Kann ich mir ein Umweltbewusstsein leisten?

von Ed Yourdon [CC-BY-SA-2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia CommonsKarotten vom Bio-Bauern, Sojamilch statt Käse, abbaubares Waschmittel – ich versuche, nachhaltig einzukaufen und umweltbewusst zu leben. Doch das kostet. Kann man ein Öko sein, ohne sein Budget zu sprengen?

Die große Anschaffung kündigte sich mit einer kleinen Pfütze an. „Das ist das Pumpengehäuse“, sagte mein Mann. Dann telefonierte er. „Die Reparatur kostet 200 Euro.“ Es war nicht das einzige Altersleiden, an dem unsere Spülmaschine litt. Wir beschlossen, uns von ihr zu trennen. In einem Elektronikmarkt verglichen wir die Werte auf den Preisschildern neuer Geräte: Füllmenge, Lautstärke, Trocknungswirkung. „Ich will eine mit A+++-Note“, sagte ich. Was gut für die Umwelt ist, dachte ich, ist auch gut für uns. „Die Premium-Geräte stehen dort drüben“, antwortete der Verkäufer. Er lächelte sein für Premium-Kunden reserviertes Lächeln. Ich sah mir die erste Spülmaschine an: ihre Werte. Ihre Energieeffizienzklasse. Ihren Preis. Meinen Mann. Der machte sein „das hätte ich Dir gleich sagen können“-Gesicht. „Wir überlegen noch“, sagte ich zu dem Verkäufer und zog meinen Mann zum Ausgang.

Umweltschutz hat seinen Preis. Das ist mir nicht neu. Wir kaufen die meisten unserer Lebensmittel im Bio-Laden. Sogar das Bier, seit wir eines gefunden haben, das mein Mann als solches akzeptiert. Wir hatten bereits die Energiesparlampen reingedreht als die Glühlampe noch nicht verboten war und unser Strom kommt aus Schönau. Ich will das so. Mir ist bewusst, dass ich dem Lebensraum, den ich mir mit mehr als 7 Milliarden anderen Menschen teile, Schaden zufüge, wenn ich nicht verantwortungsvoll handele. Aber muss das denn immer so teuer sein? Mein Drang zur Nachhaltigkeit entlastet vielleicht das Klima. Dafür belastet er mein Konto – und ein zusätzliches Wochenende im Schnee wäre auch mal ganz schön. In einer im Auftrag von PETRA durch Forsa erhobenen Umfrage gaben 56  Prozent der Frauen an, dass Sie wie ich Bio-Produkte kaufen, obwohl diese teurer sind. Auch bei den Putzmitteln achten 61 Prozent der PETRA-Leserinnen auf Nachhaltigkeit. Ich finde das tapfer. Bei den großen Anschaffungen wie Elektrogeräten geht es der Mehrheit jedoch wie mir: Nachhaltigkeit ist nicht so wichtig wie der Preis. Das Loch im Geldbeutel ist einem dann doch näher als das Ozonloch. Schön ist, dass die Frauen, die mehr verdienen, auch bereit sind, mehr für umweltschonendere Produkte auszugeben. Denn mit wachsendem Einkommen wird meistens auch die Wohnung größer, man reist mehr, geht mehr shoppen – alles Faktoren, die sich negativ auf das Klima und die Umwelt auswirken. Eines zeigt die Umfrage jedoch deutlich: Wir wissen, dass der Klimawandel oder der ökologische Fußabdruck wichtige Themen sind. Im Gegensatz zu den 400 Euro, die eine Spülmaschine mit Energie-Bestnote mehr kostet, scheint uns beides nur ziemlich abstrakt.

Hirnforscher kennen dieses Phänomen: Menschen ändern ihr Verhalten nur, wenn sich für sie dadurch Belohnungen ergeben. Je materieller diese Belohnungen sind, desto schneller erfolgt die Reaktion. Pech für die Umwelt. Ich weiß zwar, dass Bio-Obst mehr kosten muss, weil eine sanftere Bewirtschaftung des Bodens geringere Erträge bringt. Die über Streuobstwiesen summenden Käfer und torkelnden Schmetterlinge, das Gezwitscher der Feldlerche, dieses Mehr an Biodiversität, das ich mit meinem Einkauf im Bioladen unterstütze, bekomme ich aber nicht mit. Ich wohne in der Stadt. Was ich sehe ist nur die Zahl am Ende des Kassenbons.

„Der Kauf von Produkten aus Ökolandbau hat aber noch andere konkrete Vorteile“, sagt Martin Hofstetter, der Landwirtschaftsexperte von Greenpeace. „Es wird weniger Energie verbraucht. Sie nehmen nicht so viele Pestizide zu sich, wenn Sie Bio-Obst oder -Gemüse essen und weil weniger gedüngt wird, gelangt auch weniger Nitrat ins Wasser.“ Die Nitratbelastung des deutschen Grundwassers wurde im August 2013 von der EU-Kommission bemängelt. Nur Malta hat noch schlechtere Werte.

Die Nitratbelastung des deutschen Grundwassers wurde Anfang des Jahres von einer EU-Kommission bemängelt. Nur Malta hat noch schlechtere Werte. Hohe Nitratkonzentrationen in der Nahrung können bei Säuglingen zu erheblichen Gesundheitsbeschwerden führen. Und Nitrate stehen im Verdacht, krebserregend zu sein.

„Ist lecker,“ bestätigte meine Freundin Julia, während sie nach dem gemeinsamen Abendessen die Reste der zweiten Portion Cashew-Curry mit dem Fladenbrot vom Teller wischte, „aber ist Dir das nicht zu teuer?“ Ich höre die Frage öfter, wenn ich vegan koche. Nicht unbegründet. Wer auf tierische Produkte verzichtet, der spart – vorwiegend jedoch CO2, nicht Geld. „Wer sich vegetarisch ernährt, verursacht im Schnitt etwa 10 Prozent weniger Emissionen als jemand, der Fleisch konsumiert“, sagt die Klimaexpertin des Thünen-Instituts Annette Freibauer. Ohne Ei und Milch verbessert sich die Bilanz noch weiter. Laut PETA verursacht die Nutztierindustrie nämlich mehr Emissionen als der globale Verkehr. Verglichen mit dem Brot, auf dem sie liegen, sind Käse und Wurst Klimakiller. Warum aber ist dann gerade Fleisch so geschmacklos günstig? „Weil die Futtermittel für Nutztiere staatlich subventioniert werden und außerdem viele ökologische Kosten nicht im Preis enthalten sind“, sagt Martin Hofstetter. Gerechter wäre es, wenn das Schwein, das mir meine Sojabohnen wegfuttert, mehr kosten würde als mein Tofu. Da hilft nur gegensteuern: „Kaufen Sie regionale Produkte, deren Transport Sie nicht mitzahlen müssen und saisonale, die gerade geerntet werden. Und versuchen Sie, weniger Lebensmittel wegzuwerfen“, rät Freibauer. Das bringt die vegane Ernährung von selbst mit sich. Statt wie früher nach der Arbeit hungrig und gehetzt im Supermarkt überflüssige Dinge in den Korb zu werfen, suche ich mir jetzt am Wochenende die Rezepte aus, die ich in den nächsten Tagen ausprobieren möchte und mache einen Großeinkauf.

Der mit Zettel und Stift geplante Einkauf am Wochenende, der für mich eine Umstellung bedeutet, ist für die meisten Mütter Teil ihres Alltags. Laut einer von TNS Infratest 2012 durchgeführten Studie gaben 70 Prozent der befragten Frauen an, die Fahrt zum Supermarkt bliebe mehrheitlich an ihnen hängen. Weil das mit Baby nicht so einfach ist, kommt mit dem ersten Kind meist noch ein weiterer Neuzugang in die Familie: ein neues oder größeres Auto. Zwölf Prozent des Kohlendioxid-Ausstoßes werden in Deutschland durch den Autoverkehr verursacht. Zwar bieten Hersteller wie BMW mit dem i3, der mit Windkraft produziert wird und mit Strom fährt, mittlerweile umweltfreundliche Alternativen. Diese sind, wie im Falle des Elektro-BMW mit 35.000 Euro, jedoch deutlich teurer als zum Beispiel ein gebrauchter Volvo. Da mir die Entscheidung für die energieeffizientere Spülmaschine schon schwer fällt, hätte ich darauf gewettet, dass Emissionen für junge Eltern kein Kriterium sind, wenn sie zusätzlich zu Einkäufen oder Gepäck ein Kleinkind und den Kinderwagen transportieren müssen. Bis mir Meike und Christian, ein befreundetes Paar, erzählten, sie hätten ihr Auto verkauft und sich bei einem Car-Sharing-Dienst angemeldet: „Es funktioniert gut“, sagt Meike, die gerade zum zweiten Mal schwanger ist. „Der TÜV ist uns egal, wir zahlen kein Benzin, keine Versicherung und sparen so Geld.“

Solche Veränderungen erfordern Mut. „Niemand denkt gern über Verzicht und Mehrkosten nach“, sagt der Autor Peter Unfried. „Aber wer sich darauf einlässt bekommt etwas dafür: eine höhere Lebensqualität.“ Seine Erfahrung hat er in dem sehr unterhaltsamen Buch „Öko“ (Dumont) beschrieben. Meike und Christian empfinden ähnlich. Ihnen fehlt nichts. Sie freuen sich, dass sie ohne Auto keinen Ärger mit der Werkstatt haben und nicht mehr nach Parkplätzen suchen müssen. Wer seinen Konsum verändert, so Unfried, ändert auch sein Denken: „Ich verzichte nicht. Ich verteile mein Geld um.“ Besonders in den Bereichen, wo die Wirkung seiner Meinung nach am größten ist: bei Wärme, Strom, Mobilität und Fleischkonsum.

Wie viel Unterschied die Dämmung einer Wohnung machen kann, weiß ich seit meinem letzten Umzug. In meiner früheren Wohnung war mir oft kalt. Jetzt schließe ich die Isofenster und es wird nicht nur warm. Es ist auch ruhig. „Eine bessere Isolierung spart Geld“, sagt Greenpeace-Mitarbeiter Hofstetter, „Manchmal sogar, wenn man zur Miete wohnt und die Kosten selbst trägt.“ 15 Jahre dauere es im Schnitt, bis sich die Dämmung amortisiert habe. Ich habe noch nie länger als fünf Jahre am selben Ort gelebt. Für meine Freundin Kathrin, die in ihrer Mietwohnung in den letzten zehn Jahren in Eigenregie den Stuck freigelegt, das Bad neu gefliest und die Türen ausgetauscht hat, macht so eine Überlegung mehr Sinn. „Man kann den Vermieter ruhig ein bisschen nerven, damit dieser die Kosten übernimmt“, sagt Hofstetter. „Oder sich zumindest beim nächsten Umzug den Energieausweis des Hauses vorlegen lassen.“ Der Besitzer hat zwar keine Modernisierungspflicht. Über den Zustand seiner Immobilie muss er aber Auskunft geben.

Der Stromanbieter ist dagegen schnell gewechselt: Formular ausfüllen, abschicken, Licht anmachen. Ich habe schon sehr lange Ökostrom. Die Entscheidung war einfach: Die aus Atom- oder Kohlekraft gewonnene Energie ist nur deswegen günstiger, weil sie seit Jahrzehnten mit Steuergeldern subventioniert wird. Der Betrag taucht zwar nicht auf meiner Stromrechnung auf, fehlt aber in der Gemeinschaftskasse. Strom aus regenerativen Energien ist für mich deswegen so unumgänglich wie für andere Frauen das Display mit den Nagellacken im Eingang der Douglas-Filiale. Peter Unfried bestärkt mich: „Wer Ökostrom bezieht, fördert damit nicht nur den Ausbau regenerativer Energien. Er unterstützt die Dezentralisierung des Stromnetzes.“ Laut einer Verbraucher-Studie des Umweltministeriums nimmt die Zahl der Menschen, die angeben, Ökostrom zu beziehen, zu (2011 waren es 8 Prozent, 2012 schon 20). Bestenfalls kontrollieren eines Tages nicht mehr wenige große Konzerne das Netz und die erwirtschafteten Gewinne, sondern die Gemeinden. Ein gutes Beispiel, sagt der Autor, sei der Rhein-Hunsrück-Kreis. Dort produzieren die Bürger ihren eigenen Strom aus Sonne und Wind. Das eingenommene Geld bleibt im Ort, finanziert Schulen und Straßen. Aus den Mehrkosten wird so ein Mehrwert für alle.

Leider lässt sich die mit Nachhaltigkeit gewonnene Lebensqualität nicht einfach auf der Rechnung ausweisen. Auch die bei der Produktion von Konsumgütern verursachten Umweltschäden tauchen auf keinem Preisschild auf. „Mit dem Erwerb dieses T-Shirts unterstützen Sie die Verlandung des Aralsees sowie dessen Verseuchung durch Pestizide“ – mir würden solche Sätze bei der Kaufentscheidung helfen. Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, will sich dafür einsetzen, dass „vermittelt wird, wie schädlich bestimmte Verfahren sein können, wie viel Wasser beispielsweise notwendig ist, um ein T-Shirt aus konventioneller Baumwolle herzustellen.“ Nur wenige Unternehmen werden das freiwillig tun. Erst wenn die Kunden anfangen, Fragen zu stellen, müssen die Hersteller Antworten finden. Bis es soweit ist, versuche ich mein Konsumverhalten zu steuern: weniger, dafür bessere Qualität. Second-Hand-Shop statt Discounter. Und öfter mal verzichten. Das schont das Konto mehr als jedes Schnäppchen. Von dem gesparten Geld kann ich dann nicht nur die A+++-Spülmaschine bezahlen, sondern auch noch ein paar Tage in die Berge fahren. Mit dem Fernbus. Der hat die Bahn in Sachen Ökobilanz mittlerweile überholt. Er braucht zwar deutlich länger. Aber wenn das Klima durchhält, liegt vielleicht noch Schnee, wenn ich in den Alpen ankomme.

 Jessica Braun für PETRA im Februar 2014

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