Schatzkammer der Mode: Ein Besuch bei Olivier Saillard im Museum Galliera

© Roger-Viollet

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Das Palmyre-Kleid von Dior, die Jacke Napoleons, eine Robe der Schriftstellerin George Sand: Im Palais Galliera in Paris lagert die textile Weltgeschichte. Ihr Hüter ist Olivier Saillard, der mir einen Blick in die geheimen Hallen des Museumsarchivs gewährte.

Schätze werden im Märchen oft von Drachen oder Zwergen bewacht. In der Hauptstadt der Mode ist es ein Intellektueller mit Dreitagebart, der über unterirdische Lagerhallen voller märchenhafter Kleider gebietet. Etwa 90000 Stücke umfasst das Archiv des Modemuseums Galliera in Paris: Roben, bestickt mit Fäden aus echtem Gold und Silber. Kämme aus Elfenbein und Schildpatt. Knöpfe, gefüllt mit Trockenblumen. Blütenförmige Hutnadeln aus Acryl. Samtjacken, deren Träger ganze Kontinente mit Krieg überzogen. Seidenhosen, deren Besitzer ihren Kopf auf der Guillotine liessen. Olivier Saillard, Direktor des Museums und Herrscher über das Archiv, könnte mit den Objekten seiner Sammlung hunderte von Frauen in Prinzessinnen verwandeln. Zumindest optisch. Aber seine kostbaren Stücke zur Anprobe herzugeben, käme für den Historiker nicht in Frage: «Viel zu empfindlich!» Lediglich die Schauspielerin Tilda Swinton durfte 2012 einige ausgewählte Stücke tragen – in ihren Händen und mit Handschuhen. Für die Performance «The Impossible Wardrobe» steckte er die blasse Britin in einen weissen Laborkittel. Mit einer Jacke Napoleons, einer puffärmeligen Korsage von Cléo de Mérode, um 1900 ein schillerndes Tanz- und Varieté-Starlet, einem Paco Rabanne Kleid aus dem Besitz Brigitte Bardots und anderen Unikaten defilierte die Schauspielerin den Laufsteg entlang. Ihre Gesten und Mimik belebten die Kleider und bewegten die anwesende Presse, Designer und Prominenten. Ganze fünf Minuten lang klatschten die Gäste stehend Beifall. Die Sängerin Kylie Minogue soll Berichten zur Folge «zu Tränen gerührt gewesen sein».

«Vermutlich ist dies gerade der Höhepunkt meiner Karriere», räumt Saillard ein. «Trotzdem habe ich beständig Angst, mich zu wiederholen.» Müsste er nicht. Für seine Performances, die er im Rahmen der Pariser Haute Couture-Schauen inszeniert, wird der 46-Jährige zwei Mal im Jahr gefeiert. Und die von ihm kuratierten Ausstellungen erreichen die Massen. Doch eine besonders wichtige Präsentation steht Saillard erst noch bevor. Vor drei Jahren hat er die Leitung des Galliera übernommen. Das Palais, das die Mäzenin Marie Brignole-Sale de Ferrari, Herzogin von Galliera, 1879 in Auftrag gab, ist seit 1977 offizielles Modemuseum der Stadt. Aus dem Garten hat man einen guten Blick auf den Eiffelturm. Und auf die Container, in denen die Büros von Saillard und seinen Mitarbeitern untergebracht sind. Vier Jahre lang wurde das Museum renoviert: Nun steht es kurz vor seiner Wiedereröffnung. Noch muss Saillard sich unter Gerüsten hindurch ducken, wenn er die Räume inspiziert. Bis zum 25. September, dem Tag der grossen Vernissage, sollen die Planen verschwunden und die eigens von seinem langjährigen Freund Christian Lacroix entworfenen Teppiche ausgelegt sein. Die erste Ausstellung nach dem Umbau ist Azzedine Alaïa gewidmet, dem «wahrscheinlich letzten grossen Couturier», wie Saillard sagt. Für den Museumsdirektor wird es die erste Schau in dem ihm anvertrauten Palais sein. Und das Ende der 5 Millionen Euro teuren Baustelle, die seine Vorgängerin ihm hinterliess.

ROBE DU SOIR PORTEE PAR LA COMTESSE GREFFULHE«An manchen Tagen war es, als wollte man mich bestrafen.» Zwölf Wochen vor der Wiedereröffnung sitzt Saillard in seinem Containerbüro und zeigt Fotos: Eine samtgraue Katze – «Dragée» – sitzt in seinem Haus in Arles vor dem Bett, das er selbst gefertigt hat. Genau wie seine Regale. «Alle Möbel, die ich baue, kann man unkompliziert zusammenklappen. Ich träume von einem Haus, dessen komplette Einrichtung man jederzeit mitnehmen kann.» Dem Museum kam Saillards Flexibilität in den vergangenen Jahren zu Gute. Die in weichen Falten fallenden Entwürfe der als Bildhauerin ausgebildeten Modeschöpferin Madame Grès präsentierte er mangels Budget und eigener Präsentationsflächen zwischen den Marmorstatuen im Museum Bourdelle – ein Kunstgriff, der das Publikum begeisterte. Zuletzt kamen über 200000 Besucher ins Hôtel de Ville, das Rathaus von Paris, um dort Meisterwerke der «Paris Haute Couture» zu sehen.

Am anderen Ende der Stadt sind seine Mitarbeiter gerade dabei, die Stücke zurück an ihre Plätze im Archiv zu bringen. Saillard nennt das staubfreie, schmucklose Gebäude «die NASA»: «Selbst ich muss dort Plastiküberzieher über den Schuhen tragen». Die ober- und unterirdischen Räume im 11. Arrondissement erstrecken sich auf  4500 Quadratmetern. «Zu wenig», befindet Rébecca Leger. Die Mittfünfzigerin, die schon für Saillards Vorgängerin arbeitete, weiss nahezu alles über das Archiv und ist keine Person, der man leicht widerspricht. «Es kommt immer wieder vor, dass uns Frauen den Inhalt ihrer Kleiderschränke vermachen. Und wir wissen dann nicht, wohin damit.»

40000 Accessoires und 50000 Kleidungsstücke sind bereits in den Räumen eingelagert, deren Adresse und genaues Inventar vor der Öffentlichkeit geheim gehalten wird. Die Lagerung ist aufwendig. Licht, Luftfeuchtigkeit, Temperaturwechsel, aber auch die Schwerkraft können die Kleider beschädigen. «Die Seidenjersey-Kleider von Jean Muir können wir zum Beispiel nicht aufhängen. Sie würden immer länger werden.» Leger öffnet eine der Brandschutztüren zu den auf 18 Grad gekühlten Hallen. Zwischen den meterhohen Archivschränken stehen einige der Ankleidepuppen aus «Paris Haute Couture», noch in vollem Staat. Durch die schützende Plastikfolie glitzert blauer Strass auf silberner Seide: das Palmyre-Kleid von Christian Dior von 1952, eines der neueren Exponate der Sammlung, aber zu beliebt. «Es wird immer und immer wieder ausgestellt. Wie lange es das durchhält, kann man sich ausmalen.»

Der Abendmantel von Paul Poiret aus dem Jahr 1911 hat bereits Federn gelassen – im wörtlichen Sinne. Den rostroten Seidensamt überzieht ein Muster aus flaschengrünen Rosenköpfen, am Saum plustert sich ein Besatz aus Haubentaucherfedern. Selbst in der für ihn reservierten Schublade nimmt der Mantel Schaden. Die Schwerkraft löst die filigranen Federn sogar im Liegen. Vor jeder Ausstellung prüft ein Konservator, ob die Stücke, die der zuständige Kurator ausgesucht hat, noch genug Widerstandskraft haben, um über eine Puppe gestreift und transportiert zu werden. «Hier kann man zusehen, wie der Stoff zerfällt.» Das Kleid, das Leger auswickelt, gehörte der Schriftstellerin George Sand. Es fällt schwer, sich die Zigarre rauchende Feministin, deren Scheidung 1836 ein Skandal war, darin vorzustellen. Grüne Blüten ranken zwischen Blättern in Rosé, goldene Litzen zieren Rock und Korsage. Weil Seide im 19. Jahrhundert nach Gewicht bezahlt wurde, mischten manche Händler Blei in das Gewebe. Im Nacken des Kleids hat sich der Stoff bereits zersetzt. Ein Prozess, der sich nicht aufhalten lässt.

ROBE DU SOIR CREPE IMPRIME NOIR ET BLANC MOTIF DE PAPILLON«Schäden beheben wir nur, wenn ein Stück, das ausgestellt werden soll, in wirklich schlechtem Zustand ist», sagt die Restauratorin Sylvie Brun. Für mehr fehlt den mehrheitlich weiblichen Mitarbeiterinnen die Zeit. Bis der Feinstaub aus dem Samt einer Reitjacke gesaugt, die losen Laméfäden an einem Kleid von Madeleine Chéruit wieder befestigt oder die Stickereien an einer Robe von Charles Frederick Worth unter Glaswürfelchen liegend geplättet sind, vergehen Tage. «Und Olivier hält uns immer auf Trab», sagt Rébecca Leger. Zwischen mehreren Monaten und zwei Jahren dauere es, bis die Exponate einer Schau vorbereitet und katalogisiert seien. «Alaïa» soll in drei Monaten eröffnen. Doch weder auf den Tischen im Labor noch auf den Puppen im Ankleideraum ist ein Entwurf des Tunesiers zu sehen.

«Fast alle Stücke für diese Schau stammen aus Azzedines privatem Archiv», sagt Olivier Saillard. Auf dem langen Tisch in seinem Büro – ebenfalls selbstgebaut –  hat er Papierbögen ausgebreitet: Grundrisse des Museums, Skizzen der kommenden Ausstellung. Das Innere des Containers wirkt wie ein elegantes kleines Studio: zementfarbene Wände, weisses Mobiliar. «Weiss erinnert mich an den Schnee in Pontarlier», sagt Saillard, der in der Stadt nahe der Schweizer Grenze aufwuchs. «Im Winter ist es der kälteste Ort in Frankreich». Was dort sein Interesse für Mode weckte, vermag er nicht zu sagen. Nicht die Eltern jedenfalls, beide Taxifahrer. Eher die vier älteren Schwestern. Bereits mit 8 Jahren habe er Mode gezeichnet, mit 12 Jahren füllte er ein ganzes Magazin: «Le Grand Couturier». 1995 – er war eben erst 27 Jahre alt geworden – vertraute ihm die Stadt Marseille die Leitung ihres Modemuseums an. «Wahrscheinlich war ich der jüngste Museumsdirektor Frankreichs.» Und rückblickend so glücklich, wie nie zuvor, sagt Saillard, dessen «grösste Leidenschaften mit M beginnen: Mode und Meer.»

In Marseille nahezu auf sich gestellt, stürzte sich der junge Mann in die Arbeit. «Ich konzipierte drei Ausstellungen pro Jahr!» Saillard spielt mit einem weissen Klebezettel-Block auf seinem Schreibtisch. Im Jahr 2001 nahm die Pariser Trendboutique Colette solche Post-it-Blöcke in ihr Programm auf, bedruckt mit Gedichten. Sie handelten von Mode und Selbstmord. Saillard, ihr Verfasser, hatte sein Museum in Marseille einige Monate zuvor verlassen. Sein neuer Job passte nicht zu ihm. «Ich hatte Angst unterzugehen.» In Paris, hunderte Kilometer weit weg vom Meer, schrieb der Schwimmer gegen seine Depressionen an. Ein Stipendium der Villa Kujoyama in Kyoto, einer Künstlerresidenz der französischen Regierung half ihm, wieder zu sich zu finden. «In Japan konnte ich mich ganz auf das Schreiben konzentrieren». Selbstbewusst und voller Ideen kehrte Saillard fünf Monate später nach Paris zurück. Er, der als Kind immer davon geträumt hatte, ein Couturier zu werden, war in Japan als Künstler akzeptiert worden. Eine Erfahrung, die den meisten Modedesignern verwehrt bleibt. Auch Azzedine Alaïa. 2009 bat das Metropolitan Museum of Art die Chefredakteurin der US-Vogue Anna Wintour, die Ausstellung «Model As Muse» zu organisieren. Bis heute grollt der Modeschöpfer der Journalistin, weil diese keinen der Entwürfe in Betracht zog, die er für seine langjährig Freundin Naomi Campbell kreiert hat. In Paris wird er dafür nun zweifach geehrt: eine Einzelausstellung, verbunden mit der Wiedereröffnung des Museums. Als Direktor des Museums Galliera hat Olivier Saillard durchaus Einfluss darauf, welche Modemacher man auch in kommenden Jahren noch erinnern wird. Und er hat grosse Pläne. «Alaïa» ist nur der Anfang.

Museum Galliera, 10 Avenue Pierre 1er de Serbie, Paris. Geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Eintritt: 8 Euro.

«Alaïa» im Museum Galliera: Vom 28. September bis 26. Januar 2014 zeigt das Museum Galliera, das Modemuseum der Stadt Paris, die Retrospektive «Alaïa». Die Schau widmet sich mit 70 prägenden Kleidungsstücken dem Werk des aus Tunesien stammenden Couturiers Azzedine Alaïa, dessen körpernahe Schnitte und Verarbeitung exotischer Leder und Pelze die Mode seit Ende der siebziger Jahre massgeblich beeinflusst hat. Seine Entwürfe werden unter anderem von Michelle Obama und Carla Bruni Sarkozy, Madonna und Lady Gaga getragen. «Alaïa» ist die erste Ausstellung in den Räumen des Palais Galliera seit vier Jahren.

Jessica Braun für Annabelle am 11. September 2013

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