OMG, du isst Sahnejoghurt?! – Warum wir über Essen streiten

 © Jo Christian Oterhals

Früher galt Müsli als gesundes Frühstück. Heute als Dickmacher.

Unsere Kühlschränke sind übervoll. Längst müssen wir nicht mehr nur das essen, was auf den Tisch kommt. Doch diese Entscheidungsfreiheit macht aus allem, was wir zu uns nehmen, ein Statement. Geht uns der freudvolle Zugang zum Essen verloren?

Mit vollem Mund spricht man nicht – man streitet. Eben noch plaudernde Paare geraten in der Osteria aneinander, weil das Kind doch keinen Käse verträgt, aber nun Parmesan auf die Nudeln will. Kollegen gehen in der Mittagspause getrennter Wege, weil die Kantine keine Bio-Kost anbietet. Die Frage, ob ein Leben ohne Discounter-Obst möglich oder sinnlos ist, welche Ernährung gesund und welche ethisch vertretbar, hat schon Familien am Kaffeetisch entzweit. Und die Diskussion um den Veggie-Day im vergangenen Jahr eine ganze Nation. Essen ist nicht mehr nur Notwendigkeit oder Genuss. Es ist politisch. Mit der Bestellung im Restaurant outen sich Gäste als Weltretter oder Schlankheitsfanatiker, Gesundheitsapostel oder Banausen. Wer anders isst, fällt auf.

„Es gilt heutzutage als gewagter, ein großes Stück Schokoladentorte zu essen als zu dritt Sex zu haben“, sagte die US-Autorin Lionel Shriver in einem Interview mit dem Deutschlandradio. Sie ist überzeugt: Unsere Gesellschaft ist krankhaft auf das Essen fixiert. Auch viele petra-Leserinnen sind der Meinung, dass das Thema in ihrem Leben eine zu große Rolle spielt. In einer Umfrage gaben 41,8 Prozent an, sie würden gerne weniger über das Essen nachdenken. Was nicht so einfach ist. Koch- und Diätsendungen laufen auf allen Kanälen. Lebensmittelskandale machen genauso große Schlagzeilen wie Kriege. Es gibt in Deutschland einen Radiosender für Vegetarier und Magazine für gegrilltes Fleisch. Jedes andere Thema, mit dem wir so viel konfrontiert werden, lässt uns irgendwann übersättigt abwinken. Warum nur bringt uns dieses so zuverlässig zum Kochen?

Seit der Mensch vor geschätzt 1,8 Million Jahren den Nutzen des Feuers entdeckte, ist aus der notwendigen Nahrungsaufnahme eine kulturelle Leistung geworden. Dass wir kochen unterscheidet uns von den Tieren. Tiere fressen, Menschen essen. Ludwig Feuerbach, deutscher Philosoph und Anthropologe, fasste diesen Unterschied in seinem vielzitierten Satz zusammen: „Der Mensch ist, was er isst.“ Der Harvard-Biologe Richard Wrangham geht sogar davon aus, dass erst die Fähigkeit unserer Vorfahren, Zähes weichzukochen dazu geführt hat, dass ihre Kiefer kleiner wurden und so mehr Platz blieb für das Gehirn. Plötzlich hatten sie genug geistiges Potenzial, um sich Rezepte auszudenken. Aber auch, um sich durch Tischmanieren und Nahrungstabus voneinander abzugrenzen.

„Essen ist unsere allererste gemeinschaftliche Erfahrung. Mit anderen zu essen ist das, was uns zum Menschen macht“, sagt Claudia Neu, Professorin für Allgemeine Soziologie. Während die Nahrungsaufnahme an sich nicht sozial ist – kein anderer kann das Essen für uns übernehmen – ist das geteilte Mahl prägend für unsere Identität. Wir wachsen auf mit Thaibasilikum, Teltower Rübchen oder Türkischem Honig, beten für unser täglich Brot oder halten Schweine nicht für koscher. Was uns in unserer Kindheit vorgesetzt wird, beeinflusst unsere Vorlieben bis ins hohe Alter: Niemand macht Kartoffelpuffer wie Oma, und Papa hat schon immer gesagt, dass in eine ordentliche Bratensoße Kümmel gehört. Während des Essens mit der Familie lernen wir, wo unser Platz in der Gruppe ist. Und das für’s Leben: Das erste Stück vom Kuchen zu bekommen, ist ein Privileg. Den Chef zum Kaffee einzuladen und ihm keines anzubieten, ein Affront. Denn die verbindende Wirkung des Essens lässt sich auch ins Negative verkehren. „Vom Tisch verbannt zu werden empfinden wir als Strafe. Es bedeutet den Ausschluss aus der Gemeinschaft“, sagt Neu. Die Soziologin lehrt und forscht an der Hochschule Niederrhein im Fachbereich Oecotrophologie (Ernährungswissenschaften). Unter anderem geht sie der Frage nach, warum der Veganismus zur Zeit so viel Aufmerksamkeit erfährt – eine Ernährungsform, zu der sich in Deutschland nur einige Hunderttausend bekennen (von den befragten PETRA-Leserinnen haben allerdings schon 17,2 Prozent damit experimentiert). Über die aber massiv gestritten wird. „Der Veganismus ist wie der Vegetarismus eine Form der Askese“, sagt Neu, „Der Verzicht wird jedoch noch stärker moralisch aufgeladen, weil Veganer für sich beanspruchen, keine Tiere zu quälen. Mittels ihrer Überzeugung finden sich zu einer Gemeinschaft der Rechtschaffenen zusammen, die den Schutz anderer Lebewesen hochhält aber viele Menschen ausschließt.“

Darf man Tiere zur Nahrungsgewinnung halten? Ist ein grüner Smoothie auch dann gesund, wenn er mit weniger als 28.000 Umdrehungen pro Minute gemixt wurde? Können Chia-Samen „heilen“, kann Ernährung „befreien“, wie es manche Bücher versprechen? Glaubensfragen, die so nur in einer Wohlstandsgesellschaft gestellt werden können. Schon 1921 hatte der Philosoph Walter Benjamin eine neue Glaubensrichtung ausgemacht: „Der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die sogenannten Religionen Antwort gaben.“ Wer schon mal nach einem Streit losgezogen und mit einem neuen Kleid in der Tasche und besserer Laune nach Hause zurückgekommen ist, weiß, was damit gemeint ist. Das Gleiche könnte man auch über die Ernährung sagen: Essen befriedigt und beglückt. Bewusst darauf zu verzichten fällt nur dann leicht, wenn damit ein höheres Ziel erreicht wird. Ein längeres Leben zum Beispiel. Oder ein ruhigeres Gewissen. Nicht umsonst beanspruchten es die Weltreligionen über Jahrhunderte für sich, ihren Anhängern den Speiseplan zu diktieren. Deren Dogmen waren Freitagsfisch oder Fastenzeit. Die neuen sind Schönheitsideale, Wohlbefinden, Umweltbewusstsein oder Kennerschaft. Der Theologe Kai Funkschmidt ist der Meinung, dass besonders die durch Verzicht bestimmten Ernährungsformen auch deswegen Zulauf haben, weil ihnen ein Heilsversprechen innewohnt: „Die Idee, dass man durch Trennkost, Vegetarismus oder veganes Essen so gesund lebt, dass man im Grunde für Krankheiten gar nicht mehr anfällig sei, das heißt in der letzten Konsequenz eine Selbsterlösung durch Ernährung“, sagte er in einem Interview mit der ARD. Im Umkehrschluss würde das bedeuten: Wer nicht auf seine Ernährung achtet ist selbst schuld, wenn er stirbt. Aus Sicht der Journalistin Franziska Seyboldt („Müslimädchen – Mein Trauma vom gesunden Leben“, Bastei Lübbe) sind vor allem Frauen anfällig für solche Gedanken: „Der Körperkult äußert sich auch in der Beschäftigung mit dem Thema Essen. Der eigene Körper wird zum Zentrum der spirituellen Suche, zum Tempel.“

Spiritualität als Beilage kann sich aber nur ein kleiner Teil der Gesellschaft leisten. Laut einer Nielsen-Studie von 2013 geben 74 Prozent der Deutschen an, dass sie, wenn sie Haushaltskosten verringern wollen, günstigere Lebensmittel kaufen – die am weitesten verbreitete Sparmethode. Sich aryuvedisch oder glutenfrei zu ernähren ist dagegen mit zusätzlichen Kosten verbunden. Mit einer speziellen Diät lässt sich also auch die soziale Stellung unterstreichen. „Die reichen, schlanken Menschen investieren in ihre Zukunft. Sie betrachten ihre Figur als eine Form von Macht. Sich fit und gepflegt zu halten gibt einem jede Menge gesellschaftliche Pluspunkte“, sagte die Autorin Lionel Shriver. In ihrem aktuellen Roman geht es um ihren „Großen Bruder“ (Piper Verlag), der wegen seines Körpers zeitlebens ausgegrenzt wurde und an den Folgen seines Übergewichts starb. Trotzdem will Shriver nicht über Mäßigung reden. „Diese Energieverschwendung finde ich zutiefst bedauerlich und sie findet bei allen Menschen statt, bei dünnen, bei normalgewichtigen und übergewichtigen, all dieses Zähneknirschen darüber, was wir gefrühstückt haben, ob wir uns zum Tee einen Keks erlauben – mein Gott, haben die Leute sonst keinen Lebensinhalt?“ Sie ist überzeugt: „Wer zu sehr von seiner Ernährung besessen ist, isst am Ende sogar mehr.“

Doch wie lässt sich ein vernünftiger Ton in einer Debatte finden, die jeden betrifft und trotzdem so persönlich ist? „Indem man ruhig bleibt“, antwortet Franziska Seyboldt. Mit religiösem Eifer über Ethik und Inhaltsstoffe zu streiten sei „der falsche Weg.“ Genau wie Verbote. Wozu es führen kann, anderen ins Essen hineinzureden, beschreibt sie in ihrem Buch: Als junge Frau rebellierte sie mit Milchschnitten und Cheeseburgern gegen die Lebensmitteldoktrinen ihrer „Müsli-Eltern“. Erst, nachdem sie „eine Weile alles gedankenlos ins sich hineingestopft hatte“, konnte sie mit dem Essen reinen Tisch machen. Dass sich Jugendliche – nicht nur mit ihrem Ernährungsverhalten – von den Erwachsenen abgrenzen, ist Teil ihrer Entwicklung. Als Erwachsener sollte man es jedoch gelassen sehen, wenn die Kollegin Sahnetorte oder blutiges Steak bestellt, sagt die Soziologin Claudia Neu. „Sonst geht unserer Gesellschaft der lustvolle, genüssliche Umgang mit dem Essen verloren.“ Und damit die große Errungenschaft, die wir unseren Knorpel kauenden Vorfahren voraus haben.

 Jessica Braun für petra im September 2014

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