„100 Prozent Made in Berlin“ – Der Musiker und Unternehmer Dieter Burmester im Interview

dieter_burmesterBeim Blick aus den Fenstern der Dachgeschosswohnung von Dieter Burmester in Wilmersdorf erscheint Berlin wie eine Stadt, die vor allem aus Grün besteht. Für den Musiker und Unternehmer war die ruhige Umgebung ein wichtiger Aspekt bei der Wohnungssuche: Er hat sein Leben dem perfekten Klangerlebnis gewidmet. Nicht nur die Bässe und Gitarren seiner Sammlung zeugen davon. In seinem Wohnzimmer dominieren Lautsprecher und Anlage aus der eigenen Produktion das Bild. 

Herr Burmester, Ihre Audiokomponenten für den Heimbereich gehören zu den Besten auf dem Markt. Sie wurden  zum Unternehmer des Jahres gekürt und haben Ihr Sortiment seit 2005 kontinuierlich um eine Automobil-Sparte erweitert. Ist so ein Erfolg planbar?

Meine Mitarbeiter und ich haben seit Jahren gute Arbeit geleistet. Aber wir haben auch das Glück, zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle zu sein. Im vergangenen Jahr haben wir 30 Prozent mehr Umsatz gemacht als im Vorjahr. Unsere Komponenten sind nun in allen Porsche-Modellen und der S-Klasse von Mercedes zu finden. Das war mir schon länger ein Anliegen.

Warum wollten Sie ausgerechnet Autos ausstatten?

Wo sonst hat man so viel Zeit, um Musik zu hören? Wir statten aber auch Yachten aus, und es gibt erste Anfragen für den Ausbau von Privatjets.

Welche technischen Herausforderungen waren mit dem Einstieg in den Automobilbereich verbunden?

Porsche ist die Sportwagenfirma schlechthin. Die Ingenieure kämpfen um jedes Gramm Gewicht. Guter Klang ist unser Metier, aber die Anforderung, das Gesamtgewicht der Anlage beim Panamera auf unter 12 kg und beim Porsche 911 sogar auf 6,5 kg zu senken, war sportlich. Zumal es heute nicht mehr genügt, zwei Lautsprecher und einen Verstärker einzubauen. Sämtliche Daten wie die Geschwindigkeit, mit der das Auto fährt oder die Umdrehungen des Motors werden gesammelt. Anhand dieser Informationen wird die Geräuschkulisse analysiert. Die Anlage muss diese Geräusche kompensieren, damit der Fahrer keine Abstriche in Sachen Klang machen muss. Die Algorithmen, die dahinter stecken, sind sehr kompliziert.

Sie sind nicht nur Unternehmer, sondern auch Musiker. Wie stellen Sie sicher, dass Sie für beides genug Zeit haben?

Momentan kommen meine privaten Interessen tatsächlich etwas zu kurz. Aber wenn es gut läuft, dann muss ich eben dankbar sein, demütig, und auch mal auf Urlaub verzichten.

Stehen Sie denn noch ab und an mit einer Band auf der Bühne?

Das musste ich leider schon vor sechs Jahren aufgeben. Wir haben uns einmal in der Woche zum Proben getroffen und sind etwa zehn bis zwölf Mal pro Jahr aufgetreten. Jeder Auftritt hat ein Wochenende gekostet – das konnte ich nicht aufrecht erhalten.

Fehlt Ihnen dadurch etwas?

Dieser gruppendynamische Prozess innerhalb der Band ist etwas, das ich sehr vermisse. Wir haben uns getroffen, gemeinsam ein Bier getrunken, die Gitarren gestimmt, noch ein Bier getrunken und dann gespielt.

Wie unterscheidet sich die Dynamik auf einer Bühne von der in einem Büro?

Nur, darin, dass wir Kaffee statt Bier trinken. Wenn ich mit einer Band spiele, geht es dabei um das Zusammensein, den Spaß. Man reißt sich gegenseitig mit, geht aufeinander ein, unterstützt den, der gerade sein Solo spielt oder bringt eine neue Komponente ein. Das kann sehr intim sein und ich wünsche jedem Menschen solch eine Möglichkeit, innerhalb einer Gruppe emotional interagieren zu können. In Büro erlebe ich das auch. Wenn ich mit meinen Mitarbeitern drei Jahre an einem Gerät gearbeitet habe, wenn vielleicht mal die Fetzen geflogen sind, weil jeder seine Vision umsetzen wollte, wenn es Enttäuschungen gab oder Ideen verworfen werden mussten, ist der Moment, in dem wir es endlich anschalten, ein sehr glücklicher. Fast wie eine Geburt – alle stehen mit strahlenden Gesichtern um das Gerät herum.

Es gibt Bands, die am Ego ihrer Musiker zerbrechen. Steht Ihnen Ihr Ego manchmal im Weg?

Bei dem Einsatz, den ich bringe, geht es nicht um mein Ego. Mir geht es um die Sache. Ich glaube, dass man private Befindlichkeiten außen vor lassen muss, um Erfolg zu haben. So habe ich das vor vierzig Jahren gemacht und nur so konnte ich mich auf das Wesentliche konzentrieren. Dass ich heute mit globalen Playern wie Porsche oder Mercedes zusammenarbeiten darf, ihnen auf der technischen Ebene auf Augenhöhe begegnen kann, und dass diese Kooperationen trotz der komplexen Abläufe über alle Abteilungen hinweg frei von Machtkämpfen und Eigeninteressen geblieben sind, das macht mich sehr froh.

Welches war das erste Musikstück, das in Ihnen etwas ausgelöst hat?

„Twist and Shout“ von den Beatles. Das war ein Meilenstein. So etwas Freches hatte man davor noch nie gehört. Es gab zwar die Shadows, die Band um Cliff Richard, die für die damalige Musik prägend waren und deren Einfluss – das Schlagzeug von Brian Bennett, die Gitarre von Hank Marvin – man bis heute in der Rockmusik hören kann. Aber „Twist and Shout“ kam daher wie Blitz und Donner.

Womit haben Sie Ihr erstes Geld verdient und wofür haben Sie es ausgegeben?

Ich habe mit 15 Jahren nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker begonnen, weil ich wissen wollte, wie man Verstärker herstellt. Ich spielte bereits in einer Band und wollte mir einen Röhrenverstärker für meine Gitarre bauen. Wir haben Beat-Musik gemacht, sind jedes Wochenende durch Niedersachsen getourt und haben mit Auftritten in Schützenhäusern Geld verdient. Dafür brauchte ich natürlich ein gutes Instrument. Fender war schon damals der führende Hersteller. Ein Händler überließ mir einen Fender-Bass für 1500 Mark und ich versprach, diesen abzubezahlen. Mein Monatslohn als Lehrling betrug allerdings nur 45 Mark. Als meine Eltern davon hörten, sind sie ausgeflippt. Aber durch meine Auftritte mit der Band konnte ich den Bass in ca. 8 Monaten abbezahlen. Ich habe damals begriffen, wie wichtig es ist, finanziell unabhängig zu sein. Den Bass spiele ich heute noch.

Die Bank, die Sie in Ihrer Anfangszeit als Unternehmer um Kredit baten, lehnte Ihren Antrag ab. Was müsste passieren, damit junge Gründer in Deutschland optimale Startbedingungen haben?

Deutschland ist ein guter Standort für Gründer. Wir haben hier immenses kreatives Potential. Die Ausbildungsmöglichkeiten sind sehr gut – ich selbst habe vom sogenannten Zweiten Bildungsweg profitiert und Elektrotechnik studiert. Nach meinem Studium habe ich ein Ingenieurbüro eröffnet, aus dem letztlich meine Firma entstanden ist. Wenn man die Power hat, seinen Weg zu verfolgen, dann gibt es kein Land, in dem die Chancen besser sind. Die Jobs liegen auf der Straße, man muss nur zugreifen.

Sie haben seit damals nie wieder versucht, einen Kredit aufzunehmen. In wie weit mussten Sie deswegen bei der Expansion Ihres Unternehmens Abstriche machen?

Gar keine. Es ging nur langsamer voran. Ich bin mit Leib und Seele Ingenieur. Dass ich auch eine Firma leiten muss, nehme ich hin. Um sicherzustellen, dass ich nicht eines Tages mit dem Rücken zur Wand stehe, versuche ich meine Geschäfte immer so konservativ wie möglich zu führen. Denn nur dann kann ich mich voll auf meine Tätigkeit als kreativer Ingenieur konzentrieren.

Sie waren erst 31 Jahre alt, als Sie Ihre Firma gründeten. Wie kam es dazu?

Ich hatte ein Ingenieurbüro, in dem ich Interfaces für Computer und medizinische Messgeräte entwickelte. Es gab eigentlich keinen Grund für mich, etwas anderes zu machen. Bis die Stereoanlage, die ich mir als Student gekauft hatte, kaputt ging. Ich suchte in Hifi-Zeitschriften nach Ersatz, aber fand kein Gerät mit innovativer Schaltungstechnik oder hochwertigen Bauelementen, wie ich sie in meinem Büro verwendete. Ich dachte: So ein empfindlicher Messverstärker ist nichts anderes als ein Vorverstärker. Ich habe mir also einen Vorverstärker gebaut und dabei an nichts gespart. Darüber, ob sich so ein Gerät verkaufen lassen würde, habe ich gar nicht nachgedacht.

Letztlich ging das Gerät aber doch in Serie.

Weil Freunde, die sich das Gerät angehört hatten, plötzlich auch eines haben wollten. Ich habe Ihnen erklärt, dass ein Nachbau 3400 Mark kosten würde – eine exorbitante Summe für einen Vorverstärker. Zum Vergleich: Mein Minicooper hatte damals 4000 Mark gekostet. Aber meine Freunde blieben dabei. Dann kam ein Händler auf mich zu, dem sie davon erzählt hatten. Eine Hifi-Zeitschrift meldete sich, die das Gerät testen wollte, und der Test verlief sehr gut. Nichts davon war geplant. Ich bin da einfach reingerutscht.

Nach welchen Kriterien haben Sie Ihre ersten Mitarbeiter eingestellt?

Sie mussten zu mir passen. Es waren ehemalige Kommilitonen, die ich schon lange kannte und von denen ich wusste, dass ich gut mit ihnen auskomme. Mir war von Anfang an klar, dass ich ihnen keine 40-Stunden-Woche oder geregelte Arbeitsabläufe bieten konnte.

Wie hat sich das auf die Firma ausgewirkt?

Wir haben Geräte entwickelt, die wir selbst gern mit nach Hause genommen haben.

Was ist für sie perfekter Klang?

Wenn ich in einem klassischen Konzert sitze und von der Musik so berührt werde, dass sich die Härchen an meinen Armen aufstellen. Oder das Konzert von Neil Young in der Waldbühne dieses Jahr – ich hatte Tränen in den Augen, und das passiert mir nicht oft. Zuhause sollte das nicht anders sein: Ich möchte die Geräte vergessen und mich dem Gefühl hingeben, auf einem mittelalterlichen Marktplatz zu stehen und der Musik eines Barockkomponisten zu lauschen oder Elvis auf der Bühne zuzusehen.

Wie ist es Ihnen gelungen, Ihre Berliner Manufaktur auch auf dem internationalen Markt zu etablieren?

Das ist unseren sehr guten Vertriebspartnern zu verdanken. Wir sind heute in über 50 Ländern vertreten, obwohl wir alles in Berlin produzieren. Wir kaufen keine Module dazu und bestücken auch die Leiterplatten hier. Unsere Produkte sind zu 100 Prozent Made in Germany, Made in Berlin. Das schreiben wir mit Stolz und Freude drauf.

Was bindet Sie an den Standort Berlin?

Ich habe diese Stadt immer geliebt. Ich kam 1968 zum Studieren hierher, aus einer Kleinstadt im Wendland, politisch völlig unbescholten. Nach drei Tagen stand ich zwischen anderen Demonstranten vor dem Gebäude des Axel-Springer-Verlags und hörte Horst Mahler zu, der die Menschen mobilisierte. Dieses politische Moment strahlte auf die gesamte Bundesrepublik ab. Und es waren nicht nur die Demonstrationen: In Berlin entstanden die ersten Frauenhäuser, von hier kamen Musikrichtungen wie die Neue Deutsche Welle oder die Malerei mit den jungen Wilden wie zum Beispiel Salomé, es gab die alternative Modemesse „Offline“ und die Agentur „Berliner Zimmer“ für junge Designer, der ich auch angehörte. Und die Stadt brodelt nach wie vor. Wer sich hier eine Sekunde langweilt, der tut mir leid.

Als Unternehmer müssen Sie doch sicher auch andere Kriterien in Betracht ziehen. Wird von politischer Seite genug getan, um das richtige Umfeld für die Industrie zu schaffen?

Die Politik war in den letzten Jahren mehr darum bemüht, Berlin als Partystadt zu etablieren als eine bodenständige Industrie zu fördern. Weil hier wenig produziert wurde, gab es auch weniger Jobs im Niedriglohnbereich – zum Beispiel für Gabelstaplerfahrer oder Lagerarbeiter. Seit Kurzem siedeln sich aber zunehmend Firmen im grünen Gürtel um die Stadt herum an, die auch solche Stellen bieten.

War es für Sie schwierig, in Berlin qualifizierte Mitarbeiter zu finden?

Früher war es nicht leicht, hochqualifizierte Ingenieure für Berlin zu begeistern. Das hat sich in den letzten fünf Jahren grundlegend geändert. Mittlerweile bekommen wir genau die Leute, die wir wollen – aus allen Teilen Deutschlands.

Die Marktführer im Bereich Unterhaltungselektronik sind asiatische Unternehmen. Warum?

Deutsche Firmen sind sehr gut auf den internationalen Märkten vertreten, und wir sollten stolz auf diese produktive Leistung sein. Allerdings betrifft dies vor allem Unternehmen, die einzigartige Produkte herstellen: Geräte, ohne die man zum Beispiel keinen Tunnel bohren kann oder die bei Grubenunglücken eingesetzt werden, um Menschenleben zu retten.

Die deutsche Elektroindustrie hat aus meiner Sicht jedoch Fehler gemacht: Als Siemens 2005 seine Handy-Sparte an den taiwanesischen BenQ-Konzern abgetreten hat, begann der Ausverkauf in Deutschland. Wir hatten hier starke Unternehmen im Elektronikbereich, aber die Zukunftstechnologie schlechthin – Handys – haben wir aufgegeben. Die großen Unterhaltungs-Elektronikfirmen wie Grundig haben ja auch schon vorher aufgegeben.

Warum wäre der Standort Deutschland dafür geeignet gewesen? 

Weil die Infrastruktur vorhanden war und man mit geringem Rohstoffgewicht Bauteile fertigen kann, die am Markt große Margen erzielen. Die deutsche Industrie wäre prädestiniert dafür. Und mir kann niemand erzählen, dass die Lohnkosten dabei eine nennenswerte Rolle spielen. Diese Arbeitsprozesse sind weitestgehend automatisiert. Das gilt übrigens auch für Computer, für Laptops. Wir hatten die Möglichkeiten, aber es gab weder seitens der Politik noch der Wirtschaftsverbände einen Aufschrei, als dieser Ausverkauf stattgefunden hat.

Eine Stärke deutscher Produkte war immer auch deren Langlebigkeit. Etwas, das Verbraucher heutzutage zunehmend zu vermissen scheinen. Braucht Elektrotechnik ein Verfallsdatum, um lukrativ zu sein?

Manche der Geräte, die unsere Kunden zur Kontrolle einschicken, sind über 30 Jahre alt. Wir überprüfen dann, ob es neue Bauteile gibt, und setzen diese gegebenenfalls ein. Nach dem Check bekommt der Kunde sein Gerät mit einer neuen Garantie zurück. Wenn unsere Kunden eine Frage haben und hier anrufen, geht einer unserer Ingenieure ans Telefon. Das kostet uns Geld, aber so binden wir unsere Kunden an uns. Ein anonymes Call-Center wäre für mich undenkbar. Und so lange wir auf Neuentwicklungen reagieren – zum Beispiel einen Medienserver ins Programm nehmen, den man mit einem iPad steuern kann – bleiben uns unsere Kunden auch erhalten.

Was sind aus Ihrer Sicht die Kernqualitäten deutscher Unternehmen?

Wir sind selbstkritisch, haben einen hohen Anspruch an das, was wir tun. Wir tragen mit unserer Arbeitskraft dazu bei, dass die Infrastruktur in unserem Land erhalten bleibt. Und weil deswegen eine Arbeitsstunde in Deutschland mehr kostet als anderswo, müssen wir unsere Waren auch teurer verkaufen. Das ist jedoch nur möglich ist, wenn unsere Leistung nachvollziehbar besser ist.

Wünschen Sie sich mehr Unterstützung seitens der Politik?

Es wäre schön, wenn die Politiker die produktive Kraft, die in Deutschland auch aus dem Mittelstand kommt, als solche tatsächlich stärker anerkennen würde. Denn diese produktive Kraft stellt unseren Wohlstand sicher.

Jessica Braun für Character im Dezember 2013

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