden Grund genug zu befürchten, dass in Folge eines Währungsverfall die öffentliche Ordnung in Deutschland ausgehebelt werden könnte. „Seine Familie kennt sich gut mit dem Finanzsystem aus“, sagt er. In verborgenen Kellerräumen richtete Klammer einen großzügigen Wohnbereich mit Radio- und TV-Empfang, Luftfiltersystem, eigener Wasserversorgung, Lebensmittel- und Heizölvorräten ein, in dem die Familie im Notfall ausharren kann. Zusätzlich wurden die Wände gegen Fallout präpariert und ein Vertrag mit einem Unternehmen geschlossen, das Klammers Kunden mit einem ABC-Schutzpanzer evakuieren will. Denn seit dem Störfall im Kraftwerk Fukushima ist zu der Angst vor Entführung und Währungskollaps noch eine weitere hinzugekommen: Auch ein Atom-GAU, so die Hoffnung der Familie, ließe sich in einem entsprechend ausgestatteten Panikraum besser überleben.

 Jessica Braun für NZZ Folio im September 2013

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