Schon alles da! Leichter reisen ohne Gepäck

Der Fashion Trunk des Berkeley Hotels. @ Heiko Prigge
Der Fashion Trunk des Berkeley Hotels. @ Heiko Prigge

Das Reisen könnte so leicht sein – wenn das lästige Gepäck nicht wäre. Doch das wissen auch die Hoteliers und locken die Gäste mit einem besonderen Service: Garderobe zum Ausleihen.

Der Koffer, den zwei Mitarbeiterinnen des Londoner Berkeley Hotels auf einem Rollhund in die Suite geschoben haben, hat die Maße und das Gewicht eines gut sortierten Kühlschranks. Er macht Eindruck – auch im Flor des Teppichs. „Unser ‚Fashion Trunk‘ ist eine Maßanfertigung des britischen Ateliers Norton MacCullough & Locke,“ sagt eine der Damen. Mit einem Schnapp klappt sie die goldenen Scharniere hoch, schwingt die mit cremefarbenem Leder bezogene Tür auf und öffnet den Deckel mit dem eingelassenen Spiegel. „Sie werden sicher etwas Passendes finden,“ sagt sie, und beginnt die elf Schubladen und –lädchen aufzuziehen. Ich würde das gerne selbst tun. Aber die beiden sind hier, um mir den Schrankkoffer samt Inhalt zu leihen. Und wer sich etwas leihen möchte, muss sich nun mal gedulden.

Seit 2011 dürfen sich Gäste des Berkeleys, die in einer der Suiten absteigen, aus dem mit Accessoires bestückten „Fashion Trunk“ des Hotels bedienen. Das zwischen Harrod’s und Hyde Park gelegene Haus ist nicht das einzige, das seinen Gästen Sachen borgt (siehe Infos). In New York, Rom, Montreal oder London gibt es mittlerweile so viele Hotels mit gehobenem Standard, dass ein Obstteller zur Begrüßung nicht mehr ausreicht, um den Gast zum Wiederkommen zu bewegen. Die Hoteliers lassen sich alles mögliche einfallen, damit der Reisende sich an den Aufenthalt erinnert, bestenfalls eine Affinität zu ihrem Hotel entwickelt. Und was könnte persönlicher sein, als sich Ohrringe, eine Jogginghose oder sogar ein Brautkleid zu leihen? Dinge, die man – wenn überhaupt – höchsten an die beste Freundin weitergibt.

Nachdem mich die Mitarbeiterinnen beflissen allein gelassen haben, kann ich mich endlich über den Inhalt des Koffers hermachen. Die Schubladen sind mit Schildern versehen. Ich lese „Chanel. Ferragamo. Hermès. Dior.“ Jede enthält mindestens eine modische Köstlichkeit: einen Seidenschal von Hermés aus den siebziger Jahren mit handgerolltem Saum zum Beispiel. Oder eine aus drei Metallen gezopfte Kette von Erickson Beamon, hergestellt in den Achtzigern. Carmen Haid, die Inhaberin der Designer-Vintage-Boutique Atelier Mayer, hat den Koffer im Auftrag des Hotels bestückt. Und mir die Wahl schwer gemacht: Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich zum Spaziergang durch den Park die schweren goldenen Clips von Chanel, den Armreif von Lanvin oder den marzipanschweinchenzarten Wildledergürtel von Ferragamo tragen möchte. Lediglich die meterlange Nerzstola lasse ich gerne in der Suite zurück.

Jede Frau, der Mode Vergnügen bereitet, kennt die Faszination, die von fremden Kleiderschränken ausgeht. In getragener Kleidung haftet nicht nur der Geruch von Parfum oder Haut, sondern auch Erinnerungen. Während ich die Regent Street entlang gehe, versuche ich mir die Frau vorzustellen, der in den siebziger Jahren der Gürtel gehörte, den ich mir geliehen habe. Und wer hatte diesen wohl vor mir an?

Einige der von ihr für den „Fashion Trunk“ ausgesuchten Stücke seien bereits auf dem roten Teppich getragen worden, sagt Carmen Haid. „Im Berkeley steigen natürlich auch Prominente ab, die beispielsweise für eine Filmpremiere nach London kommen.“ Selbst Stars freuen sich also über Leih-Accessoires – auch wenn diese sich vermutlich kofferweise Vintage-Ohrringe kaufen könnten. Wer viel reist, ist jedoch froh über jedes Stück, das er zuhause lassen kann. Luxus kann auch bedeuten, dass man nicht lange über das Packen nachdenken muss. Das Hotel wird schon für einen sorgen.

Während ich in einem Café auf die bestellten Scones warte, googele ich mit meinem Handy nach „Reisen ohne Koffer“. Für manche Vielreisende scheint es eine Art Sport zu sein, möglichst wenig mitzunehmen. In ihren Büchern und Blogs kann man nachlesen, wie man Kontinente durchquert, ohne die Kleidung zu wechseln. Mir gefällt die Variante besser, die Homer in seiner „Odyssee“ beschreibt: Telemachos reist ohne Gepäck nach Sparta, um Königin Helena und König Menelaos zu besuchen. Als er dort ankommt, kleidet ihn Helena dem Brauch entsprechend komplett neu ein. Da die Kleider ohnehin gesteckt und gerafft wurden, gab es keine Probleme mit den Größen und der Reisende wurde so zum modischen Botschafter seines jeweiligen Gastgebers.

Den „Fashion Trunk“ auch mit Kleidern zu befüllen, sei vorerst nicht geplant, sagt man mir im Hotel. Dabei würde es das Reisen so viel einfacher machen, wenn am Ziel eine komplette Garderobe auf einen warten würde. Für die Hotels hätte das immerhin den Vorteil, dass man ihre Gäste an deren (geliehener) Kleidung erkennen könnte. Und Liebhaber eines bestimmten Labels hätten einen Grund mehr, beispielsweise in Mailand in das Maison Moschino oder in Edinburgh in das Hotel Missoni einzuchecken. Dass mich – abgesehen vielleicht vom Portier – jemand anhand des geliehenen Schmucks als Gast des Berkeley identifiziert, ist unwahrscheinlich. Vier mal im Jahr tauscht Carmen Haid die Kollektion aus, passt die Stücke an Jahreszeit und Modetrends an. Das Personal des Hotels wurde extra geschult, um den Gästen bei der Wahl der Tasche oder beim Anlegen eines filigranen Colliers zur Hand gehen zu können. Auch Carmen Haid könnte ich anrufen, wenn ich Styling-Hilfe brauche – oder mich zuhause nach der Clutch sehne, mit der ich in London durch die Clubs gezogen bin. Natürlich kann man jedes der Accessoires aus dem „Fashion Trunk“ auch kaufen. „Oft sind es die Ehemänner, die sich bei mir melden, um ihre Frau mit dem Stück zu überraschen, das diese liebgewonnen hat“, sagt Haid.

Es hätte auch schon ein Angebot eines Gastes gegeben, der gern den Koffer mitsamt des Inhalte erstanden hätte, verrät man mir beim Abschied an der Rezeption. Ich kann den Wunsch nachvollziehen, tröste mich aber mit dem Gedanken an die beiden Hotelangestellten, die sich in der Suite noch damit abmühen, den „Fashion Trunk“ wieder auf den Rollhund zu hieven. Mit Handgepäck reist es sich so viel leichter als mit einem Schrankkoffer. Nur den Marzipanschweinchengürtel werde ich ganz sicher vermissen.

Infos:

Der Fashion Trunk steht Gästen des Hotels The Berkeley, die in einer der 65 Suiten übernachten, auf Anfrage zur Verfügung. Darüber, wie lange der Koffer bei einem Gast verbleibt, entscheidet das Hotel. Der Service ist kostenlos. www. the-berkeley.co.uk

Das Loews Santa Monica kooperiert mit der Boutique Fred Segal. Gäste der Suites können sich in der Lending Library Schmuck, Taschen oder Sonnenbrillen aussuchen. www.santamonicaloewshotel.com

Westin kooperiert mit dem Sportmodehersteller New Balance. Artikel vom Shirt bis zum Schuh können in vielen Hotels der Kette gegen geringe Gebühren (in Deutschland: 5 Euro) für die Dauer des Aufenthalts geliehen werden. http://www.starwoodhotels.com oder www.westingrandberlin.com/de/fitness

Das Münchner Hotel Louis arbeitet mit dem Online-Verleih http://www.dresscoded.com zusammen. Wer schnell noch ein Abendkleid braucht, kann sich die Robe zu den Bedingungen des Verleihs ins Hotel liefern lassen. www.louis-hotel.com

Gääste des St.Regis auf Bora Bora, die sich entschließen, dort zu heiraten, dürfen ein Brautkleid aus der hoteleigenen Boutique der norwegischen Designerin Cecilie Melli leihen. Preis: ab 550 US-Dollar. www.stregisborabora.com

Das Boutique-Hotel The Jefferson in Washington DC hat schwarze Schuhe und Gürtel für Gäste vorrätig, die ihre vergessen haben. www.jeffersondc.com

Jessica Braun für PETRA am 01.04.2014

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