Illustrator James Gulliver Hancock: Alles Fassade

James Gulliver Hancock zeichnet New York

„Meine Bilder sind nie düster oder grummelig“, sagt Hancock. | © James Gulliver Hancock

Seit vier Jahren zeichnet der Australier James Gulliver Hancock täglich ein Gebäude von New York. Im Gespräch erzählt er, was daran im Zeitalter von Google Street View reizvoll ist. Ein Interview von Jessica Braun

DIE ZEIT:
Herr Hancock, Sie haben sich vorgenommen, jedes Gebäude in New York zu zeichnen – das sind nach Schätzungen zwischen 700.000 und 900.000! Wie ernsthaft ist der Versuch?

James Gulliver Hancock: Meinen Sie ernsthaft oder ehrlich? Mich treibt die naive Vorstellung, dass sich so eine Aufgabe bewältigen lässt – da bin ich wie ein Kind, das mit Bauklötzchen in den Himmel bauen will. Andererseits muss ich mir als erwachsener Mann wohl eingestehen, dass ich das Projekt in den Jahren, die noch vor mir liegen, kaum vollenden werde. Aber ich bin mit aufrichtigem Ernst bei der Sache.

ZEIT: Wie nah ans Ziel werden Sie kommen?

Hancock: Etwa 1.000 Zeichnungen habe ich schon gemacht. Lassen Sie mich das eben überschlagen. Ich zeichne ein Gebäude pro Tag …

ZEIT: Wirklich jeden Tag?

James Gulliver Hancock

James Gulliver Hancock © privat

Hancock: Wenn ich mal keines zeichne, male ich am nächsten zwei. Wären also 365 Zeichnungen pro Jahr. Wie alt ich wohl werde? Sagen wir, ich lebe noch 40 Jahre. Dann könnte ich 14.600 Gebäude schaffen. Reicht nicht mal annähernd. Mist!

ZEIT: Wie kommt man darauf, ein derart aussichtsloses Unterfangen zu starten?

Hancock: Ich bin in den letzten Jahren oft umgezogen – und bin, was das Zeichnen angeht, recht manisch. Egal, wohin es mich verschlagen hat, habe ich mir ein charakteristisches Merkmal herausgepickt und versucht, es zeichnend vollständig einzufangen. In Los Angeles habe ich die Autos gezeichnet, in London waren es die vielen verschiedenen Arten von Regen, in Berlin die Fahrräder. Und in New York sind es die Gebäude.

ZEIT: Viele Besucher fasziniert das pulsierende Leben in den Straßen von New York fast noch mehr als die steinerne Kulisse …

Hancock: Ich stamme aus Sydney, mit 19 kam ich als Backpacker erstmals in die Stadt. Als die Skyline vor dem Zugfenster auftauchte, trieb es mir die Tränen in die Augen. Ich denke, das geht fast jedem so. Plötzlich sieht man diese Gebäude, die so aufgeladen sind mit Bedeutung und Assoziationen.

ZEIT: Später zogen Sie mit Ihrer Frau nach New York. Haben Sie da die Ikonen wie das Empire State Building oder Chrysler Building immer noch so stark berührt, dass Sie zu malen begannen?

Hancock: Nein, die Stadt überforderte mich. Ich dachte: O Gott, ich habe keinen Plan, wie der Laden hier läuft. Um angesichts der endlosen Häuserschluchten nicht zu erstarren, begann ich zu zeichnen. Ich zerlegte die Stadt in verdaubare Portionen, nahm mir ein Haus nach dem anderen vor, konzentrierte mich auf die Details. Das half.

ZEIT: Und seitdem wandern Sie mit Staffelei und Palette durch die Straßen?

Hancock: Oft mache ich nur eine schnelle Skizze im Notizbuch oder krickele mit Kuli auf ein Taschentuch. Mal bleibt es dabei, mal arbeite ich die Bilder später aus. Häufig mit Feder und Tinte, damit lässt sich eine tadellose Schmuddeligkeit erzielen, die gut zu New York passt.

ZEIT: Eigentlich ist Ihre Arbeit ja überflüssig. Eine umfassende Abbildung der Häuser von New York hat Google Street View doch längst verwirklicht.

Hancock: Zwischen einem Foto und einer Zeichnung gibt es einen großen Unterschied: Die Kamera bildet unbestechlich ab, der Zeichner interpretiert. Meine Häuser haben alle Charakter, sind skurril oder niedlich, nie düster oder grummelig. Da dominieren Rosa und Türkis und nicht das Grau und das Silber der Wolkenkratzer – das wäre bei einer Fotodokumentation anders. Das Lustige ist aber: Ohne Kamera und Google Street View wäre ich bei meiner Arbeit aufgeschmissen.

ZEIT: Wieso das?

Hancock: Mittlerweile wohne ich wieder die Hälfte des Jahres in Sydney und bin nur noch unregelmäßig in der Stadt. Aber selbst wenn ich in Australien bin, dokumentiere ich New York. Meine Arbeit hat sich herumgesprochen, inzwischen fragen viele, ob ich nicht auch ihre Häuser malen könnte. Für diese Auftragsarbeiten nutze ich Fotos als Vorlage oder eben Google Street View.

ZEIT: Und finden Sie es nicht schade, dass Sie sich Ihre Gebäude nicht mehr selber aussuchen können?

Hancock: Natürlich schweben mir manchmal andere Objekte vor. Die wunderbaren Brownstones etwa, Sandsteingebäude in Brooklyn, die ich als Erstes malte. Zunächst scheinen sie alle sehr ähnlich, aber wer genauer hinsieht, entdeckt bezaubernde Details: Ornamente, Fensterbögen, Simse, die im 19. Jahrhundert von Hand gefertigt wurden. Auftragsarbeiten haben einen anderen Reiz: Ich lerne nun auch die Menschen kennen, die einen Bezug zu den Häusern haben.

ZEIT: Was für Menschen sind das?

Hancock: Ein Sohn bat mich, das Haus seines Vaters in Manhattan zu zeichnen. Er schenkte ihm das Bild zum 50. Geburtstag. Ein nettes Paar wollte zusammenziehen, aber es fiel ihnen schwer, die Wohnungen, die sie lieb gewonnen hatten, zu verlassen. Also haben sie mich um drei Bilder gebeten: von ihren beiden alten Häuser und dem neuen.

ZEIT: Was haben Sie beim Zeichnen über New York gelernt?

Hancock: Es lohnt sich immer, nach oben zu schauen. Mal entdeckt man ein Kranzgesims, das sich beachtlich über einem wölbt, oder einen dämonischen Wasserspeier, der einen anglotzt. Vor allem aber hat es mir geholfen, den Aufbau dieser Stadt zu durchschauen. Es heißt ja immer, Manhattan sei geradlinig, aber etwa in Greenwich Village herrscht ein ziemliches Straßendurcheinander.

ZEIT: Gibt es die typische New Yorker Fassade?

Hancock: Nein, hier finden sich alle erdenklichen Architekturstile und Gebäudetypen auf engstem Raum. Menschen, die eigentlich Nachbarn sind, könnten unterschiedlicher kaum wohnen: der eine im Kellerloch, der andere ein Haus weiter auf mehreren Etagen eines Wolkenkratzers. Meine Heimatstadt Sydney ist viel homogener, hier ähneln sich Häuser und Wohnungen viel stärker.

ZEIT: Sie malen die Stadt nun seit vier Jahren. Langweilt Sie das Projekt nicht mittlerweile?

Hancock: Kann New York einen langweilen? Gerade war ich wieder dort, und mir fiel ein Wolkenkratzer auf, den ich bisher übersehen hatte: das Verizon Building an der Brooklyn Bridge. Ein hässliches Zementgebäude. Aber wenn man es länger betrachtet, findet man auch an ihm etwas Reizvolles. Ich habe eine Schwäche für die Architektur des Brutalismus, für unnahbare Bauwerke. Ich möchte in keinem leben, aber als Künstler faszinieren sie mich. Auch wenn Wolkenkratzer eine zeichnerische Herausforderung darstellen.

ZEIT: Wegen der Höhe?

Hancock: Wegen der Fenster. Die vielen Wiederholungen machen einfach keinen Spaß.

James Gulliver Hancocks Buch All the Buildings in New York: That I’ve Drawn So Far erschien bei Universe/Rizzoli (12,95 Euro). Mehr Bilder sind auf seinem Blog zu sehen: www.allthebuildingsinnewyork.com

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