Auf einen Spaziergang mit … Christian Berkel

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Christian Berkel und Jessica Braun am Schlachtensee in Berlin © Manuel Krug

Das Herbstwetter hat die Wege aufgeweicht, und von den Bäumen am Berliner Schlachtensee tropft es. Aber Christian Berkel strahlt. Das bisschen Regen macht ihm offenbar nichts aus. Der 56-Jährige drehte bereits mit Regisseuren wie Ingmar Bergmann und Quentin Tarantino. Er und seine Frau, die Schauspielerin und Autorin Andrea Sawatzki, gelten als Vorzeigepaar des deutschen Kinos. Auf Fotos sieht man Berkel meist im Anzug. Heute trägt er Stiefel und Jeans mit abgewetztem Saum. Für Waldspaziergänge ist in seinem Terminkalender nicht immer Platz. Gerade hat er den Öko-Bestseller „10 Milliarden“ von Stephen Emmott als Hörbuch vertont und die neue Staffel seiner ZDF- Serie „Der Kriminalist“ (freitags um 20.15 Uhr) abgedreht. Doch für ein Gespräch über Familie, Toleranz und Werte nimmt sich der Vater von zwei Söhnen gern Zeit.

Herr Berkel, mit Ihrer Frau sieht man Sie oft bei Galas und Premieren. Trifft man Sie genauso häufig im Grünen?

Ich gehe hier am Schlachtensee oft mit unseren Hunden spazieren: einem Boxer, einem Mops und einer Dogge. Wir wohnen in der Nähe, und ich mag den Weg am Wasser entlang.

Sie sind in Berlin aufgewachsen, einer Stadt mit vielen Grünflächen. Waren Sie als Kind lieber drinnen oder draußen?

Draußen! Ich war ständig unterwegs: Fußballspielen mit Freunden, zu Besuch bei den Nachbarn, im Garten oder auf der Straße. Ich blieb nur drinnen, wenn es sehr, sehr kalt war.

Ist das bei Ihren Söhnen ähnlich?

Ich habe sicher mehr Zeit im Freien verbracht, als meine Söhne das heute tun. Kinder wurden damals anders erzogen: Meine Eltern waren zwar streng, aber haben keinen Gedanken daran verschwendet, wenn ich mal zwei Stunden länger weg war. Heutzutage wachsen Kinder viel behüteter auf. Ich bemühe mich aber, mir nicht zu viele Sorgen um meine Söhne zu machen, um sie nicht einzuschränken.

Es fällt schwer, Sie sich als Wildfang vorzustellen. Stimmt es, dass Sie mit zehn Jahren Goethes „Faust“ rezitieren konnten?

Nur die erste Begegnung zwischen Faust und Gott und den Monolog im Studierzimmer. Ich habe die Szenen meinen Stofftieren vorgespielt. Ich hatte ja kein Publikum. Dass ich Schauspieler werden wollte, wusste ich schon mit sechs Jahren.

Ihre Kindheit kann keine leichte gewesen sein: Ihre Mutter wurde zur NS-Zeit als Halbjüdin verfolgt, Ihr Vater war Sanitätsarzt der Wehrmacht. Wie konnte diese Beziehung funktionieren?

Mein Vater war Deutscher und Nicht-Jude, aber er war kein Nazi. Als er eingezogen wurde, war er sehr jung. Sein Status als Arzt half ihm später, die Gefangenschaft unbeschadet zu überstehen. Meine Mutter floh nach Frankreich, wurde verhaftet und nach Deutschland zurückgeschickt, wo sie sich versteckte. Beide haben sich als Opfer dieser Zeit empfunden. Deswegen gab es keine Spannungen zwischen ihnen als sie nach dem Krieg wieder zueinander fanden.

Wie haben Sie gelernt, mit Ihrer Familiengeschichte umzugehen?

Ich habe viel zu dem Thema gelesen, weil ich verstehen wollte, was in Familien wie meiner vorging. Woher diese Sprachlosigkeit kam, die plötzlichen Gewaltausbrüche der Männer und warum diese gesellschaftlich so akzeptiert waren. Mein Vater war nicht gewalttätig, aber er hat mir schon ab und an eine gescheuert. Heute würde sofort jemand einschreiten, wenn ein Vater sein Kind ohrfeigt, damals hat niemand aufgeblickt.

In „Der Untergang“, „Operation Walküre“ und „Inglourious Basterds“ spielen Sie Nazis. Haben Sie wegen Ihrer jüdischen Wurzeln gezögert, als man Ihnen diese Rollen anbot?

Nein. Die Juden haben weniger Probleme damit, sich mit dieser Zeit auseinanderzusetzen, als die Deutschen. Keiner dieser Filme war tendenziös, alle haben sich extrem kritisch mit dem Nationalsozialismus befasst. Dadurch helfen sie uns auch zu verstehen, wie Rassismus heute entsteht.

Wie vermitteln Sie das Thema Ihren Kindern?

Das beste Mittel, um Rassismus vorzubeugen, ist Information. Unsere Kinder gehen auf eine internationale Schule. Dort sind viele verschiedene Nationalitäten vertreten. Kinder begegnen allem, das sie nicht kennen, mit Vorsicht oder Abwehr. Das ist an sich kein Problem. Schlimm wird es, wenn ein Mensch in dieser Haltung verharrt. Wenn Kinder die Chance haben, andere Kulturen kennenzulernen, schwindet ihre Abneigung dagegen. Außer, diese wird von den Eltern gefördert.

Sie haben gerade den Bestseller „10 Milliarden“ von Stephen Emmott als Hörbuch vertont. Das Buch befasst sich mit der Klima- und Versorgungskatastrophe, auf die wir zusteuern. Wie hat es auf Sie gewirkt?

Das Buch hat mich schockiert. Mir waren die meisten der darin aufgeführten Zahlen nicht bekannt. Der Autor rechnet vor, wie viele Ressourcen verbraucht werden, um einen Hamburger herzustellen. Oder eine Tafel Schokolade. Oder einen Schlafanzug. Das rüttelt den Leser auf. Was Emmott bewusst unterschlägt, ist jedoch, dass es sich bei allen der von ihm zitierten Hochrechnungen in Sachen Klimawandel um Prognosen handelt – und ich bin skeptisch, ob diese wirklich so eintreten werden. Er jedoch sagt ganz klar: Es gibt keinen Ausweg mehr aus der Misere. Und überfordert den Leser vielleicht mit dieser fatalistischen Haltung.

Ihre Söhne sind vierzehn und elf Jahre alt. Machen Sie sich Sorgen, wenn Sie an deren Zukunft denken?

Nein. Der Mensch ist so veranlagt, dass er sich mehr um das sorgt, was gerade vor ihm liegt und nicht um das, was noch in weiter Ferne ist. Davon nehme ich mich nicht aus.

Was können Sie Ihren Kindern nicht abschlagen?

Ich kann meinen Kindern eigentlich gar nichts abschlagen, aber versuche das möglichst wenig durchblicken zu lassen.

Ihre Frau ist nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als Sängerin erfolgreich. Wer hat den Kindern früher Schlaflieder gesungen?

Wir beide. Dabei zählt ja nicht, wie gut man die Töne trifft, sondern dass man es mit Gefühl macht. Aber meine Frau singt definitiv besser als ich.

Und wer prägt heute den Musikgeschmack Ihrer Kinder?

Die Kinder prägen unseren! Wenn ich sie morgens zur Schule fahre, versuche ich immer mal wieder Jazz oder Klassik laufen zu lassen, ernte aber nur Protest. Sie mögen lieber House und Hip-Hop und weil sie ihre MP3s mit meinem Account kaufen, landen diese dann automatisch auch in meiner Playlist. So lerne ich ständig Neues kennen.

Jessica Braun für FÜR SIE am 25. November 2013

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