Madames strenge Seiden – Ein Interview mit Chantal Thomass

Chantal ThomassBestrapst und geschnürt: Die frivolen Wäscheentwürfe von Chantal Thomass geben Frauen Anlass, sich gerne auszuziehen. Für Petra traf ich die Grande Dame des Boudoirs zum Interview auf der Couch.

Mit dem Begehren kennt Chantal Thomass sich aus. Seit den siebziger Jahren entwirft die Modedesignerin Unterwäsche. Anfangs nur, um die Gäste ihrer Prêt-à-porter-Schau 1975 mit blitzenden BHs und Strumpfbändern zu provozieren. Heute steht ihr Name für spitzenbewehrte Dessous, für Tête-à-Têtes von Bändern und Seidensatin. Anlässlich der Präsentation ihrer Sommerkollektion 2014 hat Chantal Thomass nach München eingeladen. Sie trägt Smokingjacke und Fliege. Ihre von der Männermode inspirierte Kleidung, der Pagenkopf und rote Lippenstift sind zu ihrem Markenzeichen geworden. Auch in ihren Entwürfen kommt das Strenge zum Tragen. Wenn die Starfotografin Ellen von Unwerth ihre Fantasien von Zofen und Herrinnen inszeniert, dann mit Korsagen und Strumpfhaltern von Chantal Thomass. Die weiß Skandale zu nutzen: Thomass war die erste, die 1976 Unterwäsche auf dem Laufsteg zeigte wie Mode, und die 1999 ihre Dessous von Modellen in einem Schaufenster der Galeries Lafayette präsentieren ließ. Im Lauf ihrer Karriere hat die Pariserin für Wolford und Victoria’s Secret gearbeitet, Bücher über die Geschichte der Unterwäsche verfasst, Hotelzimmer eingerichtet und Ausstellungen kuratiert. Sie hat die Spitzenstrumpfhose erfunden und den Body geschmäht. Dabei vereint dieser Wäsche und Mode – müsste ihr das nicht gefallen? Thomass schmunzelt. Zu ihrer aktuellen Kollektion gehören auch Bodys. Ein sicheres Indiz für deren Comeback.

Frau Thomass, welche Farbe hat die Unterwäsche, die Sie heute tragen?

Schwarz. Ich trage fast ausschließlich schwarze Unterwäsche. Das ist eine Farbe, die gut zu allen Hauttönen passt. Wenn ich Unterwäsche entwerfe, dann meist in warmen Farben, die schmeicheln. Grün und Blau werden Sie in meinen Kollektionen höchstens im Sommer finden, wenn die Frauen einen dunkleren Teint haben. Da unterscheidet sich meine Kollektion nicht von denen anderer Designer: Mit den Saisons wechseln auch die Modefarben.

Sie begannen bereits mit 18 Jahren, Mode zu entwerfen. Hatten Sie nichts anzuziehen?

Ende der sechziger Jahre gab es in Frankreich noch keine junge Mode. Nur Mädchenbekleidung – dunkelblauer Faltenrock und weiße Kniestrümpfe – oder Kostüme für Frauen. Bruce Thomass, mein damaliger Freund und späterer Ehemann, studierte an der Hochschule der schönen Künste Malerei. Er experimentierte mit Farben, die er auf Stoffe auftrug. Ich gab diese Stoffe meiner Mutter und bat sie, mir daraus etwas zu nähen. Mit diesen Kleidern stürzte ich mich dann ins Nachtleben. Mit 18 ist man ja ständig unterwegs!

Gemeinsam mit ihrem Mann gründeten Sie 1969 die Modemarke Ter et Bantine. Brigitte Bardot gehörte zu ihren großen Fans. Wie wurde die Schauspielerin auf Sie aufmerksam?

Ich wurde oft auf meine Kleider angesprochen. Die Leute sagten: Du solltest sie verkaufen! Auf die Idee wäre ich selbst nie gekommen. Also nahm ich ein paar der Kleider und sprach damit bei den beiden Boutiquen vor, die ich toll fand: Dorothée Bis im Pariser Stadtteil St. Germain-des-Prés und Le Café des Arts in Saint Tropez, das dem Schauspieler Jean-Marie Rivière gehörte. Letzteres war eigentlich ein Restaurant mit einem Laden im ersten Stock. Brigitte Bardot ging dort ein und aus. Eine Woche, nachdem ich Rivière meine Kleider gezeigt hatte, schrieb er mir einen Brief.

Einen Brief?

iPhone und Emails gab es ja noch nicht. Rivière schrieb: „Brigitte Bardot hat eines Deiner Kleider gekauft. Michelle Mercier auch. Mach mir bitte 20 neue.“ Ich war sprachlos. Auch Dorothée Bis hatte alles verkauft. Meiner Mutter konnte ich die Bestellung schlecht auftragen. Also suchte ich mir eine Näherin. Kurz darauf reiste ich mit 20 neuen Kleidern nach Saint Tropez, holte mein Geld ab und genoss dort zwei Monate am Strand. Es war der letzte lange Urlaub meines Lebens. Denn mir war klar, dass ich, zurück in Paris, als Modedesignerin arbeiten würde.

Warum begannen Sie kurz darauf, Wäsche zu entwerfen?

Die Feministinnen hatten 1968 ihre BHs verbrannt, um sich von der „männlichen Herrschaft“ zu befreien. Aber ich fühlte mich frei und hatte Lust, Unterwäsche zu kreieren – für gleichberechtigte, verführerische Frauen. Also zog ich einigen der Models, die unsere Prêt-à-porter vorführten, BHs und Strumpfhaltergürtel in Orange und Türkis an – als Accessoires, nur so zum Spaß. Heute würde man sich darüber nicht mehr wundern, aber damals gab es keine bunten BHs. Unsere Kundinnen sprangen sofort darauf an.

Sie hatten damit ja keine Erfahrung. Wie haben Sie Ihre Ideen umgesetzt?

Eine kleine Manufaktur fertigte aus der bunten Seide und Spitze, die wir für unsere Mode verwendeten, Dessous nach meinen Entwürfen. Die herkömmlichen Materialien für Unterwäsche waren fürchterlich langweilig und ich wollte ohnehin nur junge Frauen erreichen. Natürlich braucht man einiges an technischem Know-How, wenn man Wäsche mit guter Passform herstellen will. Aber der Sitz war für mich damals zweitrangig. Zumal es diese ganzen Variationen mit C-, D- und E-Cups noch nicht gab. Meine Kollektion gab es nur in 85 B oder 95 B und das war damals völlig normal.

Hatten die Frauen damals andere Körper?

Die Frauen in meiner Jugend trugen alle A- oder B-Cups. Wer größere Brüste hatte, versuchte, diese zu schnüren, damit sie kleiner wirkten. Heute sind die Oberweiten viel üppiger. Ich werde immer öfter nach F-Cups gefragt und das sogar von Frauen, die einen kleinen Po haben. Das muss mit den veränderten Essgewohnheiten zu tun haben. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Und wie hat sich die Dessousmode verändert?

Früher gab es keine elastischen Stoffe. Lycra wurde in den Fünfzigern erfunden, bis in die siebziger Jahre hat man es vor allem für Schwimm- und Skibekleidung verwendet. In den Achtzigern setzte sich das Material dann auch für Unterwäsche durch. Ich konnte nun Tüll verarbeiten, der dehnbar, bequem und – das wichtigste – waschbar und knitterfrei war. Meine ersten Entwürfe musste man noch bügeln. Welche Frau würde heute freiwillig ihre Höschen bügeln? Man wirft getragene Wäsche in die Waschmaschine, hängt sie zum Trocknen auf und das war’s.

Es heißt, Sie arbeiten mittlerweile ausschließlich mit Frauen. Warum ist das so?

Wenn man Lingerie, entwirft hat man ständig nackte Frauen um sich herum. Deswegen besteht mein Team auch nur aus Frauen. Denen fällt es nicht so schwer zu beurteilen, ob ein Slip im Schritt zu weit ist oder nicht, wenn das Modell vor ihnen steht.

Hat ein rein weibliches Team noch andere Vorteile?

Frauen nehmen Dinge ernster. Sie achten mehr auf die Details. Außerdem sie sind perfektionistischer.

Im Jahr 1902 schrieb die britische Modejournalistin Mrs. Eric Pritchard, dass eine Frau, die sich weigere, sexy Wäsche zu tragen schuld sei, wenn ihre Ehe scheitere. Würden Sie das unterschreiben?

Nein. Heutzutage kaufen Frauen sexy Wäsche, weil sie sich selbst gern darin sehen. Es heißt zwar immer, wir trügen Dessous nur den Männern zuliebe. Doch die kommen erst an zweiter Stelle. Zuallererst geht es darum, dass wir uns gut fühlen. Jede Frau, die schon mal einen schlecht sitzenden Slip anhatte, kann das nachvollziehen. Das ziept und scheuert, man fühlt sich unwohl und denkt, dass alle anderen das merken. Sitzt die Wäsche dagegen gut, fühlt man sich gleich selbstbewusster. Deswegen müssen Dessous immer auch bequem sein.

Wenn ein Mann seiner Frau Dessous schenkt, kann das der Ehe ebenfalls schaden.

Natürlich ärgert es eine Frau, die Größe 42 trägt, wenn ihr Mann ihr ein Höschen in Größe 38 überreicht. Aber das kommt immer seltener vor. Männer kennen sich heute mit Wäsche viel besser aus als noch vor 20 Jahren. Mein Sohn ist 25 Jahre alt. Manchmal kommt er zu mir und fragt mich, ob ich seinen Kumpels Rabatt geben könnte, weil diese ihrer Freundin ein Geschenk machen möchten. Das finde ich so süß! Selbst Männer, die erst Anfang 20 sind, verschenken Lingerie mit einer Selbstverständlichkeit als würden sie Blumen überreichen. Manchmal geht die Tür meiner Pariser Boutique auf und ein Paar schiebt einen Kinderwagen herein. Sie probiert Wäsche, die er ihr dann einpacken lässt. Früher wäre das undenkbar gewesen.

Man spricht von Dessous, French-Knickers, Bustiers – warum ist der Markt so französisch geprägt?

Der französische Adel mit seinem Hang zum Luxus hat maßgeblich dazu beigetragen. Im 18. Jahrhundert zum Beispiel trug man am Hof Korsette aus Spitzen und Stickereien von unglaublicher Qualität. Die Garderobe von Marie Antoinette war so ausgefeilt, dass einige der Techniken und Erfindungen von damals bis heute in der Dessous-Fertigung eine Rolle spielen.

Und wie erklären Sie sich als Französin die Vorliebe der Deutschen für adretten Baumwollripp?

Je nördlicher ein Land gelegen ist, desto wichtiger ist den Menschen bequeme Mode. Deswegen findet man in Deutschland auch so viele hübsche T-Shirts und Unterhemden. Es ist eine Frage der Temperatur.

Jessica Braun für Petra im April 2014

 

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